ETIKA

M. K. Gandhi

www.etika.com
31.1.2008

5IN509

Unterdrücker Indiens

Vortrag 30.1.2008;  "Young India", 27.10.1920

Früher Engländer – heute Globalisierung Feind Indiens

Bei einer Veranstaltung zu Ehren des vor 60 Jahren ermordeten Mahatma Gandhi war am 30.1.2008 in Bozen das übliche Blabla zu hören: intellektuelles Geschwafel, angereichert mit falschen Interpretationen, mit denen heutzutage linke und liberale Ideologen versuchen, sich das Vermächtnis Gandhis unter den Nagel zu reißen. Also multi- und interreligiöses Gefasel, aufgepäppelt mit Bemerkungen zur so notwendigen Gewaltlosigkeit. Immerhin enthielt ein viel zu langes, wenig aussagendes Referat ein den meisten fast unbekanntes Element:

·        Es waren die Engländer, die als erste im Norden Indiens einen Luftangriff auf die Bevölkerung durchführten, nämlich gegen die Pathanen oder Paschthunen (heute bekannt im Zusammenhang mit den afghanischen Taliban).

Erstaunlicherweise war der Gemeindesaal überfüllt; es waren vorwiegend Frauen gekommen. Nach den langweiligen Ausführungen seines Vorredners gelang es einem Hindu, der übrigens besser deutsch als italienisch spricht – doch das konnte er auch sehr gut -, in einfachen Worten den Kern von Gandhis Geist darzulegen:

·        Die Wahrheit ist Gott; sie muß man suchen

·        Ahimsa = Nicht verletzen = Gewaltlosigkeit = die Gewalt nicht denken

·        Non-Kooperation = Nicht-Zusammenarbeit mit dem Bösen.

Der Hindu war der einzige, der von Gott sprach, und vielleicht auch deshalb erhielt er einen ungewöhnlich langen Applaus. Der Veranstalter nahm leider keine zeitliche Rücksicht auf auswärtige Besucher. So konnte der Berichterstatter wegen der fortgeschrittenen Stunde den Beitrag des Pax-Christi-Bischofs nicht mehr hören.

Mit Genugtuung hörte mancher Deutschsprachige unter den Anwesenden, daß die Inder im britischen Kolonialreich früher wie Hunde behandelt worden waren. Also sind an allem Bösen in der Welt nicht nur die Deutschen schuld. Die Engländer hatten dann Angst vor Gandhi, weil dessen Methoden neu für sie waren.

Heute ist es die Globalisierung, die das ganze Leben in Indien geändert hat. Wenn die ausländischen Einflüsse schon für Gandhi damals unerträglich waren, wie ist es da erst heute! Die multinationalen Konzerne verwandeln das Land, vorwiegend im negativen Sinn. Aber noch lebt die Seele Gandhis im Volk.

„Das wahre Indien ist in seinen Dörfern“, sagte P. R. (Ähnliches trifft auch auf Südtirol zu, und die Südtiroler haben viele Dinge mit den Indern gemeinsam. Deshalb wäre es sinnvoll, diese mehr zu unterstützen.)

Die wichtigste Botschaft des sympathischen Hindu und zugleich Gandhis:

·        „Die Wahrheit in Gott suchen ist wichtiger als alle anderen Dinge.“

Nachstehend ein Text von Mahatma Gandhi.

Mahatma Gandhi
Jung Indien
Aufsätze aus den Jahren 1919 bis 1922
Auswahl von Romain Rolland und Madeleine Rolland
Einleitung von John Haynes Holmes
Copyright 1924 Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig
Für die Übersetzung verantwortlich: Emil Roniger
S. 184 - 188

An die Engländer in Indien (I)

Es würde mich freuen, wenn jeder Engländer diesen Aufruf lesen und ernstlich darüber nachdenken wollte. ...

Noch bis im Dezember letzten Jahres trat ich kräftig für ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten ein. Ich war des unerschütterlichen Glaubens, daß Lloyd George sein den Mohammedanern gegebenes Versprechen einlösen, und daß die Enthüllungen über die Pandschabgreuel den Pandschabiten volle Genugtuung sichern würden. Aber Lloyd Georges Verrat und Eure Zustimmung dazu sowie die nachsichtige Beurteilung der begangenen Grausamkeiten haben mein Vertrauen in die guten Absichten der Regierung und der Nation, die diese Regierung trägt, vollkommen erschüttert. ...

Laßt Euch denn sagen, was die britische Herrschaft für Indien bedeutet:

Ich weiß, Ihr würdet uns Achtung nicht versagen, wenn wir kämpfen und Eurer Hand das Zepter kämpfend entwinden könnten. Ihr wißt, daß wir machtlos sind, denn Ihr habt uns selber der Fähigkeit beraubt, in offener und ehrenvoller Schlacht zu kämpfen. Tapferkeit im Kampfe auf dem Schlachtfeld ist uns also genommen. Tapferkeit der Seele ist uns geblieben. Ich weiß, Ihr seid auch dieser Tapferkeit zugänglich. Mein ganzes Streben ist jetzt darauf gerichtet, diese Tapferkeit zu erwecken. Non-Kooperation bedeutet nichts als Erziehung zur Selbstaufopferung. Wie sollten wir länger mit Euch zusammenarbeiten, da wir doch wissen, daß wir durch die Verwaltung dieses großes Landes von Tag zu Tag tiefer in die Sklaverei gestoßen werden? ...

Das Volk strömt in tausenden herbei, um uns zu hören, weil wir heute zur Stimme einer Nation geworden sind, die unter dem eisernen Tritt ihrer Bedrücker ächzt. ...

Ich würde meine Hand auch nicht erheben gegen Euch, wenn es in meiner Macht läge. Ich hoffe, Euch einzig und allein durch mein Leiden zu überwinden.

Die Brüder Ali würden sicher das Schwert ziehen gegen Euch, wenn sie könnten, um ihre Religion und ihr Land zu verteidigen. Nun aber haben wir, sie und ich, uns mit dem indischen Volke zusammengefunden in der Anstrengung, dessen Gefühle laut werden zu lassen und ein Mittel zu finden gegen sein Unglück.

Ihr sucht ein Mittel, diese Aufwallung eines nationalen Gefühles zu unterdrücken. Ich erlaube mir, Euch zu sagen, daß es nur auf eine Weise zu unterdrücken ist: durch Beseitigung der Ursachen. ...

27. Oktober 1920, M. K. Gandhi

Anmerkungen etika.com

Wir sind nicht so wie die Engländer und verurteilen ein ganzes Volk wegen der Greueltaten weniger, im Gegenteil, wir erkennen seine großen Verdienste an, vor allem in der Wissenschaft (Erfindungen), Kriminalliteratur (G. K. Chesterton, Agatha Christie, Edgar Wallace, Bertram Fletcher Robinson/Sir Arthur Conan Doyle), Malerei, im Tierschutz, Alpinismus und Fußball.

Aber wir wollen es doch nicht versäumen, die Ausführungen Gandhis bestätigen zu lassen erstens durch den Indienkenner Thomas Barkemeier, der in seinem besonders empfehlenswerten Buch: „Indien – der Norden“ (Reise Know-how Verlag, Bielefeld, 4. Auflage, 2000) schreibt:

„Wichtiger noch als ihre militärischen Siege war für die Festigung ihrer Macht die am Prinzip von Teile und herrsche orientierte Taktik, den mächtigen Lokalfürsten (Maharajas) formal ihre Unabhängigkeit zu belassen, sie faktisch jedoch der Oberherrschaft der europäischen Kolonialmacht zu unterstellen. Bei dieser Regelung fielen für beide Parteien riesige Gewinne ab, die die Engländer zu großen Teilen in ihr Heimatland transferierten... (Es) wurde eine rationale Bürokratie bürgerlich kapitalistischer Herkunft einer alten Agrargesellschaft aufgestülpt, die rücksichtslos ausgebeutet wurde. Die Briten selbst weisen auch heute noch auf die unter dem Begriff steel frame zusammengefasste positive Hinterlassenschaft ihrer Kolonialherrschaft hin. Hierzu gehören der Aufbau einer funktionierenden Bürokratie, ... Eisenbahnnetz, die Einführung eines Rechts- und Bildungswesens sowie die Etablierung demokratischer Grundsätze (Anm. etika.com: eine schöne „Demokratie“!).

Viel schwerer wiegen jedoch die negativen Folgen des Kolonialismus: die Unterdrückung traditioneller indischer Bildungs- und Rechtsvorstellungen, die Zerstörung der einheimischen Textilindustrie, die Degradierung des Landes zu einem reinen Rohstofflieferanten sowie die Entstehung eines riesigen Heeres von Proletariern.“ (S. 101 – 102)

Wir möchten es zweitens auch nicht verabsäumen, einem Mann das Wort zur Anklage zu erteilen, der gewiß kein Britenfeind war, weil er nämlich selbst Engländer war. Gilbert Keith Chesterton, der wohl größte britische Schriftsteller, erzählt von dem, was damals unter der britischen Flagge geschehen konnte:

St. Clare war ein alter protestantischer Angloindien-Soldat. ... In jedem der glühenden und verschwiegenen Länder, in die dieser Mann kam, hielt er sich einen Harem, folterte Zeugen, häufte schändliches Gold; aber dazu würde er sicherlich ruhigen Blickes gesagt haben, dass er es zur höheren Ehre Gottes tue. Meine eigene Theologie ist ausreichend ausgedrückt durch die Frage: welchen Gottes? Wie auch immer: Mit solch Bösem ist es so, dass es Tür um Tür in die Hölle öffnet, und in immer kleinere und kleinere Räume...

(Father Browns Einfalt, Zwölf Geschichten, Deutsch von Hanswilhelm Haefs, Haffmans Verlag AG Zürich, 1999, Seite 247)

Und was drittens die neuen britisch-amerikanischen Angriffe auf den Irak angeht, so raten wir den Briten, vor feindseligen Akten gegenüber anderen Völkern

·        in sich zu gehen und über die weltweiten Folgen der ehebrecherischen Gelüste Heinrichs VIII., der Beatles-Manie und des BSE-Exports sowie die führende Rolle von Briten in Esoterik und Satanismus etc. zu meditieren, etwa anhand des folgenden Gebets wwww.etika.com/english/a11p9pc,

·        über die Schandtaten von Vertretern des Empire in der älteren und jüngeren Geschichte nachzudenken, vor allem die Ausbeutung und Versklavung fremder Völker,

·        Wiedergutmachung zu leisten, wo dies möglich ist, sprich: die Kolonien den rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben,

·        sich nicht mehr als Herrenvolk zu fühlen, sondern bescheiden den Weg eines christlichen Volkes zu gehen, das nicht mehr und nicht weniger Rechte hat als alle anderen Völker, Inder, Hottentotten, Mongolen und Deutsche inbegriffen (wer erinnert sich nicht an Queen Mums liebenswürdige Einstufung der Deutschen als Hunnen?), und allein dem Herrn zu dienen.