ETIKA

RUANDA

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19.3.2000

5RWA501

Ermordung dreier Bischöfe am 5. 6. 1994

Abbé Venuste Linguyeneza.
Bericht eines Zeugen

Rwanda Chronik

Abbé Venuste LINGUYENEZA
Bericht eines Zeugen
5. Juni 1994: Die Ermordung dreier Bischöfe

Vorspann des Herausgebers
Drei Bischöfe, neun Priester und der Generalobere der Josephiten-Bruderschaft wurden am 5. Juni 1994 in Gakurazo ermordet. Die einen sprechen von "Irrtum", andere von "Mord". Aber was ist tatsächlich geschehen? Keine Untersuchungskommission wurde eingerichtet. Es war ja Krieg! Am 15. Dezember 1999 hat ein Überlebender berichtet.

Bericht

Ich werde jetzt über die Ereignisse berichten, die mit der Ermordung der Bischöfe Vincent NSENGIYUMVA, Erzbischof von Kigali, Joseph RUZINDANA, Bischof von Byumba, und Thaddée NSENGIYUMVA, Bischof von Kabgayi und Vorsitzender der (ruandischen) Bischofskonferenz, sowie von 9 Priestern und dem Generaloberen der Josephiten-Bruderschaft, Jean Baptiste NSINGA, in Zusammenhang stehen.

Die ermordeten Priester stammen alle aus der Diözese Kabgayi - mit Ausnahme von Abbé Denis MUTABAZI aus der Diözese Nyundo. Er war aus Nyundo geflohen, weil er dort eine schwere Verwundung durch einen Speerstich an der (rechten, wenn ich mich recht erinnere) Hand erlitten hatte. Der Unglückliche hatte geglaubt, so dem Tod zu entrinnen.

Bei den Priestern aus der Diözeses Kabgayi handelt es sich um

Faktisch wurde das gesamte Leitungspersonal der Diözese Kagbayi ermordet, die Diözese wurde gleichsam enthauptet.

Ich gebe diesen Bericht als Zeuge ab,

Erläuterung des Übersetzers: Front Patriotique Rwandais = Ruandische Patriotische Front. Die FPR wurde von ruandischen (insbesondere Tutsi-) Exilpolitikern in Uganda gegründet. Am 1. 10. 1990 begann die bewaffnete Rückkehr nach Ruanda. Die FPR konnte am 17. Juli 1994 den Bürgerkrieg militärisch gewinnen und stellt seitdem die führende Kraft im Lande dar.

Bevor ich beginne, will ich noch bezeugen, daß die Bischöfe mehr oder weniger genau wußten, was sie erwartete, daß sie sich aber geweigert haben zu fliehen. Sie haben vorher mit allen für die religiösen Gemeinschaften von Kabgayi verantwortlichen Priestern darüber diskutiert.

DER 2. JUNI 1994

Die FPR trifft am Donnerstag, dem 2. Juni 1994, in Kabgayi ein. Zum Ende des Vormittags ist das ganze Areal in ihrer Hand, d. h. der gesamte Besitz der Diözese bis zur Garage mit dem Krankenhaus, der Schule, dem Großen Seminar für Philosophie und den Wohnhäusern.

Die FPR pflegt immer kurz vor den Mahlzeiten einzutreffen. So sind sie zwischen 11 und 12 Uhr im Bistum eingetroffen, die Infiltration fand aber schon einige Tage oder gar Wochen vorher statt. Sie haben die Bischöfe und ganz besonders den Erzbischof von Kigali gesucht, der genau an diesem Tag den Jahrestag seiner Bischofsordination am 2. Juni 1974 feierte. Man hatte deshalb eine gute Mahlzeit vorbereitet, aber diejenigen, die sie genossen, waren nicht diejenigen, die man eingeladen hatte!

Die Soldaten der FPR versammeln zuerst vor der Druckerei alle Personen, die im Bistum und den religiösen Gemeinschaften in Kabgayi anwesend waren. Danach holen die Militärs die Bischöfe sowie MGR. GASABWOYA, MGR. RWABILINDA, Abbé MULIGO, den Bruder NSINGA und später auch den Abbé UWIMANA heraus. Gegen 15 Uhr wird die Gruppe zur Straße vor der Krankenstation herunter geführt. Gegen 19 Uhr werden sie von den Militärs wieder zur Bistumsverwaltung hochgebracht, damit sie sich einige persönliche Dinge einpacken können. Danach werden sie wieder zur Straße herunter geführt.

Die Soldaten versammeln unterdessen alle Priester, die sich in Kabgayi befanden (mit Ausnahme derjenigen, die sich noch im Philosophicum befanden). Drei junge Mädchen bestehen darauf, bei der Gruppe zu bleiben und sie zu begleiten, obgleich die Soldaten alles tun, um sie von der Gruppe zu entfernen. Sie versprachen ihnen beispielsweise, sie in Sicherheit zu bringen, aber sie weigerten sich.

Gegen 3 Uhr am Freitagmorgen wurde die gesamte Gruppe per Auto in das ca. 15 km entfernte Ruhango gefahren. Sie wurden in ein Privathaus in der Nähe des Bürgermeisteramtes gebracht. Im Nachbarzimmer waren andere von der FPR gefesselte Gefangene, die am frühen Morgen erschossen wurden. Die Bischöfe, die Priester und die drei Mädchen bleiben dort bis zum Sonntag, dem 5. Juni 1994.

DER 5. JUNI 1994

Am Sonntag, dem 5. Juni, führt man die Gruppe im Laufe des Morgens (aus Ruhango) zum Noviziat der Josephiten-Brüder (in Gakurazo). Der Pfarrer von Byimana ist überrascht, sie zu treffen, als er dort die sonntägliche Messe für die Bruderschaft, die Ordensschwestern und die dorthin geflohenen Gläubigen lesen will, weil ihn Bruder Vivens in Ermangelung eines Priesters darum gebeten hatte. Die Messe wurde also zusammen mit der aus Ruhango gekommenen Gruppe gefeiert. Für die Gruppenmitglieder war es die letzte Eucharistie-Feier, da sie am gleichen Abend gegen 19 Uhr ermordet wurden. Ist es ein Zufall, daß es am Fronleichnamstag geschah, der auch "Fest des Kostbaren Blutes" genannt wird?

Man muß erklären, daß die Militärs in der Zwischenzeit auf Befehle von oben gewartet haben. Zu diesem Zweck wollten sie alle Priester der religiösen Gemeinschaften von Kabgayi an einem Ort versammeln (und isolieren). Deshalb unterrichtete man uns am Freitagmorgen, dem 3. Juni, in Byimana, wo ich mich zusammen mit vier Mitbrüdern (dem Studienpräfekten des Philosophicums und den Gemeindepriestern von Byimana) und der Sekretärin des Bistums aufhielt, daß wir bald von einem Fahrzeug abgeholt würden, das uns zu den anderen banyakiliziya (ein Neologismus, den die FPR zur Bezeichnung der "Kirchenleute" nach Ruanda mitbrachte) bringen würde.

Derjenige, der uns befahl, uns fertig zu machen, rief einen Lieferwagen herbei, der auch die Benebikira-Schwestern aus Byimana mitnahm. Aus mir unbekannten Gründen lud man uns jedoch nicht auf. Gab es Meinungsverschiedenheiten innerhalb der FPR? Denn selbst wenn das Schicksal der Bischöfe schon besiegelt war, so war dies für die Priester, die mit ihnen zusammen waren, nicht auch schon völlig klar, befanden sich unter ihnen doch einige Tutsi. Aber schließlich schossen die Soldaten doch unterschiedslos auf die gesamte Gruppe.

Ich befand mich also im Presbyterium der Kirchengemeinde Byimana. Wenn ich mich zurückerinnere, so stelle ich fest, daß die Spannung bei den Militärs an diesem Sonntag wuchs. Man unterzog uns fast stündlich einer Hausdurchsuchung und jedesmal wurde die Gereiztheit größer. Am Nachmittag dieses Sonntags hätten zwei Militärs uns fast erschossen. Sie sagten uns, nur die Tatsache, daß die FPR keine Priester erschießen würde, hielte sie davon ab. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch geneigt, dies zu glauben, da wir noch nicht wußten, was sich zusammenbraut, und wir auch noch nicht wußten, daß in der Diözese Byumba alle Priester vernichtet worden waren, alle Priester, die sich im April 1994 dort befanden, ohne einen einzigen entkommen zu lassen!

Die Militärs, die uns an diesem Nachmittag malträtierten, versuchten uns ihren Zorn mit den seither üblich gewordenen Anschuldigungen zu begründen, die Kirche habe die Tutsi nicht geschützt (obwohl in Kabgayi das Personal in den Infrastrukturen der Diözese etwa 30 000 Menschen gerettet hat). Sie gingen so weit zu erfinden, der Bischof von Kabgayi (den sie immer als den "großen Kardinal" bezeichneten und den sie die ganze Zeit mit dem Erzbischof von Kigali verwechselten), habe in seinem Haus ein Waffendepot angelegt. Sie wollten offenbar eine Schuld konstruieren, die das bevorstehende Massaker rechtfertigen sollte.

DER ABEND DES 5. JUNI 1994

Die Ermordung hat sich nach der Art abgespielt, die die FPR überall anwandte, wo sie Menschen erschoß: Man versammelt die Menschen, um vorgeblich über ihre Sicherheit zu sprechen, und eröffnet dann plötzlich das Feuer. Das geschah auch so bei den Bischöfen und der Gruppe, die mit ihnen zusammen war. Gegen 19 Uhr hat man sie im Refektorium der Josephiten versammelt, um - wie man ihnen gesagt hat - mit ihnen über ihren Aufenthalt und ihre Sicherheit zu sprechen. Die Militärs wurden unruhig, als sie die Abwesenheit des Erzbischofs (der in der Kapelle war) bemerkten. Man holte ihn illico presto. Unterdessen zog sich der Ortskommandant mit seinen Untergebenen zurück, die bisher etwas abseits sitzengeblieben waren.

Danach erschienen die Militärs voller Zorn im Saal und fragten, was "die Frauen" hier zu suchen hätten. Es handelte sich dabei um die drei jungen Mädchen, die die Kleriker seit Kabgayi begleitet und die durchgesetzt hatten, daß sie bei den Priestern im Refektorium blieben, obwohl die Militärs sie mit der Begründung hatten entfernen wollen, die Besprechung beträfe sie nicht. Schließlich wurden sie gewaltsam von der Gruppe getrennt und in eine Ecke getrieben.

Zwei haben - im wörtlichen Sinne versteinert - die Szene erlebt, als man auf alle schoß. Das dritte Mädchen konnte zusammen mit dem einzigen Priester, der das Massaker überlebte, fliehen. Sie entkamen über den hinteren Ausgang des Refektoriums, also eine andere als die von den Militärs benutzte Tür. Sie sind beide instinktiv zum Hof der Bruderschaft gelaufen. Als sie sich dort überrascht trafen, haben sie sich einige Minuten versteckt. Als man sie schließlich fand, tat man ihnen nichts mehr. Das Gewitter war vorüber.

Man hat also auf die Bischöfe und ihre Gruppe zwischen 19 und 20 Uhr geschossen. Gegen Mitternacht versammeln die Militärs alle Mönche, Ordensschwestern und all diejenigen, die sich bei der Josephiten-Bruderschaft befanden. Alle wurden gezwungen, die Leichen der Opfer anzuschauen.

Die Leichen derjenigen, die sich wie Sylvestre NDABERETSE nahe der Tür befunden hatten, waren völlig durchsiebt. Alle Opfer wurden nebeneinander gelegt und erhielten, gleichsam als Gnadenschuß, einen Schuß in den Kopf. RWABILINDA und GAHONZIRE wurden sogar die Augen ausgeschossen. Ein einziger blieb in seinem Sessel und hatte keinen Gnadenschuß erhalten: der Bischof von Kabgayi. Er muß wohl wegen seiner großen Gestalt im ersten Schußregen sofort umgekommen sein.

Mit den Klerikern sind die beiden jungen Leute gestorben, die bei ihnen geblieben waren, ohne etwas von der Gefahr zu ahnen, die sie umgab. Man ist auch erstaunt, daß sich der Generalobere der Josephiten-Bruderschaft unter den Opfern befindet. Denn die Brüder hatten gewußt, was sich vorbereitet, und der Generalobere mußte dies auch gewußt haben, aber er ist freiwillig geblieben, vielleicht weil er vermutet hatte, man werde nur den einen oder den anderen töten, aber nicht alle.

Bruder Balthasar, der Chef der Novizen (vor allem Hutu aus Burundi), hatte versucht, einige Priester zu retten. Er hat eine Strategie entwickelt, sie vor dem bevorstehenden Mord zu warnen. Er hat einen nach dem anderen herausgerufen, angeblich, um ihnen ihr Zimmer zu zeigen; als er aber sah, daß alle diejenigen, die er gewarnt hatte, beharrlich zur Gruppe zurückkehrten, gab er auf. Man hat ihn einige Wochen später in Kinazi ermordet, ebenso wie den Bruder Vivens, den Neffen von Bischof KALIBUSHI. Viele andere in der Massakernacht in Gakurazo anwesende Josephiten-Brüder haben sich - ein Zufall? - in der darauf folgenden Woche der FPR angeschlossen.

DER 6. JUNI 1994

Am 6. Juni begleiten die FPR-Soldaten den einzigen überlebenden Priester, um uns die schreckliche Wahrheit in der Fassung mitzuteilen, die von da an als offiziell galt: Junge Leute hätten diesen schweren Fehler begangen, weil sie infolge der Verluste ihrer Familien, gegen die die Kirche untätig geblieben sei, den Kopf verloren hätten. Der Pfarrer von Byimana begleitet den überlebenden Priester, um in der Schreinerei nach Särgen oder nach Material zu ihrer Anfertigung zu suchen. Ein einziger Sarg wurde gefunden: Er wurde für den ortsansässigen Bischof reserviert. Die Josephiten-Brüder konnten (am Montag, aber vor allem am Dienstagvormittag) vier Särge für die anderen Bischöfe, für den Generalvikar und ihren Generaloberen anfertigen.

Bei der Nachricht, die Bischöfe und die Priester seien getötet worden, waren wir schockiert und glaubten, daß nun wir an der Reihe wären. Am Beginn des Montagnachmittags nahmen wir unseren ganzen Mut zusammen und machten uns auf den Weg, die Opfer zu sehen. Sie waren in einen anderen Raum verbracht, das Refektorium inzwischen gereinigt worden. Es gab keine Spuren mehr, aber ein starker Geruch war noch vorhanden. Man sah aber auch Einschußstellen an den Wänden. Die Schwestern der Heiligen Martha (aus Kabgayi) und des Foyer de la Charité (Remera-Rukondo), die die Leichen gewaschen hatten, hatten sie nebeneinander auf Matten und Teppiche gelegt. Alle Gesichter waren verhüllt.

Als wir die Leichen bestatten wollten, sagte man uns, einige Offiziere würden dies gemeinsam mit uns vornehmen. Man sagte mir später, drei Obristen hätten zu der Gruppe gehört. Wir besprechen uns mit ihnen. Wir machen ihnen drei Vorschläge, von denen sie - übrigens glücklicherweise - die ersten beiden ablehnen.

Der erste Vorschlag lief darauf hinaus, jeden Bischof in seiner Bischofskirche zu bestatten. Für Byumba und Kabgayi wäre das in der FPR-Zone direkt möglich gewesen und den Leichnam des Erzbischofs von Kigali hätte man der UNO oder dem Roten Kreuz übergeben können. Ablehnung. Glücklicherweise, denn man hätte nicht wissen können, was mit den Leichen geschehen wäre, während man jetzt wenigstens weiß, daß sie in der Kathedrale von Kabgayi beerdigt wurden und eine feierliche Totenmesse zelebriert wurde. (Es gibt Fotos davon.)

Der zweite Vorschlag ging davon aus, daß ein Bischof nicht von irgendjemandem bestattet werden dürfe und daß deshalb die FPR-Führung den im FPR-Gebiet residierenden Bischof von Kibungo bitten könne, seine Mitbrüder zu bestatten. Zweite Ablehnung: "Civilians" hätten keine Reisefreiheit.

Unser dritter Vorschlag fand ihre Zustimmung: Die Bischöfe sollten in der Kathedrale von Kabgayi bestattet werden und der Rest der Opfer in einem gemeinsamen Grab in Gakurazo.

Man gibt mir gleich am Nachmittag einen Lieferwagen (mit einem Minderjährigen als Chauffeur), um im Philosophicum Werkzeug zum Ausheben der Gräber zu besorgen. Ich benutze die Gelegenheit, um mir einen Eindruck von den Schäden an meiner Lehranstalt zu verschaffen und um im Vorbeigehen meine Sutane mitzunehmen. Am folgenden Morgen werden die Gräber ausgehoben. In der Kathedrale wurde ein tiefes Grab für den örtlichen Bischof ausgehoben; die beiden anderen wurden in nur einem Meter Tiefe bestattet, da man annahm, ihre Gräber seien nur provisorisch und man könne sie bald in ihren jeweiligen Bischofskirchen bestatten. In Gakurazo wurde ein langes Gemeinschaftsgrab ausgehoben. In Kabgayi wie in Gakurazo halfen die Soldaten beim Graben.

DER 7. JUNI 1994

Die Totenmesse in Gakurazo ist am Dienstag, dem 7. Juni 1994, für 14 Uhr vorgesehen. Sie wird mit Verspätung beginnen. Die Messe wird zelebriert, ich leite. Nur die Särge werden aus dem Saal gebracht und neben den provisorischen Altar unter dem Vordach vor dem Saal gestellt, wo auch die anderen Leichen aufgereiht sind. Ich habe eine Predigt gehalten, die mir fast teuer zu stehen kam. Man hat wohl nicht einmal das Ende der Messe abgewartet, um Erkundigungen einzuziehen, ob ich nicht doch Interahamwe (Anmerkung: Hutu-Milizen, denen ein Großteil des Völkermords an der Tutsi-Bevölkerung angelastet wird) sei, da ich die Bischöfe und die verleumdete Kirche verteidigte und mich gegen jede Form von Gewalt aussprach.

Nach der Kommunion bat auch die FPR um das Wort: Der Offizier, der das Wort ergriff, behauptete, alle seien untröstlich über diese Morde und man suche mit Nachdruck nach den für dieses Verbrechen Verantwortlichen, bei denen es sich nur um Jugendliche handeln könne, deren Familien dezimiert worden seien und die glaubten, die Bischöfe hätten das Unglück verhindern können. Er fügte hinzu, einer der Schuldigen habe sich eine Kugel in den Kopf geschossen, weil er wußte, ihn erwarte eine schwere Strafe (niemand hat allerdings seit der fürchterlichen Nacht, als die Mitbrüder ermordet wurden, einen weiteren Schuß gehört). Bis heute hat die FPR keine Resultate einer Untersuchung mitgeteilt, sollte es denn je eine gegeben haben.

Nach der Messe kümmert sich Abbé Jean NSENGIMANA um die Beisetzung in Gakurazo. Man beauftragt ihn, genau zu notieren, in welcher Reihenfolge die Leichen liegen, um sie in Zukunft unter Umständen identifizieren zu können. Ich selbst fahre mit einer Reihe von Personen zur Kathedrale in Kabgayi, um die Bischöfe zu beerdigen. Es ist schon dunkel und die Bestattung findet bei Kerzenlicht statt. Außerhalb der Kathedrale hört man Maschinengewehrsalven. Anglophone Journalisten gehen vorbei, tun aber so, als hörten sie nichts. Ein einziger stellt heimlich zwei oder drei Fragen. Nochmals, wie schon in Gakurazo, helfen die Militärs auch in Kabgayi beim Zuschütten der Gräber.

Als wir nach Byimana zurückkomen, waren wir sehr verwundert zu sehen, daß alle Türen des Kirchengemeindezentrums zerstört, unsere Sachen gestohlen und die Reste auf der Erde zerstreut waren. Und dies, obgleich die Militärs Befehl erhalten hatten, die Gemeinde zu bewachen.

Gegen 2 Uhr morgens (das ist häufig die Exekutionsstunde der FPR) kommt eine Militärgruppe zurück, um uns zu terrorisieren. Ihr Chef heißt KAMARAMAZA, ein Kriegsname, wie es bei der FPR üblich ist. Zwei Priester begleiten sie (Alexander NGEZE, der Anfang Juli 1994 in der Bugesera verstarb und ein zweiter, dessen Namen ich nicht nenne). Die beiden haben offenkundig keinen Zweifel, daß eine Exekution stattfinden soll. Man bittet mich, der Truppe zu folgen. Ich ziehe meine Sutane über den Schlafanzug und man weist mir in der Kabine des Lieferwagens einen Platz zu.

Man rast nach Gakurazo. Der "Afandi"-Chef beginnt im Inneren mit seinen Kollegen oder seinen Vorgesetzten zu tuscheln. Als er zurückkommt, sagt er mir, er fahre mich zur Kirchengemeinde zurück. Erst später wurde mir die Gefahr bestätigt, in der ich in dieser Nacht und in der Zeit, in der ich in Ruanda blieb, schwebte. Wie kam es, daß ich noch am Leben bin, wo doch außer mir alle Chefs der religiösen Gemeinschaften in Kabgayi zusammen mit den drei Bischöfen umgebracht worden sind? Wie konnte ich nach allem, was ich bei der Totenfeier gesagt habe, überleben?

Am folgenden Tag, dem Mittwoch, kam ein Journalist vom FPR-Radio Muhabura, um sich Notizen zu machen. Man gab ihm die Namen aller Opfer, aber er fragte beharrlich, warum man nicht sagte, daß Bruder NSINGA der zehnte ermordete Priester ist! Es scheint, daß die mit NSINGA verwandten FPR-Mitglieder gegen seine Ermordung protestiert hatten. (Im übrigen hat auch die Familie GASABWOYA protestiert.)

Man kennt die Version, die am Mittwoch, dem 8. Juni 1994 in Radio Muhabura verlesen wurde: Man hat das Datum gefälscht, als man sagte, die Ermordung habe "gestern", d. h. am 7. Juni, stattgefunden. Man hat niemals den Namen von Bruder NSINGA genannt, sondern... den meinigen.

Aus: Dialogue, No 213 (Nov./Déc. 1999, S. 79 - 88)
Übersetzung aus dem Französischen von H. S., B.

Gebet der Schüler der Apostel der letzten Zeiten:
Herr, Du hast diese Märtyrer aus Ruanda in Deine himmlische Gemeinschaft aufgenommen. Beschütze alle, die die Wahrheit über ihr Martyrium verbreiten. Schicke ihnen Deine Engel zu Hilfe, damit die Pläne der Rächer zuschanden werden. Amen.

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