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ETIKA |
DAS RÄTSEL DER TIERWELT |
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Joachim Heinrich Campe |
Warum hat Gott die Raubtiere und Schädlinge (Moskitos)
geschaffen? |
Robinson der Jüngere, Verlag Friedr.
Vieweg & Sohn, Braunschweig 1913, S. 136ff. |
Er
konnte weder bei Tage arbeiten, noch zur Nachtzeit schlafen, so unaufhörlich
verfolgten ihn die Fliegen und Mücken mit ihren Stichen.
D
i e t r i c h. Wozu mag doch Gott auch wohl das abscheuliche Ungeziefer
eigentlich geschaffen haben, da es einem nur zur Last ist?
V
a t e r. Wozu meinst du wohl, daß der liebe Gott dich und mich und andere
Menschen erschaffen habe?
D
i e t r i c h. Daß wir leben und in der Welt glücklich sein sollen.
V
a t e r. Und was bewog ihn denn wohl, das zu wollen?
D
i e t r i c h. Ja, weil er so gut ist und nicht gern allein glücklich sein
wollte.
V
a t e r. Ganz recht. Aber meinst du nicht, daß das Ungeziefer, die Insekten
auch einer Art von Glückseligkeit genießen?
D
i e t r i c h. Ja, das wohl; man sieht, wie sie sich freuen, wenn die Sonne so
warm scheint.
V
a t e r. Nun, ist es dir also nicht begreiflich, warum auch sie von Gott
geschaffen sein mögen? Sie sollen sich auf seiner Erde auch freuen und so
glücklich sein, als sie ihrer Natur nach werden können. Ist diese Absicht nicht
sehr liebreich, und eines so guten Gottes würdig?
D
i e t r i c h. Ja, ich meine nur, der liebe Gott hätte wohl nur lauter solche
Tiere schaffen können, die keinem etwas zuleide tun!
V
a t e r. Danke Gott, daß er das nicht getan hat!
D i e t r i c h. Warum?
V
a t e r. Weil du und ich und wir alle sonst auch nicht da wären.
D i e t r i c h. Wieso?
V
a t e r. Weil gerade wir zu den reißendsten
und verheerendsten unter allen Tieren gehören!
Alle anderen Geschöpfe auf Erden sind nicht nur unsere Sklaven, sondern wir
töten sie auch nach Gefallen, bald um ihre Felle zu bekommen, bald weil sie uns
im Wege sind, bald um dieser, bald um jener unerheblichen Ursache willen. Wie
viel mehr Recht hätten also die Tiere, zu fragen: warum mag doch Gott wohl das
grausame Tier, den abscheulichen Menschen, erschaffen haben? — Was würdest du
nun z. B. der Fliege auf diese Frage antworten?
D
i e t r i c h (verlegen). Ja — das weiß ich nicht.
V
a t e r. Ich würde ungefähr so zu ihr sprechen: Liebe Fliege, deine Frage ist
sehr verwegen, und beweist, daß du mit deinem kleinen Kopfe noch nicht
ordentlich zu denken gelernt hast, sonst würdest du bei dem geringsten
Nachdenken leicht erkannt haben, daß Gott aus bloßer Güte viele seiner Geschöpfe
so eingerichtet habe, daß eins von dem anderen leben muß. Denn hätte er dies
nicht getan, so würde er nicht halb so viele Tierarten haben erschaffen können,
als jetzt wirklich da sind, weil Gras und Früchte nur für wenige Arten von
Geschöpfen hinreichend gewesen wären. Damit also die ganze Welt belebt würde,
damit überall — in Wasser, Luft und Erde — lebende Wesen wären, die sich ihres
Daseins freuten, so lange sie lebten, und damit die eine Art von Geschöpfen
nicht zum Untergange einer anderen Art sich gar zu stark vermehrte: so wußte
der weise und gute Gott die Einrichtung zu treffen, daß einige Geschöpfe auf
Kosten anderer leben müssen. Überdies hast du dir in deinem kleinen dummen
Kopfe wohl nie träumen lassen, was wir Menschen mit völliger Gewißheit wissen,
nämlich: daß dies Leben für alle von Gott erschaffenen
Geister nur der Anfang, nur die Morgenstunde eines anderen, und zwar des ewigen
Lebens ist, und daß sich also künftig einmal vieles aufklären kann,
wovon wir jetzt noch nichts begreifen. Wer weiß, ob nicht dann auch du erfahren
wirst, wozu es dir und anderen gut gewesen ist, daß du dich erst an unserem
Blute laben und dann von der Schwalbe gefangen oder von der Fliegenklappe
zerschmettert werden mußtest? Bis dahin bescheide dich, da du nur eine Fliege
bist, die über das, was der allweise und gütige Gott
tut, unmöglich urteilen kann, und wir — wollen dir hierin mit unserem Beispiele
vorangehen.