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ETIKA |
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5KUR5C |
Als
Deutsche Kurden zur Freiheit verhelfen wollten |
Wir danken
Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im
Internet zu verbreiten |
Teil 1 Unternehmen Mammut
(nachstehend)
Teil 2: Das Hohe Lied der
Treue. Es heißt: Ramzi Naafi Raschid
Teil 3: Mit Ramzi nach Erbil (nachstehend)
Über
Mossul nach Erbil - Jä-allah!
(82) ... brennt die Sonne schon unbarmherzig auf uns
hernieder, obwohl es erst acht Uhr früh ist...
(83) ... ein Dorf ...
erbaten am äußerst gelegenen Haus einen Schluck des üblichen Getränkes: Milch mit Wasser gemischt, und auf
getrocknetem Esel-, Kuh- oder Kamelmist gekocht. Der Rauch qualmt in das Gefäß
hinein und macht die Milch auf diese Weise haltbar. Sie schmeckt aber zum
Erbrechen...
Die Sonne steigt höher und die
Qual nimmt von Viertelstunde zu Viertelstunde zu. Zweimal finden wir ein
Rinnsal. Wir stürzen uns darauf und trinken uns gierig voll zum Überlaufen...
Doch trinken bei der Sonnenglut,
bedeutet fast sicheren Untergang!
Wenn man trinkt, öffnen sich
die Poren, sie geben die Flüssigkeit von sich, schaffen Verdunstungskälte, als
Schutz gegen die den Körper umgebende Hitze. Erfolg: Die Flüssigkeit ist im Nu
weg. Der Durst wird stärker. Man trinkt noch mehr. Die Poren öffnen sich
weiter... Bis man zum Schluß erschöpft zusammenbricht.
(84) Nur ein Gedanke
beseelt uns! Rasch nach Mossul! Über die Brücke! In die Berge! In Sicherheit!
Gegen Mittag kommt bei mir der tote Punkt. Ich halte es nicht mehr
aus... Quälend kommt mir der Gedanke: Wenn ich schlapp mache ... werden meine
Kameraden ... vielleicht entscheidende Zeit verloren haben. Sie sollen aber
nicht unter meiner Unzulänglichkeit leiden. Ich halte die Pistole krampfhaft
umkrallt, tappe weiter, als Letzter... ein leiser Knall und die Not wird ein
Ende haben... Kaum noch fähig, einen klaren Gedanken zu fassen... Ich hatte die
Verbindung zu den Freunden aufgegeben...
(85) Vielleicht war es ein
guter Engel, der mich im letzten Augenblick vor
dem Selbstmord bewahrte? Oder waren es die Gebete meines Vaters, meiner
Mutter?! ... Schon manchmal hatte diese überirdische Macht in mein Leben
eingegriffen.
(86) Im Weitergehen sah ich
eine Wolke. (87) Dies ließ mich Augenblick um Augenblick überwinden. ... Am
Nachmittag stießen wir auf eine Straße. Sie führte nach Mossul. Nach einiger Zeit überholte uns ein
typischer Eingeborenen-Omnibus:
Klappernd, ächzend, Fenster kaputt, überfüllt, bis zum Trittbrett behängt mit
Menschen... aber kein orientalischer Bus ist so voll, als dass nicht noch einige
Reisende Platz fänden... dreißig Kilometer... Wenn der Bus nur hielte! Wir sind
oben festgenagelt und müssen warten, bis man uns herunterlässt....... Das
geschieht schließlich auch, und zwar genau vor der Brücke über den Tigris, die
nach Mossul hinüberführt. Und gerade an dieser Stelle ist eine Polizeistation, bei der alle ankommenden
Reisenden kontrolliert werden.
(88) Entwischen ist
unmöglich... Aber Ramzi ist auch dieser Situation gewachsen; er blinzelt dem Polizisten zu,
winkt ihn mit seinen pfiffigen Augen beiseite, dieser kommt auch, sobald er die
übrigen abgefertigt hat... Sie sind ja so arm! Sie müssen aber doch leben! Wie
bitter nötig können sie ein paar Piaster „nebenher“ brauchen... Also Bestechung!
Und Bestechung ist etwas vom Widerlichsten, im Kleinen wie im Großen. Doch für
einen Orientalen ist das nichts Besonderes.... Wir saßen bald in einem
Kaffeehaus... Ramzi war ein reizender Unterhalter... erzählte ihm eine „Geschichte“,
nämlich, dass wir Diener seien, die er, Ramzi, schwarz von Persien über die
Grenze gebracht habe. Nachdem der Polizist ein Schweigegeld eingestrichen hatte,
ließ er uns laufen.
(89) In der Mitte der Brücke,
die zur Stadt führt, ist eine Polizeikontrolle, die von jedem Passanten Ausweis
und Auskunft verlangt. ... legten wir uns auf das Dach einer Herberge schlafen
... am Morgen ... altes Teehaus vor der Brücke ... (90) Vor uns wogt ein
mächtiger Verkehr hin und her; beladene Esel, Kurden zu Pferd, Fußgänger, die
ihre Waren zum Markt tragen – aber dazwischen Autos in jeder Menge, meist
Militärfahrzeuge. ... Wenn die Kameraden zu Hause wüsste, wie viele Truppen
hier liegen, sie könnten vernünftige Entschlüsse fassen. Dann die Sache mit der
neuen Eisenbahn,
die angeblich von Bagdad nach dem Norden gebaut worden sein soll.
(90) ... weder in Betrieb
genommen, noch im Bau befindlich, noch überhaupt projektiert. Es waren einfach
planmäßig nach Deutschland gesandte Falschmeldungen von Agenten, die für eine
Feindmacht, dem Schein nach aber für Deutschland arbeiteten.
(91) Eine Stunde später...
Ramzi... „Wir müssen weg!“ flüstert er uns zu. „Ich habe mit dem Verwandten
gesprochen. Mossul wimmle von englischen
und amerikanischen Stäben, sagt er, und in jedem Bewohner der Stadt sei ein
Spitzel und Agent zu sehen.“
„Weiß die Bevölkerung schon
etwas von uns?“
„Und ob! Der ganze Irak ist
in Aufruhr. Wilde Gerüchte,
maßlos übertrieben, schwirren durchs Land. Mein Verwandter erzählte uns, dass auf jeden von uns ein hoher Kopfpreis ausgesetzt
sei.“
Etwa 50 km tigrisabwärts
befände sich eine Möglichkeit, den Fluß zu überqueren...
(92) Also nochmals einen
Tagesmarsch in der Glutsonne... Kaum eine halbe Stunde sind wir marschiert, da
tauchen plötzlich vor uns mehrere Militärkraftwagen
auf, schwärmen nach rechts und links aus: Stoppen, die Mannschaft springt noch
während der Fahrt ab, schwer bewaffnet und umzingelt uns. Ich kann dir sagen,
lieber Freund, da schlotterte mir das Herz und der Verstand sagte: A u s ! Aber
wie es in solchen Situationen manchmal ist: Vor lauter Schreck bleibt man
ruhig... Als ob uns alles nichts anginge, marschierten wir weiter... Ironie des
Schicksals kann man es nennen: Es war nur eine Truppenübung, in die wir
hineingeraten waren.
(93) ... Nur trinken, trinken,
trinken!!! Wir mussten unsere Scheu vor den Menschen aufgeben. Ein paar
Nomadenzelte kamen uns gerade recht. Zu ihnen wird das Gerücht von den
fliehenden Deutschen noch nicht gedrungen sein... Eine alte Frau ... „Du bist
durstig, Effendi?“ sagte sie, währenddem sie bereit wegging, um „Dao“ zu holen, jenes mistrauchgeschwängerte
Milchwasser.
(94) Bei einem alten Mann
kehrten wir ein. Ramzi fand bald heraus, dass jener seinen Vater persönlich
kennt und hoch schätzt. Ihm vertraute er sich an und der Alte versprach,
Reittiere zu besorgen.
(95) Es waren nur drei
Pferde, armselige Klepper,
dürr und hager, gibt man ihnen doch meist nur dürres Stroh zum Nagen... Eines
der Tiere musste zwei von uns tragen. Voraus der Anführer, ein Mann mittleren
Alters, aber mit einem selten wilden Gesicht,
in dem zwei unergründliche Augen flackerten. Keinem von uns war es wohl
dabei, dass wir uns diesem schwerbewaffneten Strauchdieb anvertrauen sollten
... Die Gebühr hatten wir im voraus zu entrichten. ... den halben Weg schon
zurückgelegt... der Morgen graute ... Da vorn im Dorf sollte kurz gerastet, die
Pferde sollten getränkt und gefüttert werden.. ... setzten wir uns in den
Schatten eines Hauses. Die Pferde wurden zur Tränke am Ortausgang geführt...
(96) Als eine halbe Stunde
verstrichen war, wurden wir unruhig ... Dorfleute erzählten: „Der Mann ist samt
den Pferden schon lange in der Richtung zur Stadt Mossul davongeritten!“ Da
hatten wir´s: Verrat!
... nach einer guten Stunde
liegt wieder so ein armes Lehmhütten-Dörflein vor uns. Ein Weib schöpft gerade
am Brunnen. Es ist eine junge, schlanke, stolze Beduinin. Ramzi bittet sie um
Wasser. Sie gibt uns ihren Krug und wir trinken uns mal wieder ordentlich satt.
... lehmiggelbes Zeug... Sie lädt uns ein, bei ihr zu Hause einen Imbiß
einzunehmen ... O du Gastfreundschaft des Orients!
(97) Daheim waren ihr Mann,
ein großer, alter, breitschultriger Beduine, braungebrannt wie Kaffee, eine
Runzel neben der andern im Gesicht, aber mit Augen voller Güte. Dann waren einige
Söhne da, einer schöner und stattlicher als der andere... „Ich werde dir helfen,
Effendi! Ich habe zwei Esel...“
(98) Es galt nun, eine
völlig kahle Hochfläche zu überwinden, die dann plötzlich ins Tigristal abfällt. Umbarmherzig brannte
wieder die Sonne. Der Verrat im Rücken ließ uns auch nicht einen Augenblick
verweilen. Heute hatte Ramzi seinen kritischen Tag... Als wir den Fluß erreichten,
waren wir alle so erledigt, dass wir uns auf den Bauch legten und wie die Tiere
soffen. Wir entlohnten den hilfsbereiten Beduinen...
(99) Fluß reißend und etwa
200 Meter breit. Notfalls nachts zu überschwimmen. Drüben ein Dorf von 15 – 20 Häusern
... Polizeistation... Fährmann ... Sonderfahrt ... (100) Ramzi behandelt ihn
von oben herab und spielt sich auf wie ein Pascha, der in der Lage ist, mit
drei Dienern auf die Reise zu gehen. ... Polizisten... Jede halbe Stunde kommt
ein Boot ... Dazwischen kann man ein Nickerchen machen... Also spazierten wir
an einem schlafenden Auge des Gesetzes vorbei... (101) Später hörten wir, dass alle
Gesetzeshüter kurz zuvor den Befehl erhalten hatten, scharf aufzupassen, da
deutsche Fallschirmjäger gelandet und nun flüchtig seien...
Zum Greifen nahe sind nun
die schützenden Berge. Noch drei Tagesreisen oder vier, dann sind wir darin
verschwunden und im Schutze der Freunde Ramzis in Sicherheit. ... die letzte
Kraft mobilisieren... zerschunden an den Füßen, die Hautfetzen hängen überall
herunter, die Zehen durch Blutkrusten aneinander geklebt - zerstochen von
Tausenden dieser kleinen, bissigen Stechmücken...
Endlich erreichen wir eines
Abends ein Dorf. Dieses gehört dem Vater Ranzis
und vertraute Diener verwalten Haus und Dorf... Ramzi lässt uns im Schatten einer
Ruine warten. Er geht auf Umwegen so in das Haus, in dem sein Vater zu wohnen
pflegt...
(102) ... da kommen Diener
... ins Gästezimmer geführt ... schlafen, schlafen, schlafen... Als wir
erwachen, ist es später Abend. Ramzi erzählt den alten Dienern, die ihn schon
von Kindesbeinen an kennen und lieben, von unseren Erlebnissen. Hier kann er unbesorgt sprechen ... Noch in
dieser Nacht brechen wir auf. Wir wollen ins Vaterhaus Ramzis, nach Erbil. ... Stammesorganisation ... Es
ist so, dass der Stammesfürst absoluter Herr
ist. Er kann ein Dorf mitsamt seinen Einwohnern an einen anderen verkaufen. Niemand
wagt, dagegen etwas zu sagen. Er kann Hunderte von Männern und Frauen an
irgendjemand verdingen. Sie werden gehen, ohne zu murren.
(103) Das Fürstenhaus liegt
außerhalb der Stadt, in einem großen, schattigen Garten, voller Bäume und
Blumen, umgeben von einer Mauer.
(104) Bevor Ramzi seinen
Vater aufsucht, ist es seine Pflicht, erst mit dem
ältesten Bruder zu sprechen, denn dieser ist im Orient Haupterbe und hat daher
annähernd genau dieselbe Machtstellung wie der Vater selbst. Natürlich gehorcht
er aufs Wort und ohne Widerspruch, wenn der „Abu“ etwas verlangt. Solange der Alte
lebt, hat dieser die Zügel in der Hand und wenn er hundert Jahre alt würde.
Des von der Lieblingsfrau
Erstgeborenen ganzes Sinnen und Trachten geht darauf hinaus, keinen Nebenbuhler
aufkommen zu lassen... Genau so, wie er dem Vater gehorcht, verlangt er
unbedingten Gehorsam von seinen jüngeren Brüdern.
Ramzi verschwindet und
kommt nach einer geraumen Zeit wieder. Sein ältester
Bruder, eine schmalumrandete Brille auf der Nase, ist bei ihm.
Man sieht diesem an: wir sind unwillkommene Gäste.
„Mein Bruder sagt, es sei
völlig ausgeschlossen, den Vater von unserer Anwesenheit in Kenntnis zu setzen.
Er habe sich im ersten Weltkrieg zu offen als
Feind der Engländer gezeigt; diese seien jetzt ihm gegenüber außergewöhnlich argwöhnisch
und ließen ihn auf Schritt und Tritt bespitzeln.“
Der Bruder trat unruhig von
einem Bein aufs andere, dann sagte er: „Die Gastfreundschaft verlangt zwar, dass
man euch (105) Speise, Trank und etwa Ruhe gibt, aber dann ,Jä-allah!´ Fort mit Gott!“...
Wir verstehen: Hier ist
nichts zu holen... Zwar wird der große Bruder schweigen, aber auch nicht einen
Finger für Ramzi oder uns krumm machen...
Zwei Lichtblicke... Da war der jüngste Bruder Ramzis.
Vielleicht zehn Jahre alt, aber mit hellen Augen und – wie hatte er seinen
Ramzi so lieb! Er hätte weinen mögen, weil er noch so jung war. Er wäre
mitgegangen als Diener, als Helfer, als Wächter... Dann war der alte, nein steinalte „Kaffeetschi“ da, Ahmed,
der Kaffeemacher.
(106) Der Alte hatte den „tollen
Ramzi“, wie er von Kindesbeinen an hieß, schon immer ins Herz geschlossen. „Ich
habe einen Bruder“, sagte der Alte, der kennt zur türkischen Grenze Weg und Steg und weiß gar wohl, wo und wie die
zahlreichen Polizei- und Militärstationen in der Grenzgegend zu umgehen sind.“
Es wurde nun abgesprochen, dass
wir auf eigene Faust, unter Hinzuziehung besonders vertrauter Freunde Ramzis uns
ins Gebirge durchschlagen sollten...
(Fortsetzung folgt)