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Gottfried Müller: Im brennenden Orient (XIII) |
Wir danken Gottfried
Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu
verbreiten |
Teil
1 Übersicht Index Unternehmen Mammut
Heimfahrt
Ich war etwa zwei
Monate in jenem Lager, wo ein Europäer den anderen dermaßen schamlos
behandelte. Und das - wohlverstanden - zwei Jahre nach Kriegsende, und ohne daß
man irgendetwas verbrochen hatte, als eben frei arbeiten zu wollen, um Frau und
Kind vor dem Verhungern zu retten.
Da wurden wir eines
Tages plötzlich zusammengerufen; man teilte uns mit, daß wir nach Deutschland kämen.
...
Man gab uns
Entlassungskleider und beförderte uns nach Port Said an Bord eines
Heimkehrerschiffes, auf dem sich tausend Kriegsgefangene befanden, und das zum
Auslaufen bereit lag. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, begriff kaum, was
mit mir und uns vor sich ging und konnte mich fast nicht freuen. Die
Straflagerzeit saß mir noch zu sehr in den Knochen.
Nur, als ich bemerkte,
daß sich auch die bei den Kameraden, die mit mir abgesprungen waren, an Bord
befanden, beide wohlauf und selbst der arme Kranke beinahe wiederhergestellt -
da zog in meine Seele eine tiefe Ruhe ein.
Tatsächlich liefen wir
aus. Doch, wie der eine Mensch Zeit seines Erdendaseins nichts Besonderes
erlebt, so gehen beim anderen die Abenteuer nicht aus. Also auch bei mir:
Wir sind einen Tag
unterwegs, da spricht sich herum, ein Mann an Bord sei gestorben. Man kippt ihn
in der Seebestattungsweise über Bord. Zwei Tage später stirbt der nächste. Auch
er rutscht ab ins nasse Grab, in einen Papiersack eingenäht und eine schwere
Eisenkette um die Beine geschlungen,
damit er schnell sinkt.
Wieder zwei Tage später
- wir befinden uns gerade inmitten des Mittelmeeres - werden plötzlich die
Ventilatoren im Innern des Truppentransporters abgestellt und gleich stellt
sich eine erdrückende Hitze ein.
Ein Gerücht fliegt
durch das Schiff: Es brennt!
Gleichzeitig hört man
durch den Lautsprecher mahnende Worte, Ruhe zu bewahren. Es brenne zwar ein
Teil im Schiffs-Innern, die Schotten seien aber dicht gemacht und das Feuer könne
zwar schwellen, aber nicht um sich greifen. Man laufe jetzt eben stracks den
nächsten Hafen in Nordafrika (ich glaube Algier) an.
Ein unangenehmes
Gefühl, auf einem brennenden Schiff mit 1000 Menschen zusammen, mitten auf dem Meer
zu sein.
Das war am Morgen; erst
am Abend des nächsten Tages erreichten wir die Küste und einen kleinen Hafen, in
dem eine bescheidene Feuerwehr bereit stand. Sie schnitt von außen ein Loch in
den Schiffsleib, und zwar an der Stelle
des Brandherdes; dann pumpte man den brennenden Raum mit Wasser voll, entleerte
ihn und schweißte die Stahlplatte wieder in die Öffnung. Damit war das Gröbste
der Heimreise überstanden.
Langsam fing ich an,
mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß ich nun nicht mehr als räudiger Hund behandelt
werde - und daß es der Heimat entgegen gehe. Der Heimat, der ich so viel zu
opfern bereit war, und die mich so abscheulich verraten hatte.
Aber hatte mich die
Heimat verraten? O nein, meine deutsche Heimat nicht! Es waren Menschen, die
gefehlt hatten und denen Gott vergeben möge.
Aber da kommen wir ja
schon an Helgoland vorbei. Bald müssen wir die ersten deutschen Häuschen erblicken.
Dann werden wir in Cuxhaven an Land gehen und wieder deutsche Kinder, deutsche
Dörfer und deutsche Wiesen, Felder und Wälder sehen.
O, mir wird vor lauter
Freude schwer ums Herz. Da bin ich wieder, Heimat, bei dir, in deinem Mutterschoß.
Ich bin fortgezogen, um
äußere Werte zu schaffen und kehre heim" innerlich reicher; mit einem
Wissen, das man für alles Gold der Welt nicht kaufen kann,
·
dem Wissen um die Gnade göttlicher Führungen;
daß man sich Ihm, dem Herrn der Welt, auch in den ausweglosesten Situationen
anvertrauen kann. Selbst vor dem Galgen...
Zum Schluß geschah noch
eine kleine Absonderlichkeit. Sie ist zu komisch und gehört irgendwie noch
dazu: Ich wurde noch über ein Jahr
lang - völlig ungerechterweise - in deutschen Internierungslagern herumgeschleppt.
Endlich schlug die Freiheitsstunde und meine Frau holte mich überglücklich ab.
Um es ja auch gleich meinen Eltern kundzutun, telegrafierte sie ihnen, daß ich "heute
entlassen" worden sei. Doch wie
erreichte die Depesche den Empfänger? "Heute entschlafen !" Nun, der
Irrtum klärte sich bald auf; ich lebe noch, darf leben!
Auch meinen Kameraden,
die mit mir nach Kurdistan geflogen waren, geht es gut. Die meisten sind schon längst
wieder in ihrer zweiten Heimat, im Orient. Wir, die wir so haarscharf am Galgen
vorbeigehen mußten, leben noch. Von den zurückgebliebenen Freunden aber sind
die meisten an der Front, wohin man sie geschickt hatte, gefallen. Wiedersehen
aber durfte ich zu meiner großen Freude Hans-Christof und meinen Hansel. Außerdem hoffe ich, in Kürze gute
Nachrichten zu erhalten von meinem Freund und "Blutsbruder", dem
tollen Ramzi.