ETIKA

SPANIEN

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15.11.1998

5EAR6

Semana Santa in Niederaragon

 

Wer etwas erleben will, das er sonst nirgends auf der Welt findet, der nehme sich die nächste Karwoche frei und buche ein Hotelzimmer in Bajo Aragón (Niederaragon). Die Einwohner von neun Orten an der Ruta del Tambor y el Bombo (Route des Schlagzeugs und der Trommel) bieten dort ein Schauspiel, dessen Reiz jeden, ob fremd oder einheimisch, gefangennimmt.

Wer nur die zweite Wochenhälfte frei hat, der beginne am Gründonnerstag in Alcañiz, der zweitgrößten Stadt der Provinz Teruel, um 22.30 Uhr mit der Prozession des Schweigens. Vom Standplatz zwischen der Kirche und der malerischen Kulisse von Rathaus und Lonja erwarte er die Kapuzenmänner, die langsamen, gemessenen Schrittes herabziehen und das Mittelalter lebendig werden lassen.

Schlag Mitternacht muß er in Hijar sein, wo erst Stille herrscht und dann von einer Sekunde auf die andere ein stundenlanger ohrenbetäubender Lärm losbricht (Romper la hora) - zur Erinnerung an das Getöse der Elemente beim Tode Jesu, als die Erde bebte und der Vorhang des Tempels zerriß.

 

Am Karfreitag empfiehlt sich noch einmal der Trommelwirbel um 12 Uhr in Calanda (Bild unten, vom Balkon des Rathauses aus aufgenommen) und die Fahrt ins schon etwas gebirgige Alcorisa. Fast alle Dorfbewohner führen um 17 Uhr "Das Drama des Kreuzes" (Drama de la Cruz) auf dem wildromantischen Kalvarienberg auf. Jesus beginnt mit der Bergpredigt, teilt das letzte Abendmahl aus, betet im Garten Gethsemane, wird von Pilatus verurteilt, geht den steinigen Weg bis zum Kreuz, wo er zwischen zwei Räubern stirbt. Jedes Jahr kommen während der Vorstellung Wolken auf, Regentropfen, ja sogar Schneeflocken oder Hagelkörner werden den Besuchern vom Wind ins Gesicht gepeitscht, was den Ernst der Stunde erhöht.

Am Abend dann um 20 Uhr die feierliche Prozession in Calanda. Zwei Stunden lang ziehen die Bruderschaften durch die Gassen: Männer und Frauen in violetten Gewändern, Trommler, Statuen von Jesus und Maria. Dasselbe nocheinmal am Samstag um 16 Uhr in Alcañiz mit den Stadtbewohnern, alle in hellblau (Bild oben).

Die Ruta del Tambor y el Bombo führt von Alcañiz über Calanda und Andorra nach Albalate del Arzobispo, Urrea de Gaén, Hijar, La Puebla de Hijar und Samper de Calanda.

Die Landschaft mit den Ölbäumen und Gebirgen erinnert an das Heilige Land wie auch an den Wilden Westen. Die Menschen sind freundlich. Man sieht fast nur Spanier. Viele kommen zu den Osterfeiertagen aber aus den Großstädten, wo sie jetzt leben. Denn die Provinz Teruel ist zu einem Großteil entvölkert. In vielen Dörfern der riesigen Gebirgsprovinz leben nur noch 50 oder 20 oder fünf Menschen, und an den meisten Häusern steht: "Zu verkaufen".

Doch lebt in den Herzen der Dagebliebenen noch etwas von der alten Volksfrömmigkeit. Der Besucher spürt die Liebe zur Tradition, auch wenn das Fernsehen wie überall sehr vieles zerstört. Überall in Aragón wird La Virgen del Pilar verehrt, die Jungfrau Maria, die nicht nur in einer Vision, sondern wirklich nach Zaragoza gekommen ist, um den Apostel Jakobus (Santiago) zu besuchen. Die prachtvolle Kathedrale Unserer Frau von der Säule (Pilar) wurde zur Erinnerung daran gebaut. Maria Pilar ist auch die Patronin der von den Spaniern im Mittelalter eroberten Länder in Mittel- und Südamerika. Vor der Wiederkunft Jesu wird Maria erscheinen - in Zaragoza, glauben viele Spanier.

Wer das spanische Wesen kennenlernen will, bevor es untergeht, mache sich auf nach Aragón, spaziere durch die halbverfallenen Dörfer, bewundere die uralten Kirchen und Burgen, von denen einst Mönche, die zugleich Soldaten waren, den maurischen Feind abwehrten, bestaune die Weiten und die Gebirge Teruels, lasse sich von guten Freunden die Werte eines liebenswerten, stolzen, christlichen Volkes vermitteln. Denn Gott hat jedem Menschen, aber auch jedem Volk besondere Gaben gegeben, und das spanische Volk ist eines der edelsten.

 

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