ETIKA

FRANKREICH

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16.8.1999 – 6.5.2012

5F7MTBL

Abenteuer
am Montblanc

Persönlicher Erlebnisbericht 1983
Ab 2012 mit Fotos

Vorbereitung: etliche Wanderungen bis 2900 m; 4.6. 1983 mit Rad von Trient aus über 200 km rund um den Gardasee bei über 30 Grad Celsius; Waldlauf; Abhärtung durch kalte Bäder.

19.7.1983 Vom Campingplatz à la belle étoile bei Chamonix nach Les Houches, mit Gondel bis Bellevue, mit Zahnradbahn zum Hotel Nid d´aigle. 2 1/2 Stunden zum Réfuge de Tête Rousse (3167 m).
(Ernährungshinweis: Am Vorabend größerer Touren sollte sich der Körper laut Sportlerlehrbuch "Richtig essen hilft gewinnen" eine gute Grundlage zulegen. In diesem Fall waren es 2 Suppen und eine doppelte Portion Reis und Karotten - auch bei solchen Touren kommt man wirklich ohne Fleisch aus!) Matratzenlager.

20.7. Weiterweg zur Goûterhütte steinschlaggefährdet. Gefährliche Eis-/Schneerinne (Couloir) ist am Drahtseil zu queren. Trenne mich von meinen vier Gefährten, die Seil, Klettergürtel etc. dabei haben und deshalb nur langsam vorankommen. Ab Goûterhütte Schnee, vorher Fels (Schwierigkeitsgrad II).

Kleines Mißgeschick: Die Hütte "kam viel zu früh" nach den Angaben im Führer, weil ich schnell aufstieg, sie sah überhaupt nicht aus wie die erwartete Bergsteigerunterkunft, und außerdem stand an der Tür des steinernen Klotzes "Fermer" (schließen), was ich trotz fünf Jahren Französischunterricht dümmlicherweise mit "fermée" (geschlossen) verwechselte, worauf ich weiterging.

Nach vier Stunden auf der nicht bewirtschafteten, zugigen, schmutzigen Vallothütte (4362 m). Treffe dort einen Franzosen, der meint, wegen dem starken Wind ginge heute niemand hinauf. Ziehe Steigeisen an und folge der Spur im Schnee über NW-Grat und Firnhöcker der Bosses du Dromedaire (4513 m und 4547 m) bei furchtbar starkem Wind von rechts ‒ muß öfters kriechen und mich am Eispickel (Piolet) festhalten ‒ bis zum Gipfel (1 1/2 h). Als ich oben bin, zieht sich der dunkelblaue Wolkenring zusammen und ich stehe im Nebel.

Unterhalb der Bosses (wahrscheinlich nicht Col du Dôme), wo Schneehöhlen klaffen, gehe ich zuerst abwärts, dann aufwärts, verliere im Nebel dann völlig die Orientierung und bin überzeugt, daß rechts links und links rechts ist. Steige bergan in der Hoffnung, auf den Dôme du Goûter (4304 m) zu gelangen, immer noch 5 Minuten, dann bis 17 Uhr, und schließlich: Um 17.20 Uhr stehe ich ein zweitesmal ‒ auf dem Montblanc!

Nun weiß ich wenigstens die Richtung (den Kompaß hatte ich im Zelt liegenlassen!)

Bezwinge zum viertenmal bei unglaublich heftigem Wind, der mich wegzuwehen droht, den Grat. Ich stolpere zwar ein paarmal wegen der Steigeisen, die sich verheddern, aber Gott sei Dank ohne abzustürzen.

Bei den Schneelöchern gehe ich geradeaus weiter aufwärts und ‒ Gott sei gelobt ‒ um 18 Uhr zerreißt der Wolkenschleier und ich erblicke die Vallothütte, an der die Wolkenfetzen mit der Geschwindigkeit eines Sportflugzeuges vorüberfliegen. Das ist die Rettung!

Im Réfuge Vallot gibt mir ein bayerisches Ehepaar ein Glas Tee, und ich steige dann ab zum Réfuge Aiguille de Goûter (3817 m). Es ist erst 20 Uhr, die Wirtsstube ist überfüllt mit Alpinisten im Schlafsack, und die Sonne scheint durch die Scheiben. Freundliche Bergkameraden aus Parma weisen mir den Weg zu einer Hütte (cabane), in der meine Gefährten schon zu schlafen versuchen, obwohl die ganze Nacht ein stürmischer Wind gegen die Tür trommelt. Ich hatte noch einen Tee bekommen und außer dem Tee am Morgen im Tête Rousse Haus nur Hafer und eine Art Schokolade aus Johannisbrot gegessen.

Die anderen werden um 2 Uhr geweckt, brechen um 4 Uhr angeseilt auf, sind um 9 Uhr auf dem Gipfel; obwohl unten das schönste Wetter herrscht, haben auch sie Nebel und Wind, sind ebenfalls erschöpft.

Beim Abstieg haben wir alle Schwierigkeiten am Couloir; da heißeste Tage des Jahres, Schnee weich, auf Eis Rutschgefahr; zwei Kameraden müssen wegen Steinschlag fünf Stunden warten.

Am Fuß des Matterhorns bei Zermatt beschließen wir, den Plan zur Besteigung des Monte Rosa wegen Schlechtwetter aufzugeben.

Pressenotiz vom 9.8.1983: Chamonix ‒ Noch nie waren die Alpen so "mörderisch" wie in diesem Jahr, stellte die französische Bergpolizei in Chamonix fest. Seit dem 1. Juni mußten die Rettungsmannschaften allein im Mont-Blanc-Massiv 142mal eingreifen. Dabei mußten sie bis zum Sonntag 32 Tote bergen. Im gleichen Zeitraum der beiden vorangegangenen Jahre waren es nur 91 und 81 Einsätze mit neun und sieben Toten. ("Dolomiten", Bozen)

Zum Bericht die Fotos von Rainer Lechner

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Eispickel und Steigeisen

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Vorbei an Gletscherspalten

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Ein neugieriger Blick hinein

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Die Bewölkung nimmt zu

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Tief unten Gletscherspalten

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Auf dem Rückweg vom Gipfel: Wohin? Links ein Stück empor über einen Höhenzug als Abkürzung, oder hinunter, aber in welche Richtung? Plötzlich weiß ich nicht mehr, welche Spur alt ist und welche neu. Nach wenigen Metern hat sie der starke Wind verwischt. Gerate in Panik wegen der Zeit. Fürchte Erfrierungstod. Entschließe mich, die Abkürzung zu gehen – steige in die falsche Richtung auf, weil ich die Orientierung verloren habe, und lande ein zweites Mal auf dem Gipfel.

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Die Gebete helfen. Der Nebel lockert auf, Wolken fliegen wie Flugzeuge vorbei. Und endlich
wird der Blick auf das Biwak frei! Das Tageslicht reicht gerade noch bis zur Hütte.

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? Nach so langen Jahren keine Erinnerung mehr

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Die Wolken beginnen sich aufzulösen.

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Blick auf die Bergwelt unter dem Wolkenstreifen …

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… und weiter nach rechts.

Reihenfolge der Bilder eventuell falsch infolge der Erinnerungslücken nach fast 30 Jahren

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