ETIKA

RUSSLAND

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7.8.2000

5R51812M

Der Brand von Moskau

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein, 1814

Weltbegebenheiten

Als im Jahr 1812 der Krieg zwischen Frankreich und Rußland ausbrach, standen in Europa die Verhältnisse so:

Auf der Seite des Kaisers von Frankreich waren Haus Österreich mit einem Hilfskorps, alle rheinischen Bundesfürsten, Schweiz, alle Völker von Italien, Illyrien, Preußen, Polen, fast ganz Europa. Auf der Seite von Rußland war allein der Engländer, später auch der Winter. Neutral waren der Däne, der Schwed, der Türk. - Spanien und Portugal hatten ihr Apartes.

Schon hatte die furchtbare Armee des französischen Kaisers nach manchem harten, aber siegreichen Kampf die russische Hauptstadt Moskau erreicht. Am 14. September zog er als Sieger durch ihre Tore ein. Hier wäre ein Wort vom Frieden zu sprechen gewesen, wenn man gewollt hätte, aber man wollte nicht. Lieber die eigene Stadt verbrannt und den Feind wieder hinausgetrieben.

So etwas ist nun geschwind gesagt: "Moskau ist verbrannt." Aber der geneigte Leser wird fast die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er sich von dieser Stadt einen Begriff machen läßt.

Moskau, die uneins größte Stadt der Welt, bestand aus vier großen, aneinander gebauten Städten. Die erste und innerste, der Kreml, welcher fest war und hernach von den Franzosen selbst gesprengt wurde. Um den Kreml herum gebaut war die Stadt Kitaigorod, um diese herum die Stadt Bielgorod oder die weiße Stadt (bekanntlich kann der Hausfreund Russisch), um Bielgorod herum gebaut war Semlanoigorod.

Vier solche Städte aneinander gebaut wären zum Verbrennen groß genug. Aber Moskau hatte auch dreißig Vorstädte, in allem aber 20 000 Häuser und Paläste, 1000 Kirchen und große Kapellen, gegen 400 brave Wirtshäuser, und wieviel Kaufläden, Fabriken, Schulen, Kanzleien, ein Findelhaus für 5000 Kinder, mit einem Wort: 400 000 Einwohner und zwölf Stunden im Umfang.

Wer auf einer Anhöhe stand, soweit das Auge reichen mochte, war nichts zu sehen als Himmel und Moskau. Hernach nichts als Himmel und Flammen. Denn kaum waren die Franzosen eingerückt, so wurde von den Russen selbst an allen Ecken und Enden angezündet. Ein anhaltender Wind trug die Flammen schnell in alle Quartiere der Stadt. In drei Tagen lag der größte Teil derselben in Schutt und Asche, und wer seitdem vorüberging, sah nichts mehr als Himmel und Elend.

Tagereisen weit waren die Straßen mit Fliehenden angefüllt, Gesunde, Kranke, Sterbende, hochschwangere Frauen, säugende Mütter, und der Mittag bot keinen Tisch, kein Obdach die Nacht. Hier blieb ein Kranker liegen, den man nicht fortbringen konnte, dort segneten die Söhne ihren sterbenden Vater, dort begruben andere den ihrigen, alles nur so unterwegs. Weiter lag eine Frau ohne Hilfe in Kindesnöten und gebar ihren Benoni, ihren Schmerzenssohn, auch nur so unterwegs.

Eine vornehme Frau kochte ihren Kindern über zusammengerafften Reisern ein ärmliches Mittagsmahl und seufzte dazu: "Ach, wie unglücklich bin ich." Eine andere mit ihrem armen Kindlein sah ihr zu und weinte, als ob sie sagen wollte: "Ach, wie glücklich bist du, daß du etwas zu kochen hast." Wie viele umgekommen sind, will der Hausfreund nicht zählen.

Wer Moskau angezündet hat, hat viel zu verantworten. Ist ein andererer Mensch als er schuld daran, daß die siegreiche Armee des französischen Kaisers sich mitten im Winter und in der fürchterlichsten Kälte aus Mangel an Aufenthalt und Lebensmitteln und mit namhaftem Verlust zurückziehen mußte, zuerst aus Rußland, hernach aus Polen, hernach aus Preußen, bis nach Deutschland, bis an die Elbe? Die Pferde kamen vor Mangel und Kälte um. Die Artillerie und das Gepäcke mußte zurückgelassen und den nachschwärmenden Kosaken preisgegeben werden. Viele tausend tapfere Krieger kamen um. Denn gegen den Winter ist mit Bajonett und Sturmmarsch nicht viel auszurichten, und ein warmer Pelz und ein Kalbsschlegel leisten da ganz andere Dienste, als eine Brust voll Heldenmut. Aber der letzte hat noch nicht geschossen.

 

 

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