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5ST3 |
Glückliches Land der Berge |
Josef Rampold |
"Nun erblicke ich endlich, bei hohem Sonnenschein...
das Tal, worin Bozen liegt.
Alles ... hat hier schon mehr Kraft und Leben; ... und man glaubt wieder einmal
an Gott."
(J. W. Goethe,
Italienische Reise, 4. September 1786)
Das
Sarntal wurde als "das deutscheste aller Täler südlich vom
Brenner" bezeichnet. Man hat in den urwüchsigen und trotzigen Sarnern
Reste der Goten erblickt; diese Theorie wird zwar heute nicht mehr aufrechterhalten,
wohl aber darf man in der Sarntaler Mundart mit ihren vollklingenden Endungen
Relikte des Althochdeutschen vermuten. Nirgendwo sonst hält der Bauer so sehr
an der alten Tracht fest. (Südtiroler Wanderbuch, S. 49)
Tschögglberg:
Die Hochmatten und schütteren Waldgruppen des Salten sind voller
Seligkeit der Almen, übersät mit Tausenden von köstlichen Bergblumen, während
in tieferen Lagen inmitten üppiger Wiesen und heller Birken noch da und dort
das Mühlrad klappert. (49, 52f.) Die traumschönen Lärchenwiesen der Saltenhöhe
gipfeln im Hügel der Lafenn, der vom uralten Jakobskirchlein gekrönt wird.
Strohdächer auf alten Tennen, Lärchenwiesen, ein seidig-blauer Himmel,
enzianübersäte Wiesen, Bauern, die manchmal noch im Sonntagsstaat auf dem Rücken
ihrer blondmähnigen Haflinger Pferde zum Gottesdienst reiten — das ist der
Salten. (56f.)
Der
Schlern — Wahrzeichen des Landes. Ich würde raten, den Schlern von
der Seiser Alm her zu besteigen, und dies nicht nur, weil er von hier aus mit
verhältnismäßig wenig Mühe zu erreichen ist. Der Grund ist vielmehr der, daß
mir Schlern und Seiser Alm immer als eine untrennbare Einheit erschienen
sind, gekennzeichnet durch die reizvolle Gegensätzlichkeit der Formen: hier der
unendliche Blumengarten einer der schönsten Almflächen der Welt — dort die
wuchtige Felsburg an den Pforten des Dolomitenreiches, hie Wiese, dort Stein —
aber alles unter dem gleichen tiefblauen Himmel, der voll von geheimnisvollen
Verheißungen ist. (109)
Nahe
an die Schlernwände und gegen Santnerspitze und Euringer hingerückt, liegt die
Proßliner Schwaige, eine einfache Alm, die auch Unterkunft bietet, direkt
unterm Dach, durch dessen Ritzen die vom Mondlicht versilberten Bergspitzen
hereinschauen. Der Platz dieser Almhütte mit dem vor die Schlernsilhouette
hingestellten Wetterkreuz ist ein Stück jener Schönheit und Harmonie von
weichen Matten und wilden Wänden, die dereinst den Ruf und Ruhm der Seiser Alm
begründet haben. (116)
Sankt
Martin im Kofel: Die kleine Kabinenseilbahn, die von Latsch im
Vinschgau hinauf nach St. Martin im Kofel führt, hat viele Bergbauernhöfe vor
dem drohenden Gespenst der Verödung gerettet. denn die Sonnenseite des Tales
ist hier steinig, öd und verbrannt, — und nur unermüdliche Zähigkeit ringt dem
kargen Boden einigen Ertrag ab. Einst seien hier staatliche Wälder gestanden,
weiß die Überlieferung zu berichten, aber man trieb Raubbau damit, und es
heißt, daß die gewaltigen Pfähle, auf denen die Marmorpaläste Venedigs ruhen,
aus den Wäldern des Vinschgaues stammen. Viele der Schulkinder, die in Sankt
Martin im Kofel in die Volksschule gehen, haben einen weiten und gefährlichen
Weg, abschüssig und eisig im Winter; am weitesten haben es die Kinder von
Vorra. Die Bergbauernhöfe dort kleben in abenteuerlicher Steilheit an den Hängen.
Tief unten das Tal; man sieht mit einem Blick die Gletscher von Martell und die
Weingüter von Goldrain. (278, 282f.)
Die
Sagen der Dolomiten sind ein feines Gewebe, gewirkt aus Poesie und
Geschichte. Überall leuchtet ein matter goldner Glanz aus frühester Zeit bis
herauf zu uns; es ist der Traum vom verlorenen und einst glücklichen Reich der
Berge, der in den geheimnisvollen rätischen Namen singt. Gewiß hat die
Erfindungsgabe der rätischen Hirten und der Erzählerinnen in den Spinnstuben an
langen Winterabenden viel ersonnen und erdichtet — aber immer noch kann man
hinabsteigen zum Urgrund aller Dolomitenpoesie. So erschienen etwa den blonden
germanischen Recken die rätischen Urbewohner, diese dunkelhaarigen,
untersetzten, aber kräftigen Menschen klein, und die alles übersteigernde Sage
machte daraus die Zwerge mit ihrem König Laurin. (346)
Ein
weiterer, großer Sagenkreis ist der vom versunkenen Reich der Fanes, jener
großen, trümmererfüllten Hochfläche, die umstanden ist von Felsbastionen, die
grüne Almen und blaue Seen in den Armen halten. Dies alles war einmal nicht aus
Stein, sondern Wiese und Wald, Weide und lachende Flur. Die Königsburg der
Fanes war der Berg Conturines, und die Murmeltiere waren dort den Menschen
heilig. Als man sich von ihnen abwandte, war es mit dem Glück des Reiches
vorbei. Auch Dolasilla, die hochgemute Prinzessin der Fanes, konnte das
Geschick nicht wenden, obwohl sie an der Spitze ihrer Mannen
ritt, ganz in Weiß gewappnet, mit ihren nie fehlenden Pfeilen. Und obwohl die
Fanesleute aus dem kostbaren Schatz ihres Reiches die silbernen Trompeten
gegossen hatten, vor denen die Feinde erzitterten, verloren sie Schlacht und
Leben. Die silbernen Trompeten verstummten, sie liegen heute noch auf dem Grund
der Fanes-Seen; und nur die Murmeltiere leben noch. (346f.)

Der
Weg um die Langkofelgruppe ist reiner Genuß, er ist unschwierig und auf lange
Stücke eben, er ist lang — aber er wird nie eintönig; wie ein Bilderbogen aus
dem Märchenreich der Berge ist es da. Es beginnt vor dem Dreigestirn Langkofel,
Fünffingerspitze und Grohmann und hat hinter sich Sella, Sass Pordoi und den
Hermelin der Marmolata. Vom Rodella-Sattel aus, der eigentliche
Friedrich-August-Weg (benannt nach dem letzten Sachsenkönig), das ist rätische
Landschaft ganz und gar, zur Rechten wilde Felswände, grau, gelb und schwarz —
zur Linken die flimmernde Ferne der Täler von Durón und Fassa, am Weg
perlengeschmückte Blumen und tiefer unten die sattgrünen Hochweiden, auf denen
da und dort die Zirbelkiefer steht. Dies alles legt sich wie ein Schleier um
den Saum des Rosengartens, den wir auf diesem Weg stets vor Augen haben;
plötzlich aber führt der Weg um ein Eck, und jetzt steht der Schlern da, mit
Santner- und Euringerspitze, zwei Riffe über den Wogen der Seiser Alm; und
wieder versinken diese Kulissen gegen Westen — jetzt rücken die Türme der
Geisler heran, gehn über die Täler und Furchen der Sella.
Aber
was ist das alles gegen ihn selbst, den Langkofel! Schnee liegt in seinen
tiefen Runsen, fern in seinem Felsleib rauschen Schmelzwasser, alles ist Größe,
ist unsagbare Einsamkeit — unerlöst selbst gegen den blauen Himmel hin. (367f.)
Wo
die Merisána Hochzeit hielt. Am Ostufer des Fedèra-Sees spiegeln
sich die wilden Türme der Croda dal Lago. Im Costeàna-Tal, einem Meer von
Almrosen, dessen rote Wellen in die grünen Wälder branden, herrschte einst
Merisána, die Königin der Wald- und Wasserjungfrauen, um die der "Réy de
Ràyes", der Strahlenkönig, freite, dessen Reich groß und glänzend hinter
dem Antelao liegt. Jedoch Merisána stellte eine Bedingung, sie wollte nur
heiraten, wenn dann alle Lebewesen froh würden und immer so blieben. Aber das
konnte der König nicht erwirken, so mächtig war er nicht, ja nicht einmal für
einen einzigen Tag konnte er alle glücklich machen — nur für die Mittagsstunde,
für jene Stunde, in der die Sonne über dem Becco di Mezzodì steht. So wenig ist
es, was in unserer Welt selbst ein so mächtiger König vermag! Und die Merisána
seufzte: "Nicht einmal einen Tag..."
Als
dann aber die Mittagsstunde kam, da war alles hell und glücklich und unzählige
Blumen blühten in festlichem Glanz. Die Zwerge kamen aus dem Wald Amarida und
wanden die Blumen zu Sträußen, aber die verwelkten schnell; da schlang die
Merisána ihren Brautschleier darum, und so wurde die zartgrüne Lärche daraus.
Heute noch wiegen sich am Fèdera-See und im Tal des Costeàna die Schleierbäume
der Merisána, und von den Blumen stehen noch die roten Almrosen allüberall; festlich
leuchten sie auf, wenn um die Mittagsstunde die Sonne hoch über dem Becco di
Mezzodì steht.
Die
Geschichte von der Merisána und davon, daß Menschen und selbst Könige nur für
Stunden ganz glücklich sein dürfen, die hat der Sagenforscher Karl Felix Wolff
aufgezeichnet; alte Leute und Hirten haben sie ihm erzählt. (390f.)
ETIKA-Sonderausgabe
zum 70. Geburtstag von Dr. Josef Rampold, Schriftsteller, Lektor, Chefredakteur
der Tageszeitung "Dolomiten" bis zum 18. Jänner 1995. Eine
vierseitige Würdigung erschien im Tagblatt der Südtiroler am selben Tag, ein
ganzseitiges Interview am Tag davor.
Vier
von Dr. Josef Rampold verfaßte Bände der Südtiroler Landeskunde sind im
Buchhandel erhältlich: Vinschgau (im Herbst 1997 erschien die siebte Auflage);
Pustertal; Eisacktal; Bozen, Salten, Sarntal, Ritten, Eggental; Verlag Athesia
Bozen, jeweils 39.- DM, 248 öS, 26.000 Lire.
Obige
Texte sind dem "Südtiroler Wanderbuch" (Tyrolia Innsbruck) entnommen;
von der neunten Auflage gibt es nur noch einige Restexemplare bei
Athesia-Buchmarkt in der Bozner Silbergasse. Die Bildbände "Südtiroler
Bergseen" (Bilder von Hans Menara, Athesia) und "Südtiroler
Bergtouren" sind vergriffen. Einen Streifzug quer durch Südtirol bietet
das Büchlein "An Eisack, Etsch und Rienz".
Glücklicherweise
sind Dr. Josef Rampolds heimatkundliche Sendungen - es sind schon Tausende
-noch jede Woche im RAI-Sender Bozen zu hören. Weiterhin gestaltet er seit 40
Jahren die Bergsteigerseite in den "Dolomiten".
Wer
mehr über Südtirol wissen will, klicke auf Südtirol online.
Ötzi aktuell
Einen
guten Überblick über die aktuelle Lage gab der Landeskenner Reinhard Olt in der
Frankfurter Allgemeinen Mitte Januar 1998. Sein Artikel "Spagat zwischen
Rom und Wien - Nicht nur der Mann aus dem Eis kratzt an der Tiroler
Identität" wurde vom Tagblatt der Südtiroler, den "Dolomiten",
am 20. Jänner 1998 auf Seite 17 nachgedruckt. Nachdenklich macht der Schluß:
Was die SVP ... mehr als tagespolitische Erfolge
nötig zu haben scheint, ist Stärkung des Selbstbehauptungswillens der
Südtiroler, zumal in der Perspektive des zusammenwachsenden Europa. Wie anders
sollte sie als Partei fortbestehen, wie anders das Überleben der ihr
schutzbefohlenen Minderheit gegenüber Rom und den alles überwölbenden Brüsseler
Eurostrukturen schützen können als im Zusammenwirken mit Innsbruck und Wien.
Besinnt sie sich nicht wieder auf ihre Triebfedern, auch nicht auf Tirol als
Ganzes, gebietet sie der Selbstsüchtigkeit von einzelnen, Bünden und Flügeln
nicht Einhalt, läuft sie Gefahr, abzusterben, und mit ihr die Volksgruppe,
deren Bestand zu sichern sie vorgibt. Sonst mag sie zu Lebzeiten im von ihr
durchgeboxten Mausoleum zu Bozen, in dem der Ötzi künftig ausgestellt wird,
auch ein wohltemperiertes Fach für den Schnalsi reservieren lassen.
Foto:
Auf der Sella, Juli 1988