ETIKA
60RA3

DAS RÄTSEL DER TIERWELT 

www.etika.com
28.10.2006
auch UNIX

Joachim Heinrich Campe

Warum hat Gott die Raubtiere und Schädlinge (Moskitos) geschaffen?

Robinson der Jüngere, Verlag Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1913, S. 136ff.

Er konnte weder bei Tage arbeiten, noch zur Nachtzeit schlafen, so unaufhörlich verfolgten ihn die Fliegen und Mücken mit ihren Stichen.

D i e t r i c h. Wozu mag doch Gott auch wohl das abscheuliche Ungeziefer eigentlich geschaffen haben, da es einem nur zur Last ist?

V a t e r. Wozu meinst du wohl, daß der liebe Gott dich und mich und andere Menschen erschaffen habe?

D i e t r i c h. Daß wir leben und in der Welt glücklich sein sollen.

V a t e r. Und was bewog ihn denn wohl, das zu wollen?

D i e t r i c h. Ja, weil er so gut ist und nicht gern allein glücklich sein wollte.

V a t e r. Ganz recht. Aber meinst du nicht, daß das Ungeziefer, die Insekten auch einer Art von Glückseligkeit genießen?

D i e t r i c h. Ja, das wohl; man sieht, wie sie sich freuen, wenn die Sonne so warm scheint.

V a t e r. Nun, ist es dir also nicht begreiflich, warum auch sie von Gott geschaffen sein mögen? Sie sollen sich auf seiner Erde auch freuen und so glücklich sein, als sie ihrer Natur nach werden können. Ist diese Absicht nicht sehr liebreich, und eines so guten Gottes würdig?

D i e t r i c h. Ja, ich meine nur, der liebe Gott hätte wohl nur lauter solche Tiere schaffen können, die keinem etwas zuleide tun!

V a t e r. Danke Gott, daß er das nicht getan hat!

D i e t r i c h. Warum?

V a t e r. Weil du und ich und wir alle sonst auch nicht da wären.

D i e t r i c h. Wieso?

V a t e r. Weil gerade wir zu den reißendsten und verheerendsten unter allen Tieren gehören! Alle anderen Geschöpfe auf Erden sind nicht nur unsere Sklaven, sondern wir töten sie auch nach Gefallen, bald um ihre Felle zu bekommen, bald weil sie uns im Wege sind, bald um dieser, bald um jener unerheblichen Ursache willen. Wie viel mehr Recht hätten also die Tiere, zu fragen: warum mag doch Gott wohl das grausame Tier, den abscheulichen Menschen, erschaffen haben? — Was würdest du nun z. B. der Fliege auf diese Frage antworten?

D i e t r i c h (verlegen). Ja — das weiß ich nicht.

V a t e r. Ich würde ungefähr so zu ihr sprechen: Liebe Fliege, deine Frage ist sehr verwegen, und beweist, daß du mit deinem kleinen Kopfe noch nicht ordentlich zu denken gelernt hast, sonst würdest du bei dem geringsten Nachdenken leicht erkannt haben, daß Gott aus bloßer Güte viele seiner Geschöpfe so eingerichtet habe, daß eins von dem anderen leben muß. Denn hätte er dies nicht getan, so würde er nicht halb so viele Tierarten haben erschaffen können, als jetzt wirklich da sind, weil Gras und Früchte nur für wenige Arten von Geschöpfen hinreichend gewesen wären. Damit also die ganze Welt belebt würde, damit überall — in Wasser, Luft und Erde — lebende Wesen wären, die sich ihres Daseins freuten, so lange sie lebten, und damit die eine Art von Geschöpfen nicht zum Untergange einer anderen Art sich gar zu stark vermehrte: so wußte der weise und gute Gott die Einrichtung zu treffen, daß einige Geschöpfe auf Kosten anderer leben müssen. Überdies hast du dir in deinem kleinen dummen Kopfe wohl nie träumen lassen, was wir Menschen mit völliger Gewißheit wissen, nämlich: daß dies Leben für alle von Gott erschaffenen Geister nur der Anfang, nur die Morgenstunde eines anderen, und zwar des ewigen Lebens ist, und daß sich also künftig einmal vieles aufklären kann, wovon wir jetzt noch nichts begreifen. Wer weiß, ob nicht dann auch du erfahren wirst, wozu es dir und anderen gut gewesen ist, daß du dich erst an unserem Blute laben und dann von der Schwalbe gefangen oder von der Fliegenklappe zerschmettert werden mußtest? Bis dahin bescheide dich, da du nur eine Fliege bist, die über das, was der allweise und gütige Gott tut, unmöglich urteilen kann, und wir — wollen dir hierin mit unserem Beispiele vorangehen.

Index 6