ETIKA A

Mahatma Gandhi

www.etika.com
15.1.2008

60RD12

Die Kuh ist ein Gedicht des Mitleids

Young India, 6.10.1921

Durch jede Grausamkeit, die wir an unserem Vieh begehen, verleugnen wir Gott. (Gandhi)

Mahatma Gandhi
Jung Indien
Aufsätze aus den Jahren 1919 bis 1922
Auswahl von Romain Rolland und Madeleine Rolland
Einleitung von John Haynes Holmes
Copyright 1924 Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig
Für die Übersetzung verantwortlich: Emil Roniger
S. 350 - 352

Enthaltung von berauschenden Getränken und Drogen und von allen Arten Nahrungsmitteln, insbesondere von Fleisch, ist zweifellos von großer Wichtigkeit für die Entwicklung des Geistes, aber sie ist nur Mittel und nicht Selbstzweck. Mancher, der Fleisch ißt und mit jedermann zu Tische sitzt, der aber daneben in der Furcht Gottes lebt, ist der Freiheit näher als einer, der sich streng des Fleisches und vieler anderer Dinge enthält, dabei aber in jeder seiner Handlungen Gott lästert.

Das eigentliche Wesen des Hinduismus jedoch besteht in der Beschützung der Kuh. Die Beschützung der Kuh ist für mich eine der wunderbarsten Erscheinungen in der Entwicklung der Menschheit. Sie führt den Menschen über die Grenzen seiner Art hinaus. Die Kuh bedeutet für mich die ganze untermenschliche Welt. Der Mensch wird durch die Kuh dazu geführt, sein Ein- und Gleichsein mit allem, was da lebt, anzuerkennen. Warum gerade die Kuh zur Verehrung auserwählt wurde, ist mir durchaus klar.

Man liest Mitleid in diesem sanften Tiere. Sie ist die Mutter von Millionen der indischen Menschen. Beschützung der Kuh bedeutet Beschützung der ganzen dumpfen Kreatur Gottes. Gewiß haben schon unsere ältesten Seher die Kuh in diesem Sinne verehrt. Der Ruf der tieferen Schichten unserer Schöpfung ist um so zwingender, als er wortlos bleibt. Die Beschützung der Kuh bedeutet das Geschenk des Hinduismus an die Welt. Und der Hinduismus wird dauern, solange es Hindu gibt, die die Kuh beschützen. (bis hierher Seite 350)

Wer sie beschützen will, muß für sie sterben können. Es ist aber eine Verleugnung des Hinduismus und des Ahimsa,

(Erläuterung S. 496: a = Verneinungspartikel, himsa = Böses zufügen. Nichts Böses zufügen. Kein Wesen vergewaltigen. Ablehnung von Gewalt: Non-Violenz. Eines der ältesten Prinzipien der Hindureligion, das besonders durch Mahavira, den Begründer des Dschainitismus, und durch Buddha vertreten wurde, aber auch durch die Anhänger des Vishnukultes, der großen Einfluß auf Gandhi ausübte.)

ein menschliches Wesen zu töten, um die Kuh zu beschützen. Die Hindu sind verpflichtet, die Kuh durch ihre Tapasya (Anm.: Vorbereitung auf ein Werk durch Meditation und Konzentration der inneren Kräfte) zu beschützen, durch ihre Selbstläuterung, durch ihre Selbstaufopferung.

Heute ist die Beschützung der Kuh ausgeartet in eine unaufhörliche Fehde mit den Mohammedanern, während die Beschützung der Kuh eigentlich will, daß wir die Mohammedaner durch unsere Liebe für uns gewinnen sollen. Ein mohammedanischer Freund sandte mir vor einiger Zeit ein Buch, in dem alle Unmenschlichkeiten aufgezählt werden, die wir an der Kuh und ihrer Nachkommenschaft verüben:

Wen sie sprechen könnten, würden sie von unsern Untaten gegen uns zeugen, daß die Welt erstaunt aufhorchen würde. Durch jede Grausamkeit, die wir an unserem Vieh begehen, verleugnen wir Gott und den Hinduismus. Ich glaube nicht, daß die Lage des Viehes irgendwo auf der Welt so schlecht ist wie in dem unglücklichen Indien. Wir dürfen aber nicht die engländer darum tadeln. Wir dürfen uns nicht auf unsere Armut berufen. Verbrecherische Nachlässigkeit ist die einzige Ursache der elenden Lage unseres Viehes. Unsere Panjrapoles (Anm.: Anstalten, in denen das alte Vieh und andere alte und hinfällige Tiere versorgt werden können) sprechen wohl für unser Mitleid, aber sie sind auch ein Beweis für die unbeholfene Auswirkung dieses Mitleides. Statt daß sie zu Mustern milchwirtschaftlicher Betriebe und gewinnbringenden nationalen Anstalten ausgebildet worden wären, sind sie bloße Einrichtungen zur Aufnahme verendenden Viehes geworden.

Die Hindu werden nicht beurteilt nach ihren Tilaks (Anm.: religiöse Zeichen, die die die orthodoxen Hindu auf der Stirne anbringen), noch nach ihren Wallfahrten, noch nach der peinlichen Beachtung der Kastenvorschriften, sie werden beurteilt nach ihrer Fähigkeit, die Kuh zu beschützen. Während wir die Religion der Beschützung der Kuh ausüben, haben wir die Kuh und ihre Nachkommenschaft versklavt und sind dadurch selber zu Sklaven geworden.

Nun wird man verstehen, was ich unter einem Sanatani-Hindu verstehe.

(Anm.: Sanatani-Hindu = orthodoxe Hindu (sanatana = ewig). Auf Seite 346: ...Ich heiße mich einen Sanatani-Hindu, weil ich...)

Ich stehe, was die Beschützung der Kuh anbelangt, keinem nach. ... Ich verlange zwar nicht von meinen mohammedanischen Freunden, sie sollten die Kuh beschützen um der Dienste willen, die ich ihnen leiste. Meine Gebete steigen Tag für Tag zu Gott dem Allmächtigen empor, daß meine Dienste in einer Sache, die ich für gerecht ansehe, ihm so sehr gefallen möchten, daß er die Herzen der Mohammedaner ändere und sie erfülle mit Mitleid für ihre hinduistischen Nachbarn, damit sie dann das Tier retten, das dem Hindu so lieb ist wie sein eigenes Leben.

Schlußbemerkung etika.com:
Wir schließen uns Gandhi an und beten darum,

1.   daß Gott die Herzen der Moslems und Juden erweichen möge, damit sie endlich aufhören mit dem grausamen Schächten,

2.   daß der Herr allen Hindus untersage, der blutrünstigen Göttin Kali weiterhin blutige Menschen- und Tieropfer zu bringen,

3.   und daß der Allmächtige die Herzen aller Christen und sonstigen Menschen erweichen möge, damit sie Tiere nicht mehr quälen.

Index 6