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Gottfried Müller: Im brennenden Orient (XII) |
Wir danken
Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet
zu verbreiten |
Teil
1 Übersicht Index Unternehmen Mammut
Glück und Unglück – Freud und Leid
Sadismus in Potenz
Vierzehn Tage
hielt ich mich versteckt. Meine Vertrauten versorgten und verpflegten mich,
kleideten mich und gaben mir Geld.
Allmählich wagte
sich das vergrämte Wild vorsichtig aus dem Bau hervor, denn es wurde Zeit,
wieder Geld zu verdienen. Aber womit? Nun, am besten doch wohl durch meinen
alten Beruf, als Masseur.
Eines Tages stand
ich strahlend vor einem meiner früheren Patienten, um auszuprobieren, ob ich
hier wieder anfangen könne...
Man nahm mich
überrascht, aber wieder wie früher, herzlich auf.
"Aber
Monsieur Olaf, wohin waren Sie denn damals plötzlich verschwunden? Wir hatten
doch verabredet, daß Sie jeden Dienstag und Freitag kommen sollten!? Das war
aber nicht schön, daß Sie mich so im Stich ließen !"
Ich strahlte die guten
Leute an, entschuldigte mich und sagte, Monsieur Olaf habe dieses ägyptische
Klima auf einmal satt gehabt und sei mit dem Flugzeug auf und davon, um in der
Schweiz einige Wochen Schisport zu treiben.
Nun sei ich wieder da,
einmal um mich ob der Unverschämtheit meines Verhaltens zu entschuldigen und
dann - nun, um meine Massagen fortzusetzen.
"Aber
natürlich! kommen Sie heute abend, kommen Sie morgen, ganz wie es Ihnen paßt
!"
Meine Entschuldigung
war natürlich das, was man eine Lüge nennt, und ich schäme mich heute darüber.
Irgendwie war ich
gerührt, daß mich alle Patienten wieder haben wollten; mit eine Bestätigung,
daß ich doch etwas konnte.
Ich nahm ein neues
Quartier in einer ganz anderen Gegend, konnte auch wieder einen "falschen
Paß" kaufen.
Dieser lautete auf den
Namen "Fischer", ein praktischer Name, den man leicht
englisch, französisch und deutsch aussprechen kann.
So kam ich in die
merkwürdige Situation, daß ich bei den einen Monsieur Olaf war, andere mich
unter dem Namen Fischer kannten, während meine lieben Freunde den richtigen
Namen wußten.
Bald war ich wieder im
alten, sicheren Fahrwasser. Maadi war vergessen, ich hatte Papiere, Arbeit,
Verdienst, konnte wieder Pakete nach Hause schicken und hatte gute Beziehungen.
Vielleicht brauche ich
in kurzer Zeit, selbst bei Verrat, keine Angst mehr vor Verhaftung zu haben:
Man hat in Regierungskreisen erfahren, daß ich auf Grund meiner früheren
Ausbildung über Kenntnisse verfüge, die sich Aegypten unter Umständen zunutze
machen könnte.
Ich war innerlich schon
so darauf eingestellt, dass ich recht frei und unbesorgt war.
Ich war so recht von
Herzen glücklich.
War es da nicht
verwunderlich, daß ich an diesem Glück auch die Menschen, die mir am
allernächsten standen, teilhaben lassen wollte?
Von meiner Frau erhielt
ich über die Adresse eines ägyptischen Freundes laufend Post und erfuhr von dem
Glück, das meine Freiheit und die Lebensmittel bei ihr auslösten.
Ich fühlte mich so
sicher, daß ich einen außergewöhnlichen Plan ins Auge faßte: Meine Frau mit
Kind nach Aegypten kommen zu lassen.
Doch wurde nichts
daraus. Während meine Frau Vorbereitungen zur Herreise traf, zog sich über mir
ein neues Unwetter zusammen Eines Nachts, ich hatte schon ein paar Stunden
geschlafen, wurde ich von einem Kriminalbeamten geweckt und höflich, aber
unmißverständlich gebeten, mit zum Europäer-Gefängnis zu kommen. Man wolle mich
dort etwas fragen. Ich wußte, fühlte es, daß ich nicht mehr zurückkommen werde.
Der Beamte sagte, ich
sei angezeigt worden, daß ich Deutscher und entlaufener Kriegsgefangener
sei; so habe er mich zunächst wohl oder übel abholen müssen. Gleichzeitig wisse
er aber um meine guten Beziehungen. Ich möge nun eben einmal einige Tage
dableiben, er würde sich sofort an's Innenministerium wenden, damit dieses
offiziell meine Freilassung anordne. Leider sei der Innenminister selbst für
einige Tage verreist.
Was sollte ich machen?
Ich mußte eben dableiben. So wartete ich Tag um Tag und wurde bei den täglichen
Bewegungszeiten von den anderen Gefangenen getrennt gehalten.
Schließlich erfuhren
die englischen Offiziere, die Zutritt zu diesem Gefängnis hatten, von
meiner Anwesenheit und holten mich eines Tages kurzerhand ab. Mein
Zellenkamerad blieb zurück.
Das erstemal in meinem
Leben gefesselt, wurden wir, etwa 15 Mann, alles Flüchtlinge aus den Lagern,
die im ganzen Land eingefangen worden waren, per Lastwagen in ein englisches
Durchgangsgefängnis gebracht.
Später kam jener
Kamerad aus dem Kairoer Kerker nach und erzählte, daß nachdem ich vormittags
abgeholt worden sei, ein paar Stunden später drei hohe ägyptische Beamte
in seine Zelle gekommen seien, die nach mir fragten.
Sie seien ganz
betroffen gewesen, als sie hörten, ich sei von den Engländern soeben abgeholt
worden und hätten sich überlegt, wie sie meiner noch habhaft werden könnten.
Aber es war zu spät.
Hätten sie mich noch erreicht, wäre ich wahrscheinlich in eine einflußreiche
Stellung gekommen.
ETIKA-Warnung
an alle Araber und Kurden, 30.3.2003: Wenn ihr euch nicht unterwürfig zeigt und
eure Heimat verratet, werden sie es mit euch genauso machen!!!
Ich kam in ein Straflager
besonderer Prägung.
Zum Glück war es mir
noch gelungen, aus einem Zwischenlager kurze Nachricht über mich an einen
vertrauten Kameraden im Kriegsgefangenenlager hinauszuschmuggeln. Jener schrieb
meiner Frau auf Umwegen, daß ich wieder „krank" geworden sei und „ins
Hospital" eingeliefert werden mußte. Sie begriff und brach ihre
Reisevorbereitungen, die schon ziemlich weit gediehen waren, ab.
Weit draußen in der
Wüste lag ein hufeisenförmiger Bau, der in etwa 25 schmale Zellen eingeteilt
war, die mit Wellblechtüren verschlossen wurden.
Die Anlage war so
gebaut, daß die pralle, furchtbar heiße ägyptische
Sonne die Wellblechtüren bestrahlen und erhitzen konnte. So wurden die Zellen
selbst derart heiß, daß es einfach unerträglich war. Der eine
Insasse schnappte über - der andere
versuchte Selbstmord zu begehen -
entweder gelang es, dann wurde der Häftling verscharrt, (niemand wußte ja von
den Insassen) oder es gelang nicht, dann ließ man den Armen höhnisch in der
Zelle liegen.
Wenige, ganz wenige
kamen unbeschadet aus jener Hölle heraus.
Als wir ankamen, hielt
der Lastwagen vor dem Strafgefängnis. Einer nach dem andern von uns mußte
absteigen und bis zu der für ihn vorbereiteten Zelle Spießrutenlaufen. Man
hieb auf uns ein, schimpfte und fluchte.
Die Zelle war so breit,
daß man bei ausgestreckten Armen beide Wände berühren konnte. Hoch oben war ein
kleines Loch.
Hier war ein Entweichen
unmöglich.
Kaum war ich in die
völlig leere Zelle hineingetrieben, da hörte ich im Nachbarraum einen
Gefangenen, der anscheinend schon längere Zeit da war, jämmerlich schreien und
weinen:
"Bringt mich doch vollends um! Oh, mein Bauch, mein
Bauch, Mutter, Mutter, oh, mein Bauch, mein Bauch, bringt mich doch vollends
um. . ."
Eine Stunde mochte das
so gegangen sein, dann wurde das Stöhnen leiser und versiegte schließlich. Ich
weiß nicht, was aus jenem Armen geworden ist. . .
Aber ich kann sagen:
Das ist etwas Furchtbares, wenn man in einer Zelle sitzt und man erlebt nebenan
solch etwas Grauenvolles. Was mag man mit jenem Mann getrieben haben, daß er so
schrecklich weinte!? Werde ich der nächste sein. . .?
Ich schlafe nachts auf
dem kalten Betonboden und wundere mich, daß ich auf dieser harten und kalten
Angelegenheit überhaupt schlafen kann.
In die Ecke der Zelle
habe ich das kleine Bildchen gestellt, das ich damals im Camp bekam: Meine Frau
und den Buben. Das ist das aller-aller-einzigste, was ich besitze.
Der Wachhabende kommt
herein, grinst höhnisch und nimmt es weg. Ich bitte, bettle, sage ihm, daß ich
doch sonst überhaupt nichts habe als dieses Bildchen. Er nimmt es weg. Nun bin
ich bettelarm.
Es ist jener
Wachhabende mit dem Stöckchen unterm Arm, früher in Maadi. . .
*
Sobald man außerhalb der
Zelle ist, muß man rennen. Will man etwa zur Toilette, dann muß besonders rasch
gelaufen werden, denn hinter einem her rennen
Negersoldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, mit dem Befehl, jeden, der nicht
schnell genug läuft, anzuspießen.
Auf dem Platz vor dem
Strafgefängnis ist ein kleines Viereck von fünf Metern im Quadrat
aufgezeichnet, auf dem die Gefangenen in der prallen Sonne herumgehen müssen;
in jede Ecke muß sich einer stellen und dann marschieren sie auf Kommando los,
immer so, daß alle wieder gleichzeitig in den Ecken eintreffen.
Sprechen ist natürlich
strengstens verboten.
Durch einen kleinen
Ritz sehe ich ein wenig hinaus und kann manchmal für einen Augenblick das
Gesicht von einem der Sträflinge auffangen.
Da durchfährt es mich
auf einmal wie ein Blitz. Ich habe einen gesehen, um den es mir maßlos leid
tut: Frieder. Er geht mit finsterer Miene durch's Viereck, nichts am
Leib, als ein kleines Höschen aus Papier.
Er hatte ein maßloses
Pech und lief kurze Zeit nach unserem Ausbruch aus Maadi der Polizei direkt in
die Arme. Ein merkwürdiges Schicksal. Dann wurden ihm sämtliche Kleider
abgenommen und diese ganzen Monate (ich selbst war wiederum ein Vierteljahr
frei gewesen), lebte er in einer Zelle völlig nackt. Lange Zeit war ihm
sogar eine schwere Eisenkugel an die Füße gekettet, so daß er nur
zentimetergroße Schritte und dies mit größter Anstrengung machen konnte.
Kürzlich gelang es ihm,
aus dem Fetzen eines alten Zementsackes ein Höschen zusammenzustecken, so dass
er im Freien wenigstens etwas bekleidet war. Die Wache belustigte sich daran
und ließ ihn gewähren.
Ein Zellennachbar hatte
Funkverbindung mit mir aufgenommen. Das heißt, man klopfte sich (ich mit einem
abgerissenen Hosenknopf) gegenseitig Morsezeichen zu. Dabei legte man das Ohr
an die Wand und horchte angestrengt.
Er teilte mir mit, daß
er sich morgen mittag um fünf Uhr die Pulsader öffnen
werde, um diese Leidenszeit zu beenden, mindestens aber in ein Lazarett zu
kommen, von wo aus er vielleicht entweichen könne. Er bat mich herzlich, seiner
Schwester Grüße von ihm zu bestellen (die Adresse gab er wiederholt durch, und
ich mußte sie so lange wiederholen, bis er sicher war, daß sie in meinem
Gedächtnis unauslöschlich festsaß) und ihr von seinem Schicksal oder Ende zu
erzählen. Armer, lieber Mann. Wenn ich dir nur das Leiden abnehmen könnte, aber
ich sitze ja selbst tief in der Tunke.
Er hatte eine alte
Rasierklinge gefunden und sie hereingeschmuggelt. Nun schnitt und schnitt er an
seinem Handgelenk herum, doch war die Klinge nicht mehr scharf genug, um die
Schlagader zu durchtrennen.
Dann kam plötzlich ein
Wächter herein, nahm ihm die Klinge ab, band ein Stück Stoff um die tiefe,
heftig blutende Wunde und der Fall war erledigt. Der Mann blieb in der Zelle.
Es wurde manchmal so heiß,
daß ich es nur aushalten konnte, wenn ich mich völlig ruhig verhielt. Das
Gesicht schnell zu bewegen, verursachte derartige Brandschmerzen, daß
man hätte aufschreien können.
Hielt man es dann gar
nicht mehr aus, dann klopfte man an die Wellblechtüre, oder trommelte halb
wahnsinnig dagegen und bettelte den Wachtposten an, dass man zum Wasserhahn
laufen dürfe, der in der Mitte des freien Platzes war.
Er winkte, man lief
hin, drehte auf - und wenn man gerade eben anfangen
wollte zu trinken, wurde man wieder in die Zelle zurückgejagt.
Sadismus in der Potenz.