ETIKA

SÜDTIROL

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28.10.2003

5ST3

Glückliches Land der Berge

Josef Rampold

 

"Nun erblicke ich endlich, bei hohem Sonnenschein... das Tal, worin Bozen liegt.
Alles ... hat hier schon mehr Kraft und Leben; ... und man glaubt wieder einmal an Gott."

(J. W. Goethe, Italienische Reise, 4. September 1786)

Das Sarntal wurde als "das deutscheste aller Täler südlich vom Brenner" bezeichnet. Man hat in den urwüchsigen und trotzigen Sarnern Reste der Goten erblickt; diese Theorie wird zwar heute nicht mehr aufrechterhalten, wohl aber darf man in der Sarntaler Mundart mit ihren vollklingenden Endungen Relikte des Althochdeutschen vermuten. Nirgendwo sonst hält der Bauer so sehr an der alten Tracht fest. (Südtiroler Wanderbuch, S. 49)

Tschögglberg: Die Hochmatten und schütteren Waldgruppen des Salten sind voller Seligkeit der Almen, übersät mit Tausenden von köstlichen Bergblumen, während in tieferen Lagen inmitten üppiger Wiesen und heller Birken noch da und dort das Mühlrad klappert. (49, 52f.) Die traumschönen Lärchenwiesen der Saltenhöhe gipfeln im Hügel der Lafenn, der vom uralten Jakobskirchlein gekrönt wird. Strohdächer auf alten Tennen, Lärchenwiesen, ein seidig-blauer Himmel, enzianübersäte Wiesen, Bauern, die manchmal noch im Sonntagsstaat auf dem Rücken ihrer blondmähnigen Haflinger Pferde zum Gottesdienst reiten — das ist der Salten. (56f.)

Der Schlern — Wahrzeichen des Landes. Ich würde raten, den Schlern von der Seiser Alm her zu besteigen, und dies nicht nur, weil er von hier aus mit verhältnismäßig wenig Mühe zu erreichen ist. Der Grund ist vielmehr der, daß mir Schlern und Seiser Alm immer als eine untrennbare Einheit erschienen sind, gekennzeichnet durch die reizvolle Gegensätzlichkeit der Formen: hier der unendliche Blumengarten einer der schönsten Almflächen der Welt — dort die wuchtige Felsburg an den Pforten des Dolomitenreiches, hie Wiese, dort Stein — aber alles unter dem gleichen tiefblauen Himmel, der voll von geheimnisvollen Verheißungen ist. (109)

Nahe an die Schlernwände und gegen Santnerspitze und Euringer hingerückt, liegt die Proßliner Schwaige, eine einfache Alm, die auch Unterkunft bietet, direkt unterm Dach, durch dessen Ritzen die vom Mondlicht versilberten Bergspitzen hereinschauen. Der Platz dieser Almhütte mit dem vor die Schlernsilhouette hingestellten Wetterkreuz ist ein Stück jener Schönheit und Harmonie von weichen Matten und wilden Wänden, die dereinst den Ruf und Ruhm der Seiser Alm begründet haben. (116)

Sankt Martin im Kofel: Die kleine Kabinenseilbahn, die von Latsch im Vinschgau hinauf nach St. Martin im Kofel führt, hat viele Bergbauernhöfe vor dem drohenden Gespenst der Verödung gerettet. denn die Sonnenseite des Tales ist hier steinig, öd und verbrannt, — und nur unermüdliche Zähigkeit ringt dem kargen Boden einigen Ertrag ab. Einst seien hier staatliche Wälder gestanden, weiß die Überlieferung zu berichten, aber man trieb Raubbau damit, und es heißt, daß die gewaltigen Pfähle, auf denen die Marmorpaläste Venedigs ruhen, aus den Wäldern des Vinschgaues stammen. Viele der Schulkinder, die in Sankt Martin im Kofel in die Volksschule gehen, haben einen weiten und gefährlichen Weg, abschüssig und eisig im Winter; am weitesten haben es die Kinder von Vorra. Die Bergbauernhöfe dort kleben in abenteuerlicher Steilheit an den Hängen. Tief unten das Tal; man sieht mit einem Blick die Gletscher von Martell und die Weingüter von Goldrain. (278, 282f.)

Die Sagen der Dolomiten sind ein feines Gewebe, gewirkt aus Poesie und Geschichte. Überall leuchtet ein matter goldner Glanz aus frühester Zeit bis herauf zu uns; es ist der Traum vom verlorenen und einst glücklichen Reich der Berge, der in den geheimnisvollen rätischen Namen singt. Gewiß hat die Erfindungsgabe der rätischen Hirten und der Erzählerinnen in den Spinnstuben an langen Winterabenden viel ersonnen und erdichtet — aber immer noch kann man hinabsteigen zum Urgrund aller Dolomitenpoesie. So erschienen etwa den blonden germanischen Recken die rätischen Urbewohner, diese dunkelhaarigen, untersetzten, aber kräftigen Menschen klein, und die alles übersteigernde Sage machte daraus die Zwerge mit ihrem König Laurin. (346)

Ein weiterer, großer Sagenkreis ist der vom versunkenen Reich der Fanes, jener großen, trümmererfüllten Hochfläche, die umstanden ist von Felsbastionen, die grüne Almen und blaue Seen in den Armen halten. Dies alles war einmal nicht aus Stein, sondern Wiese und Wald, Weide und lachende Flur. Die Königsburg der Fanes war der Berg Conturines, und die Murmeltiere waren dort den Menschen heilig. Als man sich von ihnen abwandte, war es mit dem Glück des Reiches vorbei. Auch Dolasilla, die hochgemute Prinzessin der Fanes, konnte das Geschick nicht wenden, obwohl sie an der Spitze ihrer Mannen ritt, ganz in Weiß gewappnet, mit ihren nie fehlenden Pfeilen. Und obwohl die Fanesleute aus dem kostbaren Schatz ihres Reiches die silbernen Trompeten gegossen hatten, vor denen die Feinde erzitterten, verloren sie Schlacht und Leben. Die silbernen Trompeten verstummten, sie liegen heute noch auf dem Grund der Fanes-Seen; und nur die Murmeltiere leben noch. (346f.)

Der Weg um die Langkofelgruppe ist reiner Genuß, er ist unschwierig und auf lange Stücke eben, er ist lang — aber er wird nie eintönig; wie ein Bilderbogen aus dem Märchenreich der Berge ist es da. Es beginnt vor dem Dreigestirn Langkofel, Fünffingerspitze und Grohmann und hat hinter sich Sella, Sass Pordoi und den Hermelin der Marmolata. Vom Rodella-Sattel aus, der eigentliche Friedrich-August-Weg (benannt nach dem letzten Sachsenkönig), das ist rätische Landschaft ganz und gar, zur Rechten wilde Felswände, grau, gelb und schwarz — zur Linken die flimmernde Ferne der Täler von Durón und Fassa, am Weg perlengeschmückte Blumen und tiefer unten die sattgrünen Hochweiden, auf denen da und dort die Zirbelkiefer steht. Dies alles legt sich wie ein Schleier um den Saum des Rosengartens, den wir auf diesem Weg stets vor Augen haben; plötzlich aber führt der Weg um ein Eck, und jetzt steht der Schlern da, mit Santner- und Euringerspitze, zwei Riffe über den Wogen der Seiser Alm; und wieder versinken diese Kulissen gegen Westen — jetzt rücken die Türme der Geisler heran, gehn über die Täler und Furchen der Sella.

Aber was ist das alles gegen ihn selbst, den Langkofel! Schnee liegt in seinen tiefen Runsen, fern in seinem Felsleib rauschen Schmelzwasser, alles ist Größe, ist unsagbare Einsamkeit — unerlöst selbst gegen den blauen Himmel hin. (367f.)

Wo die Merisána Hochzeit hielt. Am Ostufer des Fedèra-Sees spiegeln sich die wilden Türme der Croda dal Lago. Im Costeàna-Tal, einem Meer von Almrosen, dessen rote Wellen in die grünen Wälder branden, herrschte einst Merisána, die Königin der Wald- und Wasserjungfrauen, um die der "Réy de Ràyes", der Strahlenkönig, freite, dessen Reich groß und glänzend hinter dem Antelao liegt. Jedoch Merisána stellte eine Bedingung, sie wollte nur heiraten, wenn dann alle Lebewesen froh würden und immer so blieben. Aber das konnte der König nicht erwirken, so mächtig war er nicht, ja nicht einmal für einen einzigen Tag konnte er alle glücklich machen — nur für die Mittagsstunde, für jene Stunde, in der die Sonne über dem Becco di Mezzodì steht. So wenig ist es, was in unserer Welt selbst ein so mächtiger König vermag! Und die Merisána seufzte: "Nicht einmal einen Tag..."

Als dann aber die Mittagsstunde kam, da war alles hell und glücklich und unzählige Blumen blühten in festlichem Glanz. Die Zwerge kamen aus dem Wald Amarida und wanden die Blumen zu Sträußen, aber die verwelkten schnell; da schlang die Merisána ihren Brautschleier darum, und so wurde die zartgrüne Lärche daraus. Heute noch wiegen sich am Fèdera-See und im Tal des Costeàna die Schleierbäume der Merisána, und von den Blumen stehen noch die roten Almrosen allüberall; festlich leuchten sie auf, wenn um die Mittagsstunde die Sonne hoch über dem Becco di Mezzodì steht.

Die Geschichte von der Merisána und davon, daß Menschen und selbst Könige nur für Stunden ganz glücklich sein dürfen, die hat der Sagenforscher Karl Felix Wolff aufgezeichnet; alte Leute und Hirten haben sie ihm erzählt. (390f.)


ETIKA-Sonderausgabe zum 70. Geburtstag von Dr. Josef Rampold, Schriftsteller, Lektor, Chefredakteur der Tageszeitung "Dolomiten" bis zum 18. Jänner 1995. Eine vierseitige Würdigung erschien im Tagblatt der Südtiroler am selben Tag, ein ganzseitiges Interview am Tag davor.

Vier von Dr. Josef Rampold verfaßte Bände der Südtiroler Landeskunde sind im Buchhandel erhältlich: Vinschgau (im Herbst 1997 erschien die siebte Auflage); Pustertal; Eisacktal; Bozen, Salten, Sarntal, Ritten, Eggental; Verlag Athesia Bozen, jeweils 39.- DM, 248 öS, 26.000 Lire.

Obige Texte sind dem "Südtiroler Wanderbuch" (Tyrolia Innsbruck) entnommen; von der neunten Auflage gibt es nur noch einige Restexemplare bei Athesia-Buchmarkt in der Bozner Silbergasse. Die Bildbände "Südtiroler Bergseen" (Bilder von Hans Menara, Athesia) und "Südtiroler Bergtouren" sind vergriffen. Einen Streifzug quer durch Südtirol bietet das Büchlein "An Eisack, Etsch und Rienz".

Glücklicherweise sind Dr. Josef Rampolds heimatkundliche Sendungen - es sind schon Tausende -noch jede Woche im RAI-Sender Bozen zu hören. Weiterhin gestaltet er seit 40 Jahren die Bergsteigerseite in den "Dolomiten".

Wer mehr über Südtirol wissen will, klicke auf Südtirol online.

 


Ötzi aktuell

Einen guten Überblick über die aktuelle Lage gab der Landeskenner Reinhard Olt in der Frankfurter Allgemeinen Mitte Januar 1998. Sein Artikel "Spagat zwischen Rom und Wien - Nicht nur der Mann aus dem Eis kratzt an der Tiroler Identität" wurde vom Tagblatt der Südtiroler, den "Dolomiten", am 20. Jänner 1998 auf Seite 17 nachgedruckt. Nachdenklich macht der Schluß:

Was die SVP ... mehr als tagespolitische Erfolge nötig zu haben scheint, ist Stärkung des Selbstbehauptungswillens der Südtiroler, zumal in der Perspektive des zusammenwachsenden Europa. Wie anders sollte sie als Partei fortbestehen, wie anders das Überleben der ihr schutzbefohlenen Minderheit gegenüber Rom und den alles überwölbenden Brüsseler Eurostrukturen schützen können als im Zusammenwirken mit Innsbruck und Wien. Besinnt sie sich nicht wieder auf ihre Triebfedern, auch nicht auf Tirol als Ganzes, gebietet sie der Selbstsüchtigkeit von einzelnen, Bünden und Flügeln nicht Einhalt, läuft sie Gefahr, abzusterben, und mit ihr die Volksgruppe, deren Bestand zu sichern sie vorgibt. Sonst mag sie zu Lebzeiten im von ihr durchgeboxten Mausoleum zu Bozen, in dem der Ötzi künftig ausgestellt wird, auch ein wohltemperiertes Fach für den Schnalsi reservieren lassen.

Foto: Auf der Sella, Juli 1988

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