ETIKA

Völkerverständigung

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15.3.2003

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Gottfried Müller: Im brennenden Orient (XI)

Wir danken Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu verbreiten

Teil 1 Übersicht Index Unternehmen Mammut

 

Ausbruch

 

Vierzehn Tage mögen vergangen sein und ich werde das üble Gefühl, das mich seit einiger Zeit immer wieder beschleicht, nicht los: Man will mich beseitigen. Etwas Unheimliches ist um mich herum, dem ich mich zwar durch meinen Glauben entziehen kann, aber es ist trotzdem fühlbar in der Zelle. Da ging die Tür auf ... zur letzten Zelle ...wer war da drin? Frieder! ... fallen wir uns um den Hals... erzählte mir Frieder, daß er das unangenehme Gefühl nicht los geworden sei, als passiere mit ihm etwas. Ob man ihn vielleicht umlegen wolle? ... sei er daran gegangen, alle Möglichkeiten einer Flucht durchzudenken.

 

(201) Die Sicherheitsvorkehrungen waren derart vollkommen, daß es einfach Unsinn war, überhaupt daran zu denken.

 

Allein, mein Frieder ist ein famoser Bursche. Er hat immer Ordnung in seinen Sachen. ... auch in seinen Gedanken... ein ausgekochter Mathematiker.

 

(202) Frieder entwickelte seinen Plan: „Ich habe mit einem Fädchen alles ganz genau ausgemessen. Der Plan ist aufgebaut auf allergrößter Verwegenheit.“ Erwischen darf man uns nicht, sonst ist es um uns geschehen. ... Fenster ... Eisenstangen ... Wenn dieser Balken nicht da wäre... von der Mauer müßte noch ein Teil weg... (203) zwei eiserne Bettstellen ... „Habe den Kopf durch diese Bettfuß-Eisenstangen gezwängt und hintennach den ganzen übrigen corpus durchgequetscht. Es tut zwar nachher weh, aber man ist hindurch.“

 

(204) Wir beschlossen, noch einen letzten Versuch zu machen, auf reguläre Weise wieder unter Menschen zu kommen und baten die Wache ... daß der Offizier vom dienst zu uns käme. Drei Tage vergingen und es geschah nichts. Da wurde es uns klar, daß wir nun entschlossen zu handeln haben.

 

(205) Mit viel Mühe hatten wir aus einem Fensterscharnier einen Nagel „herausgepuhlt“. ... Mit dem Nagel wurde nun ein Holzstäubchen nach dem andern herausgekratzt... (206) hörten immer rechtzeitig das Kommen unserer Feinde ... Die Hunde versuchten wir dadurch zu Anhängern einer Freiheitsbewegung zu machen, daß wir ihnen das Fleisch, das man uns zum Essen brachte – Frieder ist auch ein alter Vegetarier – spendierten ... bespuckten es wacker. ...

 

So machten wir kleine „Fallen“, an denen wir nach Rückkehr (von der Arbeit) in die Zelle erkennen konnte, ob jemand da war. Der Fensterflügel wurde in einen ganz bestimmten Grad gebracht, der Stuhl so und so hingestellt, an der grauen Schlafdecke eine kleine Falte gelegt.

 

Einmal gab´s einen großen Schreck ... plötzlich, wie aus dem Boden gestampft – der wachhabende Corporal vor mir. Es muß ein Engel dabei gewesen sein, der ihm einfach die Augen zuhielt, daß er das Loch im Balken, direkt vor seiner Nase, nicht sah. (207) Den gleichen Engel erlebte ich einige Tage später noch einmal.

 

(208) Nun kommt ein spannender Moment: die Probe, ob das Balkenstück nun auch wirklich abzuheben ist. Es ging nicht. ... Zog ruckartig. Und nochmals. Kräftig. Da tat es einen lauten Knall! An der Rückseite des Balkenstückes waren einige Holzteile noch nicht durchgearbeitet gewesen und nun durch das Wegreißend er Länge nach durchgesprungen. ... Totenstille. Und nun dieser furchtbare Krach! Gleich wird die ganze Wachmannschaft da sein... Diesmal ist Frieder der Mann mit dem kühlen Kopf. Frieder sah, daß er das Balkenstück nicht mehr hineinbringen wird. ... Hindernis ins Freie geblasen ... hatte  mit einem heftigen, lauten Schlag den Balken in seine frühere Lage zurückgehauen ... streiche die Löcher zu. Noch Sand darauf – und schon ist der Wespenschwarm da... Aufgeregt...

 

(209) ... überall umherspähend ... Das einzige, wozu wir noch Zeit hatten, war, das tölpelhafteste Gesicht der Welt aufzusetzen... gut gespielt ... auf die Idee, daß die beiden Sonderlinge von Nummer zehn die Ursache waren, kam keiner.

 

Es ist kein Witz, wenn ich sage, daß jene zehn Arbeitstage dermaßen anstrengend für den Gesamtorganismus „Mensch“ waren, daß wir nachher feststellten, daß dieser Ausbruch fünf Jahre unseres Lebens gekostet haben mag.

 

(210) ... gefürchteter Wachhabender...

(211) Er geht hinaus und wir atmen auf. Nun darf es aber keinen Aufschub mehr geben. Heute hat ein Mann Abendwache, der mich besonders „ins Herz geschlossen hat“. Er kommt immer frühmorgens in die Zelle, und wenn ich nicht blitzschnell von der Schlafstelle heruntersause, dann stößt er mich mit dem Knie in den Leib und faucht mich mit einer haßerfüllten, kreischen Stimme an:

 

„Get up, you bloody bastard!“ “Steh auf, die Bluthund, du Mistvieh!”

 

Er hat heute Abendwache ... Ihm will ich einen kleinen Denkzettel mit ins weitere Leben hinein geben.

 

Wie üblich, lassen wir uns um acht Uhr nochmals zur Toilette führen. Zurück in der Zelle, warten wir noch eine halbe Stunde, klopfen und lassen das Licht ausknipsen...

 

Noch fünf Minuten, dann legen wir eine Decke auf den Boden vor dem Fenster, damit ja alles still zugehe. Balken heraus, die Eisenteile zwecks besserer Gleitfähigkeit mit Seife eingerieben, Oberkörper freimachen und dann hinaus. ... Noch heute tun mir die Rippen meines Brustkastens weh, wenn ich an jene Tortur zurückdenke. Frieder ist dünner als ich... endlich ist er draußen. Steht im fahlen Mondlicht da.

 

(212) Nun komme ich, und er muß aus Leibeskräften ziehen; schließlich gelingt es auch. ... können uns alle anderen Gefangenen sehen ... könnte sich jeder einige Vorteile verdienen, wenn er unser Entweichen sofort melden würde... Wir ziehen unsere Hemden wieder an und marschieren weg, aufrecht und selbstverständlich, überqueren unsere beiden „Bewegungsplätze“ und sind bald hinter der Sackleinwand verschwunden.

 

Bis jetzt hat noch keiner der Hunde auch nur einen Piepser gemacht. Ein Sprung über den Graben und ich stehe vor dem Drahtzaun, der besonders sorgfältig und wirr angelegt ist. Sobald man ihn berührt, raschelt und rauscht die ganze Anlage. Etwa 15 Meter rechts von mir ist das Wachlokal, und ich sehe etliche Leute hinter der offenen Türe: unsere Posten.

 

Hinter dem hellerleuchteten Zaun eine Straße und jenseits davon die Kantine mit regem Kommen und Gehen der Soldaten. Wir können nicht mehr umkehren; müssen den begonnenen Weg mit allergrößer Frechheit weitergehen.

 

Ich hänge im Draht und habe mich schon halb hinausgearbeitet, da zerrt mich Frieder zurück und zischt mir ins Ohr:

 

„Mensch, zurück! Da kommen doch zwei!“

 

Während ich verzweifelt versuche, mich aus den tausend Fangarmen des Stacheldrahtes zu lösen – während der Zaun bedrohlich laut raschelt und rattert  - näherten sich uns zwei Soldaten auf etwa fünfzehn bis zwanzig Schritt.

 

Sie müssen mich gesehen und gehört haben! Ich hing doch, in meiner Gefangenenkleidung, mit dem Oberkörper halb draußen auf der hellerleuchteten, sonst (213) gähnend leeren Straße. Dabei kamen sie direkt auf mich zu.

 

Hier lebe ich wieder ein Wunder. Sie müssen mit Blindheit und Taubheit geschlagen gewesen sein. ... Wir machen einen Satz zurück ins Dunkel und kauern da, während die beiden vorbeigehen.

 

... jetzt sind einen Moment  lang Straße und Kantineneingang leer...

... im klappernden Draht ... heraus ... Aufstehen! Aufrecht gehen wir, als ob nichts los wäre, hinein in den schützenden Schatten. Dort stehen überall Baracken... Es ist unheimlich, stets Gefahr zu laufen, von irgendwo her aus dem Dunkel angerufen zu werden.

 

Da sind wir auch schon am zweiten Draht, kommen unangefochten durch; weiter – weiter – weiter. Nun kommt die Freiheit! Die äußerste Lagerumzäunung wird ohne Schwierigkeit genommen und – da stehen wir „draußen“ und damit auf ägyptischem Boden.

 

Kurze Orientierung und ab, Richtung Ort Maadi ... Zu Fuß die 20 km nach Kairo? Unmöglich ... Militärpolizei-Streifen ... viel Sumpfgebiet...

 

(21) Also fahren! Aber Geld? Längst haben wir daran gedacht. Hatte ich nicht in Maadi, dem vornehmen Villenvorort Kairos Massagekunden? Und schuldete mir nicht einer noch Geld?

 

Frieder sagt ihm, ich sei momentan in Geldverlegenheit ... So kommt mein Freund zurück: strahlend, Geld in der Hand. ... Bahnhof ... Zug ... Kairo Endstation... Steigen mit der Masse aus. Dort leuchten die roten Mützen der Polizei. Große Burschen mit spähenden Augen. (215) Wir ducken und drücken uns, so gut es geht. ... husch, im Gewühle der Straße verschwunden. Straßenbahn ... springen ab ... wechseln noch ein paarmal die Tram – und sind bald im Hause unserer Freunde verschwunden.

 

Fortsetzung folgt

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