ETIKA

TIERE / IGEL

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26.10.1999

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Das Igel-Brevier

 

Das Igel-Brevier für Tierärzte und interessierte Laien
Richtlinien zur vorübergehenden Pflege des Igels, zusammengestellt von W. Poduschka, Zoologe, E. Saupe, Oberveterinärrat, H.-R. Schütze, Fachparasitologe, und Igelbetreuern im Einvernehmen mit dem Deutschen Tierschutzbund, Schweizer Tierschutz und der Zoologischen Gesellschaft von 1858 Frankfurt/Main. Nachstehend ein - inzwischen um Hinweise von Gabriele Schaden, Veterinärmedizinische Universität Wien, erweiterter - Auszug mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Dr. Bernhard Grzimek, dem Präsidenten der Zoologischen Gesellschaft (Brief an die Interessengemeinschaft Tierschutz der Ethischen Bewegung vom 7. 1. 1982):

Igel sind streng geschützte Tiere und sollen prinzipiell in Ruhe gelassen werden. Wer einem untergewichtigen oder kranken Igel helfen und ihn aufnehmen will, sollte sich bewußt sein, daß er damit die Verpflichtung eingeht, dieses Tier 5 bis 6 Monate lang ständig zu betreuen, zu füttern, ihm eine geeignete Unterkunft zu bieten und es unbedingt im späten Frühjahr wieder in die Freiheit zu entlassen.

Die meisten Igel halten ab Spätherbst bis März/April ihren Winterschlaf. Niemals Unkraut- oder Reisighaufen verbrennen, ohne vorher nachgesehen zu haben, ob sich nicht ein Igel darin vergraben hat. Auch beim Abbrennen von Böschungen, Stoppelfeldern und beim Mähen gehen ungezählte Tiere qualvoll zugrunde. Ebenso kann ausgestreutes Schneckengift für Igel einen qualvollen Tod bedeuten. Deshalb Schnecken mit anderen Methoden vertilgen, zum Beispiel mit in die Erde eingelassenen Kleingefäßen (wie Joghurt-Becher), die zur Hälfte mit Bier gefüllt werden.

Betreuung untergewichtiger oder kranker Igel ab Einbruch der kalten Jahreszeit: Einen Igel, der mehr als 600 Gramm wiegt, sollte man unverzüglich an seinen Fundort zurückbringen, damit er sein vorbereitetes Winternest wieder finden kann. Wurde er aber bei Schnee und Frost außerhalb seines Winternests gefunden, ist er krank und bedarf unserer Hilfe; sein Gewicht ist dann nicht maßgebend.

Ergänzung: Igel, die Anfang Oktober etwa 200 Gramm, Mitte Oktober 350 Gramm und anfang November 500 Gramm wiegen, können und sollten getrost in ihrem natürlichen Lebensraum belassen werden. (G. Schaden, Wien)

Zunächst muß der Igel nach Wunden untersucht werden, die gegebenenfalls von Fliegenmaden zu säubern sind (Pinzette, Zahnbürste); auch Zecken entfernen. Bei Flöhen mit lauwarmem Wasser übergießen - Igel muß überall naß werden - und dann in der Badewanne lauwarm abspülen, damit die nur betäubten Flöhe weggeschwemmt werden. Danach in warmem und zugfreiem Raum trocknen. Ein stark geschwächter oder unterkühlter Igel (Anzeichen: mangelnde Abwehrreaktion, kein Einrollen, Apathie) darf nicht sofort dem Reinigungsbad ausgesetzt werden; er muß zuerst in einem warmen Nestchen aufgewärmt werden. Weitere Bäder sind unnötig und abträglich.

Sofort nach der Aufnahme eine Kotprobe zum Tierarzt bringen, da sehr viele Igel von Innenschmarotzern befallen sind. Selbst nach anfänglicher guter Nahrungsaufnahme führen diese nach einigen Wochen vielfach zum Tod. Deshalb Sofortbehandlung nötig.

Einzeln unterbringen. Erwachsene Igel dürfen auch in Not- und Krankheitsfällen nicht miteinander untergebracht werden (Krankheitsübertragungen, Beißereien). Igel lieben die Wärme, vertragen weder Kälte noch Nässe und keinen Unterschlupf an zugigen und ungeschützten Plätzen. Sie sind in einem warmen Raum mit Tageslichteinfall zu halten, der gut belüftbar sein muß. Auf genügend Luftfeuchtigkeit achten (etwa 50 %). Bodentemperatur sollte im Winter bei Tag und Nacht mindestens + 16 Grad Celsius, Raumtemperatur nicht über + 20 Grad Celsius betragen (nicht im Wnterschlaf!).

Der Igel sollte einen Auslauf von mindestens 2 Quadratmeter haben (je größer, desto besser). Wände mindestens 40 cm hoch, aus Holz (nicht Maschendraht, wegen Verletzungsgefahr), da guter Kletterer. Unterbringung in Badewannen, Plastikbecken, Obstkisten, Terrarien oder Fensterkästen ist Tierquälerei. Bei zu wenig Bewegungsfreiheit zeigt der Igel nach einigen Wochen Lähmungserscheinungen.

In seinen Auslauf stellt man ein nach oben geschlossenes Schlafhäuschen (starke Kartonschachtel ca. 25 x 20 x 15 cm) mit seitlichem Schlupfloch von 12 x 12 cm, das auf einer nach unten wärmeisolierenden Unterlage steht (Holz, dicke Lagen Pappe oder Zeitungspapier, jedoch niemals Styropor oder Plastik).

Häuschen am besten mit zerknülltem Zeitungspapier (kein Kunstdruckpapier!) füllen. Man kann auch Heu (Fäulnisgefahr!) oder trockenes Laub (Zeckengefahr!) verwenden. Es sollte alle 1 bis 2 Wochen gereinigt werden. Auslauf mit Zeitungspapier auslegen, diese täglich auswechseln. Nie Holzwolle oder Plastik verwenden. In den Auslauf stellt man zwei flache und kippsichere Schüsseln für Futter und wasser.

Ernährung: Igel sind Insektenfresser. Sie nehmen ihre Nahrung zumeist erst bei Einbruch der Dämmerung zu sich. Dosenfutter für Katzen und Hunde hat sich sehr bewährt, da Vitamine und Aufbaustoffe enthalten. Als Abwechslung - jedoch niemals ausschließlich - können auch gereicht werden: mageres Rindfleisch, Hühnerklein, Trockenfutter für Katzen, etwas Quark, hartgekochte und kleingeschnittene Eier (niemals roh), Insekten, Gliedertiere (Asseln, Tausendfüßler usw.), einige wenige Mehlwürmer (zu viele lebensgefährlich!), Birnen, Pfirsiche, Zwetschgen, ein kleines Stück Banane, gehäutete, entkernte Weintrauben, ungeschwefelte Rosinen (Reformhaus).

Das Futter muß immer Zimmertemperatur haben - also niemals direkt aus dem Kühlschrank! Frisches Wasser muß immer zur Verfügung stehen! Das in Zoohandlungen erhältliche "Igelfutter" ist nur als Zusatz- und keineswegs als Hauptfutter brauchbar.

Futtermenge: Täglich 1 bis max. 2 mäßig gehäufte Eßlöffel (abends) genügt für heranwachsenden Igel. Sich nicht von seinem Appetit verleiten lassen, ihn zu mästen! Er darf höchstens 50 g pro Woche zunehmen. Hat er sein natürliches Gewicht von ca. 800 bis 1000 g (Igel in Höhenlagen auch 1200 - 1400 g) erreicht, weitere Gewichtszunahme vermeiden. Nicht überfütterte, schlanke Igel sind widerstandsfähiger als durch unverständige "Tierliebe" gemästete und faule.

Untaugliche Nahrungsmittel: Regenwürmer, Schnecken (wegen Schmarotzern und Gift), menschliche Speisereste (Kuchen, Schokolade). Nichts Gesalzenes, nichts Gewürztes, nichts Gezuckertes und vor allem keine unverdünnte Milch. Bei der geringsten Verdauungsstörung kann Milch sehr gefährlich werden.

Winterschlaf: Erreicht ein zur Auffütterung oder Heilung aufgenomener Igel ein Gewicht von 800 - 900 Gramm (bei Igeln aus Höhenlagen mehr), kann man versuchen, ihn zum Winterschlaf im Haus zu veranlassen, sofern er die Bereitschaft dazu erkennen läßt (Lethargie, gesteigerte Nestbautätigkeit). Zunächst in kühleren Raum bringen (zum Übergang). Für Winterschlaf braucht Igel größeres Schlafhäuschen und sehr viel Nestmaterial, um sich selbst warmes Nest zu bauen. Raum muß trocken, belüftbar und rattensicher sein. Temperaturen unter 0 Grad Celsius erlaubt, sollte aber nie + 6 Grad überschreiten. Geeignet sind ungeheizte Kellerräume, schattenseitige, überdachte Terrassen bzw. Balkone, kälteisolierte Schuppen, evtl. Dachboden, niemals südseitig gelegen. Abgesicherter Auslauf nötig. Trinkwasser und etwas Trockenfutter müssen stets bereit stehen. Während des Winterschlafs muß mehrmals wöchentlich nach dem Futter gesehen werden, ohne dabei den Winterschläfer selbst zu stören.

Hat der Igel das bereitstehende Futter verzehrt, heißt das, daß er aufgewacht ist. Neues Futter bereitstellen und nunmehr täglich kontrollieren. Verzehrt er es weiterhin, ist er nicht mehr winterschlafbereit. Er muß daher wieder in einen warmen Raum genommen und während der noch verbleibenden kalten Jahreszeit durchgefüttert werden.

Aussetzen im Frühjahr: in einem mit Unterholz, dichtem Gebüsch oder Hecken, Unkrauthalden und Holzstößen versehenen Gebiet, weit weg von Straßen, niemals im Hochwald. Beste Zeit: Einbruch der Dämmerung. Nicht in Garten aussetzen, der keine stets offenen Durchgänge zu Nachbargrundstücken hat, da Igel zur Nahrungssuche einige tausend Quadratmeter benötigen.

Igel sollten sich nicht an Haustiere gewöhnen. Auch Streicheln unterlassen! Zutrauliche Igel haben weniger Überlebenschancen.

Alter: 3 - 4 Jahre. Zahl der Jungen: 2 - 6. Aufzucht noch blinder Igel schwierig.

Igel benötigen uns nur, wenn sie krank oder untergewichtig sind! Bitte laßt ihn ihn Ruhe und Freiheit seiner uns so nützlichen Insektenvertilgung nachgehen!

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