ETIKA

Völkerverständigung

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5.5.2003

5KUR5L
= 58B74

Gottfried Müller: Im brennenden Orient (XII)

Wir danken Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu verbreiten

Teil 1 Übersicht Index Unternehmen Mammut

 

Glück und Unglück – Freud und Leid
Sadismus in Potenz

 

Vierzehn Tage hielt ich mich versteckt. Meine Vertrauten versorgten und verpflegten mich, kleideten mich und gaben mir Geld.

 

Allmählich wagte sich das vergrämte Wild vorsichtig aus dem Bau hervor, denn es wurde Zeit, wieder Geld zu verdienen. Aber womit? Nun, am besten doch wohl durch meinen alten Beruf, als Masseur.

 

Eines Tages stand ich strahlend vor einem meiner früheren Patienten, um auszuprobieren, ob ich hier wieder anfangen könne...

Man nahm mich überrascht, aber wieder wie früher, herzlich auf.

 

"Aber Monsieur Olaf, wohin waren Sie denn damals plötzlich verschwunden? Wir hatten doch verabredet, daß Sie jeden Dienstag und Freitag kommen sollten!? Das war aber nicht schön, daß Sie mich so im Stich ließen !"

 

Ich strahlte die guten Leute an, entschuldigte mich und sagte, Monsieur Olaf habe dieses ägyptische Klima auf einmal satt gehabt und sei mit dem Flugzeug auf und davon, um in der Schweiz einige Wochen Schisport zu treiben.

 

Nun sei ich wieder da, einmal um mich ob der Unverschämtheit meines Verhaltens zu entschuldigen und dann - nun, um meine Massagen fortzusetzen.

 

"Aber natürlich! kommen Sie heute abend, kommen Sie morgen, ganz wie es Ihnen paßt !"

 

Meine Entschuldigung war natürlich das, was man eine Lüge nennt, und ich schäme mich heute darüber.

 

Irgendwie war ich gerührt, daß mich alle Patienten wieder haben wollten; mit eine Bestätigung, daß ich doch etwas konnte.

 

Ich nahm ein neues Quartier in einer ganz anderen Gegend, konnte auch wieder einen "falschen Paß" kaufen.

 

Dieser lautete auf den Namen "Fischer", ein praktischer Name, den man leicht englisch, französisch und deutsch aussprechen kann.

 

So kam ich in die merkwürdige Situation, daß ich bei den einen Monsieur Olaf war, andere mich unter dem Namen Fischer kannten, während meine lieben Freunde den richtigen Namen wußten.

 

Bald war ich wieder im alten, sicheren Fahrwasser. Maadi war vergessen, ich hatte Papiere, Arbeit, Verdienst, konnte wieder Pakete nach Hause schicken und hatte gute Beziehungen.

 

Vielleicht brauche ich in kurzer Zeit, selbst bei Verrat, keine Angst mehr vor Verhaftung zu haben: Man hat in Regierungskreisen erfahren, daß ich auf Grund meiner früheren Ausbildung über Kenntnisse verfüge, die sich Aegypten unter Umständen zunutze machen könnte.

 

Ich war innerlich schon so darauf eingestellt, dass ich recht frei und unbesorgt war.

Ich war so recht von Herzen glücklich.

War es da nicht verwunderlich, daß ich an diesem Glück auch die Menschen, die mir am allernächsten standen, teilhaben lassen wollte?

 

Von meiner Frau erhielt ich über die Adresse eines ägyptischen Freundes laufend Post und erfuhr von dem Glück, das meine Freiheit und die Lebensmittel bei ihr auslösten.

 

Ich fühlte mich so sicher, daß ich einen außergewöhnlichen Plan ins Auge faßte: Meine Frau mit Kind nach Aegypten kommen zu lassen.

 

Doch wurde nichts daraus. Während meine Frau Vorbereitungen zur Herreise traf, zog sich über mir ein neues Unwetter zusammen Eines Nachts, ich hatte schon ein paar Stunden geschlafen, wurde ich von einem Kriminalbeamten geweckt und höflich, aber unmißverständlich gebeten, mit zum Europäer-Gefängnis zu kommen. Man wolle mich dort etwas fragen. Ich wußte, fühlte es, daß ich nicht mehr zurückkommen werde.

 

Der Beamte sagte, ich sei angezeigt worden, daß ich Deutscher und entlaufener Kriegsgefangener sei; so habe er mich zunächst wohl oder übel abholen müssen. Gleichzeitig wisse er aber um meine guten Beziehungen. Ich möge nun eben einmal einige Tage dableiben, er würde sich sofort an's Innenministerium wenden, damit dieses offiziell meine Freilassung anordne. Leider sei der Innenminister selbst für einige Tage verreist.

 

Was sollte ich machen? Ich mußte eben dableiben. So wartete ich Tag um Tag und wurde bei den täglichen Bewegungszeiten von den anderen Gefangenen getrennt gehalten.

 

Schließlich erfuhren die englischen Offiziere, die Zutritt zu diesem Gefängnis hatten, von meiner Anwesenheit und holten mich eines Tages kurzerhand ab. Mein Zellenkamerad blieb zurück.

 

Das erstemal in meinem Leben gefesselt, wurden wir, etwa 15 Mann, alles Flüchtlinge aus den Lagern, die im ganzen Land eingefangen worden waren, per Lastwagen in ein englisches Durchgangsgefängnis gebracht.

 

Später kam jener Kamerad aus dem Kairoer Kerker nach und erzählte, daß nachdem ich vormittags abgeholt worden sei, ein paar Stunden später drei hohe ägyptische Beamte in seine Zelle gekommen seien, die nach mir fragten.

 

Sie seien ganz betroffen gewesen, als sie hörten, ich sei von den Engländern soeben abgeholt worden und hätten sich überlegt, wie sie meiner noch habhaft werden könnten.

 

Aber es war zu spät. Hätten sie mich noch erreicht, wäre ich wahrscheinlich in eine einflußreiche Stellung gekommen.

 

ETIKA-Warnung an alle Araber und Kurden, 30.3.2003: Wenn ihr euch nicht unterwürfig zeigt und eure Heimat verratet, werden sie es mit euch genauso machen!!!

 

Ich kam in ein Straflager besonderer Prägung.

 

Zum Glück war es mir noch gelungen, aus einem Zwischenlager kurze Nachricht über mich an einen vertrauten Kameraden im Kriegsgefangenenlager hinauszuschmuggeln. Jener schrieb meiner Frau auf Umwegen, daß ich wieder „krank" geworden sei und „ins Hospital" eingeliefert werden mußte. Sie begriff und brach ihre Reisevorbereitungen, die schon ziemlich weit gediehen waren, ab.

 

Weit draußen in der Wüste lag ein hufeisenförmiger Bau, der in etwa 25 schmale Zellen eingeteilt war, die mit Wellblechtüren verschlossen wurden.

 

Die Anlage war so gebaut, daß die pralle, furchtbar heiße ägyptische Sonne die Wellblechtüren bestrahlen und erhitzen konnte. So wurden die Zellen selbst derart heiß, daß es einfach unerträglich war. Der eine Insasse schnappte über - der andere versuchte Selbstmord zu begehen - entweder gelang es, dann wurde der Häftling verscharrt, (niemand wußte ja von den Insassen) oder es gelang nicht, dann ließ man den Armen höhnisch in der Zelle liegen.

 

Wenige, ganz wenige kamen unbeschadet aus jener Hölle heraus.

 

Als wir ankamen, hielt der Lastwagen vor dem Strafgefängnis. Einer nach dem andern von uns mußte absteigen und bis zu der für ihn vorbereiteten Zelle Spießrutenlaufen. Man hieb auf uns ein, schimpfte und fluchte.

 

Die Zelle war so breit, daß man bei ausgestreckten Armen beide Wände berühren konnte. Hoch oben war ein kleines Loch.

 

Hier war ein Entweichen unmöglich.

 

Kaum war ich in die völlig leere Zelle hineingetrieben, da hörte ich im Nachbarraum einen Gefangenen, der anscheinend schon längere Zeit da war, jämmerlich schreien und weinen:

 

"Bringt mich doch vollends um! Oh, mein Bauch, mein Bauch, Mutter, Mutter, oh, mein Bauch, mein Bauch, bringt mich doch vollends um. . ."

 

Eine Stunde mochte das so gegangen sein, dann wurde das Stöhnen leiser und versiegte schließlich. Ich weiß nicht, was aus jenem Armen geworden ist. . .

 

Aber ich kann sagen: Das ist etwas Furchtbares, wenn man in einer Zelle sitzt und man erlebt nebenan solch etwas Grauenvolles. Was mag man mit jenem Mann getrieben haben, daß er so schrecklich weinte!? Werde ich der nächste sein. . .?

 

Ich schlafe nachts auf dem kalten Betonboden und wundere mich, daß ich auf dieser harten und kalten Angelegenheit überhaupt schlafen kann.

 

In die Ecke der Zelle habe ich das kleine Bildchen gestellt, das ich damals im Camp bekam: Meine Frau und den Buben. Das ist das aller-aller-einzigste, was ich besitze.

 

Der Wachhabende kommt herein, grinst höhnisch und nimmt es weg. Ich bitte, bettle, sage ihm, daß ich doch sonst überhaupt nichts habe als dieses Bildchen. Er nimmt es weg. Nun bin ich bettelarm.

 

Es ist jener Wachhabende mit dem Stöckchen unterm Arm, früher in Maadi. . .

 

*

 

Sobald man außerhalb der Zelle ist, muß man rennen. Will man etwa zur Toilette, dann muß besonders rasch gelaufen werden, denn hinter einem her rennen Negersoldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, mit dem Befehl, jeden, der nicht schnell genug läuft, anzuspießen.

 

Auf dem Platz vor dem Strafgefängnis ist ein kleines Viereck von fünf Metern im Quadrat aufgezeichnet, auf dem die Gefangenen in der prallen Sonne herumgehen müssen; in jede Ecke muß sich einer stellen und dann marschieren sie auf Kommando los, immer so, daß alle wieder gleichzeitig in den Ecken eintreffen.

 

Sprechen ist natürlich strengstens verboten.

 

Durch einen kleinen Ritz sehe ich ein wenig hinaus und kann manchmal für einen Augenblick das Gesicht von einem der Sträflinge auffangen.

 

Da durchfährt es mich auf einmal wie ein Blitz. Ich habe einen gesehen, um den es mir maßlos leid tut: Frieder. Er geht mit finsterer Miene durch's Viereck, nichts am Leib, als ein kleines Höschen aus Papier.

 

Er hatte ein maßloses Pech und lief kurze Zeit nach unserem Ausbruch aus Maadi der Polizei direkt in die Arme. Ein merkwürdiges Schicksal. Dann wurden ihm sämtliche Kleider abgenommen und diese ganzen Monate (ich selbst war wiederum ein Vierteljahr frei gewesen), lebte er in einer Zelle völlig nackt. Lange Zeit war ihm sogar eine schwere Eisenkugel an die Füße gekettet, so daß er nur zentimetergroße Schritte und dies mit größter Anstrengung machen konnte.

 

Kürzlich gelang es ihm, aus dem Fetzen eines alten Zementsackes ein Höschen zusammenzustecken, so dass er im Freien wenigstens etwas bekleidet war. Die Wache belustigte sich daran und ließ ihn gewähren.

 

Ein Zellennachbar hatte Funkverbindung mit mir aufgenommen. Das heißt, man klopfte sich (ich mit einem abgerissenen Hosenknopf) gegenseitig Morsezeichen zu. Dabei legte man das Ohr an die Wand und horchte angestrengt.

 

Er teilte mir mit, daß er sich morgen mittag um fünf Uhr die Pulsader öffnen werde, um diese Leidenszeit zu beenden, mindestens aber in ein Lazarett zu kommen, von wo aus er vielleicht entweichen könne. Er bat mich herzlich, seiner Schwester Grüße von ihm zu bestellen (die Adresse gab er wiederholt durch, und ich mußte sie so lange wiederholen, bis er sicher war, daß sie in meinem Gedächtnis unauslöschlich festsaß) und ihr von seinem Schicksal oder Ende zu erzählen. Armer, lieber Mann. Wenn ich dir nur das Leiden abnehmen könnte, aber ich sitze ja selbst tief in der Tunke.

 

Er hatte eine alte Rasierklinge gefunden und sie hereingeschmuggelt. Nun schnitt und schnitt er an seinem Handgelenk herum, doch war die Klinge nicht mehr scharf genug, um die Schlagader zu durchtrennen.

 

Dann kam plötzlich ein Wächter herein, nahm ihm die Klinge ab, band ein Stück Stoff um die tiefe, heftig blutende Wunde und der Fall war erledigt. Der Mann blieb in der Zelle.

 

Es wurde manchmal so heiß, daß ich es nur aushalten konnte, wenn ich mich völlig ruhig verhielt. Das Gesicht schnell zu bewegen, verursachte derartige Brandschmerzen, daß man hätte aufschreien können.

 

Hielt man es dann gar nicht mehr aus, dann klopfte man an die Wellblechtüre, oder trommelte halb wahnsinnig dagegen und bettelte den Wachtposten an, dass man zum Wasserhahn laufen dürfe, der in der Mitte des freien Platzes war.

 

Er winkte, man lief hin, drehte auf - und wenn man gerade eben anfangen wollte zu trinken, wurde man wieder in die Zelle zurückgejagt.

 

Sadismus in der Potenz.

 

Fortsetzung folgt

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