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5KUR5I |
Als Deutsche
den Kurden zur Freiheit verhelfen wollten (IX) |
Wir danken
Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im
Internet zu verbreiten |
Teil
2: Das Hohe Lied der Treue. Es heißt: Ramzi Naafi Raschid
Teil
3: Mit Ramzi nach Erbil
Teil
4 Die Schmugglerbande
Teil
5 Maadi
Teil
6 Als Gottfried Müller starb
Teil
7 In Bagdad
Teil 8 Eingekerkert im
Heiligen Land
Des Rätsels Auflösung: Verräter in Berlin - Flucht
(165) Gegen Ende meines Aufenthaltes im „Kloster Emmaus“ erhielten wir einen neuen Wachposten vor unserer Tür. Aus Langeweile erkundigte sich dieser Engländer nach dem Schicksal der einzelnen Gefangenen. Ich erzählte ihm, ich sei in Kurdistan in Gefangenschaft geraten.
(166) „Oh“, sagte er, „westlich von Mossul?“
Ich bejahe. Er lächelt verschmitzt. Der Krieg ist ja seit einem Vierteljahr zu Ende. Nun kann er es ruhig sagen.
Damals sei er gerade in Mossul stationiert gewesen. Vierzehn Tage vor unserer Landung schon
hätten die dortigen Einheiten Befehl erhalten, bereit zu sein, um ein deutsches
Kommando, das hier abgesetzt werden würde, sofort zu fassen.
Mir blieb die Luft weg. Ich muß leichenblaß geworden sein, denn der Tommy wendete sich sofort ab...
Nun hatte ich die Erklärung auf die tage-, nächte-, wochen-
und jahrelange Frage: Wie war das
möglich?
Meine eigene Dienststelle in Berlin hatte mich den Engländern in die Hände gespielt.
Mit teuflischem Zynismus wurde ich verraten. Von meiner eigenen Heimat!
Bis zu diesem Augenblick hatte ich nie, nie, nie ! ! ! an die Möglichkeit eines Verrates gedacht. Mich ...meine ... Kameraden von zu Hause ... verraten!? Niemals im Leben.
Und nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen:
Erst hatte man versucht, das Unternehmen zu sabotieren, mir die benötigte technische Ausrüstung vorzuenthalten. Da ich eisern vorging, gab man Befehl, meine Gruppe aufzulösen ... Vermutlich hatte der eklige Kerl vom Bodental damals seine Hände im Spiel.
Dann verzögerte man den Abflug wochenlang, indem man vorgab, es sei keine Maschine einsatzbereit.
(167) Auch hierdurch ließ ich mich von dem Vorhaben nicht abbringen; so benachrichtigte man – die Engländer, daß man mich und meine Kameraden nicht dort absetze, wo ich wolle, sondern 250 km davon entfernt, bei Mossul, wo sie mich sofort nach dem Absprung gefangen nehmen könnten.
So flog man also direkt nach Mossul, ging auf 3-5000 Meter herunter, kreiste ein paarmal nachts mit der viermotorigen deutschen Maschine über der Stadt und sagte den wartenden Engländern und Amerikanern:
„Nun sind wir da. Bitte sehr; wir fliegen nur ein Stückchen hier hinaus, gen Westen, immer dem Fluß entlang. Dann werfen wir die Burschen und das Material ab, möglichst hoch, damit sie weit zerstreut in der Gegend landen und sich nicht mehr zusammenfinden. Wir hätten sie schon gerne auf dem Herflug um die Ecke gebracht, indem wir ihnen den Sauerstoff vorenthielten. Leider merkte es der Kommandoführer und der ,Absetzer´ half ihnen...“
... in der Heimat ... Dort wartete mein Freund ... (168) auch mein Bruder ... (169) Man horchte .. Tag und Nacht. Es kam nichts. Stille. Todesstille im Aether. Mittlerweile kam der Abwehrspezialist ... zu meinem Freund, dem Verbindungsoffizier ... Irgend etwas müsse nicht gestimmt haben. ... mein Freund ... machte sofort eine Meldung an unsere Berliner Dienststelle ...Als Reaktion bekam er sozusagen in der nächsten Minute seine Versetzung zur Fronttruppe. ... Auflösung der „zweiten Gruppe“. Aus. Das teuflische Spiel des Verrats war ja nun erfolgreich zu Ende gespielt ... Weg .. mit so pflichteifrigen Offizieren, die einem womöglich noch gefährlich werden können!
(171) ... überführte man uns in ein deutsches Kriegsgefangenenlager in Ägypten. ... Als erstes brannten wir darauf, beim Roten Kreuz angemeldet zu werden. Damit waren wir wieder unter den Lebenden und man konnte uns nicht verschwinden lassen. Bald darauf durften wir auch zum erstenmal nach Hause schreiben. Oh, was war das für ein Gefühl ...
Schließlich kam auch die erste Nachricht. Frau lebt, mußte zwar in den Kriegswirren fliehen, das Baby (ein Bub!) im Rucksack. ... Nur Hunger. Hunger!! Am Zusammenbrechen. Eltern leben auch. Auch mein Bruder ist einigermaßen heil durchgekommen. Und die Kameraden, die ich in Berlin zurückgelassen hatte? Fast alle tot. Gefallen. Umgekommen.
(172) Im Lager hatte ich mich sofort an die Arbeit gemacht und Bücher gelesen, verschlungen. ... Mein Gedächtnis und Denkvermögen trainierte ich durch das Erlernen großer und teilweise schwieriger Gedichte.
... in einem großen Offizierlager in der Wüste, etwa 80 bis 100 Kilometer von Kairo entfernt... In der Wüste! Tagsüber heiß, nachts kühl, manchmal bitter kalt. ... Zelte ...
(174) Der nächste Brief meldet, daß meine Frau auf der Treppe eines Hauses zusammengebrochen sei. Unterernährung. Unablässig grüble ich, wie ich von hier aus helfen könnte.
(175) Bei klarem Wetter sehe ich am Horizont drei winzige
Pünktchen. Das müssen die Pyramiden von
Gizeh sein. In etwa 80 Kilometer Entfernung. Dort in der Nähe ist doch
Kairo. Eine Stadt, wo es Lebensmittel in Hülle und Fülle gibt... Dazwischen
liegt lediglich ein Drahtverhau. Warum diesen Drahtverhau nicht überwinden? Das
wäre wieder einmal Tat! Dieses Da-Sitzen
ohne die kleinste Möglichkeit, helfen zu können, während zu Hause die Meinen
hungern – nein, das ist unerträglich.
Ich war rasch entschlossen. Ein lieber Kamerad hatte dieselben Nöte: Auch seine Frau und Kinder litten Hunger. Er war ebenfalls sprachgewandt... Ein Dritter bat, auch mitkommen zu dürfen. (177) Probe-Ausbruch ... Der Ausbruch muß durchgeführt werden, sobald die Sonne hinunter und die Nacht am Hereinbrechen ist. In diesen paar Minuten!
(178) Wir warten auf Hilfe von „draußen“, das heißt von außerhalb des „Special Cage“. Da kommen auch schon zwei unserer eingeweihten Kameraden daher...Die Neger stehen am Tor und wir können nicht hinaus... Sie ziehen die Wärter in ein lustiges Gespräch – und stellen sich so, daß die Neger für wenige Minuten dem Tor und damit uns den Rücken zudrehen müssen.
Einmal tief Luft geholt und dann – gewagt. Für Frau und Kind!
Durch den ersten Draht bin ich durch, krieche glatt wie ein Aal zum zweiten... Komme durch...
(179) Etwa fünf Meter bin ich gekrochen, da sehe ich plötzlich links von mir Licht näher kommen ... der Panzerwagen ... stürze nach vorn, laufe um mein Leben. Rase hinaus in die Wüste... Das Herz schafft es kaum mehr, es klopft zum Zerbersten. Nun drücke ich mich an die Erde... der Panzer ... bekommt er mich in den Suchkegel? ... Das Rasseln der Ketten ist so nahe, daß ich meine, sie müßten mich im nächsten Augenblick überwalzen. ...wie versteinert ... Rasseln wieder leiser ... die Kameraden ... da sind sie ja auch ... Auch sie haben heillose Angst ausgestanden...
(180) Wir müssen weg, weg, weg... Die Schuhe in der Hand schleichen wir wie Wildkatzen davon... Wir halten uns an ein paar Lichter, die in der Ferne glänzen. Sie gehören zu einem Araberdorf, das etwa 15 Kilometer vom Lager entfernt liegt. Dort zieht sich der „Süßwasser-Kanal“ dahin, ein Stichkanal vom Nil ausgehend. Dieser Kanal bewässert einen Wasserstreifen von etwa drei (181) Kilometer und erzeugt eine üppige Vegetation von Zuckerrohr, Palmen, Baumwolle, Orangen usw. ... Dort drüben, jenseits des Kanals, ist die Gewalt Englands zu Ende. Zeigt sich dort drüben ein Tommy, dann wird aus irgendeinem Hinterhalt scharf auf ihn geschossen. Den „Alemanis“ tun die ägyptischen Bauern nichts.
...Hundegebell ...Zum Glück verfolgen uns die Hunde nicht... Wir hören Stimmen... Frauen ... schweigend gehen sie vorüber.
Da sind wir an der Straße. Hinter ihr fließt der Kanal. Wir ziehen uns aus, machen ein Bündel aus unseren Kleidern...
(182) Ich tauche hinein, schwimme mit raschen Stößen hinein ... 20 Meter ... ausgemergelte Körper ... Das Paket über dem Kopf wird schwerer; schon kann ich es nicht mehr hochhalten; es saugt sich voll...
Nun wringen wir das Wasser so gut es geht heraus und steigen schlotternd und frierend in die nassen Kleider. Ein Mann kommt auf uns zu ... Er redet auf uns ein, wir sollten mit ihm gehen... Er machte alles andere als einen guten Eindruck und hätte uns vielleicht nur ins Dorf gelockt, um uns an die Polizei zu verkaufen. Gegen Kopfgeld... Nun aber los ... Richtung Kairo.
Ich kann nur sagen: wunderbar! ist das, was ich jetzt empfinde. Jetzt, da ich frei bin. Ein Mensch mit eigenen Entschlüssen. Nach jahrelanger und so furchtbarer Gefangenschaft. Es ist wie ein Märchen. So unendlich lange habe ich keinen Baum mehr berühren können. Nun ist einer hier vor mir. Tränen des Glücks kommen mir, und ich gehe hin und streichle seine Rinde.
(183) Zum Himmel blicke ich empor, falte die Hände und danke
innig für das Gelingen.