ETIKA

INDIANER

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19.12.1999

5IND103

Huitzilopochtli oder Winnetou

z. T. Dolomiten vom 20.6.1992, Rainer Lechner, 1998 aktualisiert

 

Zwei Indianer tauchen in einer Zeitungsredaktion auf, wollen von "500 Jahren Unterdrückung und Widerstand" berichten. Stimmt dieses Schlagwort - oder ist das Verhältnis Europäer - Ureinwohner nicht doch differenzierter zu sehen?

Vom Umweltgipfel in Rio de Janeiro hat ein Korrespondent berichtet: "Häuptling Mario Juruna, einstmals der erste indianische Abgeordnete im brasilianischen Parlament, wagt es zum Entsetzen aller Grünen, auf dem "Global Forum" ein Leopardenfell zum Verkauf anzubieten: 600.000 Dollar will der Xavante dafür. Die Caiapós lassen auf ihrem Territorium gegen Dollarmillionen die Abholzung der Mahagonibäume zu. Nicht jeder, der eine rote Haut hat und Federn trägt, ist ein Heiliger. Der Mythos vom ,edlen WildenŽ entpuppt sich als Trugbild." (Carl. D. Goerdeler)

Alle wissen es: Die Weißen haben die Indianer fast ausgerottet. Aber zuvor hatten schon Indianer Indianer unterdrückt und umgebracht. Die kleine Schar von Konquistadoren - Pizarros Truppe in Peru zählte zum Beispiel nur 177 Mann - siegte gegen eine Übermacht vor allem deshalb, weil Stämme, die von den Azteken und Inkas unterdrückt wurden, von ihnen die Befreiung erhofften und sie unterstützten.

Als die Inkas noch ein unbedeutender Stamm im Amazonas-Dschungel waren, hatten sie die besiegten Feinde verspeist. Als sie dann in Cuzco herrschten, traten sie die Anführer von Stämmen, die sich nicht freiwillig unterjochen ließen, mit den Füßen zu Tode; siegreiche Heerführer bekamen vom Inka jungfräuliche Yanas als Nebenfrauen. (Thomas Binder: Südamerika - Kolumbien, Ekuador, Peru, Bolivien. Verlag Du Mont Köln, 1985, S. 19ff.)

Die Mayas waren "eine der gewalttätigsten Gesellschaften auf Staatsebene", berichtete ein amerikanischer Forscher nach neuen Ausgrabungen in Guatemala.

In Mexiko opferten die Azteken ihren Göttern wie Huitzilopochtli an manchen Tagen 500 Menschen (Carlos F. Lummis: Los exploradores españoles del siglo XVI. Colección Austral Madrid 1968, S. 137), bei besonderen Gelegenheiten sogar 20.000 (John Collier: Indians of the Americas - The Long Hope, Mentor Book 1959, S. 48) "Dabei wurde dem noch lebenden Opfer das Herz herausgerissen. Man glaubte, daß die Kraft der Götter ... ständig erneuert werden müsse." (Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, 1967, 2. Band, S. 178)

Und nun schreibt ein heimatferner Azteke namens Xokonoschtletl die österreichische Presse an und verlangt von ihr, sie solle seine Landsleuten helfen, "ihre Traditionen fortzusetzen". Ist das nicht ein bißchen zuviel verlangt?

Kein Mensch feiert bei uns die 500 Jahre der Entdeckung Amerikas. Im Gegenteil, in mindestens 90 Prozent aller Berichte über das Kolumbusjahr spiegelt sich das Motto "500 Jahre Unterdrückung" wieder. Sind sich die indianer überhaupt bewußt, daß sie unter den Weißen viele Freunde hatten und haben, nicht nur den Bischof Bartolomé de las Casas, der die Schandtaten seiner Zeitgenossen mutig mit den schärfsten Worten gegeißelt hat?

In 90 Prozent aller Indianerbücher, die im deutschen Sprachraum gelesen werden, ist der Indianer der Held, seit Generationen spielen die Buben zwischen fünf und 14 Jahren Indianer, und begeistert verschlingen jung und alt die Bücher von Karl May, in denen die Indianer am Beispiel des edlen Häuptlings Winnetou vom Apatschenstamm der Mescaleros heroisiert werden. Ihm ist es zuzuschreiben, daß in den Herzen der Jugend eine romantische Sehnsucht nach den Indianern und ihrer Lebensart glimmt, daß jedermann sich solidarisch fühlt mit dem Kampf der Indianer um ihr Recht und ihre Freiheit.

Und da kommen jetzt Ignoranten roter Hautfarbe ins Karl-May-Museum nach Radebeul und verlangen rücksichtslos die Ausstellungsstücke indianischer Herkunft zurück, ohne ein freundliches Wort für den großen Schriftsteller zu finden, der ihrer Rasse ein so einzigartiges Denkmal gesetzt hat!

Franziskaner und andere Geistliche wirken heute segensreich in Lateinamerika. Aber schon vor Jahrhunderten hat sich ein Südtiroler Ordensmann für die Indianer eingesetzt. Zu den Jesuiten, die in Paraguay Reduktionen für 100.000 Eingeborene gründeten, zählte auch Anton Sepp aus Kaltern. Er schrieb am 13. Juni 1714 in einem Brief nach Deutschland über seine Mitbrüder: "Um die Rechte der Indianer zu verteidigen, warfen sie sich unter Gefahr des eigenen Lebens deren Feinden entgegen. Sie rotteten die Reste des frevlerischen Götzenwahnsinns in Tucuman aus ... und räumten das schändliche Unkraut der Menschenfresserei überall in den Provinzen am Uruguay aus. Sie hoben die Vorrangstellung unzähliger Zauberer, Wahrsager und Dämonen auf..." (Johann Mayr: Anton Sepp - Ein Südtiroler im Jesuitenstaat, Athesia Bozen, 1988, S. 436f.)

Heute leben die alten Bräuche vielerorts wieder auf. Wenn die Hochlandindianer von Charazani in Bolivien am 16. Juli das Fest Maria del Carmen als Patrozinium begehen, dann findet zwar ein feierlicher katholischer Gottesdienst statt, aber in der Nacht vorher beschwört der örtliche Medizinmann seine Geister und Götter und opfert ihnen in Anwesenheit vieler sogenannter Christen Tiere.

Was nur hat das 20. Jahrhundert von dem Inder Mahatma Gandhi gelernt? Dessen Herzenswunsch lautete: "Durch freundschaftlichen Kontakt wird es für uns alle möglich sein, unsere jeweiligen Religionen von Mängeln und Auswüchsen zu befreien."

Heute fühlen sich viele Indianer als Träger einer Mission, die Hopis zum Beispiel mit ihrer Botschaft der Erdverbundenheit oder die Urwaldindianer als Warner vor dem Roden des Regenwaldes. Was können wir - Indianer und Europäer - voneinander lernen?

Viel wäre zu erzählen vom Gemeinschaftsleben, von den ritterlichen Tugenden der Indianer im Kampf und dergleichen. Was uns aber heute mehr nottut und dazu beitragen würde, den Planeten Erde zu retten, wäre sicherlich die Rückkehr zum einfachen Leben. Die Indianer lebten stets im Einklang mit der Natur. Von Kindheit an stärkten sie die Widerstandskraft des Körpers, und man könnte meinen, Pfarrer Sebastian Kneipp habe seine Anleitungen zu kalten Bädern und Abreibungen den Memoiren von Schwarzfußhäuptling Büffelkind Langspeer entnommen (Häuptling Büffelkind Langspeer erzählt sein Leben. Paul List Verlag München, 1958. S. 17ff.)

Unserer Jugend würde eine Gesundheitserziehung nach indianischer Tradition, vor allem Abhärtung und Bewegung an der frischen Luft gewiß gut bekommen, jedenfalls besser als die Nachahmung des aus den dekadenten USA importierten "american way of life" mit Diskotheken, "sex and crime"-Filmen, schmutzigsten Internet-Pornographie-Angeboten, Walkman, Kaugummi, Hamburger, Ketchup und so fort.

Uns würde es freuen, wenn wir von Indianern hören, die auf solche zweifelhaften Errungenschaften ihrer "amerikanischen Landsleute" ebenfalls gerne verzichten und ihre eigenen Visionen verwirklichen. Karl May hat in seinen Büchern "Winnetous Erben" und "Friede auf Erden" mögliche Wege aufgezeigt.

Ganz nebenbei, der Landraub und die meisten sonstigen Verbrechen an den Indianern sind noch ungesühnt. Wer traut sich im Land der "Demokratie, Meinungsfreiheit und unbegrenzten Möglichkeiten", folgende Frage, wenigstens rein theoretisch, zu stellen: Haben die Weißen und sonstigen angesiedelten Rassen im Schmelztiegel USA, dessen Führungsschicht sich anmaßt, überall und bei jeder unpassenden Gelegenheit als "Weltpolizist" aufzutreten, überhaupt ein Recht, in einem Land zu leben, das ihre Vorfahren den rechtmäßigen Besitzern mittels Völkermord und Totschlag, falscher Versprechungen und betrügerischer Verträge geraubt haben?

Einige indianerfreundliche Bücher:

Bartolomé de las Casas: Brevísima Relación de la Destruición de las Indias, Ed. Cátedra Madrid, 1982.

Herbert Wendt: Rebellion unter dem Sonnentor - Der Aufbruch der Aymará, Arena Verlag 1969

Werner Hoffmann: Gottes Reich in Peru - Roman des Pizarrozuges, Mayer Verlag Stuttgart 1946.

Karl May: viele Bände

Artikel: Das Töten der Indianer, in: Deutsche Gemeinschaft, München, 1.4.1972; Völkermord an Indianern, 28.10.1978.

 

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