ETIKA

Völkerverständigung

www.etika.com
17.12.2002

5KUR5F
= 58B74

Als Deutsche Kurden zur Freiheit verhelfen wollten
(VI)

Wir danken Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu verbreiten

Teil 1 Unternehmen Mammut

Teil 2: Das Hohe Lied der Treue. Es heißt: Ramzi Naafi Raschid
Teil 3: Mit Ramzi nach Erbil
Teil 4 Die Schmugglerbande
Teil 5 Maadi
Teil 6 Als Gottfried Müller starb (nachstehend)
Teil 7 In Bagdad

Warum wir siegen werden:
Die Welt, von der die Amerikaner und Briten nichts wissen
Why the victory will be our´s:
The inner world which the Sex-, Crime- and Bomb-Americans
and Britains don´t know

„Come on bloody bastard“ -
Als Gottfried Müller starb

(138) Als die Verhöre nicht mehr auszuhalten waren, erfand ich doch noch einen Weg, mich von dem Leben, das ja kein Leben mehr war, loszureißen.

 

Außerdem war ich jetzt nahe dem Punkt, wo ich die erwähnten Geheimnisse hätte zwangsläufig aussagen müssen. Und. das wollte und wollte ich nicht. Lieber sterben! Nur kein Verhör mehr! Nur nicht das aussagen müssen, was ich nicht aussagen will!

Bevor man mich zum nächsten Verhör abholt, muß alles vorbei sein. Sterben muß ich ja sowieso, dann lieber schon jetzt, ohne noch vorher wichtige Dinge ausgesagt zu haben.

 

Soll ich es tun? Soll ich es nicht tun?

In zwei bis drei Sekunden wäre aller Schmerz und alles Leid zu Ende. Dann wäre ich frei!

 

Aber man darf sich doch nicht selbst das Leben nehmen! ? Oder muß ich es in meiner Situation tun?

 

Ich höre Soldatentritte. . . Sie nahen sich meiner Zellentür.

Sicher soll ich wieder zum Verhör geschleppt werden!

Also muß es vorbei sein. . . .

Ja - - nein - - ja - - nein - - so geht es blitzschnell durch mich hindurch. Hin und her.

 

Da saß ich zusammengebrochen auf meinem harten Lager und rang mit mir. Ach, wenn ich nur einen Augenblick hätte ganz ruhig sein können! Was hätte ich für einen einzigen Moment der ruhigen Überlegungsmöglichkeit gegeben!

 

Aber die Gedanken durchrasten mich wie ein Wirbelsturm und das Ich, ich der Mensch, die Persönlichkeit, fing an, sich aufzulösen.

 

Da saß ich nun. Konnte nicht einmal mehr beten. Es war nur noch ein dumpfes Stöhnen und müdes Haltsuchen an Einem, der weit weg war. Er war wohl gar nicht da! Nicht für mich da!

 

Da fiel ein Bild in meine Fieberphantasien hinein. Das Bild einer Frau. Halt! halt!!! halt, bleibe da! Bitte, nicht weggehen! Niemand ist bei mir. Ich bin so allein. Ich begehe Selbstmord. So allein bin ich. Ich heule vor Schmerz, vor Angst. . "

 

"Halt mich fest !" rufe ich. "Halt mich fest !" rufe ich wieder und wieder: "Halt mich fest !"

 

Da war sie, ruhig, lieb, lächelnd, gut. Ach so gut. Sie, diese Frau. Meine Frau! Meine gute, liebe Frau!

 

Ich bäumte mich auf. Draußen trampeln wieder Soldatenstiefel vorbei. Halten vor meiner Tür. Gewehrkolben setzen auf.

 

Gleich wird der Riegel zurückgerissen. Es tut so weh - - dann:

 

"Come on bloody bastard!"

 

und ich werde wieder mit Püffen und Hieben zwischen zwei Soldaten laufend über den Hof zur Verhörbaracke getrieben. . .

 

Nein, es ist nebenan. Armer Hund dort drüben, der schon so viel geweint und geschrien hat.

Draußen knallt es wieder und wieder, wie so oft. Wer da wohl wieder sterben muß?

Werde ich der nächste sein?

 

Aber nein, man hat mich doch zum Tod durch den Strang verurteilt. Ich werde also nicht erschossen. O die Kappe, die scheußliche Kappe, vor der mir graut. Wenn mir nur das erspart bliebe: wenn ich nur ohne die Kappe sterben dürfte. Ich möchte den blauen Himmel und die liebe Sonne sehen, bis zum letzten Atemzug!

 

Das liebe Bild meiner lieben Frau war ein Gottesgeschenk. Es war nun wieder fort. Aber, es blieb ein Schimmer von Friede zurück, ein kleines Plätzchen der Ruhe.

Und daran hielt ich mich krampfhaft fest.

Ich überlegte ruhig; konnte endlich ruhig denken. Es eilte. Was sollte ich tun?

Ich hatte mir doch vorgenommen, das nächste Verhör (139) nicht mehr über mich ergehen zu lassen und vorher meinem Leben ein Ende zu machen. . .

 

Nun aber war ein kleiner, doch so warmer Sonnenstrahl in meine Zelle hereingekommen, der anfing, die Verzweiflung aufzulösen.

·        Und dieser Sonnenstrahl hieß Pflicht!

·        Frau, Kind, Familie verlangen die Pflicht zum Leben.

·        Familie, Heimat, Volk brauchen meine Kraft.

·        Warten nicht meiner Aufgaben die Fülle?

 

Habe ich nicht tausend Dinge falsch gemacht, schlecht gemacht? Wie viel Gutes habe ich unterlassen! Wie viel Böses habe ich getan!

 

Ach Du lieber Gott, wie Du auch bist und wo Du auch bist. . . . es ist mir jetzt ganz gleich. Nur bitte ich Dich:

Höre auf mich in dieser tiefsten Stunde meines Lebens. Hiermit sage ich Dir, ich werde meine tölpelhafte Hand nicht in Deinen Ratschluß mischen. Ich werde nicht die Hand an mich legen, komme, was da wolle. Wenn Du willst, daß meine Lebensuhr abgelaufen sei, ohne Gnade und Pardon -, dann willige ich darein. Dann rufe ich einfach Deine Liebe und Barmherzigkeit an, die werden mir alles, was ich in meinem Leben falsch gemacht habe, vergeben!

Aber wenn es möglich ist, daß Du mir nochmals eine Chance zum Leben gibst, dann bitte ich Dich von Herzen darum. Sieh, ich möchte hier noch etwas gutmachen und dort, wo ich falsch gehandelt, möchte ich es besser machen. Überhaupt ist eine solche Fülle von Unrat in mir. Oh, ich sollte noch Jahre und Jahrzehnte haben, um ihn auszumisten und an dessen Stelle etwas Besseres zu setzen: Liebe zum Nebenmenschen, Deine Gebote halten, Dein Diener sein.

 

(141) Ich erhob mich, langsam, aber fest entschlossen. Den Weg werde ich weiter gehen, auf den ich durch meine himmelstürmenden Pläne, die nur auf meinem Ego, dem großen allgewaltigen Ich, aufgebaut waren, gekommen bin. Ich werde ihn zu Ende gehen. Aber, ich gehe ihn nun nicht mehr selbst in eigener Kraft.

 

Ich übergebe mich und mein Leben bewußt Dem, Dem es allein zusteht - Dir, Gott, Der Du mich erschaffen hast und auch erhalten kannst, wenn Du willst. Und in diesen Deinen Willen greife ich nun nicht mehr ein. Ich bitte Dich aber, mir zu verzeihen, daß ich so lange und so weit ohne Dich meinen Weg gegangen bin.

So nimm denn Du meine Hände und führe mich!

 

Noch bin ich zu jung in diesem Denken, - aber ich fühle jetzt schon, daß ich diesen Schmerzensweg gehen mußte, um den Vater zu finden. Wie werde ich Ihm mehr und mehr und von ganzem Herzen danken, daß Er mich nicht in die Ecke gestellt hatte und mich meinen eigenen Weg gehen ließ, sondern, daß Er mich so lange in die Enge trieb, - bis vor den Galgen hin, - eben so lange, bis Er mich hartgesottenen Egoisten eingefangen hatte.

Ich will alles aus Seiner Hand nehmen. Er wird's wohl machen.

 

(Anmerkung etika.com: Gottfried Müller ist evangelisch. Wer von unseren katholischen Lesern glaubt, er komme in die Hölle, weil er nicht katholisch ist, der irrt. Im übrigen haben wir viele Male dieselbe Erfahrung gemacht wie Müller: Gott duldet, dass wir bis an die Grenze kommen, in unerträgliche Situationen, damit wir uns besinnen, dass Er da ist und uns helfen will. Aber wir müssen umkehren zu Ihm.)

 

Wie weise und mächtig Gott damals eingegriffen hat, erfuhr ich viel, viel später.

In einem der ersten Briefe, die ich von meiner Frau nach dreieinhalb Jahren in Kairo erhielt, schrieb sie:

 

"Bitte, schreibe mir doch, was an dem und dem Tag los war. Ich ging mit meinem Vater durch einen Wald spazieren. Da drang auf einmal ein gewaltiger Ansturm aus dem Äther auf mich ein, dem ich kaum gewachsen war, und ich hörte Deine Stimme ganz deutlich, aber gequält und hilfesuchend: "Halte mich fest! Halte mich fest !"

Und so gut ich konnte, habe ich Dich festgehalten! ! !-

(142)  Als der Sturm dann vorbei war, war ich so von Kräften, daß ich mich auf der Stelle niederlegen mußte und erschöpft einschlief. Stundenlang schlief ich auf dem harten Waldboden jenes Ortes. Ich sagte dann meinem Vater, daß mit Dir in diesem Augenblick etwas Furchtbares geschehen sein müsse, ja, daß Du wahrscheinlich sterben mußtest."

 

Sie hatte recht, ich bin gestorben: Ich, das eigensüchtige, gottlose Ich ist gestorben. Und seit diesem Augenblick arbeite ich unablässig daran, Gott ein würdiger Diener und Knecht zu sein.

 

Die Verhöre gingen mit aller Wucht, aller Intensität, aller Gemeinheit weiter. Aber es war irgend etwas in mir, das mich nun nicht mehr verzweifeln ließ. Eine Kraft. Eine Geborgenheit. Eine Harmonie. Eine Ausgeglichenheit.

 

Dies mußten die Verhöroffiziere wohl allmählich merken. (Einer dieser Könner der "interrogation" war jener Offizier mit dem Wiener Dialekt, der mich in Bagdad einige Male aufgesucht hatte.) Sie konnten nicht mehr so recht an mich heran.

 

Gleichzeitig aber erwuchs mir eine Hilfe von einer Seite, an die ich am allerwenigsten gedacht hätte: Meine beiden Zellenspione halfen mir aus der Not. Es waren die gerissensten Burschen, die man sich denken kann, und ich hörte später wiederholt von ihrem erfolgreichen Wirken.

 

Da ist so ein armer Gefangener monatelang allein und mit den Nerven dermaßen herunter, daß es eine Erholung für ihn ist, wenn ein "Mitgefangener" zu ihm in die Zelle gesperrt wird. Jener klagt und weint, weil es ihm so schlecht geht; er beichtet irgendeine Kleinigkeit, die er noch nicht ausgesagt habe und bittet um Rat. Man (143) vertraut sich. Es ist doch jeder in der gleichen Patsche. Man spricht sich aus. Und .dann ist es passiert. . .

 

Als die beiden "Mitgefangenen" auf mich "angesetzt" wurden, war ich von Anfang an hellwach.

 

Bald habe ich ihren Auftrag herausgefunden. Doch lasse ich mir nichts anmerken. Im Gegenteil, ich mache sie zu meinen Helfern. Sie haben bestimmte Dinge herauszufinden; dabei soll festgestellt werden, ob das, was ich ihnen anvertraue, mit dem übereinstimmt, was ich Wochen und Monate früher im Verhör ausgesagt hatte. Nun erzähle ich ihnen möglichst haargenau dasselbe und jammere ihnen vor, wie unglücklich ich darüber sei, daß man mir das nicht glaube, was ich ausgesagt hätte, daß man mich endlos quäle, wo ich doch rein gar nichts mehr zu sagen wüßte - - - Was war der Erfolg?

 

Die Verhöre schliefen je länger je mehr ein. Man hatte nun den "Beweis", daß ich die "reine Wahrheit" und "alles" ausgesagt hatte. Doch konnte mir die vergangenen, schrecklichen Wochen und Monate hochnotpeinlichen Verhöre natürlich niemand mehr abnehmen. Die hatte ich durchmachen müssen.

 

Liebe Freunde! Man wird nicht so schnell wahnsinnig! und wenn dies zwei von vieren dennoch werden, dann braucht man nichts mehr weiter dazu zu sagen.

 

Zwei meiner Kameraden vom Unternehmen Mammut waren bei den Verhören tatsächlich wahnsinnig geworden.

Natürlich versuchten die Engländer noch mit vielen Mitteln und Methoden, mich - wie es erforderlich war - klein zu kriegen, kaputt zu machen, physisch und psychisch, körperlich, seelisch und geistig.

 

(144) Monatelang ging dieser Kampf, gleichzeitig mit den Anstrengungen der beiden Zellenspione, mich "hereinzulegen" - - - dann verebbte er und ich blieb ungeschoren in meiner kleinen Zelle zurück. Monate noch.

 

·        Aber diese Zelle wurde mir zu einer Kapelle, in die das Licht der Ewigkeit hereinleuchtete. Sie wurde mir zu einer Klause, in der ich, das neugeborene Anfängerlein im Weg mit Gott, erst einmal lernen mußte, die ersten Schritte zu machen. Nun war es mir nicht mehr langweilig.  Ich brauchte keine Bücher. Meine Gedanken waren mir genug, und ich wuchs heran im Glauben an Ihn, den allumfassenden Schöpfer und Erhalter, der sich um jedes kleinste Kreatürlein und erst recht um den, der sich auf Ihn verlässt, kümmert.

 

Als die Verhöre zu Ende waren, mußte ich annehmen, daß anschließend die Exekution, nämlich das Aufgehängtwerden, erfolgte. Ich schrak jedesmal zusammen, wenn die Zellentür aufgerissen wurde.

 

Dieses Warten auf den Tod, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Monat zu Monat - - das nagt bei aller Gottergebenheit, besonders wenn man solch ein Anfänger ist wie ich es bin, noch grausam an den Nerven. Es geschah jedoch nichts.

 

Fortsetzung folgt: In Bagdad

 

Index 5