ETIKA

GRÖNLAND

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3.10.1999

5GRO7PST

1300 Kilometer durch die Eiswüste Grönlands

Dolomiten, Bozen, 27.9.1983, S. 3, le
17.10.1984, le

Robert Peroni, Pepi Schrott, Wolfgang Thomaseth
Drei Südtiroler von abenteuerlicher Expedition zurückgekehrt - Zu Fuß und ohne Funk

Nur anhand von Vergleichen läßt sich ermessen, welche ungeheure Leistung in diesem Sommer drei Südtiroler Alpinisten im ewigen Eis Grönlands vollbracht haben.

"Der Mensch wird klein und demütig", bekennt Wolfgang Thomaseth, 36jähriger Kameramann aus Terlan. "Die Natur wirkt brutal, und ich fühlte mich vor allem bei Schlechtwetter und Nebel wie ein Gefangener." Woher er die Kraft genommen habe, um das Abenteuer durchzustehen, wollen die Journalisten bei der Pressekonferenz wissen, die gestern im Bozner Presseklub abgehalten wurde.

"Die Kraft hat mir das Gespräch mit dem Herrgott gegeben."

Thomaseth ist mit den Angstzuständen fertiggeworden, er hat aus den Strapazen gelernt: "Es gibt wichtigere Sachen im Leben. Ich komme als heiler Mensch zurück. Mein Leben will ich neu überdenken, es lebenswert gestalten." Dies will er seiner Familie beweisen; man sieht es ihm an, daß es keine leeren Worte sind. Das Risiko eines so gewagten Unternehmens zahlt sich seiner Ansicht nach nicht aus, und er wie auch sein Gefährte Pepi Schrott (33), Maschinenschlosser aus Bozen-Moritzing, würden sich nicht noch einmal auf eine solche Fahrt begeben.

Ganz anders Robert Peroni, der 39 Jahre alte, ebenfalls aus Bozen stammende Expeditionsleiter. Er ist ein alter Hase, hat er doch schon ein Dutzend Expeditionen hinter sich, drei in Grönland, eine auf Spitzbergen, eine im Karakorum. Er würde gleich wieder aufbrechen - trotz der außerordentlich großen psychischen Belastung, trotz der Leute, die das Ganze für verrückt halten.

Mitte Mai war die Gruppe in Bozen weggefahren. Flugzeug und Hubschrauber hatten die Südtiroler über Söndre Strömfjord nach Masters Vig in Ostgrönland gebracht, wo sie ein dreiwöchiges Trainingslager absolvierten.

Am 16. Juni starteten sie am Smallefjord. Zuerst galt es, zwei Gletscher zu überwinden, wozu sie vierzehn Tage benötigten. Jeder von ihnen zog während der ganzen Reise seinen Schlitten selbst, war also sein eigener Schlittenhund, aber an dieser Stelle blieb ihnen nichts anderes übrig, als die rund 120 Kilogramm schweren Titanschlitten, auf denen sie ihr Zelt und sonstige Ausrüstung sowie die Verpflegung mitführten, jeweils zu dritt, einen nach dem anderen, emporzuziehen.

Schier endlos lang war der Weg über das teils hügelige Inlandeis, das im Durchschnitt 2800 Meter hoch liegt. Die kalte Luft war schwer zu atmen, doch der Wind blies weniger stark als angenommen (30 bis 40 Stundenkilometer, maximal 80 km/h). Zeitweise konnte man die Segel an den langstieligen Eispickeln aufspannen. Anfangs marschierte man fünf bis sechs Stunden, gegen Schluß neun Stunden täglich. Außer Zugvögeln wurde kein Lebewesen gesichtet.

Was das Unternehmen so einmalig macht: Die Alpinisten verzichteten auf jeglichen Funkkontakt mit der Außenwelt. Seit der Helikopter am Smallefjord aabgehoben hatte, waren sie sich selbst überlassen. Bis dahin hatte keine Grönland-Expedition mehr als 500 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Die Südtiroler aber schafften 1300, vielleicht auch 1400 Kilometer.

Dies war nur möglich, weil sie auf den üblichen Proviant verzichteten und sich mit vegetarischer Nahrung begnügten. Fünfmal am Tage gab es Astronautenkost, ein alle lebenswichtigen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente enthaltendes Pulver, das mit warmem Wasser verrührt wird und dann wegen seiner geringen Molekülgröße direkt vom Blut aufgenommen wird. Sauerstoff wird also nur zum Atmen, nicht zum Verdauen gebraucht. Dazu gab es abends gefriergetrocknete Nahrungsmittel wie Reiseintopf, Sojafleisch und Kartoffelpüree.

Erst die letzten 150 Kilometer ging es dann abwärts, aber über solche zerklüfteten Gletscher mit Spalten gigantischen Ausmaßes, daß die drei Männer die Schlitten stehen lassen mußten und auf gut Glück der Westküste zueilten. Sie hatten nur für einen Tag Verpflegung dabei - welches Risiko!

Das auf der Karte eingezeichnete Dorf Igdlulik erwies sich als nicht mehr existent, und die Südtiroler trafen nur zwei Eskimojäger dort an. Nochmals hatten sie ein Gebirge zu überqueren, um am 11. September das 100-Einwohner-Dorf Kraulshavn zu erreichen, von wo sie die Rückreise antraten.

Das Abenteuer am 75. Grad nördlicher Breite war zu Ende, der Kampf mit den Naturgewalten siegreich bestanden. Doch die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind - jeder der drei Südtiroler spürte sie an Leib und Seele bei diesem Experiment in der Eiswüste des Nordens.

Ausrüstung laut Pepi Schrott:

- Titanschlitten mit 2 Kufen (für harten Schnee; bei weichem Schnee liegt die Wanne auf)
- ein Zelt für alle 3
- Windkleidung, Daunengewand, Unterwäsche etc. aus Wolle und Baumwolle (Naturfaser)
- Daunenschlafsack
- Isoliermatte
- Wollmütze, außen herum Baumwolltuch (wegen des Windes)
- Hosen aus Baumwolle
- lange Stutzen
- Kunststoffschuhe
- Kocher mit Gaskartuschen (bis - 30 Grad Celsius)
- 2 Pfannen
- 3 Plastikbecher
- gefehlt hat eine Thermosflasche (zum Warmhalten des geschmolzenen Schnees)
- Handschuhe
- Eispickel mit langem Stiel, als Segelmast verwendbar
- Segeltuch
- Schnur
- Titandraht
- Nieten
- Zange
- Schraubenzieher
- Taschenmesser
- Löffel
- Gurt, Karabiner, Eisschlaufen (zum Ziehen der Schlitten)
- Sextant
- Kompaß
- Landkarte
- Thermometer
- Windmesser
- Schneeschaufel
- kleine Behelfssteigeisen
- Gletscherbrille

Hinweis zur Ernährung: Laut Pepi Schrott kann man sich bis zu einem Monat mit Nahrung begnügen, die nicht alle Mineralstoffe usw. enthält (also. u. a. Nackthafer); die Mangelerscheinungen halten sich dabei in Grenzen. Das Astronautenpulver muß in warmem Wasser aufgelöst werden (ca. 350 bis 450 Milliliter pro Mahlzeit).

Wir danken Wolfgang Thomaseth für die Karten, die er uns von späteren Expeditionen in den Himalaya sandte, unter anderem mit der Unterschrift von Reinhold Messner.


Robert Peroni: Der weiße Horizont
Drei Männer durchqueren Grönlands unerforschte Eiswüste, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1984, 240 Seiten, 16 Tafeln mit Farbphotos. Rund 22 DM. Rezension in den "Dolomiten" vom 17.10.1984, le:

"Es war die Reise meines Lebens. 88 Tage lang sind wir am Tod vorbeigegangen. Bis dahin waren 500 Kilometer das äußerste, was Menschen im ewigen Eis des Nordens zurückgelegt hatten. Mehr war auch undenkbar." Man mußte entweder verrückt sein - oder alles in genialer Weise vorausberechnen, bis in die letzte Einzelheit planen, um das Unvorstellbare zur Wirklichkeit zu machen.

Das Unvorstellbare: die Durchquerung der unerforschten Eiswüste Grönlands entlang des 75. Breitengrades von Meer zu Meer, von Osten nach Westen, ohne die üblichen technischen Hilfsmittel und Zugtiere, das heißt ohne Motorschlitten oder Schlittenhunde, ohne Verbindung zur Außenwelt, das heißt ohne Funkgerät oder Satellitenpeilgerät, und damit auch psychologisch ohne Rückhalt - allein auf sich gestellt, im Kampf gegen eine mörderische Natur. Drei Südtiroler wagten dieses einmalige Abenteuer - und bestanden es. Jeder war sein eigener Schlittenhund, wie der Fachjournalist Georg Kleemann
(seligen Gedenkens, denn dieser Berg-, Südtirol- und Tierfreund hat den Verfasser - wie zuvor Dr. Fritz Richert, Ressortleiter Innenpolitik, von Anfang an mit Wohlwollen aufgenommen und ihm die Laufbahn als Redakteur geebnet, wie nachher Dr. Eberhard Konstanzer, dem er ebenfalls in großer Dankbarkeit verbunden bleibt)
von der "Stuttgarter Zeitung" schrieb, der das Unternehmen von Anfang an gefördert hat.

Robert Peroni, der Expeditionsleiter, hat gestern in Bozner Presseclub sein Buch vorgestellt, in dem er fesselnd und mit beachtlichem schriftstellerischem Geschick schildert, wie er mit Wolfgang Thomaseth und Pepi Schrott 1300 bis 1400 Kilometer durch das Eis gewandert ist, fast dreimal so weit wie Nansen 1888 und viel weiter nördlich.

Peronis "Ausgangspunkt" war eher ernährungsphysiologisch und sportlich bestimmt. Er hatte eine theoretische Rechnung aufgestellt und wollte wissen: "Kann ich die umsetzen, oder gibt es ein Aber dazwischen?" Die Antwort war keine technische, wissenschaftliche.

Das Schicksal, das bewußte Überschreiten der Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit, die Herausforderung des Todes - das sind Kategorien, die sich nicht mit herkömmlichen Kategorien messen lassen. Wie kommt man in der Arktis mit den vielen Herausforderungen der Natur, mit der Einsamkeit, mit der Gruppe zurecht? Was bedeuten Freiheit, Freundschaft? In einer solchen Extremsituation eröffnen sich neue Horizonte, eine neue Denkweise entsteht, die Grenze zwischen Leben und Sterben verflacht.

Körperlich könnte vielleicht schon deshalb keine Steigerung eintreten, weil Robert Peroni an Nachwirkungen leidet, die möglicherweise kaum reparabel sind. Wie die Ski durchgebrochen (?) sind, so hat das dreimonatige Ziehen des über 100 Kilogramm schweren Schlittens auch den Füßen schwer zugesetzt: Gewisse Knochenhaben sich gesenkt beziehungsweise verschoben. Für eine so große Belastung ist der menschliche Organismus eben nicht gebaut, meinte Peroni. Aber vor allem psychisch fühlt er sich "noch immer nicht integriert und in Nacharbeit begriffen". Seinen Kameraden geht es ebenso. "Man kann es eben nicht ablegen, das absolut Lebensferne, das passiert ist." Jeder kann es nun nacherleben, dieses unglaubliche Experiment drei Bergsteiger, auf die Südtirol stolz sein kann.

Die drei Südtiroler haben die Natur und sich selbst besiegt. ETIKA gratuliert herzlichst und wünscht ihnen, daß sie sich wieder vertragen.

Extreme verhelfen zur Erkenntnis der Wahrheit.

Klage nicht über Einsamkeit; sie ist die ausgestreckte Hand Gottes.

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