ETIKA

SÜDTIROL / BERGSTEIGEN

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5ST7P5

Passeier – Becherhaus – Burkhardklamm

23.9.2008
mit vielen Fotos

Übersicht über die Mindest-Gesamtzeiten für durchtrainierte Wanderer, einschließlich Pausen: 1. Tag 10 Stunden: Ulfas in Hinterpasseier – Stuls 2 1/2 h. Stuls - Schneeberghaus 7 ½ h. 2. Tag 9 - 10 Stunden. Schneeberghaus – Teplitzer Hütte 5 1/2 h. Teplitzer Hütte – Becherhaus 3 ½ h. 3. Tag 5 ½ Stunden. Becherhaus – Teplitzer Hütte 2 ½ h. Teplitzer Hütte – Maiern in Ridnaun bei Sterzing 3 h.

Detaillierte Beschreibung einer Dreitageswanderung im September 2008 (Höhenangaben eine Mischung aus den mit der Uhr gemessenen oft falschen Werten und den Angaben in der Tabacco-Landkarte, Nordteil nach alter Kompass-Karte):

Donnerstag, 11.9.2008, 6.25 h Ulfas 1320 m (Bild).

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Hinunter nach Moos 1020 m. Pause von 7.20 h bis 7.30 h. Treppe zwischen den zwei Tunneln (der Weg, den Adolf Pöll und Georg Klotz bei dessen Flucht vor dem italienischen Großheer nicht gefunden haben), Europäischer Fernwanderweg 5. 8.40 h Stuls 1320 m.

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Normalerweise beginnt man die Wanderung in Stuls am Parkplatz in der Dorfmitte. 8.50 h Stuls 1320 m. 10.30 h Egger-Grub-Alm 1929 m. Pause bis 10.35 h. 11 h Hochalm 2174 m. Pause bis 11.15 h. 12.15 h Hochwart 2600 m (der Gipfel über Stuls im Bild oben). Pause bis 12.50 h.

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Trotz ziemlich guter, neuer Markierung dreimal vom Weg 27 abgekommen. Einmal beträchtlicher Zeit- und Höhenverlust, weil ein alter Markierungspfeil fälschlich zur Unteren Gostalm zeigt, dann auf steiler Wiese zurück zum hoch liegenden Weg. Im Bild der zurückgelegte Weg.

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Blick weiter nach rechts (ungeklärt ist noch der genaue Verlauf des Fluchtweges des Freiheitskämpfers Georg Klotz):

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16.35 h Schutzhütte Schneeberg 2355 m. Lob den Wirtsleuten Widmann, die in ihrer fast optimalen Hütte, welche mit ihrer Stube in dunklem Holz an die berühmte Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen erinnert, den ganzen Tag über warmes Essen anbieten. Geöffnet von 15. Juni bis 15. Oktober. Daneben Museum mit Führungen auch durch die Stollen. Siehe www.schneeberg.org

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Freitag, 12.9.2008, 7.30 h Schneeberg 2355 m. 8.10 h Karlscharte 2660 m. Will über den Gletscher, doch das Schicksal entscheidet anders. Verliere Markierung, verirre mich im Nebel, gehe im Kreis. Sehe plötzlich eine Markierungsstange und bald darauf wieder die seit ca. 1200 (Franziskus von Assisi!) bestehende Bergwerksiedlung Schneeberg und steige wieder ab. Pause von 8.50 h bis 9.15 h.

Neustart in Richtung Osten. 10.00 h Kaindljoch 2670 m. Hinunter bis 2377 m, Abzweigung zu den sieben Seen um 10.30 h erreicht.

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11.00 h links bei Abzweigung zur Poschalm und weiter aufwärts bis zur höchsten Stelle auf 2686 m. Pause von 11.40 bis 11.55 h. Wer die schönere Strecke an den Seen vorbei will, muß jetzt links gehen. Verfasser ging geradeaus, zeitweise im Nebel, abwärts am langen Trüben See vorbei.

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13.35 h Brücke über den tosenden Gletscherbach vom Übeltalferner erreicht, 2135 m.

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Nun beginnt der vierte Aufstieg des Tages für den Autor: 14.00 h Grohmannhütte 2254 m. Nach 5 Minuten Pause (laßt die Hüttenwirte leben!) um 14.45 h in der Teplitzer Hütte 2586 m. Dort warten ein von der Oma, einer Kochkünstlerin, in altbekannter Qualität hergestellter Apfelstrudel und Nußkuchen. Immer neue Blicke auf den Übeltalferner:

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Und einmal so:

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Nun beginnt der abenteuerliche Teil der Wanderung. Um 15.05 Uhr gehe ich aufwärts. Schon bisher hat es öfters geregnet, und nun hört es kaum noch auf. Nach zwei Stunden stehe ich vor dem mächtigen Bergkoloß mit dem umwölkten Becherhaus auf der Spitze.

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Um 17.20 h stoße ich auf etwa 2850 m auf eine Holztafel „Becherhaus“, sie zeigt den Restgletscher aufwärts. Ein bißchen weiter oben sieht man eine blaue Stange. Ich gehe ein paar Schritte aufwärts, erspähe dann links unten eine rot-weiße Markierung und steige zu dieser ab. Sie führt offenbar zum Gletschertor, denn dort ist eine weitere Markierung angebracht. Sie zeigt nach unten. Das kann nicht sein, denke ich. Vielleicht ist es ein Weg, der von der Müllerhütte her kommt und um den Bergstock herum am Rand des Übeltalferners (des größten Gletschers Südtirols) führt. Hat das Schild nicht nach Norden gezeigt? Vielleicht führt der Weg von hinten oben her zur Becherhütte. Also steige ich neben dem Restgletscher auf über das Trümmerfeld immer weiter nach rechts, stoße aber nicht auf die ersehnte Markierung. Es regnet in Strömen und es wird allmählich dunkler. Zeitpanik kommt auf. Oben sehe ich, daß das Gelände immer schwieriger wird, und entscheide mich, umzukehren. Unversehens steht ein Schild „Becherhaus“ da, das nach links, nach Westen zeigt! Es steht keine 50 Meter oberhalb des anderen, das nach Norden zeigt. Welche Tücke! Da ich abgewichen war, hatte ich es nicht sehen können und deshalb eine wertvolle Stunde verloren.

Nun folge ich doch wieder der früher schon erblickten Markierung in Richtung der am Gletschertor falsch angebrachten Markierung (hier braucht es unbedingt weitere rot-weiße Streifen!), und jetzt sehe ich unten am Bach mit der Gletschermilch endlich auf einem gegenüberliegenden Felsen oben einen rot-weißen Kreis, den ich vorher wegen des Nebels und Regens nicht sehen konnte. Erschöpft und mit blutendem Daumen steige ich und hangle mich nun den recht steilen, fast durchgehend mit Drahtseilen versicherten Weg zum Becherhaus empor, übrigens in leichter Bekleidung und kurzen Hosen, ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Es sind immerhin rund 300 Höhenmeter. Um 18.15 Uhr erreiche ich auf 2995 m die Abzweigung, wo ich früher schon einmal von der Müllerhütte her gekommen bin. Um 18.47 Uhr europäischer Sommerzeit, noch rechtzeitig vor Eintritt der Dunkelheit, betrete ich das Becherhaus auf 3195 m Höhe, das höchste Haus Südtirols. Der freundliche Wirt aus St. Martin i. P. und seine nicht minder freundlichen Helfer schicken den durchnäßten Wanderer in den Trockenraum, um danach das Abendessen zu servieren. Das Ziel ist erreicht, der 13. und letzte Stempel für die Karte „Von Hütte zu Hütte zwischen Brenner und Meran: Pflersch – Ridnaun – Passeier – Burggrafenamt“ wird angebracht, doch die verheißene Trophäe der 13 Hüttenwirte ist ausgegangen.

Man kann die Männer und Frauen, die auf diesen hoch gelegenen Hütten wie Becherhaus und Teplitzer Hütte ausharren, nicht genug bewundern. Der österreichische Wetterbericht meldet einen Wettersturz mit Schnee bis auf 1500 Meter, und der Wanderer gibt zu, daß er aus Angst vor dem gefährlichen Abstieg am nächsten Morgen in geschwächtem Zustand im Schnee bis ½ 2 Uhr  nicht einschlafen kann. Beim Abendessen klagt ein etwa 50jähriger Angehöriger einer bundesdeutschen Gruppe am Nebentisch über Herzbeschwerden. Der Verfasser rät ihm, sein Herz durch Pfarrer Doblers Herzbad zu stärken. Mitten in der Nacht plötzlich ein Getöse: Der Wanderer hat einen Herzanfall.

Samstag, 13.8.2008. Wie erleichtert ist der Verfasser, als er am anderen Morgen aus dem Fenster schaut und noch kein Schnee liegt! Gerne folgt er dem Rat des Hüttenwirts, über die Teplitzer Hütte nach Ridnaun abzusteigen. Dieser Abstieg kommt ihm – er hat sich inzwischen erholt und die meisten Sachen sind trocken, auch die wunderbar leichten, roten Bergschuhe „Trango“ von „La Sportiva“ – jetzt relativ leicht vor. Übrigens macht das Becherhaus am nächsten Tag, Sonntag, zu, ähnlich wie im Vorjahr, als es wegen einem Meter Neuschnee vorzeitig schließen mußte.

7.35 h Beginn des Abstiegs. 8.05 h Abzweigung zur Müllerhütte. 8.35 h am Gletscherbach.

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Manchmal wird es heller, aber meistens herrscht Nebel. Wieder ein Blick auf den Gletscher. Wenn man den kürzeren Weg zum Schneeberg wählt, muß man diesen Gletscher überqueren oder einen noch längeren Gletschermarsch über die Müllerhütte machen. Am besten in einer Vierergruppe angeseilt. Allein ist es lebensgefährlich.

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Hier ein Stück des Restgletschers am Fuße des Bechermassivs:

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Seitenblick zum Übeltalsee vor der Teplitzer Hütte:

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Bald sieht man die Teplitzer Hütte:

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Ca. 10.30 h Teplitzer Hütte (hier gibt es einen Stempel für die 13-Hütten-Wanderung). Pause bis 10.50 h. Auf der Grohmannhütte Pause von 11.35 bis 11.45 h. Weiter abwärts Richtung Ridnaun.

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11.50 h Abzweigung Maiern 2240 m. Blick ins Tal:

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Welche Überraschung! Ein Murmeltier. Es ist genauso kurzsichtig wie ich und bleibt mindestens fünf Minuten lang an dieser Stelle, so daß ich etliche Fotos schießen kann.

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Wasser gibt es heuer genug.

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12.45 h rechts eine Abzweigung zum Aglsboden (im Bild die Alm, auch hier gibt es einen Stempel), es steht aber nirgends, wohin es geradeaus geht. Die Wege sind in dieser Gegend zu steinig, so daß es nicht verwundert, wenn sehr wenige Wanderer unterwegs sind.

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13.05 h. An der großen Steinbrücke am Aglsboden gibt es keinen Hinweis, ob man links oder rechts auf der Almstraße weitergehen soll. Der Verfasser entscheidet sich für links und hat richtig gewählt. Eine Klamm tut sich auf. Ein phantastischer Weg mit atemberaubenden Ausblicken auf den wilden Gletscherbach beginnt.

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Eine Brücke (leider ist das Wasser selten fotogen):

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Und weiter:

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Nochmals:

 

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Ganz friedlich ein zufließender Bach:

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Erst am Ende verrät eine große Holztafel: Burkhardklamm. In Maiern erfährt man dann, daß der Ridnauner Wirt Stefan Haller 1899 einen Steig zu den Wasserfällen der Schlucht am Fuße des Übeltalferners anlegen ließ. Der Steig wurde zu Ehren des Präsidenten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Burkhardklamm genannt. Zusammen mit der AVS-Sektion Hannover wurde der Weg bis zum Aglsboden fortgeführt. Die Klamm geriet dann in Vergessenheit. 2005 wurde dieser wunderbare Weg wieder begehbar gemacht. Danke allen Verantwortlichen!

13.30 h. An einer weiteren Brücke steht wieder kein Schild. Wechsle nach rechts, weil dort eine Markierung zu sehen ist. Aber welcher Weg! Nur Steinplatten, Steine und Wurzeln. Landesrat O. hätte das viele Geld, mit dem er den Passeirern die Stollen am Schneeberg zuschütten ließ, besser hier angelegt, statt eine wertvolle Tourismusressource zu vernichten.

14.00 h am Bergbaumuseum (www.ridnaun-schneeberg.it) und an der Bushaltestelle in Maiern. Um 14.22 Uhr fährt werktags, auch samstags, ein Bus nach Sterzing, und von dort um 15.30 Uhr ein Zug nach Bozen.

Appell an die Jugend:

Verschlaft euer Leben nicht vor dem Fernsehapparat und dem Computer oder in Diskotheken! Geht auf die Berge, erlebt Gottes schöne Natur! Ihr seid dort glücklicher als in den glitzernden, aber im Nichts sich auflösenden, euch um euren Lebenssinn betrügenden Scheinwelten!

Dank dem Schöpfer, der uns eine solch herrliche Bergwelt geschenkt hat! Und zum Abschluß noch ein Vers aus dem Sonnengesang von Franziskus von Assisi:

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteres und jedes Wetter, durch welche Du Deine Geschöpfe am Leben erhältst.

Text und Bilder: Rainer Lechner

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