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ETIKA A |
Mahatma Gandhi |
www.etika.com |
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60RD12 |
Die Kuh ist ein Gedicht des Mitleids |
Young India, 6.10.1921 |
Durch jede Grausamkeit, die wir an unserem Vieh
begehen, verleugnen wir Gott. (Gandhi)
Mahatma Gandhi
Jung Indien
Aufsätze aus den Jahren 1919 bis 1922
Auswahl von Romain Rolland und Madeleine Rolland
Einleitung von John Haynes Holmes
Copyright 1924 Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig
Für die Übersetzung verantwortlich: Emil Roniger
S. 350 - 352
Enthaltung
von berauschenden Getränken und Drogen und von allen Arten Nahrungsmitteln,
insbesondere von Fleisch, ist zweifellos von großer Wichtigkeit für die
Entwicklung des Geistes,
aber sie ist nur Mittel und nicht Selbstzweck. Mancher, der Fleisch ißt und
mit jedermann zu Tische sitzt, der aber daneben in der Furcht Gottes lebt, ist
der Freiheit näher als einer, der sich streng des Fleisches und vieler anderer
Dinge enthält, dabei aber in jeder seiner Handlungen Gott lästert.
Das eigentliche Wesen
des Hinduismus jedoch besteht in der Beschützung der Kuh. Die Beschützung der
Kuh ist für mich eine der wunderbarsten Erscheinungen in der Entwicklung der
Menschheit. Sie führt den Menschen über die Grenzen seiner Art hinaus. Die Kuh
bedeutet für mich die ganze untermenschliche Welt. Der Mensch wird durch die Kuh dazu
geführt, sein Ein- und Gleichsein mit allem, was da lebt, anzuerkennen. Warum
gerade die Kuh zur Verehrung auserwählt wurde, ist mir durchaus klar.
Man liest Mitleid in
diesem sanften Tiere. Sie ist die Mutter von Millionen der indischen Menschen.
Beschützung der Kuh bedeutet Beschützung der ganzen dumpfen Kreatur Gottes.
Gewiß haben schon unsere ältesten Seher die Kuh in diesem Sinne verehrt. Der
Ruf der tieferen Schichten unserer Schöpfung ist um so zwingender, als er
wortlos bleibt. Die Beschützung der Kuh bedeutet das Geschenk des Hinduismus an
die Welt. Und der Hinduismus wird dauern, solange es Hindu gibt, die die Kuh
beschützen. (bis hierher Seite 350)
Wer sie beschützen will,
muß für sie sterben können. Es ist aber eine Verleugnung des Hinduismus und des
Ahimsa,
(Erläuterung S. 496: a = Verneinungspartikel, himsa
= Böses zufügen. Nichts Böses zufügen. Kein Wesen vergewaltigen. Ablehnung von
Gewalt: Non-Violenz. Eines der ältesten Prinzipien
der Hindureligion, das besonders durch Mahavira, den
Begründer des Dschainitismus, und durch Buddha
vertreten wurde, aber auch durch die Anhänger des Vishnukultes,
der großen Einfluß auf Gandhi ausübte.)
ein menschliches Wesen zu
töten, um die Kuh zu beschützen. Die Hindu sind verpflichtet, die Kuh durch
ihre Tapasya (Anm.:
Vorbereitung auf ein Werk durch Meditation und Konzentration der inneren
Kräfte) zu beschützen, durch ihre
Selbstläuterung, durch ihre Selbstaufopferung.
Heute ist die Beschützung
der Kuh ausgeartet in eine unaufhörliche Fehde mit den Mohammedanern,
während die Beschützung der Kuh eigentlich will, daß wir die Mohammedaner durch
unsere Liebe für uns gewinnen sollen. Ein mohammedanischer Freund sandte mir
vor einiger Zeit ein Buch, in dem alle Unmenschlichkeiten aufgezählt werden,
die wir an der Kuh und ihrer Nachkommenschaft verüben:
Wen sie sprechen könnten,
würden sie von unsern Untaten gegen uns zeugen, daß die Welt erstaunt
aufhorchen würde. Durch jede Grausamkeit, die wir an
unserem Vieh begehen, verleugnen wir Gott und den Hinduismus. Ich
glaube nicht, daß die Lage des Viehes irgendwo auf der Welt so schlecht ist wie
in dem unglücklichen Indien. Wir dürfen aber nicht die engländer
darum tadeln. Wir dürfen uns nicht auf unsere Armut berufen. Verbrecherische Nachlässigkeit ist die einzige
Ursache der elenden Lage unseres Viehes. Unsere Panjrapoles
(Anm.: Anstalten, in denen das alte Vieh und andere alte und hinfällige
Tiere versorgt werden können) sprechen wohl für unser Mitleid, aber sie
sind auch ein Beweis für die unbeholfene Auswirkung dieses Mitleides. Statt daß
sie zu Mustern milchwirtschaftlicher Betriebe und gewinnbringenden nationalen
Anstalten ausgebildet worden wären, sind sie bloße Einrichtungen zur Aufnahme
verendenden Viehes geworden.
Die Hindu werden nicht
beurteilt nach ihren Tilaks (Anm.: religiöse
Zeichen, die die die orthodoxen Hindu auf der Stirne
anbringen), noch nach ihren Wallfahrten, noch nach der peinlichen Beachtung
der Kastenvorschriften, sie werden beurteilt nach ihrer Fähigkeit, die Kuh zu
beschützen. Während wir die Religion der Beschützung der Kuh ausüben, haben wir
die Kuh und ihre Nachkommenschaft versklavt und sind dadurch selber zu Sklaven
geworden.
Nun wird man verstehen,
was ich unter einem Sanatani-Hindu verstehe.
(Anm.: Sanatani-Hindu = orthodoxe Hindu (sanatana = ewig). Auf Seite 346: ...Ich heiße mich einen Sanatani-Hindu, weil ich...)
Ich stehe, was die
Beschützung der Kuh anbelangt, keinem nach. ... Ich verlange zwar nicht von
meinen mohammedanischen Freunden, sie sollten die Kuh beschützen um der Dienste
willen, die ich ihnen leiste. Meine Gebete steigen Tag für Tag zu Gott dem
Allmächtigen empor, daß meine Dienste in einer Sache, die ich für gerecht
ansehe, ihm so sehr gefallen möchten, daß er die Herzen der Mohammedaner ändere
und sie erfülle mit Mitleid für ihre hinduistischen Nachbarn, damit sie
dann das Tier retten, das dem Hindu so lieb ist wie sein eigenes Leben.
Schlußbemerkung etika.com:
Wir schließen uns Gandhi an und beten darum,
1.
daß Gott die Herzen der Moslems und Juden
erweichen möge, damit sie endlich aufhören mit dem grausamen Schächten,
2.
daß der Herr allen Hindus untersage, der
blutrünstigen Göttin Kali weiterhin blutige Menschen- und Tieropfer zu bringen,
3.
und daß der Allmächtige die Herzen aller
Christen und sonstigen Menschen erweichen möge, damit sie Tiere nicht mehr
quälen.