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Tiere

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Löwen, die in den Himmel kommen

5.3.2014

Der „Goldenen Legende“ von Kapuzinerpater Wilhelm Auer (Köln, 1904, S. 163ff.) entnehmen wir:

5. März. Der heilige Gerasimus, Abt und Einsiedler. Es ging der Heilige einst an dem Ufer des Flusses Jordan in Betrachtung göttlicher Geheimnisse auf und ab. Da kam ihm ein Löwe entgegen, der auf drei Füßen daherhinkte und sehr erbärmlich brüllte. Das Tier hatte sich einen spitzen Dorn eingetreten. Weil ihm der Fuß davon anschwoll, und sich an dem verletzten Teile desselben viel Eiter sammelte, so verursachte dies dem Löwen große Schmerzen.

Als der heilige Abt nahe bei dem Löwen war, so hob dieser seinen Fuß in die Höhe, als wollte er ihn dem heiligen Manne zeigen und Hilfe von ihm begehren. Der Heilige setzte sich nieder, nahm den Fuß in die Hand, zog den Dorn mit aller Behutsamkeit heraus, drückte das Eiter aus der Wunde und reinigte dieselbe so viel wie möglich. Hierauf wickelte er um den Fuß ein Tuch und sprach zu dem Löwen, er solle nun im Namen Gottes weiter gehen.

Allein der Löwe wollte seinen Wohltäter nicht mehr verlassen, sondern folgte demselben, wo er nur immer hinging, wie ein Hündlein nach. Der heilige Abt, welcher dies als eine Schickung Gottes, der uns die Dankbarkeit gegen ihn als unsern größten Wohltäter lehren wollte, ansah, führte den Löwen mit sich in das Kloster und ernährte ihn.

Nach einiger Zeit ereignete sich etwas Seltsames mit diesem Tiere. Im Kloster war ein Esel, welcher täglich das Wasser aus dem Flusse Jordan in das Kloster tragen mußte. Gerasimus hatte seinen Löwen abgerichtet, den Esel auf die Weide zu führen und dort zu hüten. Ein Kameeltreiber aus Arabien traf den Esel auf der Weide ziemlich entfernt von dem Löwen an und entführte ihn heimlich, ohne daß der Löwe es bemerkte.

Da nun dieser abends allein in das Kloster kam, glaubte der heilige Abt, der Löwe hätte den Löwen zerrissen und aufgezehrt; deshalb befahl er ihm, in Zukunft das Wasser aus dem Flusse Jordan herbeizutragen. Der Löwe gehorchte willig; ein Knecht ging alltäglich mit ihm zum Jordan, schöpfte das Wasser in Geschirre und lud selbe dem Löwen auf, und dieser trug sie ganz geduldig zum Kloster.

Eines Tages, als jener diebische Kameeltreiber einige Kameele und Esel mit Getreide beladen am Kloster vorbei nach Jerusalem führte,  sah der Löwe unter denselben den Esel, der ihm gestohlen worden war. Er eilte sogleich hin, packte den Esel bei dem Zaume und führte ihn zu dem heiligen Abte, der daraus die Unschuld des Löwen erkannte und ihn von der auferlegten Arbeit befreite.

Da starb der heilige Abt. Der Löwe aber war zur Zeit seines Hinscheidens nicht im Kloster. Als er nun heimkam, suchte er seinen Wohltäter und Ernährer überall auf; und da er ihn nirgends finden konnte, fing er auf das kläglichste zu heulen an. Die Klostergeistlichen legten ihm seine gewöhnliche Nahrung vor; er rührte aber solche nicht an, sondern fuhr fort, zu suchen und zu heulen. Endlich sagte ihm einer von den Mönchen:

„Komm´ mit mir, ich will dir zeigen, wo unser lieber Vater begraben liegt.“

Der Löwe folgte dem Geistlichen; und als dieser an das Grab kam, niederkniete, und für den Verstorbenen betete, sprach er zu dem Tiere:

„Sieh, da liegt unser heiliger Abt, der dich bisher ernährte.“

Der Löwe, als wenn er alles deutlich verstanden hätte, warf sich nieder auf das Grab und wurde dann auf demselben tot aufgefunden.

Derjenige, der dies Begebenheit erzählt, erfuhr solche aus dem Munde der Mönche des Klosters selbst und setzt hinzu, Gott habe alles dieses, was wir erwähnt, sowohl zur Ehre seines getreuen Dieners Gerasimus, als zu unserer Belehrung geschehen lassen. Das Beispiel des Löwen soll uns nämlich lehren, wie auch wir durch Befolgung der Lehre Jesu unsere schuldige Dankbarkeit gegen ihn, als unsern größten Wohltäter, bezeigen sollen. Daher pflegte auch Gerasimus zu seinen Mitbrüdern zu sagen: Ein so wildes Tier zeigt sich dankbar für eine einzige so geringe Wohltat: warum soll der Mensch bei der Betrachtung unzähliger und so großer Wohltaten sich nicht dankbar zeigen?

Der heilige Gerasimus starb am 5. März um das Jahr 475. Sein Verehrungstag ist der 5. März.

Wir zweifeln nicht daran, dass der erwähnte Löwe in kürzester Zeit in das Paradies einziehen durfte. Er ist einer jener Löwen, von denen der Prophet Jesaja in seiner Himmelsvision sagt:

11,6 Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh mit einander treiben. 7 Löwen werden Stroh fressen wie die Ochsen. 9. Man wird nirgend Schaden thun, noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist voll Erkenntnis des HErrn, wie Wasser das Meer bedeckt.

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