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Wanderungen in Passeier

9.10.2006 – 14.1.2012

Granatkogel: 4. und 8. Versuch

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Wie schön ist die Welt, die Gott uns geschenkt hat! Links der Hochfirst (3403 m), rechts der Granatkogel (3316 m) mit Granatferner. Südtirol, 27.9.2011

Vorgeschichte: Vor etlichen Jahren mit W. P. zu zweit auf Essener Spitz (3202 m); aus Angst umgekehrt. Am 17.8.2002 vor der Essener Hütte wegen Regen umgekehrt. Am 18.8.2002 am vorderen Joch umgekehrt, weil sich wie am Vortag rundum Haufenwolken auftürmten.

23.8.2002 Lese mich ein in die Alpenvereinslehrschrift des OEAV von Pit Schubert: Alpine Eistechnik, Bergverlag Rudolf Rother, München. Seite 73: "Für Gletscheranstiege ist die Dreierseilschaft die Idealseilschaft." S. 76: "Allein über einen womöglich spaltenreichen Gletscher zu gehen ist höchst gefährlich und auf jeden Fall zu widerraten. Genügend tragische Unglücksfälle von Alleingängern, die bis heute nicht gefunden wurden, sprechen eine deutliche Sprache (u. a. Dr. Christoph Zlatnik, verschollen im Pers-Gletscher, 1962)."
20 Uhr ins Bett, wie auf Hütten an großen Gipfeln (Montblanc, Monte Perdido) üblich.
24. 8. 2002. 4.30 h Aufstehen. Steigeisen mitnehmen? Vor einer Woche brauchte man sie nicht. Nach einigem Hin und Her: Ich nehme sie mit zur größeren Sicherheit - und zur Buße. (Sie werden zur großen Belastung.)
6 h: Wanderung beginnt am Parkplatz an der Timmelsjochstraße. An der Oberglaneggalm lässt der Hirte gerade die Ziegen ins Freie und meint, heute schaue es nicht gut aus.

7.30 h Essener Hütte (verfallen). Danach zeit- und kraftraubende Suche nach besserem Weg, mehrmals Umkehr. Erst rechts, dann links, aber nicht durch die Mitte!

9.30 h vorderes Joch

10.30 Uhr Vereistes Ferwalljoch 2930 m (Stange)

über den Granatenferner auf einer Spur, die schon vor einer Woche da war. War am 18.8. am frühen Nachmittag zwei jungen Südtirolern begegnet, die vom Granatkogel zurückgekommen waren und mir kurz den Weg beschrieben hatten: "Am Grat halt aufpassen a wie".

Nirgendwo schwitzt man so wie auf dem Gletscher: wegen der Strahlen, der Vollbekleidung und aus Angst.

 

Vom Essener Spitz Blick auf österreichische Gletscher; sie sind seit damals auffallend stark zurückgegangen. Wenn ich diesen Anblick mit den Gletscheraufnahmen aus dem Standardwerk "Geomorphologie" meines früheren Professors Louis vergleiche: zum Heulen, liebe Autofahrer und Ölheizungsbenutzer.
5 vor 12: Gedenktafel für Edmund Hofmann, vermisst seit 21.8.1980. Von hier aus kann er sowohl in den Granatenferner als auch in den auf österreichischer Seite liegenden Hochfirstferner gestürzt sein - oder in eines der tiefen Löcher am Grat.

Vom Essener Spitz bis zum Granatkogel: von Giganten (Engeln) aufgetürmte Felsblöcke, die an vielen Stellen seitlich an den steilen Hängen unter Lebensgefahr zu umgehen sind. Mühsam kämpfe ich mich aufwärts, äußerst behutsam, immer 3-Punkt-Sicherung. Das kostet Zeit.

12.45 h: ein Donnerschlag rechts vom Hochfirst auf österreichischer Seite. Mein Höhenmesser zeigt 3240 m an. Bis zum Gipfel (3316 m) wären es noch rund 75 Meter. Aber da gibt es kein Überlegen. Ich kehre um. Wenn Gott es nicht wollte, hätte er mir diese Warnung nicht geschickt. Sein Wille geschehe, nicht mein Ehrgeiz. Ich erinnere mich an Siegfried Messner, den Bruder von Reinhold Messner. Ein paar Monate vor seinem Tod hatte ich den sympathischen Alpinisten bei der Bergführer-Jahreshauptversammlung kennengelernt, dann über ein von ihm organisiertes Übungsbergsteigen zwischen St. Moritzing und Gries berichtet, und wenig später kam die Nachricht: Er sei mit einer Gruppe im Rosengarten von einem Gewitter überrascht geworden, habe aber noch rasch allein den Gipfel erklimmen wollen. Beim Abstieg sei er tödlich von einem Blitz getroffen worden.

13.45 Uhr: merkwürdigerweise genau eine Stunde später kracht ein noch stärkerer Donnerschlag

Besorgt klettere ich meist auf der österreichischen Seite am Grat entlang, immer weiter und weiter (viel zu weit, wie sich bald herausstellen sollte). Ringsum Wolken.

14.30 h: Ich blicke hinab: Nur eine Stelle ist wolkenfrei, und dort ist ein Gletscher. Aber das ist doch nicht der Granatenferner, das muss der südsüdöstlich davon liegende Westliche Seewer-Ferner unter dem Hochfirst sein.

15 h: Es tröpfelt.

15.20 h: Habe mich verstiegen. Bin südlich des Essener Spitz abgestiegen. Wenn ich doch nur den Granatenferner sehen könnte, vermutlich ist er links davon. Aber nein, in dem Nebel ist nichts zu sehen. Steige wieder auf, traue mich aber nicht über diesen Gipfel, vermutlich den Essener Spitz, auch weil die Kräfte nachlassen. Probiere es wieder unten, klettere am Hang entlang nördlich. Bis es nicht mehr geht, weil es zu gefährlich wird. Also wieder empor, bis 3020 m. Wenn das so weiter geht, muss ich hier oben irgendwo in einem Felsloch biwakieren und hoffen, dass morgen besseres Wetter kommt. Aber das ist es ja gerade. Der Wetterbericht hat ein Tief angekündigt, und wenn ich nicht selbst herunterfinde, findet mich niemand. Außerdem, welche Blamage, wenn der Bergrettungsdienst ausrücken müsste, um einen Wanderer zu bergen, der in bodenlosem Leichtsinn allein in einer Gletscherregion unterwegs ist! Hubschrauber fliegen bei Schlechtwetter nicht.

Ich klettere abwärts und wieder aufwärts, möglichst in nördlicher Richtung, muss aber steile Stellen wieder rückwärts umgehen. Einmal stehe ich vor einer breiten, tiefen Rinne, über die ich kaum hinüberkomme. Ich drehe mich um, dabei entfällt mir einer meiner beiden Stöcke, gleitet und schießt dann die Rinne hinunter - wer weiß, wie weit. Vielleicht hinunter bis auf das Geröllfeld, das den westlichen Seewerferner abschließt. Ob ich ihn dort einmal finden werde?

Die Zeit verrinnt. Alles im Nebel. Wie damals am Montblanc. Wie kann man nur so die Orientierung verlieren! Ich verstehe überhaupt nicht, daß ich ganz weit unten nur einen winzigen Gletscher oder ein Schneefeld entdecke, dass vom Granatenferner aber weit und breit nichts zu sehen ist. Ich bete unablässig, wie damals, kann aber panische Gedanken nicht abschütteln.

Schließlich bin ich bereit, mich zu fügen. Wenn es sein muss, übernachte ich hier oben und hoffe auf morgen. Denke auch an den Tod und bilde mir ein, jetzt Buße genug getan zu haben. Habe keine Kraft mehr. Bete noch einmal zu meinem Schutzengel und resigniere.

Jetzt will ich nur noch einmal aufsteigen auf den Alpenhauptkamm und oben übernachten, damit mich eventuelle Retter finden.

Ich gelange auf den Grat, und siehe da - welches Wunder! Ein wirkliches Wunder! Der Gletscher!!! Ich bin gar nicht auf dem oberen Grat, sondern genau an der Stelle des seitlichen Grates, wo ich den Gletscher verlassen hatte. Ich traue meinen Augen kaum. In 5 Meter Entfernung erkenne ich meine Fußspuren.

 

Ich ziehe Handschuhe an, setze die Mütze auf - wegen des Nebels hatte ich die Sonne heute nicht fürchten müssen -  und will mich mit dem letzten Apfel stärken. Doch er rollt aus der kraftlosen Hand, wird zur Lawine. Macht nichts. Ein beherzter Sprung über den teilweise verdeckten Bergschrund (die äußerste Gletscherspalte, sieht man von der nicht überall vorhandenen Randkluft ab), und in dem jetzt stark aufgeweichten Schnee geht es zurück über den Granatenferner, Eispickel rechts, den übrigen Stock links. Sinke tief ein, es braucht Gamaschen. Drüben am Westlichen Seewerferner ein unheimlicher Laut, und noch einer: Vermutlich ist eine Gletscherspalte aufgebrochen. Heiliger Schutzengel, führe mich sicher nach Hause! In einer parallelen Spalte plätschert Wasser.

16.20 h Bin bei der Stange am Vereisten Joch angekommen. Die einzige Markierung weit und breit. Wenn man schon unten bei der Abzweigung zum See einen Hinweis "Granatkogel" angebracht hat, sollte man ihn mit einer Warnung verbinden: Lebensgefahr! Nur für geübte Bergsteiger! Und ein paar Markierungen könnten vielleicht einmal jemandem das Leben retten.

Hinunter in die Senke und empor zum vorderen Joch (17.15 h), und dann geht es nur noch abwärts, über Blöcke und Geröll hinunter zur Essener Hütte. Unterwegs mehrere Schneefelder, darunter zwei, die mir wie ein sterbender Gletscher vorkommen, in der Mitte getrennt durch eine Moräne. Nur ein mächtiger Bergschrund zeugt von der vergangenen Größe.

Turnvater Jahn hat an meinen Bewegungen seine Freude gehabt. Und auch mein Schutzengel freut sich, der meine Bitte auf gesunde Rückkehr erfüllen durfte.

Besondere Erlebnisse: Wenn ein tonnenschwerer Fels unter dem Fuß wankt. Und wenn ein zentnerschwerer Stein im Fallen den Schuh gerade noch berührt.

18.15 h Wieder ein paar Regentropfen, diesmal kein Anlass zur Panik, sondern willkommen als Erfrischung für einen erhitzten, erschöpften Wanderer, der nur noch eines will: trinken, klares Quellwasser. In wenigen Minuten wird es soweit sein, von links oben kommt ein Bach herunter.

"Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, die gar nützlich ist und demütig und köstlich und keusch." (Franziskus von Assisi, Sonnengesang)

Kurz nach 20 Uhr: am Auto (über 2000 m).

Immerhin 2 Stunden länger als die ebenfalls schweißtreibende 12-stündige Bußwanderung am 14.8.2002 von der Timmelsbrücke über den Übeltalferner zur Müllerhütte und zurück.

Bilanz:

1.   Gott hilft in jeder Lage, wenn man nur lange genug bittet. Statt Angst und Panik Gottvertrauen!

2.   Gratis-Kletterkurs

3.   Kurs im kontrollierten Gleiten auf beweglicher feuchter Unterlage (Steine, Erde); am Vortag hatte es geregnet und ab ca. 3000 m geschneit.

4.   Stock und Gletscherbrille verloren


Letzter Versuch

Am 21.9.2006 bei herrlichem, warmem Wetter mit W. P. zum achten Mal vergeblich zum Granatkogel. 5.35 Uhr Parkplatz an der Straße zum Timmelsjoch vor der Oberglaning-Alm (2062 m). Unterhalb der verfallenen Essener Hütte vorbei. Zweites Tal links hinauf zur Scharte. Steil hinunter und hinauf zum Gletscher. Steigeisen anlegen. Dort keine Spuren vorhanden; wir umgehen die Spalten, von denen etliche recht tief sind, und queren von rechts nach links oben, wo ein Steinmandl den Ausstieg markiert. Zum Essener Spitz und über die urweltlichen Riesenblöcke an der Gedenktafel für den Vermißten vorbei zum Grat des Granatkogel. Meist auf der österreichischen Seite aufwärts. Oben Schneehühner, Schmetterling, Edelweiß und wenige andere kleine Blumen. Wir sehen ungefähr ein Dutzend Gletscher, manche mit gewaltigen Spalten. Um 11.43 h nach sehr vorsichtigem, langsamem Anstieg – ein unbedachter Schritt kann den Tod bringen – blicken wir durch die Scharte etwa 20 bis 30 Meter unterhalb des Gipfels. Mir wird es zu steil und ich verzichte. W. steht sieben Minuten später auf dem Gipfel (etwas über 3300 m). Berg Heil! Denselben Weg zurück. Wir sind in einer Wolke, die Sicht ist schlecht. Unsere Gletscherspur ist beim Rückweg am Nachmittag im unteren Bereich verschwunden. Zurück über die Senke und das Geröllfeld zum Bach und zur Essener Hütte (2400 m). Um 17.30 Uhr am Parkplatz, also nach insgesamt 12 Stunden. Damit begrabe ich meinen Traum von der Ersteigung des Granatkogel. Jeder muß seine Grenzen anerkennen. R. L.

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