ETIKA

Völkerverständigung

www.etika.com
16.12.2002

5KUR5D
= 58B74

Als Deutsche Kurden zur Freiheit verhelfen wollten
(IV)

Wir danken Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu verbreiten

Teil 1 Unternehmen Mammut

Teil 2: Das Hohe Lied der Treue. Es heißt: Ramzi Naafi Raschid
Teil 3: Mit Ramzi nach Erbil
Teil 4 Die Schmugglerbande (nachstehend)

Teil 5 Maadi
Teil 6 Unter dem Galgen

Die Schmugglerbande

 

(107) ... So gingen wir in zwei Gruppen...

In Ramzis Haus hörten wir von den tollen Geschichten, die schon über uns im Umlauf waren. Die Leute erzählten sich, es sei der erste Teil einer großen deutschen Armee abgesprungen; diese Soldaten hätten Gesichter wie Löwen und wenn sie nur hauchten, ginge verzehrendes Feuer aus ihrem Mund. Panzer hätten sie bei sich, deren Auftauchen allein genüge, alles an Mensch und Tier zu vernichten, was in die Nähe komme...

Ranzi war mit einem von uns vorangeeilt...

 

(108) Pferdegetrappel! Eilig! Verstecken! ... Da sind sie heran, traben auf uns zu. Ein Reiter springt ab, vertritt uns den weg... Da klingt ein Wort an unser Ohr: Ramzi... Ramzi schickt uns Pferde.

(109) Haus des Dorfbesitzers ... Hier finden wir einen prächtigen Menschen vor. Ein Mann in unserem Alter. Aufgeschlossen, gewandt, gebildet. Es ist jener Jugendfreund Ramzis, der „Blutsbruder“, mit dem er zusammen die Schule in Bagdad besucht hat.

Wem ein Kurde, solch ein echter Kurde, in den Weg läuft, der liebt die Kurden. Der liebt ihr Land. Der liebt Kurdistan! Das sind Menschen mit frischen Augen, wachen Sinnen und einer unbändigen, unverbrauchten Kraft. Menschen, die noch nicht losgelöst sind von ihrer Scholle, ihrem Dorf, ihren Sitten -, sondern die eins mit ihnen sind, verwoben und verflochten mit dem Land ... mit Kurdistan.

 

(110) Die Freunde machen den idealsten Versteckplatz aus, den man sich denken kann. Einen Tagesritt entfernt, droben im Gebirge, es liegt an einer kaum zugänglichen Stelle., ein bettelarmes Häuschen, bewohnt von einer ganz einfachen Kurdenfamilie. Ein paar hundert Meter entfernt liegt eine Höhle. Auch eine kleine, aber saubere Quelle ist in der Nähe. Besonders wichtig ist, dass die Familie zum Stamm von Ramzis Vater gehört, diesem also absolut untertan und hörig ist.

 

(113) Freund, weißt du, was Flöhe sind? Und Läuse? Es sind unfreundliche Mitbewohner. Selbst wenn du im Kriege warst, wirst du selten einen solch massierten Angriff miterlebt haben wie wir auf jenem Dach.

 

(114) Vor allen Dingen warten wir hier das eintreffen des Kaffeetschi-Bruders ab, damit einer der Kameraden möglichst rasch in die Türkei kommt (Anm.: um von dort Hilfe in Deutschland anzufordern).

 

(115) Die Schmugglerbande. ... Uns stockt der Atem. Hufgetrampel... Maultiere... Männer kommen zur Höhle.. Sind erschrocken, überrascht, dort jemand zu entdecken. ... Ramzi baut seinen Plan auf „Freundschaft“ und „Geld“ auf, zwei Dinge, auf die ein Orientale anspricht.

 

(116) Brutale Offenheit ist manchmal die beste Waffe. ... Angehörige des Stammes, von dem seine Mutter, die Fürstentochter, herkam. ... Wir haben noch viel klingende Münze in Form von Goldstücken bei uns... Solange das Geld reicht, sind wir sicher...

 

(117) Der Bandenführer verspricht, in zwei Tagen hier wieder durchzukommen und uns dann mit hinauf in die Berge zu nehmen. Er wolle nur noch in Erbil seine Ware absetzen und eile dann zurück. Sein Dorf sei übrigens hoch droben und denkbar ideal für uns. Dort seien wir absolut sicher und wir könnten ihm und seinen Leuten, die ihm aufs Wort gehorchten, unbedingt vertrauen. Nun war Eile geboten. ... Ramzi erklärte sich bereit, das Opfer zu bringen und persönlich nochmals nach Erbil zum Kaffeetschi zu gehen. Er würde übermorgen zurück sein. Käme die Schmugglerbande vorher, dann sollten wir mit ihr gehen, er würde dann eben nachkommen.

 

(118) Öffentlich zeigen durfte Ramzi sich zu Hause nicht. ... Also ging er und wusste in diesem Augenblick noch nicht, welche Katastrophe mittlerweile hereinbrechen werde. ...

 

(119) Aber hier will ich schon sagen, dass Ramzi uns durch alle Leiden hindurch die Treue gehalten hat. Er, der robuste, unverwüstliche Naturmensch, musste sogar zeitweise seinen Verstand opfern, die Folge körperlicher und seelischer Leiden, die er über sich ergehen lassen musste.

War ich nicht schuld an seinem Unglück? Hatte nicht ich ihn nach Deutschland gelockt? Wurde er nicht von mir überredet mitzukommen? Versprach nicht ich ihm die Freiheit seines Landes?

(Anmerkung etika.com: Wenn es uns durch Gottes Fügung in irgendeiner Weise möglich wäre, an der Einlösung dieses Versprechens mitzuwirken, so wollen wir es tun, kurdische Brüder!)

 

(120) Bad ... Tasse Tee... Da stürmt plötzlich unser Wächter herein, schreit, gestikuliert und winkt, in der und der Richtung zu verschwinden. Wir verstehen nur ein Wort, und das genügt uns: Polis! Polis! Wir sahen niemand, eilten aber spornstreichs einem großen Schilfgelände zu und waren schnell vor Sicht gedeckt... Ich ducke mich zusammen... Pferdegetrampel und Stimmen ... Ich fühle, wie mir der Schweiß am ganzen Körper ausbricht,

 

(121) wie ich anfange zu zittern und zu zagen... Schließlich ist der nahe Tod am Galgen keine Spielerei. Mein inneres Auge sieht, dass das Schicksal nun seinen Lauf nimmt und uns der Strudel des Geschehens hinabzieht... Ich werde ruhiger, sage Ja zum Schicksal. Dann falte ich wieder, wie im Flugzeug, die Hände und bete.

 

„So nimm denn meine Hände und führe mich – wenn nicht zum Erfolg, dann ins Grab – aber führe mich, bitte, Du führe mich!“

 

In dieses Gebet hinein hatte ich rufen hören:

 

„Come out! We are shooting!” – Kommt heraus oder wir schießen!

 

Und im gleichen Augenblick, da ich Gott meine Hände übergab und Ihn um Seine Führung bat - -
waren die Würfel gefallen...

 

Einer meiner Kameraden war herausgeholt worden. Das bedeutete für mich, ihm den letzten Dienst zu erweisen. So stelle ich mich gleichfalls, wie auch der dritte Kamerad. Hände hoch!

Wir sind umzingelt. Gewehr in Anschlag stehen uniformierte Polizisten um uns herum, in beachtlicher Entfernung. Sie haben eine Mordsangst vor dingen, die von diesen Alemanis da unter Umständen kommen könnten. Man schreit auf uns ein, wir sollten niederknien. O Schmach, o Schande... Einer hatte den Auftrag, uns die Hände auf dem Rücken zusammenzubinden.

 

(122) Da brülle ich, was ich kann in englischer Sprache:

 

„Das ist nicht erlaubt, was ihr tut! Ihr dürft uns nicht fesseln! Wir sind deutsche Offiziere! ...“

 

Sterben ja, aber nicht gefesselt...

Der die Abteilung leitende Polizeioffizier wird unsicher ... winkt ... uns zu befreien.

Hocherhoben. Stolzen, ungeschlagenen Hauptes, ironisch lächelnd, stehen wir da und warten auf den Abtransport.

Der irakische Polizeioffizier strahlt vor Glück, dass er es war, der die im ganzen Land gesuchten Deutschen eingefangen hat. (Anmerkung etika.com: Zur Zeit oder in Bälde – es ist Mitte Dezember 2002 - denkt vielleicht sein Enkel darüber nach, ob sein Großvater richtig gehandelt hat.) Er wird nun eine Belobigung von höchster Stelle, vielleicht einen Orden bekommen, aber sicher erhält er den ausgesetzten Häscherlohn und das ist das höchste Glück. Geld. Viel Geld.

 

Daß er nach wenigen Monaten aber zum gemeinen Mann degradiert wird, dienstlicher Verfehlungen halber, das weiß er heute noch nicht. Stolz und ihn keines Blickes würdigend, ja ihn verachtend, reitet er an dem Mann vorbei, der ihn und seine Gruppe hergeführt hatte:

 

(123) dem Manne von der Schmugglerbande. Nicht der Anführer selbst ist es, aber unverkenntlich einer von der Bande. Sicher kamen diese Männer in die Stadt, die voll der Geschichten über uns war. Sicher hörten sie dann von dem hohen Kopfpreis, der auf uns ausgesetzt war: 250 Pfund sollten es pro Mann gewesen sein; macht 1000 Pfund für alle viere; das wären 10 000 bis 20 000 Mark.

Dafür verzichtete man gerne auf das Kostgeld, das von uns bezahlt worden wäre.

Dafür opfert man gern alles, was sonst hoch und heilig ist: Freundschaft, Versprechen, Stammesverbundenheit ---

Geld! Mammon! Ha! Viel Geld! Viel!!!

 

Wenige Stunden später saßen wir in einem Raum der Polizeistation von Erbil (Anmerkung: englisch Arbil). ...

 

(124) Die Polizisten waren rührend. Sie taten alles, um uns die Stunden, bevor wir den Tommys übergeben werden sollten, möglichst angenehm zu machen. Sie wussten gut genug, welchem Schicksal wir entgegengingen. Teilweise waren diese Leute Kurden und diese hatten uns lieb. Auch wussten sie, dass wir Kurdistan frei machen wollten.

Als ich abends ... in den anderen Teil der Polizeistation geführt wurde, umarmte mich der unterwegs der mich begleitende Wächter, zeigte zum Himmel, rief Allah zum Zeugen und machte das Zeichen des Halsabschneidens, das den „Inglesi“, die zur Zeit die Macht über das Land in den Händen hielten, galt.

 

Wir wollten gemeinsam aussagen, dass wir falsch abgesetzt worden seien und mit dem Irak an sich gar nichts zu tun hätten. Unser Auftrag hätte dem persischen Teil Kurdistans gegolten. Man sollte uns nur an jenes Land ausliefern!...

 

(125) Da anzunehmen war, dass der Exekution ein Verhör vorausgehen werde, stimmten wir vorher unsere Aussagen, die wir machen wollten, miteinander ab.

Nächster Tag! Übernächster Tag! Tür wird aufgerissen! ... hereingeschoben in unseren halbdunklen Raum – Ramzi!

 

Dieses Bild des Jammers werde ich mein Leben lang nicht vergessen: Ramzi, der Fürstensohn, ein freier Mensch, stolz und selbstbewusst – kommt zerfallen, todmüde, mit roten, irrlichternden Augen und ganz zerschunden an.

 

Ramzi! Ramzi!!! Was haben sie aus dir gemacht!?!

 

Unwirklich eilen seine Augen von einem zum andern. Er stöhnt gequält. Dann sinkt er zusammen. aber dann ist er wieder da: Kamerad unter Kameraden! Wie in Freiheit mit allen kühnen Plänen, so auch jetzt in bitterster, verzweifeltster, ja aussichtsloser Lage.

 

Ramzi! Du Guter! Du Treuer! Wäre wenigstens dir das Schicksal erspart geblieben.

 

Dann berichtet er in fliegender Hast...

 

„Ich hatte schon beinahe Erbil erreicht, da wurde es mir auf einmal hundeelend ... als schauten mich von überall her böse Augen an. Auf Umwegen, über Stock und Stein stolpernd, kam ich dann zu meinem Vetter. Dieser berichtete mir, dass eine große Aktion gestartet sei, die mich, Ramzi, suche. ...

 

(126) Ich flüchtete weiter und kam zu meinem Onkel, der mich von jeher in sein Herz geschlossen hatte. Ihn bat ich, mich zu verbergen, oder mir zu sagen, was ich tun solle. Doch was gab er mir für einen Rat? Ich solle mich auf dem kürzesten Weg zur Polizei begeben, denn seit gestern früh seien mein Vater und mein ältester Bruder im Auftrag der Engländer von der Polizei verhaftet und eingesperrt worden. Sie sollen so lange in Haft bleiben, bis man mich gefangen habe.

Ihr wisst, Freunde, was der Abu, der Vater, für uns Orientalen bedeutet...

Der Abu! Der Fürst! Im Gefängnis!

Ich eilte daher spornstreichs zur Polizei.

 

Da stand er nun vor uns, gebrochen, zerschunden...

Und wir konnten ihn mit nichts trösten...

Kurz darauf wurden wir nach Mossul gebracht. Unsere Fluchtkleidung wurde uns abgenommen – von den Engländern. Der irakische Distriktskommandeur, ein General, ließ uns einzeln zu sich kommen. Er wollte alles mögliche von uns hören.

 

Am andern Morgen kamen vier englische Fahrzeuge mit Militärpolizei...

 

127 Bagdad. Polizeigefängnis, Einzelhaft. ... Spezialgefängnis ... grauenhafte Erinnerung kommt in mir hoch: Als ich früher einmal in Bagdad war, wurde ich eingeladen, auch das dortige Zuchthaus zu besuchen. ... Man zeigte mir die „Lebenslänglichen“ und die „Todeskandidaten“, letztere an Händen und Füßen gefesselt ...  Tür dieser Todgeweihten zum Jenseits besichtigt ...

 

(128) Die Tage sind lang, die Hitze ist trotz der Ventilatoren fast unerträglich. Der Schädel brummt, und die Gedanken kreisen unablässig um den einen Gedanken: Wie war das möglich!

 

... Ja, es muß eine satanische Ironie dahinterstecken, dass von allen Punkten, die verabredet waren, genau das Gegenteil ausgeführt wurde.

 

·        Oberstes Gesetz: Weit weg von Menschen! - Abgeworfen: Mitten unter dieselben, über einem Dorf!

·        Ausdrücklich 50 – 80 km weg von jenem Zufluß des Urmiasees! - Abgesetzt genauestens über einem Fluß!

·        Absetzung im Gebirge! – Landung in der weitesten Ebene!

·        Abwurf aus etwa 200 m Höhe, damit wir möglichst nahe beisammen aufkämen! – Zweitausend Meter müssen es gewesen sein...

Ich will nicht weitermachen, es ist unerträglich.

 

Fortsetzung: II. Buch Maadi – Unter dem Galgen

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