ETIKA

SÜDTIROL

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14.11.1998

5ST5

Angela Nikoletti
Südtiroler Märtyrerin

 

 

 

Heimatbühne Kurtatsch Uraufführung

Die Kornblume

Angela Nikoletti

Eine Pionierin des Unterlandes

Drama in sechs Bildern von Hans Pircher

Spielleitung: Erika Carli

Freilichtaufführung im Ansitz Freienfeld

Das Leben von Angela Nikoletti war durch und durch geprägt vom faschistischen Regime, welches durch das sogenannte "Lex Gentile" darauf abzielte, den Südtirolern Sprache und Kultur zu entziehen und sie zu italianisieren.

Aus der Not heraus entstanden landesweit die Geheimschulen (Katakombenschulen), die hauptsächlich in Kanonikus Michael Gamper den eifrigsten Verfechter fanden.

Angelas Lebensziel war von Jugend auf, Lehrerin zu werden; die Ausbildung dafür erhielt sie in Zams (Nordtirol). Doch wegen der politischen Situation konnte sie ihren Traumberuf nie antreten. Aber in ihrem Idealismus für Volk und Heimat war sie sofort bereit, sich für die Abhaltung von heimlichem Unterricht in deutscher Sprache zur Verfügung zu stellen. Wohl wissend, daß sie mit diesem Schritt in die Grauzone der Widergesetzlichkeit geriet, zeigte sie keine Furcht und scheute kein Opfer, selbst dem damaligen Podestà von Kurtatsch, Giovanni Lorenzi, gegenüberzutreten. Dieser war selbst deutscher Muttersprache und Leutnant bei den österreichischen Kaiserjägern gewesen, verriet aber danach sein Volk, italianisierte seinen Namen und drangsalierte als machtbesessener Faschist seine Landsleute.

Angela (gesprochen Ángela, nicht Ándschela) mußte Repressalien, Verfolgung, selbst Kerkerhaft in Kauf nehmen. Nur ihrer Jugend und ihrer angeschlagenen Gesundheit hatte sie es zu verdanken, daß sie nicht in Verbannung auf die Inseln (Lipari oder Pantelleria) geschickt wurde.

Dennoch verfolgte man sie auf Schritt und Tritt bis auf die Alm hinauf und in die Krankenzimmer. Ganz bitter war für Angela, daß sie ihr Heimatgebiet nie mehr betreten sollte.

In den vielen trostlosen Stunden der Einsamkeit und des seelischen und körperlichen Leidens verfaßte sie ein Tagebuch und schrieb Gedichte. Die blaue Kornblume steht für deutsche Treue - ein heute verdrängter Begriff.

Die 1905 geborene Angela starb, kaum 25jährig, als Opfer der faschistischen Unterdrückungspolitik - eine Heldin und Märtyrerin, eine charakterstarke Frau, eine Pionierin des deutschen Volkstums, der Schule und Kultur ihrer Heimat.

In dem von Pfarrer Hans Pircher verfaßten und von Erika Carli souverän inszenierten Theaterstück spiegelt sich die damalige Situation getreu wider. Man hört den Faschistenmarsch "Giovinezza" und vergessene deutsche Lieder. Ein grandioses Drama, das von den Kurtatschern mit Begeisterung gespielt wird - fast das halbe Dorf ist irgendwie beteiligt - und in allen Dörfern Südtirols gezeigt werden sollte. Herausragend die Leistungen der vielen begabten Darsteller, von Gerlinde Pomella über Josef Schiefer, Kurt Terzer und Toni Sanoll bis zu Georg Kofler, um nur ein paar der beteiligten Vollblutschauspieler zu nennen.

Das Stück ist deshalb von herausragender Bedeutung, weil den Zuschauern bewußt wird, wie weit sich das heutige Südtirol vom Kern seines Tiroler Wesens entfernt hat, wie die Ideale Familie, Heimat und Glaube bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung dem Materialismus gewichen sind. Oft kommen einem die Tränen, wenn man sieht, wie es damals war. Dieser Aspekt kam in den bisher veröffentlichten Theaterkritiken viel zu kurz, denn es geht nicht nur um die schlechten Seiten des Faschismus, sondern um das verlorene Gute in der Tiroler Seele.

Der Objektivität dient der Einschub des einfühlsamen Autors Hans Pircher, in dem Lehrer Riedl von dem liebenswerten italienischen Völkchen auf seiner Verbannungsinsel Pantelleria berichtet. In jedem Volk gibt es eben Gute und Schlechte, und kein Volk ist gut oder schlecht.

Den Nerv der Heutigen trifft Pircher mit der ebenfalls hinzugefügten Schreckensvision Angelas: Die Südtiroler fallen dem Wohlstand anheim und geben ihre Identität auf, den Glauben an die Heimat und den Herrgott. Mit einzigartiger Ironie ruft die von der Misere und vom Tode gezeichnete und gerade knapp einem (hoffentlich nicht in Wirklichkeit geschehenen) Gewaltakt entgangenene Hauptdarstellerin aus, als ob das alles nichts wäre: "Gott sei Dank muß ich das nicht mehr erleben." Dies deutet an, daß die heutigen Geschehnisse die damaligen noch übertreffen.


Die Mitwirkenden:

Angela Nikoletti: Gerlinde Pomella

Frau Peer: Hilde Penz

Klaberer: Toni Sanoll

Moidl, seine Frau: Traudl Rizzi

Rudolf Riedl, Lehrer: Heinrich Sanoll

Kooperator: Andreas Mayr

Dr. Puintner: Kuno Zwerger

Hedwig Mayr: Marialuise Stanghier

Podestà: Georg Kofler

Maresciallo: Josef Schiefer

Fantul: Georg Terzer

Pfeiferin, Kramerin: Notburga Bertolin

Ferdi Pertignoll: Hermann Stimpfl

Marisa, Italienisch-Lehrerin: Sonja Schiefer

Schwester Friedolina: Roswitha Gruber

Giacomo, Gefängniswärter: Manfred Marth

Valentin Gruber: Kurt Terzer

Josef Stimpfl: Jörg Kofler

Horst Ritsch: Martin Bertolin

Juli Hauser: Sonja Schiefer

Die Kinder: Andreas Bertolin, Stefanie Felizett, Simon Kofler, Ancilla Lechner, Anita Mair, Magdalena Pernold, Irene Sanoll, Christian Schweiggl, Johannes Schweiggl, Andreas Stimpfl, Franziska Terzer, Christof Tonidandel

Gesamte Vorarbeit: Luis Hauser †

Musikalische Beratung: Erika Rinner Hauser

Souffleuse: Anna Schweiggl

Maske: Carmen Quortana

Kostüme: Maridl Hauser, Notburga Bertolin

Kostümschnitt: Olga Stimpfl, Elsa Fleck

Bühnenbau: Kurt Terzer, Heinrich Hauser, Georg Mayr, Martin Bertolin

Beleuchtung und Technik: Georg Mayr, Heinrich Hauser

Weitere Mitarbeiter: Andreas Mayr, Konrad Penz, Thomas Peer, Michael Kofler, Georg Terzer, Albert Terzer, Helmut Mayr

Näherinnen: Notburga Bertolin, Elisabeth Staffler, Resi Klotz, Maridl Hause, Herlinde Carli, Christl Pomella, Walburg Peer

Öffentlichkeitsarbeit: Heinrich Hauser, Christine Rossi, Stefan Rossi

Aufführungen: Dienstag 2. Juni, Freitag 5. Juni, Samstag 6. Juni, Dienstag 9. Juni, Mittwoch 10. Juni, Freitag 12. Juni, Samstag 13. Juni, Montag, 15. Juni mit Beginn um 21 Uhr.

Finanzielle Unterstützung durch die Raiffeisenkasse Salurn


In einer Broschüre der Schützenkompanie Kurtatsch mit dem Titel "Angela Nikoletti 1905 - 1930, Ein Opfer des Faschismus" zeichnet der verdienstvolle Heimatforscher Dr. Othmar Parteli den Weg der todesmutigen Lehrerin nach. Wir entnehmen daraus folgende Einzelheiten:

Mit 18 Jahren schon stand sie ohne Furcht vor dem Maresciallo in der Carabinieristation in Tramin. Sie schilderte die Szene so:

"Verstockt, entartet, eine Verbrechernatur nannte er mich, weil ich so jung und doch so keck und ohne Reue vor ihm stehen konnte. Nur weil ich minderjährig war, sehe er davon ab, sonst bekäme ich Gefängnis zu drei Monaten." Sie muß recht bald Frau Maria Nicolussi, Dr. Josef Noldin und Lehrer Rudolf Riedl begegnet sein, die die Katakombenschule im Unterland aufbauten. Sie schlug das Angebot einer angesehenen Bozner Familie aus, bei ihr als Kindermädchen zu arbeiten, und verschrieb sich mit Leib und Seele dem verbotenen deutschen Schulunterricht in Kurtatsch.

Angela Nikoletti: "In Begeisterung und Freude habe ich mich verpflichtet, den armen beraubten Kleinen deutsche Stunden zu erteilen... 30 Kinder kamen im ganzen zu mir. Küche, Zimmer und Garten waren die Schulzimmer. Bis 9 Uhr abends dauerte täglich meine Schule. Ich hatte Freude, obwohl ich oft recht müde war. Die guten Erfolge, der Fleiß und die Anhänglichkeit der Kinder lohnten sich. Fünfjährige konnten nach sechs monaten schon deutsch lesen und manches deutsche Liedlein singen. Ich hatte wirklich Freude mit allen."

"Auf einmal kam es anders..."

"Alle Rosen verblühten über Nacht im dunklen Kerker zu Tramin, und viele Ideale sanken in die Grube der einsamen Stunden."

Unter Ausnützung eines um die Wende von 1926 auf 1927 erneut einsetzenden harten Kurses ließ die örtliche Behörde keine Gelegenheit aus, Angela Nikoletti eines Verbrechens zu überführen. Es sei daran erinnert, daß Dr. Josef Noldin aus Salurn und Rudolf Riedl aus Tramin im Dezember 1926/Jänner 1927 neuerlich inhaftiert und zu mehrjähriger Verbannung auf die Inseln Lipari bzw. auf die Inseln Pantelleria und Ustica verurteilt wurden. Am 11. Mai 1927 war es soweit:

"Der Podestà ließ mich rufen. Mit scharfen Worten stellte er mich zur Rede wegen der Erteilung deutschen Unterrichts. Ich wollte den Grund des Verbotes wissen. Seine Antwort: weil es das Gesetz verbietet. Auflehnung gegen den Staat sei es. Eine Schädigung der Kinder usw. Ich widerlegte ihm alles. Daß es eigentlich ein Nutzen und kein Schaden für den Staat sei, wenn die Kinder gut geschult sind und daß nach meiner Ansicht es ein größeres Verbrechen sei, den Kindern die Muttersprache zu rauben, anstatt zu geben. Wütend wurde er wie ein Stier. Sprang herum vor mir wie ein Zigeuner. Er, der starke Mann, vor dem schwachen Mädchen. Und ich sollte da nicht lächeln? Ich tat es und dann war es aus. Furcht wollte er mir einjagen, und ich habe ihn nur mitleidig belächelt. Das war zuviel. Wutschnaubend schrie er: >daß sie es wissen, Sie haben vor mir Respekt zu haben ... Ich bin eine Amtsperson ...< Mich packte auch der Ärger ... und gab ihm zur Antwort: >Sie verlangen Respekt vor mir? Vielleicht könnte ich Ihnen zeigen, wenn ich nicht wüßte, wer Sie sind. Wenn Sie nachdenken, wer sie waren und jetzt geworden sind, könnten Sie selber vor sich keinen haben. Sie, als unser Landsmann, so wütend gegen das Deutschtum auftreten...<" (Anm.: Im Theaterstück wird auch diese Szene naturgetreu und überzeugend nachgespielt.)

Trotz der Einschüchterung von seiten des Podestà (Bürgermeisters) fuhr Angela mit ihrem Deutschunterricht fort. Drei Tage später, als sie an Rippenfellentzündung erkrankt war, wofür sie ein ärztliches Zeugnis hatte, fuhr eine Gruppe Carabinieri auf einer Kutsche vor.

"Samt Zeugnis warfen sie mich über den Zaun. Sie zerrten mich in den Wagen und im Galopp gings nach Tramin. Foppereien und Spöttereien mußte ich auf dem ganzen Weg erleiden."

In Tramin begann sofort ein mehrstündiges, nervenzerreibendes Verhör. Von wem sie bezahlt würde, welche Kinder ihren Unterricht besucht hätten, ja wer überhaupt die Drahtzieher dieser Geheimschule wären. Ein Abendessen bekam sie nicht. Um 11 Uhr nachts wurde sie abgeführt, bis zum nächsten Morgen um 9 Uhr lehnte sie an der naßkalten Kerkermauer. Dann hat man sie ins Gefängnis von Neumarkt überstellt, wo sie mit der Bemerkung "daß ich eine sehr widerspenstige und gefährliche Person sei", in einer feuchten und dunklen Einzelzelle interniert wurde. (Anm: Auch Andreas Hofer mußte auf der Fahrt zur Hinrichtung in Mantua eine Nacht in Neumarkt verbringen - eine Gedenktafel gibt darüber Auskunft -, während an Angela Nikoletti nur die Grundschule und ihr Grab auf dem Kurtatscher Ortsfriedhof hindeuten. Sicher wäre es sinnvoll, wenn die Schützen z. B. auf dem Grauner Joch ein Kreuz zu ihrem Andenken aufstellen würden.)

"Im Kerker, Mai 1927. Müde fiel ich auf die Pritsche hin. Verlassen fühlte ich mich und einsam. Ich hatte Zeit, all die Drohungen zu überdenken... Ich lächelte, als sie ausgesprochen wurden, und jetzt in der dämmrigen Einsamkeit schauderten sie mich. Ich sah sie als Wirklichkeit vor mir. Die Phantasie arbeitete mehr als gut war. Schrecklich kam mir auf einmal alles zum Bewußtsein. Und ich dachte an Noldin und Riedl. Wenn auch mir dieses Los bevorsteht? (Anm.: Auch Noldin starb an den Entbehrungen auf den süditalienischen Inseln in der Heimat als Märtyrer.) Nach den Drohungen sah es so aus. Eine Angst überfiel mich und ein Heimweh. Ich konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Niemand von den Meinen durfte zu mir. In den langen Nächten zitterte ich vor Kälte. Nur kurze Viertelstunden konnte ich die Augen schließen, um bald aus schrecklichen Träumen zu erwachen. Und jeden Tag wurde ich matter.

Endlich am 19. Mai nachmittags war die gerichtliche Verhandlung. Ich bat um Spiegel und Kamm. Erschreckt starrte ich den Spiegel an. War das ich? Ein grünlichgelbes, schmales Gesicht sah mir entgegen. Sieben schneeweiße Haare glänzten an der linken Seite. Ja, bin das wirklich ich? Fast wirr machte es mich. In solch kurzer Zeit solch große Veränderungen. Auch fühlte ich, daß Kleid und Wäsche mir zu weit waren. Kann Ärger und Leid solch tiefe Wirkungen haben? - an mir mußte ich es erfahren.

Sieben Männer waren zugegen und ich allein. Der Urteilsspruch lautete: 30 Tage bedingungsweise Arrest, fünf Jahre Polizeiaufsicht und - das Bitterste für mich - Ausweisung aus meiner Heimat Kurtatsch. - Also wohin?"

Wir finden nun Angela gehetzt und überall vom Podestà von Kurtatsch verfolgt. Hielt sie sich irgendwo ein paar Tage lang auf, erreichte die Carabinierstation des betreffenden Ortes schon gleich ein Schreiben vom Kurtatscher Gemeindeamt, mit welchem auf die Gefährlichkeit ihrer Person hingewiesen wurde. In der Regel hatten diese Schreiben immer wieder neue Vorladungen zu den Carabinieri, verbunden mit Befragungen, Verhören, Drohungen und Verwarnungen, zur Folge.

Gesundheitlich sehr schwer angeschlagen und von einem starken Heimweh getrieben schleppte sich Angela, neuerlich an Rippfenfellentzündung erkrankt, in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 1927, ganz heimlich in einer finsteren Regennacht, nach Kurtatsch zurück. Nach häuslicher Pflege bei ihrer Tante zog sie hinauf aufs Grauner Joch (Anm.: in einer fast hochalpin anmutenden Landschaft, ca. 1700 m, während Kurtatsch auf 333 Meter Meereshöhe liegt), doch kaum war ihr dortiger Aufenthalt bekannt, ritt der Podestà höchstpersönlich dorthin, um ihr mitzuteilen, daß sie innerhalb von drei Tagen das Kurtatscher Gemeindegebiet zu verlassen hätte, ansonsten sie mit einer neuerlichen Verhaftung zu rechnen habe. Es folgten Wochen der Verwirrung und Angst.

Im Herbst dieses Jahres kam Angela ins Krankenhaus nach Bozen, wo sie volle vier Monate zubringen mußte. Nach kurzer, vermeintlicher Wiedergenesung ging es ab Herbst des darauffolgenden Jahres endgültig bergab.

"Im Oktober 1929 fing wieder das Leid an. Ein trüber, gemütstrüber Winter. Tod und Grab und Grab und Tod in allen meinen Ahnungen, und Furcht und Bangen...

Langsam, langsam sank Ergebung auf mich nieder..."

Juni 1930: "... Und jetzt warte ich und warte, warte. Aber nicht mehr auf Gesundheit und irdisches Glück... Ich warte auf den Tod. Er streift mich manchmal, dann geht er wieder vorbei. Ich lebe auf und sinke nieder, immer wieder. Wann wird er kommen, der Sensenmann? Im August? Im November? Ade, ade du Welt. Ich scheide leicht." (Fast die gleichen Worte hatte Andreas Hofer benutzt, siehe 90TO4.)

Am 30. Oktober 1930 hauchte Angela Nikoletti ihr Leben aus. Sie war dem physischen und psychischen Terror der Faschisten zum Opfer gefallen, weil ihre zarte und schwächliche Natur all den Schikanen nicht gewachsen war. Ihr Begräbnis auf dem Dorffriedhof von Kurtatsch gestaltete sich zu einer mächtigen, stummen Trauerkundgebung.

Möge Angela Nikoletti, diese Jeanne dŽArc des Unterlandes, wie sie Kulturlandesrat Dr. Anton Zelger einmal nannte, stets allen ein geistiges Vermächtnis bleiben.

Dr. Othmar Parteli


Verräter an seiner Heimat

Der langjährige "Dolomiten"-Redakteur Franz Berger faßte Partelis Schilderung in der Sonntagszeitung "Zett" vom 29. Oktober 1995 zusammen. In einem zweiten Teil spürte er (in der Ausgabe vom 5. November) dem Podestà nach:

Wer war dieser Mann? Er hieß Johann Lorenz und war unter der österreichisch-ungarischen Monarchie Leutnant der Kaiserjäger. Nach seinem Dienst an der Front in Galizien war ihm im letzten Kriegsjahr das Glück beschieden, als Nachrichtenoffizier in Margreid eingesetzt zu werden. Dort lernte er seine spätere Frau Franziska Keppel vom Plattenhof (später Keppelhof) in Unterfennberg kennen, die er nach Kriegsende im Jahre 1919 heiratete. Nach der Zerreißung Tirols wurde ihm von den neuen Machthabern die Stelle eines Gemeindesekretärs zugewiesen. 1926 wurde er zum allmächtigen Podestà ernannt. Für diese Beförderung war er bereit, seinen deutschen Namen preiszugeben. Aus Johann Lorenz wurde ein Giovanni Lorenzi, der fortan mit seinen Landsleuten nur mehr in italienischer Sprache verkehrte. Das geschah ganz im Sinne seiner Frau (angeblich Tochter eines irredentistischen Notars aus Lavis), aus der eine Francesca wurde. "Es lebe der Duce, es lebe der König, es lebe der Faschismus!" hatte er bei seinem Amtsantritt auf dem Dorfplatz laut in die vier Windrichtungen geschrien. 1935 geschah etwas, womit er nie gerechnet hatte: Der Lehrer Giuseppe Wella wies ihm Unregelmäßigkeiten bei der Amtsführung nach. Damit ging seine politische Karriere zu Ende. 1936 betrieb er von Bozen aus die Liquidierung der alten Kurtatscher Kellereigenossenschaft, nachdem er für kurze Zeit erster Obmann der neuen Genossenschaft geworden war. Lorenzi züchtete dann Schafe auf dem Fennberg und brachte die Wolle regelmäßig nach Neumarkt. Eine dieser Fahrten wurde ihm zum Verhängnis. Es war der Juli oder August 1944. Wahrscheinlich hatte er einige Gläser über den Durst getrunken. Er wurde anmaßend. Da es bei der Abgabe der Wolle wohl Verzögerungen gab, beschimpfte er auf dem Bahnhof von Neumarkt die dort diensttuenden Männer vom Südtiroler Ordnungsdienst (SOD), denen gegenüber er sich als SS-Offizier ausgegeben haben soll. "Ich werde euch schon noch auf Vordermann bringen", fuhr er sie angeblich an. Einer der SOD-Männer hatte ihn aber offenbar erkannt und den Fall weitergemeldet. Ende August mußte er sich auf dem Gemeindeamt von Kurtatsch melden. Man brachte ihn in das Sammellager in der Kaiserau nach Bozen, wo er mit vielen anderen Häftlingen zusammentraf. Seine Frau Francesca wandte sich daraufhin an den Gauleiter Franz Hofer in Innsbruck und ersuchte ihn um die Freilassung ihres Mannes. Die Ergebnisse seiner Ermittlungen müssen für Giovanni Lorenzi doch sehr schwerwiegend gewesen sein. Er wurde nämlich in das berüchtigte Konzentrationslager Buchenwald gebracht, wo er am 25. Februar 1945 umkam. Wie seinerzeit durchgesickert ist, soll Lorenz im KZ Buchenwald die Rolle eines Kapo gespielt haben und von seinen Mithäftlingen im Zuge einer Selbstjustiz erschlagen worden sein, doch dafür gibt es keine Bestätigung. Soweit Franz Bergers Recherche. Ein Foto von Lorenzi ist in dem Buch "Kurtatsch und sein Gebiet im Wandel der Zeit" enthalten.

Der Verfasser des Theaterstücks, Hochwürden Hans Pircher, Pfarrer von St. Andrä und Afers, geboren am 28.1.1937, ist am 27.1.1999 im Alter von 62 Jahren während eines Kuraufenthalts in Montegrotto (Padua) in die ewige Heimat berufen worden. Todesanzeigen der Familie aus Schenna, der Pfarrgemeinden von St. Andrä und Afers sowie der Pfarrgemeinde Laas am 30.1.1999 in den "Dolomiten". Der Herr gebe ihm Frieden und belohne ihn für sein mutiges Werk, das der Wahrheit und Gerechtigkeit dient.

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