ETIKA

Völkerverständigung

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5.5.2003

5KUR5M
= 58B74

Gottfried Müller: Im brennenden Orient (XIII)

Wir danken Gottfried Müller für die freundliche Erlaubnis vom 9.10.2002, den Text im Internet zu verbreiten

Teil 1 Übersicht Index Unternehmen Mammut

 

Heimfahrt

 

Ich war etwa zwei Monate in jenem Lager, wo ein Europäer den anderen dermaßen schamlos behandelte. Und das - wohlverstanden - zwei Jahre nach Kriegsende, und ohne daß man irgendetwas verbrochen hatte, als eben frei arbeiten zu wollen, um Frau und Kind vor dem Verhungern zu retten.

 

Da wurden wir eines Tages plötzlich zusammengerufen; man teilte uns mit, daß wir nach Deutschland kämen. ...

 

Man gab uns Entlassungskleider und beförderte uns nach Port Said an Bord eines Heimkehrerschiffes, auf dem sich tausend Kriegsgefangene befanden, und das zum Auslaufen bereit lag. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, begriff kaum, was mit mir und uns vor sich ging und konnte mich fast nicht freuen. Die Straflagerzeit saß mir noch zu sehr in den Knochen.

 

Nur, als ich bemerkte, daß sich auch die bei den Kameraden, die mit mir abgesprungen waren, an Bord befanden, beide wohlauf und selbst der arme Kranke beinahe wiederhergestellt - da zog in meine Seele eine tiefe Ruhe ein.

 

Tatsächlich liefen wir aus. Doch, wie der eine Mensch Zeit seines Erdendaseins nichts Besonderes erlebt, so gehen beim anderen die Abenteuer nicht aus. Also auch bei mir:

 

Wir sind einen Tag unterwegs, da spricht sich herum, ein Mann an Bord sei gestorben. Man kippt ihn in der Seebestattungsweise über Bord. Zwei Tage später stirbt der nächste. Auch er rutscht ab ins nasse Grab, in einen Papiersack eingenäht und eine schwere Eisenkette um die  Beine geschlungen, damit er schnell sinkt.

 

Wieder zwei Tage später - wir befinden uns gerade inmitten des Mittelmeeres - werden plötzlich die Ventilatoren im Innern des Truppentransporters abgestellt und gleich stellt sich eine erdrückende Hitze ein.

 

Ein Gerücht fliegt durch das Schiff: Es brennt!

 

Gleichzeitig hört man durch den Lautsprecher mahnende Worte, Ruhe zu bewahren. Es brenne zwar ein Teil im Schiffs-Innern, die Schotten seien aber dicht gemacht und das Feuer könne zwar schwellen, aber nicht um sich greifen. Man laufe jetzt eben stracks den nächsten Hafen in Nordafrika (ich glaube Algier) an.

 

Ein unangenehmes Gefühl, auf einem brennenden Schiff mit 1000 Menschen zusammen, mitten auf dem Meer zu sein.

 

Das war am Morgen; erst am Abend des nächsten Tages erreichten wir die Küste und einen kleinen Hafen, in dem eine bescheidene Feuerwehr bereit stand. Sie schnitt von außen ein Loch in den Schiffsleib, und  zwar an der Stelle des Brandherdes; dann pumpte man den brennenden Raum mit Wasser voll, entleerte ihn und schweißte die Stahlplatte wieder in die Öffnung. Damit war das Gröbste der Heimreise überstanden.

 

Langsam fing ich an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß ich nun nicht mehr als räudiger Hund behandelt werde - und daß es der Heimat entgegen gehe. Der Heimat, der ich so viel zu opfern bereit war, und die mich so abscheulich verraten hatte.

 

Aber hatte mich die Heimat verraten? O nein, meine deutsche Heimat nicht! Es waren Menschen, die gefehlt hatten und denen Gott vergeben möge.

 

Aber da kommen wir ja schon an Helgoland vorbei. Bald müssen wir die ersten deutschen Häuschen erblicken. Dann werden wir in Cuxhaven an Land gehen und wieder deutsche Kinder, deutsche Dörfer und deutsche Wiesen, Felder und Wälder sehen.

 

O, mir wird vor lauter Freude schwer ums Herz. Da bin ich wieder, Heimat, bei dir, in deinem Mutterschoß.

 

Ich bin fortgezogen, um äußere Werte zu schaffen und kehre heim" innerlich reicher; mit einem Wissen, das man für alles Gold der Welt nicht kaufen kann,

 

·        dem  Wissen um die Gnade göttlicher Führungen; daß man sich Ihm, dem Herrn der Welt, auch in den ausweglosesten Situationen anvertrauen kann. Selbst vor dem Galgen...

 

Zum Schluß geschah noch eine kleine Absonderlichkeit. Sie ist zu komisch und gehört irgendwie noch dazu:   Ich wurde noch über ein Jahr lang - völlig ungerechterweise - in deutschen Internierungslagern herumgeschleppt. Endlich schlug die Freiheitsstunde und meine Frau holte mich überglücklich ab. Um es ja auch gleich meinen Eltern kundzutun, telegrafierte sie ihnen, daß ich "heute  entlassen" worden sei. Doch wie erreichte die Depesche den Empfänger? "Heute entschlafen !" Nun, der Irrtum klärte sich bald auf; ich lebe noch, darf leben!

 

Auch meinen Kameraden, die mit mir nach Kurdistan geflogen waren, geht es gut. Die meisten sind schon längst wieder in ihrer zweiten Heimat, im Orient. Wir, die wir so haarscharf am Galgen vorbeigehen mußten, leben noch. Von den zurückgebliebenen Freunden aber sind die meisten an der Front, wohin man sie geschickt hatte, gefallen. Wiedersehen aber durfte ich zu meiner großen Freude Hans-Christof und meinen Hansel.  Außerdem hoffe ich, in Kürze gute Nachrichten zu erhalten von meinem Freund und "Blutsbruder", dem tollen Ramzi.

 

Fortsetzung folgt

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