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5KUR5J |
Gottfried
Müller: Im brennenden Orient (X) |
Wir danken
Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im
Internet zu verbreiten |
Teil
1 Übersicht Index Unternehmen Mammut
Flucht nach Kairo
(183) Endlich, nach stundenlangem Vorwärtstasten, erreichen wir die Wüste. ... Es friert uns entsetzlich in den nassen Kleidern, doch stellen wir fest, daß der Wüstensand unter der Oberfläche noch schön warm ist. Jeder buddelt sich ein Loch (184) mit den Händen, legt sich hinein und deckt sich mit einer dicken Sandschicht zu.
Beim ersten Morgengrauen schreiten wir hurtig aus. Da kommt ein Dorf in Sicht. Im nächstgelegenen Haus... Der Abu, der Hausvater gibt uns Tee, Chobbes, das sind arabische Brotfladen, und etwas Ziegenkäse. Anstelle der uniformmäßigen Kleidungsstücke, die wir im Lager erhalten hatten, gab der pfiffige Alte jedem von uns ein abgetragenes, schmutziges und zerrissenes langes Gewand; es ist eine Art Nachthemd, das der orientalische Bauer als ziemlich einziges Bekleidungsstück auf dem Körper trägt. Es ist luftig und der Hitze des Landes angepaßt.
...Polizei ist strengstens angewiesen, jeden flüchtigen Kriegsgefangenen zu kassieren und nach Kairo einzuliefern. Dort kommt er ins „Europäergefängnis“ und wird dann den Engländern ausgeliefert.
(185) Dort drüben steht eine Art Sommerhaus inmitten eines großen Gartens; es ist eine Anlage, wie sie reiche Leute, die in den Städten wohnen, besitzen. ... Griechen ... Armenier ... sprechen alle französisch.
... sitzen auf einer Terrasse elegante Damen und Herren... feines Porzellan und Besteck ... Frieder geht einfach zu den Leuten hin... und erzählt in tadellosem Französisch, wer wir sind, und daß wir soo gerne einmal wieder aus einer hübschen Tasse einen guten Tee trinken möchten. Die guten Leute lachen aus vollem Halse ob der Unverfrorenheit und machen gerne diesen Spaß mit. Wir werden mit Getränken, Gebäck und Früchten bestens bewirtet – bis wir nicht mehr können. ...
(186) Strauchdiebe ...Wir schlichen gerade durch eine Plantage, einem drei Meter breiten Bewässerungsgraben entlang. Plötzlich trabten auf dem Weg drüben zwei Reiter uns entgegen. Wilde Gesellen mit verwegenen Gesichtern. ... riefen uns ein gebieterisches „Halt!“ zu. Sie sagten, wir sollten unsere Taschen ausleeren, sonst ritten sie spornstreichs zur nächsten Polizeistation und zeigten uns an. Wir zogen eine um die andere unserer bescheidenen Raritäten aus der Tasche, warfen sie befehlsgemäß hinüber über den Graben...
Auf der anderen Seite lernten wir aber auf diesem (187) Marsch prächtige ägyptische Jungens kennen, die uns Früchte brachten und uns zu sich nach Hause einluden, sobald sie erkannten, daß wir Deutsche waren. ... Nur einmal zweifelte ich an der Aufrichtigkeit einer Gastfreundschaft ... bat uns einer ..., unser Gebiß sehen zu dürfen. In Wirklichkeit wollte er nachsehen, wieviel Goldkronen wir im Munde hatten... Er sah ein, daß wir arme Schlucker waren und ließ uns ungeschoren.
... ein alter, großer, stolzer Beduine ... machte uns auf kleine Löcher im Wüstensand aufmerksam ... hier wohnten Springmäuse, die sie, die Beduinen, fingen und verzehrten ... Wupp, wupp wollte die Maus vorbeihuschen. Aber der Mann hatte sie schon in der Hand ... Miniaturausgabe eines Känguruhs... (188) Das Tierchen guckte uns so angsterfüllt an und sein Herzchen klopfte so stark, daß ich nicht anders konnte, als der Maus zu helfen. Ich bat den Beduinen, er möge uns doch zeigen, wie die Springmaus eigentlich „laufe“. Er öffnete die Hand – schwupp war sie weg...
... schlichen wir in die Plantage hinein; einige Arbeiter – Aegypter –empfingen uns überaus herzlich und luden uns ein, an ihrem einfachen Mahl teilzunehmen. Ich denke heute noch mit Rührung an diese und andere edle Menschen, die uns in jenen Tagen so hilfreich beigestanden sind. Die Arbeiter erzählten uns, daß der „Ingenieur“ der Anlage ein Deutscher sei... kam auf einem Esel angeritten und machte ein mürrisches Gesicht, als er uns sah. Er habe schon so vielen Deutschen ... mit Geld und Kleidung geholfen, daß er beim besten Willen nichts mehr tun könne... (189) Frieder, mein Wiener Freund ... „Einen österreichischen Landsmann kann ich allerdings nicht so weiter ziehen lassen.“ ... Nachtlager ... (190) ... kleidete er uns, daß Frieder und ich nach Kairo fahren konnten. Für den dritten Kameraden fand er eine Stelle bei einem befreundeten Gutsherrn. ... noch ein paar Münzen...
Der Omnibus kam ... nach drei Stunden stiegen wir am Bahnhof aus.
(191) In einem ganz einfachen Araberhotel mieteten wir uns ein. In die Meldezettel – der liebe Gott verzeihe mir das Unrecht –schrieben wir unsere „neuen“ Namen ein: Ich heiße von da an Olaf Carlsson und war ein Schwede, mein Freund Anderssen stammte aus Dänemark. Nun waren wir von früh bis spät auf den Beinen, um Verbindung zu Landsleuten aufzunehmen, damit sie uns ein paar Piaster gäben, um das billige Hotel und einfachste Speisen bezahlen zu können. Die Leute sahen bald, daß wir keine Bettler waren, sondern bestrebt, raschest Arbeit zu bekommen...
Doch in einem Punkt war ich Bettler. Tag und Nacht stand vor mir das Bild einer halbverhungerten Frau und eines dreijährigen Kindes, das den ganzen Tag jammerte:
„Mutti, Hunger, Hunger!“
So überwand ich Furcht und Scham und fand einige gute Herzen, die bereit waren, unverzüglich einige Lebensmittelpakete an meine Frau in Deutschland zu schicken. Sie kamen, wie ich später hörte, als Hilfe in der allergrößten Not an und retteten die Meinen gerade noch vor schweren Gesundheitsschädigungen.
(192)
· Wie ein physisches Gesetz bekundet, daß keine Energie verloren geht, so glaube ich fest daran, daß auch Liebe nicht verloren geht. Jemand, der Liebe übt, sendet eine positive Kraft aus, die wieder reflektiert wird. Sie geht nicht verloren und kommt später meist wieder auf eben diesen Menschen, der sie aussandte, zurück, vielleicht auch auf einen Sohn jener Mutter, wenn er später einmal in der weiten Welt in Not kommt.
Vielleicht durfte ich hier in Kairo deshalb so viel Liebe erfahren, weil mein altes Mütterchen ebenfalls zeit ihres Lebens so viel Gutes getan hat?
Durch die hochherzige Spende eines lieben alten Herrn war es uns möglich, im Judenviertel, ganz versteckt, ein Zimmer zu mieten.
Hatte ich nicht früher schon Interesse an Heilmassagen und dergleichen? (193) Ich sinne nach. Wie wäre es, wenn ich anfinge, Masseur zu sein? Gedacht, getan. Ich mache „des massages suedois“.
Da gibt mir einer eine Adresse: Sein Freund, ein ägyptischer Ex-Boxmeister, suche einen Masseur für zweimal in der Woche. Nun geht´s los. Ich gehe mit einer wahren Inbrunst auf dieses steinharte Muskelpaket vor mir los. Bis ich aber einen einzigen Arm durchgeknetet habe, geht mir der Atem nahezu aus. Ich bemerke zu meinem größten Schrecken, daß mir die physischen Kräfte fehlen... nehme mich zusammen und arbeite Gliedmaß um Gliedmaß durch. Zum Schluß kann ich nur noch mit meinem ganzen Körpergewicht auf die Fleischmasse vor mir herfallen, um den Rücken durchzuarbeiten.
(194) So! Fertig! Die Arbeit ist fertig, und ich bin fertig, am Ende meiner Kraft! ... Frühstückstisch; lädt mich dazu ein, und ich esse wie ein Löwe.. Ich muß Kräfte bekommen, rasch... gehe zu Ärzten, stelle mich vor ... berühmter Professor ... sage, daß ich in der Lage sei, bei nervösen Störungen erfolgreich einzugreifen. Er ergreift meine Hand und ruft überrascht aus:“Mais, Monsieur, vous avez un très bon magnetisme!“
... hatte bald eine Anzahl vornehmer Kunden, darunter viele Europäer... Bald wurde mir nachgerühmt, ich sei der beste Masseur Kairos.
(195) ... nahm auf Umwegen Briefverkehr zu meiner Frau in Deutschland auf ... vergingen an die zwei Monate, bis man Antwort haben konnte.
(195) Ein schönes Vierteljahr hatte ich die Freiheit genossen, als mich an einem Samstagmittag – ich war auf dem Weg zu einem Patienten –in einer stillen Straßenecke plötzlich und hart zwei Arme unterhakten. Einer links, einer rechts.
(196) ... ein unbewegliches Gesicht ... Da kam auch schon ein Ägypter in Zivil auf mich zu und sagte mir auf den Kopf zu, wer ich in Wirklichkeit bin. Irgendjemand von den wenigen Leuten, denen ich mein Vertrauen geschenkt hatte, mußte mich an die Polizei verkauft haben. Wahrscheinlich um einen Judaslohn. Ich bin ihm nicht böse. Gott verzeihe ihm.
Überhaupt müssen wir das Verzeihen noch viel mehr lernen, wir nachtragenden, übelnehmenden Menschen.
Man sperrte mich in eine Zelle des Gefängnisses für Europäer... Nach einigen Tagen holten mich die Engländer ab. Ich ahnte nichts Gutes. Nach kaum einer Stunde Fahrzeit hielt das Auto. Ein lähmender Schreck durchzuckt mich. Nun stehe ich nach drei Jahren wieder vor jenem Tor, (197) hinter dem irgendwo dahinten die furchtbaren Verhörstellen liegen:
Maadi!
Ich sinke innerlich zusammen... Ich setze mich auf die Pritsche ... erkenne, daß ich in der gleichen Baracke bin, nur eine Zelle neben der früheren. Eine ungeheure Müdigkeit und Trauer überkommt mich. ... trübe Gedanken ...
·
Bald habe ich aber meinen Gleichmut wieder gefunden
–und lächle. ... Jenes stille Wissen um
das Geheimnis eines Menschen, der nicht allein ist. Weil Gott selbst bei einem
ist, schützend und beruhigend.
(198) ... Ich feiere das Fest in meiner Seele ...Ich lasse die Soldaten ruhig betrunken sein und sie in diesem Zustand ihr englisches „Stille Nacht“ gröhlen. Dann denke ich nur: Ihr armen Menschen.
(199) Frieder ist da. Ein paar Zellen weiter nebenan. ... berichtete, daß ein Brief für mich von meiner Frau bei einem ägyptischen Freund eingegangen sei ... die Meinen wieder wohlauf...
Durch einen ganz dummen Vorfall war Frieder in die Hände der Polizei gekommen. Ein ganz anderer wurde (200) gesucht und dabei erwischten sie ihn. ... es war .. weise Führung, die uns hier zusammenbrachte.