ETIKA

SÜDTIROL

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27.11.2002

5ST506

Die sechziger Jahre

Prof. Steininger reißt alte Wunden auf und streut Pfeffer hinein

Zur Einstimmung ein Leserbrief von Sepp Mitterhofer, Obmann des Südtiroler Heimatbundes, in den "Dolomiten" vom 5.10.1999 zu einem Leserbrief von Prof. Rolf Steininger vom 30.9.:

Mein letzter Leserbrief ist aufgrund Steiningers Aussagen bei der Podiumsdiskussion in Kurtatsch entstanden, wo er sagte, daß alles, was nach der Feuernacht in Südtirol geschehen ist, "kriminell" war. Ich bin nicht der Verteidiger von Burger und Kienesberger, aber trotzdem wage ich zu behaupten, daß auch sie die Freiheit und ihr Leben für Südtirol aufs Spiel gesetzt haben. Zwischen ihnen und Kerschbaumer mögen ideologisch Welten gelegen haben, aber ihr Einsatz galt demselben Ziel - der Wiedervereinigung Tirols. Stört es Steininger vielleicht, weil wir von den Kommunisten keine Hilfe angenommen haben?

Daß in einem Freiheitskampf irgendwann die Gewalt eskaliert und schwer lenkbar ist, das hat sogar Kerschbaumer im Gefängnis erkannt und geäußert. Warum hat Steininger in Kurtatsch nicht jene Elemente auch als Verbrecher hingestellt, welche uns gefoltert haben, samit ihren Auftraggebern , und jene, welche Sepp Locher, Paul Sprenger u. a. unschuldig erschossen haben, oder die italienischen Regierungen, welche uns Südtiroler jahrzehntelang um unsere Rechte betrogen haben, so daß wir in einen volkstumspolitischen und sozialen Notstand geraten sind. Auch die Pusterer Buaben haben aus Liebe zur Heimat wegen dieser Notsituation die Freiheit und ihr Leben aufs Spiel gesetzt.
Dokumente sagen zwar vieles aus, aber lange nicht alles, und nur nach diesen zu urteilen, ist sehr einseitig und z. T. falsch.

Sepp Mitterhofer, politischer Häftling

Ethik im Südtiroler Freiheitskampf

Prof. Rolf Steiningers Thesen in Süd- und Nordtirol abgelehnt

"Weder Zuhörer noch Podiumsteilnehmer stimmten seinen diesbezüglichen Ausführungen zu", heißt es vielsagend in einem "Dolomiten"-Bericht (17.9.1999) über eine Podiumsdiskussion in Kurtatsch über die Bombenattentate und die Rolle Österreichs in der Südtirol-Frage. Steininger behauptete, die Bombenattentate seien kontraproduktiv gewesen. "Erst durch die Attentate wurde die Welt auf Südtirol aufmerksam", widersprach Zeitzeuge Josef Fontana. Weitere Behauptungen wurden widerlegt durch Franz Widmann, den SVP-Parlamentarier Karl Zeller, den ehemaligen SVP-Parlamentarier Joachim Dalsaß und den österreichischen Botschafter a. D. Ludwig Steiner.

Schon am Vortag hatte die "Grande Dame" der Südtirol-Politik, Viktoria Stadelmayer vom Südtirol-Referat der Tiroler Landesregierung, auf einer ganzen Seite die Vorwürfe gegen Österreich als unberechtigt zurückgewiesen (16.9.1999, S. 13).

Über die "emotionsgeladenen Schutzmachtdebatten zwischen vielen Tirolern und einem ,Preußen´" berichtete Barbara Varesco dann noch am 18.9.1999 auf fast einer ganzen Seite. Dabei wurde daran erinnert, daß der Wiener Verleger Fritz Molden, der die Freiheitskämpfer unterstützte, für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete und auch der tschechische Geheimdienst den Südtirol-Aktivisten seine Unterstützung angeboten hatte, was aber abgelehnt wurde, wie Eva Klotz dann klarstellte.

Wir dürfen nach so langer Zeit wohl hinzufügen, daß es unseres Wissens u. a. von exponierter Südtiroler Seite auch Versuche gegeben hat, Kontakte in den arabischen Raum aufzunehmen. Doch ist nichts daraus geworden.

Am 9.10.1999 beklagte sich der angesehene emeritierte Innsbrucker Geschichtswissenschaftler O. Univ. Prof. Adolf Leidlmair in den "Dolomiten", daß Steininger offenbar die Absicht hatte, ihn "in ein möglichst schlechtes Licht zu stellen", und widerspricht Aussagen des Verfassers. Er könne "ihm den Vorwurf nicht ersparen, eine allzu flotte Feder geführt zu haben und so der flüchtige Leser zum flüchtigen Schreiber wurde. Das wird besonders dann bedenklich, wenn man mit erhobenem Zeigefinger Zensuren verteilt."

Am 11.6.1999 nahm Steininger zu den Angriffen Sepp Mitterhofers, Viktoria Stadelmayers und Prof. Leidlmairs Stellung. Daraus einige Sätze:
"Magnago sagte (am 5.9.1961), er sei überzeugt, dass die Attentäter sowohl Südtirolern als auch Österreichern geschadet haben. Es seien nicht Verbrecher, aber es ist ein falscher Weg..."
"Kann mir bitte einmal jemand erklären, warum der Generalsekretär der SVP, Hans Stanek, von Juli 1961 bis Juli 1964 unschuldig im Gefängnis blieb? Wollte oder konnte die Parteiführung nicht aktiv werden?"
"Die Südtiroler Verteidiger im Mailänder Prozess haben damals genauso viel Geld genommen wie die Italiener. Darüber hat sich sogar Kreisky gewundert. Wer von jenen, die sich in der Anlehnung
(Druckfehler: Ablehnung?) eurer Taten damals überschlugen, hat euch denn im Gefängnis besucht? Ist es nicht merkwürdig, dass dieselben Leute euch dann später zu Helden erklärten, die Südtirol die Autonomie gebracht hätten - die ihr ja gar nicht wolltet..."

Abschließend: Die Ausführungen Viktoria Stadelmayers, der großen alten Dame der Südtirolpolitik, die sich wie kaum jemand anders auf politischer Ebene um Südtirol verdient gemacht hat - nennt der Norddeutsche "hinterfotzig".
Sogar den Nordtiroler Landeshauptmann ließ Steininger nicht ungeschoren; dieser verstehe nichts von Politik, sagte er bei anderer Gelegenheit, wenn wir uns recht erinnern (Zeitungsnotiz leider nicht ausgeschnitten).

Wie ging es weiter: Am 13.10.1999 berichteten die "Dolomiten" auf der ganzen Seite 13, wie der KGB Italiens Rechte und Südtirol-Aktivisten missbrauchen wollte, mit der Operation "Zveno" (zu deutsch Ring). Der Bodensee sollte mit der Sprengung einer Öl-Pipeline bei Brugg und Hard nahe Bregenz verseucht werden, um vom Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei abzulenken. Wie dankbar müssen wir alle dem KGB-Archivar Mitrokhin sein. Möge ihm Gott seinen Dienst an der Wahrheit und Gerechtigkeit vergelten! Als Südtiroler KGB-Agent wird Roland Walter, geboren 1946, aufgeführt. Deckname des KGB-Offiziers: Krez. Zu den Ausspionierten gehörte der PCI-Landtagsabgeordnete und spätere Europaparlamentarier Anselmo Gouthier, ein Mann des "historischen Kompromisses", dem man Südtirolfreundlichkeit bescheinigen muß.

Dem Institut für Zeitgeschichte droht das Aus. "Dolomiten"13.10.1999)

Steininger: "Das lassen wir uns nicht gefallen". Der Vorsitzende der geisteswissenschaftlichen Fakultät, Prof. Töchterle, teilte mit: Das Institut für Zeitgeschichte sei aufzulösen und dem Institut für Geschichte zuzuschlagen. Institute sollen aufgrund einer Empfehlung des Senats vom Frühjahr 1998 in Hinkunft eine Mindestgröße von zwei Professoren und vier Mitarbeitern aufweisen.
Steininger ist überzeugt, "dass die wahren Gründe für die Auflösung in der Arbeit, die wir leisten, liegen." So sei des öfteren zu hören gewesen, dass die Arbeiten über Nationalsozialismus und Juden und auch die Aufarbeitung der Geschichte Südtirols nicht gutgeheißen worden seien. "Im Frühjahr hat Landeshauptmann Weingartner im Zusammenhang mit der Gedenktafel für die Opfer der Gestapo geäußert, wir Zeithistoriker seien zu kritisch", sagt Steininger. Vor zwei Jahren habe im Landtag eine Diskussion darüber stattgefunden, dass am Institut kein Tiroler arbeite. (Dolomiten, 14.10.1999)

Wenn ein Mensch in ein fremdes Land kommt, hat er die dortigen Sitten und Traditionen zu respektieren.
www.hnet.hil

 


Eine neue amüsante und lehrreiche Runde des Streits eröffneten die "Dolomiten" am 4. November 1999 auf Seite 14. Wir zitieren:

Die "Grande Dame" der Südtirol-Politik, Frau Hofrat Viktoria Stadelmayer, zu Steiningers Äußerungen in der Ausgabe vom 11. Oktober:

"Die Selbstenthüllungen von Prof. Steininger werden immer peinlicher. Wer solcher logischer Zickzacksprünge, solcher Unterstellungen (siehe Hinweise auf Dr. Hans Stanek) fähig ist, mit dem kann man nicht debattieren. Wer die Mitgliedschaft an der "deutsch-italienischen Waffenstillstandskommission" in eine (angebliche) lokale Vereinbarung mit einem italienischen Befreiungskomitee (CLN von 1945) ,im Bereich der späteren Provinz Bozen´ - (der späteren? Sollte Steininger hier schon wieder Erklärungsbedarf haben?) - umzufunktionieren versteht, gegen den ist kein Kraut gewachsen. Eine deutsch-italienische Waffenstillstandskommission konnte es im Zweiten Weltkrieg nie gegeben haben, hier unterlief Steininger ein Denkfehler, der jedem passieren kann; ihn zuzugeben, fällt im Allgemeinen nicht schwer. Trapp war in Wirklichkeit deutscher Verbindungsoffizier bei der italienisch-französischen Waffenstillstandskommission (bis September 1943). ..."

Sepp Mitterhofer, Obmann des Südtiroler Heimatbundes:

"Aus politischer Sicht hat uns die SVP damals im Stich gelassen, denn sie hat unsere Forderung nach Selbstbestimmung für Südtirol nicht mitgetragen. Zusätzlich hat sie bei jeder nur möglichen Gelegenheit die Anschläge verurteilt und nur selten die Gründe, die dazu geführt haben, angegeben. ... Ein Grund ... war wohl die heikle Situation, in der sie sich befand. Den zweiten Grund möchte ich mit den Worten des verstorbenen Senators Peter Brugger formulieren, der sagte: ,Ihr Häftlinge wart bereit, für die Heimat ins Gefängnis zu gehen, von den SVP-Vertretern ist kein einziger auch nur einen Tag dazu bereit!´

Die Interventionen der SVP wegen der Folterungen an uns politischen Häftlingen wurden auch nur halbherzig durchgeführt. Als der österreichische Außenminister Bruno Kreisky 1961 vor der UNO Italien der Folterungen an den Südtirolern beschuldigte, hat ihm die SVP untersagt, die Beweismittel (authentische Briefe) vorzulegen, obwohl der italienische Außenminister Segni Kreisky als Lügner hinstellte.

Warum die SVP Dr. Stanek im Gefängnis nicht geholfen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf humanitärem Gebiet haben allerdings mehrere SVP-Vertreter unsere Familien unterstützt und betreut, das muss schon erwähnt werden. Die weitaus größere Leistung in dieser Hinsicht hat aber die parteilose Eppanerin Midl von Sölder vollbracht. Sie hat mit dem Herzen und aus Überzeugung gehandelt. Frau Gretl Koch, eine Häftlingsfrau aus Bozen, ist ihr dabei kräftig zur Seite gestanden. Auch viele andere Südtiroler haben uns unterstützt und geholfen. Allen gebührt ein aufrichtiges Vergelt´s Gott!

Steininger behauptet, daß die Anschläge der sechziger Jahre kontraproduktiv waren. Italien hatte nicht vor den Anschlägen Angst, sondern vor der weiteren Internationalisierung des Südtirol-Problems.

Kein Staat kann einen Unruheherd im eigenen Land gebrauchen. Gewaltakte sind immer ein Aufschrei der unterdrückten Bevölkerung. Deshalb kamen Italien unsere Anschläge sehr ungelegen. Nach der Feuernacht wurde in ganz Europa über diese Aktionen in Südtirol berichtet. Nach den Folterungen an uns Häftlingen ist wieder in ganz Europa darüber geschrieben werden. Beim Mailänder Prozess haben die in- und ausländische Presse ein halbes Jahr lang über Südtirol berichtet. Deshalb haben die Anschläge sehr wohl zur Internationalisierung des Südtirol-Problems und somit zur Verhandlungsbereitschaft Italiens beigetragen! Magnago, Durnwalder und Weingartner haben übereinstimmend erklärt, dass die Anschläge der sechziger Jahre wesentlich zur heutigen autonomie beigetragen haben.

Ob diese Autonomie aber auf längere Sicht volkstumspolitisch für die Südtiroler von Nutzen sein wird, ist sehr fraglich.

(Wortlaut auf http://www.dolomiten.it , Ausgabe 4.11.1999, Südtirol aktuell)

Prof. Steininger: Kirchliche Quellen kaum zugänglich
Dolomiten, 10.11.1999

"Es ist sicherlich keine billige Behauptung - soll wohl heißen falsche - Behauptung von mir, dass Bischof Gargitter für einen Großteil der Südtiroler das ,welsche Seppele´ war."

Hier irrt Steininger nicht.

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