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ETIKA |
Völkerverständigung |
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5KUR5D |
Als
Deutsche Kurden zur Freiheit verhelfen wollten |
Wir danken Gottfried
Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu
verbreiten |
Teil 2: Das Hohe Lied der
Treue. Es heißt: Ramzi Naafi Raschid
Teil 3: Mit Ramzi nach Erbil
Teil 4 Die Schmugglerbande (nachstehend)
Teil 5 Maadi
Teil 6 Unter dem Galgen
Die
Schmugglerbande
(107) ... So gingen wir in
zwei Gruppen...
In Ramzis Haus hörten wir
von den tollen Geschichten,
die schon über uns im Umlauf waren. Die Leute erzählten sich, es sei der erste
Teil einer großen deutschen Armee abgesprungen; diese Soldaten hätten Gesichter
wie Löwen und wenn sie nur hauchten, ginge verzehrendes Feuer aus ihrem Mund.
Panzer hätten sie bei sich, deren Auftauchen allein genüge, alles an Mensch und
Tier zu vernichten, was in die Nähe komme...
Ranzi war mit einem von uns
vorangeeilt...
(108) Pferdegetrappel!
Eilig! Verstecken! ... Da sind sie heran, traben auf uns zu. Ein Reiter springt
ab, vertritt uns den weg... Da klingt ein Wort an unser Ohr: Ramzi... Ramzi
schickt uns Pferde.
(109) Haus des
Dorfbesitzers ... Hier finden wir einen prächtigen Menschen vor. Ein Mann in
unserem Alter. Aufgeschlossen, gewandt, gebildet. Es ist jener Jugendfreund
Ramzis, der „Blutsbruder“, mit dem er zusammen die Schule in Bagdad besucht
hat.
Wem ein Kurde, solch ein echter Kurde, in den Weg läuft, der liebt die
Kurden. Der liebt ihr Land. Der liebt Kurdistan! Das sind Menschen
mit frischen Augen, wachen Sinnen und einer unbändigen, unverbrauchten Kraft.
Menschen, die noch nicht losgelöst sind von ihrer Scholle, ihrem Dorf, ihren Sitten
-, sondern die eins mit ihnen sind, verwoben und verflochten mit dem Land ...
mit Kurdistan.
(110) Die Freunde machen
den idealsten Versteckplatz aus, den man sich denken kann. Einen Tagesritt
entfernt, droben im Gebirge, es liegt an einer kaum zugänglichen Stelle., ein
bettelarmes Häuschen, bewohnt von einer ganz einfachen Kurdenfamilie. Ein paar
hundert Meter entfernt liegt eine Höhle. Auch eine kleine, aber saubere Quelle
ist in der Nähe. Besonders wichtig ist, dass die Familie zum Stamm von Ramzis
Vater gehört, diesem also absolut untertan und hörig ist.
(113) Freund, weißt du, was
Flöhe sind? Und Läuse? Es sind unfreundliche Mitbewohner. Selbst wenn du im
Kriege warst, wirst du selten einen solch massierten Angriff miterlebt haben
wie wir auf jenem Dach.
(114) Vor allen Dingen
warten wir hier das eintreffen des Kaffeetschi-Bruders ab, damit einer der
Kameraden möglichst rasch in die Türkei kommt (Anm.: um von dort Hilfe in Deutschland
anzufordern).
(115) Die Schmugglerbande.
... Uns stockt der Atem. Hufgetrampel... Maultiere... Männer kommen zur Höhle..
Sind erschrocken, überrascht, dort jemand zu entdecken. ... Ramzi baut seinen
Plan auf „Freundschaft“ und „Geld“ auf, zwei Dinge, auf die ein Orientale
anspricht.
(116) Brutale Offenheit ist
manchmal die beste Waffe. ... Angehörige des Stammes, von dem seine Mutter, die
Fürstentochter, herkam. ... Wir haben noch viel klingende Münze in Form von
Goldstücken bei uns... Solange das Geld reicht, sind wir sicher...
(117) Der Bandenführer
verspricht, in zwei Tagen hier wieder durchzukommen und uns dann mit hinauf in
die Berge zu nehmen. Er wolle nur noch in Erbil seine Ware absetzen und eile
dann zurück. Sein Dorf sei übrigens hoch droben und denkbar ideal für uns. Dort
seien wir absolut sicher und wir könnten ihm und seinen Leuten, die ihm aufs
Wort gehorchten, unbedingt vertrauen. Nun war Eile geboten. ... Ramzi erklärte sich bereit, das Opfer zu bringen
und persönlich nochmals nach Erbil zum Kaffeetschi zu gehen. Er würde
übermorgen zurück sein. Käme die Schmugglerbande vorher, dann sollten wir mit
ihr gehen, er würde dann eben nachkommen.
(118) Öffentlich zeigen
durfte Ramzi sich zu Hause nicht. ... Also ging er und wusste in diesem
Augenblick noch nicht, welche Katastrophe mittlerweile hereinbrechen werde. ...
(119) Aber hier will ich
schon sagen, dass Ramzi uns durch alle Leiden hindurch die Treue gehalten hat.
Er, der robuste, unverwüstliche Naturmensch, musste sogar zeitweise seinen Verstand opfern, die Folge körperlicher
und seelischer Leiden, die er über sich ergehen lassen musste.
War ich nicht schuld an seinem Unglück?
Hatte nicht ich
ihn nach Deutschland gelockt? Wurde er nicht von mir überredet mitzukommen? Versprach
nicht ich ihm die Freiheit seines Landes?
(Anmerkung etika.com: Wenn es uns durch
Gottes Fügung in irgendeiner Weise möglich wäre, an der Einlösung dieses
Versprechens mitzuwirken, so wollen wir es tun, kurdische Brüder!)
(120) Bad ... Tasse Tee... Da stürmt
plötzlich unser Wächter herein, schreit, gestikuliert und winkt, in der und der
Richtung zu verschwinden. Wir verstehen nur ein Wort, und das genügt uns: Polis! Polis! Wir sahen niemand, eilten
aber spornstreichs einem großen Schilfgelände zu und waren schnell vor Sicht
gedeckt... Ich ducke mich zusammen... Pferdegetrampel und Stimmen ... Ich
fühle, wie mir der Schweiß am ganzen Körper ausbricht,
(121) wie ich anfange zu
zittern und zu zagen... Schließlich ist der nahe Tod am Galgen keine Spielerei.
Mein inneres Auge sieht, dass das Schicksal nun seinen Lauf nimmt und uns der
Strudel des Geschehens hinabzieht... Ich werde ruhiger, sage Ja zum Schicksal. Dann falte ich
wieder, wie im Flugzeug, die Hände und bete.
„So
nimm denn meine Hände und führe mich – wenn nicht zum Erfolg, dann ins Grab –
aber führe mich, bitte, Du
führe mich!“
In dieses Gebet hinein
hatte ich rufen hören:
„Come out! We are shooting!” – Kommt heraus oder wir
schießen!
Und im gleichen Augenblick,
da ich Gott meine Hände übergab und Ihn um Seine Führung bat - -
waren die Würfel gefallen...
Einer meiner Kameraden war
herausgeholt worden. Das bedeutete für mich, ihm den letzten Dienst zu
erweisen. So stelle ich mich gleichfalls, wie auch der dritte Kamerad. Hände
hoch!
Wir sind umzingelt. Gewehr
in Anschlag stehen uniformierte Polizisten um uns herum, in beachtlicher
Entfernung. Sie haben eine Mordsangst vor dingen, die von diesen Alemanis da
unter Umständen kommen könnten. Man schreit auf uns ein, wir sollten
niederknien. O Schmach, o Schande... Einer hatte den Auftrag, uns die Hände auf
dem Rücken zusammenzubinden.
(122) Da brülle ich, was
ich kann in englischer Sprache:
„Das
ist nicht erlaubt, was ihr tut! Ihr dürft uns nicht fesseln! Wir sind deutsche Offiziere!
...“
Sterben ja, aber nicht
gefesselt...
Der die Abteilung leitende
Polizeioffizier wird unsicher ... winkt ... uns zu befreien.
Hocherhoben. Stolzen,
ungeschlagenen Hauptes, ironisch lächelnd, stehen wir da und warten auf den
Abtransport.
Der irakische Polizeioffizier strahlt vor Glück,
dass er es war, der die im ganzen Land gesuchten Deutschen eingefangen hat. (Anmerkung
etika.com: Zur Zeit oder in Bälde – es ist Mitte Dezember 2002 - denkt
vielleicht sein Enkel darüber nach, ob sein Großvater richtig gehandelt hat.) Er
wird nun eine Belobigung von höchster Stelle, vielleicht einen Orden bekommen,
aber sicher erhält er den ausgesetzten Häscherlohn und das ist das höchste
Glück. Geld. Viel Geld.
Daß er nach wenigen Monaten
aber zum gemeinen Mann degradiert wird, dienstlicher Verfehlungen halber, das
weiß er heute noch nicht. Stolz und ihn keines Blickes würdigend, ja ihn
verachtend, reitet er an dem Mann vorbei, der ihn und seine Gruppe hergeführt
hatte:
(123) dem Manne von der Schmugglerbande. Nicht
der Anführer selbst ist es, aber unverkenntlich einer von der Bande. Sicher
kamen diese Männer in die Stadt, die voll der Geschichten über uns war. Sicher
hörten sie dann von dem hohen Kopfpreis, der auf uns ausgesetzt war: 250 Pfund
sollten es pro Mann gewesen sein; macht 1000 Pfund für alle viere; das wären 10
000 bis 20 000 Mark.
Dafür verzichtete man gerne
auf das Kostgeld, das von uns bezahlt worden wäre.
Dafür
opfert man gern alles, was sonst hoch und heilig ist: Freundschaft,
Versprechen, Stammesverbundenheit ---
Geld!
Mammon! Ha! Viel Geld! Viel!!!
Wenige Stunden später saßen
wir in einem Raum der Polizeistation von
Erbil (Anmerkung:
englisch Arbil). ...
(124) Die Polizisten waren rührend.
Sie taten alles, um uns die Stunden, bevor wir den Tommys übergeben werden
sollten, möglichst angenehm zu machen. Sie wussten gut genug, welchem Schicksal
wir entgegengingen. Teilweise waren diese Leute Kurden
und diese hatten uns lieb. Auch wussten sie, dass wir Kurdistan frei machen
wollten.
Als ich abends ... in den
anderen Teil der Polizeistation geführt wurde, umarmte
mich der unterwegs der mich begleitende Wächter,
zeigte zum Himmel, rief Allah zum Zeugen und machte das Zeichen des Halsabschneidens,
das den „Inglesi“,
die zur Zeit die Macht über das Land in den Händen hielten, galt.
Wir wollten gemeinsam
aussagen, dass wir falsch abgesetzt worden seien und mit dem Irak an sich gar
nichts zu tun hätten. Unser Auftrag hätte dem persischen Teil Kurdistans
gegolten. Man sollte uns nur an jenes Land ausliefern!...
(125) Da anzunehmen war,
dass der Exekution ein Verhör vorausgehen werde, stimmten wir vorher unsere
Aussagen, die wir machen wollten, miteinander ab.
Nächster Tag! Übernächster
Tag! Tür wird aufgerissen! ... hereingeschoben in unseren halbdunklen Raum – Ramzi!
Dieses Bild des Jammers
werde ich mein Leben lang nicht vergessen: Ramzi, der Fürstensohn, ein freier
Mensch, stolz und selbstbewusst – kommt zerfallen, todmüde, mit roten, irrlichternden
Augen und ganz zerschunden an.
Ramzi!
Ramzi!!! Was haben sie aus dir gemacht!?!
Unwirklich eilen seine
Augen von einem zum andern. Er stöhnt gequält. Dann sinkt er zusammen. aber
dann ist er wieder da: Kamerad unter Kameraden! Wie in Freiheit mit allen
kühnen Plänen, so auch jetzt in bitterster, verzweifeltster, ja aussichtsloser
Lage.
Ramzi! Du Guter! Du Treuer! Wäre wenigstens dir das
Schicksal erspart geblieben.
Dann berichtet er in
fliegender Hast...
„Ich
hatte schon beinahe Erbil erreicht, da wurde es mir auf einmal hundeelend ...
als schauten mich von überall her böse Augen an. Auf Umwegen, über Stock und
Stein stolpernd, kam ich dann zu meinem Vetter. Dieser berichtete mir, dass
eine große Aktion gestartet sei, die mich, Ramzi, suche. ...
(126)
Ich flüchtete weiter und kam zu meinem Onkel,
der mich von jeher in sein Herz geschlossen hatte. Ihn bat ich, mich zu
verbergen, oder mir zu sagen, was ich tun solle. Doch was gab er mir für einen
Rat? Ich solle mich auf dem kürzesten Weg zur Polizei begeben, denn seit
gestern früh seien mein Vater und mein ältester
Bruder im Auftrag der Engländer von der Polizei verhaftet und eingesperrt
worden. Sie sollen so lange in Haft bleiben, bis man mich gefangen habe.
Ihr
wisst, Freunde, was der Abu, der Vater, für uns Orientalen bedeutet...
Der Abu! Der Fürst! Im Gefängnis!
Ich eilte daher spornstreichs zur Polizei.“
Da stand er nun vor uns,
gebrochen, zerschunden...
Und wir konnten ihn mit
nichts trösten...
Kurz darauf wurden wir nach
Mossul gebracht. Unsere Fluchtkleidung wurde uns abgenommen – von den
Engländern. Der irakische Distriktskommandeur, ein General, ließ uns einzeln zu
sich kommen. Er wollte alles mögliche von uns hören.
Am andern Morgen kamen vier
englische Fahrzeuge mit Militärpolizei...
127 Bagdad. Polizeigefängnis,
Einzelhaft. ... Spezialgefängnis ... grauenhafte
Erinnerung kommt in mir hoch: Als ich früher einmal in Bagdad war,
wurde ich eingeladen, auch das dortige Zuchthaus zu besuchen. ... Man zeigte
mir die „Lebenslänglichen“ und die „Todeskandidaten“, letztere an Händen und
Füßen gefesselt ... Tür dieser
Todgeweihten zum Jenseits besichtigt ...
(128) Die Tage sind lang,
die Hitze ist trotz der Ventilatoren fast unerträglich. Der Schädel brummt, und
die Gedanken kreisen unablässig um den einen Gedanken: Wie war das möglich!
... Ja, es muß eine
satanische Ironie dahinterstecken, dass von allen Punkten, die verabredet
waren, genau das Gegenteil ausgeführt wurde.
·
Oberstes Gesetz: Weit weg von Menschen! - Abgeworfen: Mitten
unter dieselben, über einem Dorf!
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Ausdrücklich 50 – 80 km weg von jenem Zufluß des Urmiasees!
- Abgesetzt genauestens über einem Fluß!
·
Absetzung im Gebirge! – Landung in der weitesten Ebene!
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Abwurf aus etwa 200 m Höhe, damit wir möglichst nahe
beisammen aufkämen! – Zweitausend Meter müssen es gewesen sein...
Ich will nicht
weitermachen, es ist unerträglich.
Fortsetzung: II. Buch Maadi – Unter dem
Galgen