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Wanderungen in Passeier

27.-28.7.2009
Bildbericht

Pfelders – Josef-Pixner-Biwak – Zwickauer Hütte – Scheibenkogel (3133 m)

Wenn auch keine besondere Leistung aufgrund des geringen Höhenunterschiedes zwischen Zwickauer Hütte und Scheibenkogel erbracht werden muss, so ist die Besteigung des Dreitausenders doch nur geübten Bergsteigern anzuraten.

Wanderbericht. 22.7.2009. 9 h Pfelders (1600 m). Unglaublich, aber gleich hinter dem Gasthaus Edelweiß zeigt eine 6b-Hinweistafel Richtung Kreuzjoch bzw. Rauhjoch in die entgegengesetzte Richtung, also talabwärts Richtung Oberstein. Da will ich ja nicht hin, sondern aufwärts. Entweder bin ich ein Idiot oder … Ich lasse mich nicht beirren, folge zuerst der Markierung 6a dem Bach entlang aufwärts und biege dann rechts ab auf dem Weg 6b, der also doch existiert. Immer steil aufwärts bis zum Kreuzjoch; um 11.15 h (2400 m) nicht die erste Abzweigung rechts zur Imstalm, sondern weiter geradeaus bis um 11.30 (2500 m) zur oberen Abzweigung. Ich bin jetzt auf dem Höhenweg 44, der von der Stettiner Hütte über die Zwickauer Hütte und das Rauhjoch zum Gasthaus Hochfrist an der Timmelsjochstraße führt. Eine Gruppe Bundesdeutscher kommt entgegen; sie ist wegen des vielen Schnees vor dem Rauhjoch umgekehrt.

Auf dem Weg 44 gehe ich rechts und erreiche um 12.45 h das Josef-Pixner-Biwak auf ca. 2650 m Höhe (wenn der Höhenmesser meiner Uhr stimmt). Eine Wucht. Von außen sieht es aus wie ein Raumschiff – und das mitten in der Bergeinsamkeit. Im Innern blitzsauber und überraschend warm. Das Dach ist aus Glas, die Wände aus Edelmetall oder Aluminium, alles ist perfekt isoliert, und so kann die Sonne bzw. die Höhenstrahlung das Innere aufheizen. Sechs Matratzenlager mit Decken, ein herrlicher Holztisch, alles picobello, Notverpflegung, jede Menge Putzlappen und Tücher sowie Besen und Kehrschaufel. Wer sich da traut, etwas schmutzig zu machen, der hat kein Gewissen mehr. Eine Super-Idee, schreibe ich ins Gästebuch. Jemand in Bergnot hat ein paar Tage zuvor folgendes eingetragen:

„Draußen liegt nun Schnee und alles ist vereist. … ein echt gemütliches und klever gebautes Biwak … noch eine stürmische Nacht wie die letzte will ich hier nicht verbringen. Einsamkeit gesucht und gefunden. S.“

Die ursprüngliche Absicht, Wege zu den umliegenden Gipfeln zu erkunden, gibt der Berichterstatter wegen der teils nassen, teils schneebedeckten Wege sowie des häufigen Nebels auf und beschließt, umzukehren auf dem Weg 44 und zur Zwickauer Hütte zu wechseln, die er aber erst um 17 Uhr erreichen wird. Denn der Nebel wird immer lückenloser, es regnet zwischendurch und schlimmer noch, die Erosion - vielleicht infolge der starken Regenfälle der letzten Tage - hat den Weg an einigen Hängen unkenntlich gemacht. Mehrmals verliert der einsame Wanderer die Markierung und findet sie erst nach Irrwegen wieder.

Dazu kommt die in weiten Teilen Südtirols festzustellende Tatsache, dass immer wieder rot-weiße Markierungsbalken in die falsche Richtung zeigen. Ja, stirbt denn die Dummheit niemals aus? Und wo ist der gerechte Richter, der jene, die Millionen Euro für Fremdenverkehrsbelange verteilen, bei Nebel auf solche Strecken schickt, damit sie lernen, Steuergelder richtig auszugeben, nämlich erst in das Wanderwegenetz zu investieren, bevor sie Millionenaufträge an Werbeagenturen vergeben?

Durchnässt kommt der Wanderer an der Zwickauer Hütte (2979 m) an. Der Trockenraum neben dem Eingang ist nicht beheizt (anders als etwa im Schneeberghaus mit einem mustergültigen Trockenraum, dort gibt es auch Zimmer mit Betten, wo einen kein Schnarcher stört, sowie warme, außerordentlich saubere Waschräume und Toiletten), und so steigt der Wanderer am nächsten Tag enttäuscht nach Pfelders ab, statt wie geplant mit trockenen Schuhen zur Stettiner Hütte weiterzuwandern. Aber nach dem spartanischen Frühstück recht es noch zu einem Ausflug auf einen benachbarten Berg.

23.7.2009. 7.45 h von Zwickauer Hütte über den Planferner zum Rotmoosjoch (3056 m; 8.15 h), über das vor mehr als 40 Jahren die Südtiroler Freiheitskämpfer Luis Amplatz und Georg Klotz gekommen sind, bevor der eine in einer Hütte auf den Brunner Mahdern ober Saltaus von einem noch immer gesuchten Verräter ermordet und der andere schwer verletzt wurde. Dann Suche nach einem Aufstieg zum Scheibenkogel (3133 m). Ich gelange auf eine Spur, die neben dem Südgrat empor führt. Immer, wenn ich meine, sie hört auf, geht es doch weiter. Das Klettern ist zwar keine Hexerei, aber ungefährlich ist es auch nicht. Schon um 8.40 h bin ich oben. Im Gipfelbüchlein sind nur wenige Eintragungen. Oben eine traumhafte Aussicht: viele Gipfel schweben über einem Wolkenmeer.

Auf dem Rückweg (ab 9.05 h) stecke ich im Nebel und bin heilfroh, auf dem Gletscher meine alte Spur zu finden. Um 9.50 h bin ich wieder bei der Zwickauer Hütte. Sie feiert heute ihr 110jähriges Bestehen, und beim Abstieg nach Pfelders kommt mir eine Karawane von Einheimischen und Urlaubern entgegen, die mitfeiern wollen. Einkehr auf der Schneidalm (2159 m), die erwähnenswert ist wegen des typischen Tiroler Charakterkopfes des Besitzers und weil der Kaiserschmarrn nur 5 Euro und die große Apfelsaftschorle nur 2 Euro kostet.

Trotz des oft nebligen Wetters (im Unterschied zum Rest Südtirols mit Sonne und bis zu 35 Grad) zwei schöne Wandertage, nicht zuletzt wegen der Begegnung mit vielen Murmeltieren, wenn auch leider ein unschöner gesundheitlicher Abschluß infolge des allzu schweren Rucksacks mit Steigeisen, Eispickel, Schlafsack, Ersatzkleidung für mehrere Tage u. a. (alles nicht gebraucht).

P. S. 22.8.2009 Wie wir später erfahren haben, ist die Besteigung vom Rotmoosjoch her einfacher.

Hier nun ein paar Schnappschüsse:

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Das Josef-Pixner-Biwak auf dem Höhenweg 44 vor dem Rauhjoch ist ein Schmuckstück innen und außen.

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Schneefelder halten sich in diesem Sommer 2009 besonders lang, hier am Höhenweg 44.

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110 Jahre Zwickauer Hütte: Lebensmittel für die Festgäste werden aus der Materialseilbahn ausgeladen.
Dahinter der Rotmoosferner mit dem Rotmoosjoch und dem Scheibenkogel (rechts).

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Blick vom Rotmoosferner zum Hinteren Seelenkogel (3489 m)

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Blick vom Scheibenkogel zum Trinkerkogel, Heuflerkogel und Liebener Spitz (3389 m)

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Blick vom Scheibenkogel zum Sefiarspitz oder Erenspitz (?, Mitte)

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Blick vom Scheibenkogel über den Rotmoosferner zur Zwickauer Hütte. Dahinter die Hohe Weiße (3278 m),
gleich links davon der Lodner (3228 m). Rechts hinten die Hohe Wilde (3480 m).

Alle Fotos: Rainer Lechner, etika.com

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