ETIKA

Völkerverständigung

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17.12.2002

5KUR5E
= 58B74

Als Deutsche Kurden zur Freiheit verhelfen wollten
(V)

Wir danken Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu verbreiten

Teil 1 Unternehmen Mammut

Teil 2: Das Hohe Lied der Treue. Es heißt: Ramzi Naafi Raschid
Teil 3: Mit Ramzi nach Erbil
Teil 4 Die Schmugglerbande

Teil 5 Maadi (nachstehend)

Teil 6 „Come on bloody bastard“ – Müllers Tod

Teil 7 In Bagdad

Gewidmet allen politischen Gefangenen aller Zeiten und Länder,
die Taliban in Guantanamo natürlich eingeschlossen

Maadi

 

(131) Mitten hinein in diese Tage platzte eines Morgens die Nachricht, dass mich der irakische Polizeichef, ein General, verhören wolle. ...Wie ist denn der Name des Generals? Antwort – und ich werde blaß: ein Engländer. Ich ahne, dass nun eine Macht hereingreift, die mich und uns vernichten will. Aber Haltung und eiserne Disziplin! ... Kreuzfeuer. Heute fünf, morgen sieben Stunden Verhör. Der irakische Polizeichef versteht sein Geschäft. Dann ist´s  vorbei und drei lange Wochen verstreichen...

 

(132) Eines Morgens, sehr früh, war die höfliche Art, mit der uns der Irak behandelt hatte, jäh zu Ende. Englische Soldaten, grobschlächtig, wie Metzgergesellen, drangen bei mir ein, schleppten mich in ein Auto... Rasende Fahrt... Flugzeugmotoren heulen!...  Maschine rollt und hebt sich in die Luft.

 

Dem Sonnenstand nach zu schließen geht es nach Westen. ... einer Meeresküste entlang ... drei wohlbekannte Pünktchen: die Pyramiden von Gizeh.

 

In diesem Augenblick muß mir wohl alle Farbe aus dem Gesicht entschwunden sein; in dem Moment als ich erkannte: British Headquarters Middle East! Nun wird es durch ein fürchterliches Verhör gehen und dann kommt das Ende. Das Ende muß kommen, weil auch im umgekehrten Falle englische Kommandos von den Deutschen sofort erschossen wurden.

 

Wir landen weit draußen vor Kairo; dann fährt man mich in ein großes Camp, es mag 20 Quadratkilometer groß sein. Baracken, Übungsplätze und wieder endlose Baracken, Stacheldraht hier und Stacheldraht dort.

 

Türen öffnen sich und schließen sich hinter mir. Auf. Zu. Auf. Zu. Da stehe ich in der prallen Sonne. Muß warten. Habe ohnehin schon vorher Durst gelitten. Nun (133) lässt man mich braten Ich bitte um einen Schluck Wasser. Höhnisches Grinsen.

 

Es gibt in Kurdistan ein Sprichwort: „Selbst eine Schlange tötet man nicht, solange sie Wasser trinkt!“ So denkt der Orient. ... Vermag ein Europäer überhaupt noch zu lieben?

 

Dann kommen Verhör-Offiziere und leiten sieben Monate ein, Monate, über die man das Wort Wahnsinn setzen kann. In diesen Verhör-Baracken war der Wahnsinn zu Hause.

 

Als ich nach einem Jahr meine einst so kräftigen, gesunden, fröhlichen Kameraden wiedersah, waren zwei wahnsinnig geworden. Ich wusste es erst nach Monaten, dass die anderen vom „Unternehmen Mammut“ auch nach „Maadi“ gekommen waren, zur „interrogation“, zum „Verhör“. ...

 

Wie oft wurde ich schon nach unserer „Behandlung“ in jenen Schreckenstagen gefragt. Ich kann es nicht wiedergeben. Man würde sich nichts darunter vorstellen können. Aber ganz gewiß nicht sind es Prügel, die einen wahnsinnig machen. Prügel gibt es auch, aber das ist das Primitivste. Wirken nur bei den (134)

Größten Hasenfüßen. Man gibt ihnen ein paar schallende Ohrfeigen und sie sagen alles, alles... Nur, um nicht mehr geschlagen zu werden.

 

Aber bei anderen bewirken Schläge genau das Gegenteil von dem, was die Verhör-Spezialisten erreichen wollen: Widerstand! Nun erst recht nicht!

 

Das erste Wort, das mir einer der Verhöroffiziere  in der Zelle mit höhnischem Grinsen sagte, lautete wörtlich:

 

„Wir kennen die Verhörmethoden der russischen GPU ganz genau! – Hä hä hä!“

 

Dann sagte er vollkommen tonlos, wie so ganz nebenbei und nur vor sich hin:

 

„O Susanne, wie ist das Leben doch so schön.“

 

Daraufhin blinzelte er mich an und sagte nichts weiter.

Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

Oh wie klug war das ausgedacht: alle Achtung vor eurem Können, aber wehe mir! Wenn ihr schon dieses – sozusagen letzte – Geheimnis wisst, was wisst ihr dann überhaupt noch nicht?

 

Wie, wenn sie mit diesem Notschlüssel Funkverbindung zu „Hansel“ aufnehmen? Sie können doch auf diese Weise von ihm erfahren, was sie wollen.

Ja, sie können sogar die ganze Gruppe samt Material nachkommen lassen... Es ist nicht auszudenken...

 

„Interrogation“ (d. h. Gefangenen-Verhör) ist eine Wissenschaft. Zwar eine teuflische. Aber sie ist zu erlernen. ...

Ob groß, ob klein, ob dick oder dünn, ob klug oder primitiv - - -Jeder --- jeder!!! Findet in (135) der Verhörzelle seinen Meister. Und jedem kann man den Verstand abnehmen. Jedem!!! Es wird eben ausprobiert, bis es klappt. Der eine wird wie ein Fürst behandelt und bewirtet. Er erhält alles, was er wünscht, bis er ausgesagt hat. Dann wird er genauso als Dreckhund behandelt wie die übrigen Häftlinge. Ein anderer wird auf die schmale Kost gesetzt, dass er seine rein physischen Widerstandskräfte bald verloren hat.

 

Wochen- und monatelange Dunkelhaft sind beliebte Heilmittel für verstockte Gefangene.

Oder: Eines Nachts wird die Zellentür aufgerissen, der Gefangene aus dem Schlaf herausgerissen, gefesselt und in ein Auto gezerrt. Schläge. Püffe. Flüche. Rasche Fahrt, hinaus in die Wüste. Schweigend. Aussteigen:

 

„Stay there!“ Dorthin stellen.

 

An den Pfahl. Das Exekutionskommando stellt sich auf. Befehle. Ein Offizier steht dabei, die Uhr in der Hand.

 

„In zwei Minuten werden Sie hingerichtet.“ Pause. „Falls Sie noch etwas auszusagen haben sollten...“ Pause. „Noch eine Minute – 40 Sekunden – 30 – 20...“

 

Die Gewehre werden hochgerissen.

 

„Sie haben also nichts mehr zu sagen. O. K. – Ich habe es gut mit Ihnen gemeint. Sie hätten Ihr Leben vielleicht noch – na ja – zehn Sekunden – fünf – Achtung! Ffff...“

„Du dummes Schwein stehst da und glaubst, einen Heldentod sterben zu dürfen! Nein, mein Lieber –aber das war eine Kostprobe, damit du eine Ahnung davon bekommst, was wir mit dir noch alles machen werden.“

 

Und mit Schlägen, Püffen und Flüchen geht es zurück in die Zelle.

 

Da hat einer ein Geheimnis. Das will er unter keinen Umständen preisgeben. Er hat mit niemand darüber gesprochen. Er wird verhört – verhört. Eines Tages wird ihm dieses Geheimnis auf den Kopf zugesagt. Der Mann bricht zusammen. Der Widerstand ist gebrochen. Wenn (136) die Verhörleute das herausbekommen, was er niemandem gesagt hat, dann lieber gleich alles verraten, damit die Quälerei ein Ende hat. –

 

Und wie war das möglich? Gibt es nicht merkwürdige Menschen genug, die in Friedenszeiten im Zirkus, im Varieté auftreten und ihre Kunststücke des Gedankenlesens, der Hypnose und ähnlicher Dinge zeigen? Nun, im Krieg setzt man sie eben hier ein.

 

Ins Abendbrot ein Schlafpülverchen — --   und man kann mit dem Mann machen, was man will. Und nichts weiß er am Morgen. Auf Fragen hat er im Schlaf hemmungslos geantwortet.

 

Und dann: Gibt es jetzt nicht chemische Mittel, mit deren Hilfe man einem Menschen den Willen nehmen kann...?

Oder: Im Fenster der Verhörzelle sitzt eine große, glänzende – schwarze Katze. Wie zufällig. Aber wie klug berechnet. Wie viele Menschen geben ihren Widerstand auf – nur aus Aberglauben: Eine „schwarze Katze“ zum Verhörbeginn, das muß ja schief gehen!

 

„Zellenspione“ sind immer noch eines der besten Mittel, den Gefangenen zu Fall zu bringen. Ich habe sie auch erlebt, zwei Meister ihres Fachs.

 

In zerrissener, stinkender, dreckiger Sträflingskleidung lag ich in meiner Zelle. Kaum gab es etwas zu essen. Hungerkur! Hunger! Hunger!

 

Selbstmord war unmöglich. Raffiniert war alles ausgeklügelt. Als dann ein pausenloses Verhör über mich hereinbrach, verging mir buchstäblich „Hören und Sehen“.

 

Ich war nahe daran, meinen Verstand zu verlieren. Vor allem wollte ich gewisse Dinge unter gar keinen Umständen aussagen. Dabei bewies man mir jedoch zu meinem größten Erstaunen, dass die Engländer massenhaft Dinge aus unseren Generalstäben wußten,  wie ich es nie, (137) für möglich gehalten habe. Wie – ist  - das möglich? Fragte ich mich immer wieder. Woher können diese Leute so enorm viel über uns wissen? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.

 

Ich versuchte, die Aussagen zu verschleiern, auf deutsch: mich herauszulügen. Außerdem wollte ich alle Aussagen möglichst in die Länge ziehen. Jeder Tag ein Gewinn! dachte ich.

Wochenlang gelang mir dies trotz tagelangen scharfen Kreuzverhören.

 

Immer mehr und mehr bewies man mir aber, dass ich da und dort gelogen hätte, und man sagte mir die wirklichen Tatsachen auf den Kopf zu.

Dennoch konnte ich mich in wichtigen Dingen immer noch herausreden. Die Geheimnisse, die ich unter allen Umständen verbergen wollte, hatte ich immer noch nicht ausgesagt.

 

Dann kam ich vor ein Kriegsgericht und wurde kurzerhand zum Tod durch Erhängen verurteilt.

 

Die Würfel waren gefallen. Die Würfel waren gefallen. Mir soll´s recht sein. Lieber tot als diese fürchterlichen Verhöre noch länger mitmachen! Nur, die schwarze Kappe, die man einem über den Kopf zieht, bevor es an den Galgen geht, die ist mir reichlich widerlich...

 

So denke ich gerade noch, als der leitende Verhöroffizier vortritt und sagt:

 

„Wir betrachten Sie von jetzt an als tot, hängen Sie aber erst auf, wenn wir aus Ihnen alles herausgebracht haben; du dreckiges deutsches Schwein!“

„Jetzt ziehen wir andere Verhörmethoden auf, darauf kannst du dich verlassen!“

 

Dann werde ich wieder im Marsch-Marsch in meine Zelle zurückgeprügelt.

Der Mann hatte recht: Bisher waren die Verhöre nur Kinderspiel gewesen.

 

Fortsetzung folgt

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