ETIKA

TIERSCHUTZ

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26.1.2012

68B11

Tatjana Tolstojs Tante

Ein Experiment
Übersetzt von R. L.

 

Tatjana Tolstoj: Erinnerung an meinen Vater

Zu Herbstbeginn pflegte Mama mit den Kindern, die noch zur Schule gingen, nach Moskau zu reisen. Mein Vater, meine Schwester und ich blieben noch ein paar Monate in Jasnaja Poljana. Wir führten ein Robinson-Leben nach dem Beispiel unseres Vaters. Wir hatten das Haus für uns allein, ohne die Hilfe von Dienstboten, und bereiteten uns strikt vegetarische Mahlzeiten zu.

Eines Tages kündigte man uns die Ankunft einer Tante an, die Freundin aller war und die wir sehr gern hatten. Da wir wußten, daß die Tante gutes Essen schätzte und besonders Fleisch, fragten wir uns, was wir tun sollten.

„Kadaver“ zubereiten, so bezeichneten wir Fleisch, flößte uns Horror ein. Während ich mit meiner Schwester über die Angelegenheit sprach, kam Papa. Nachdem er über unsere Sorge unterrichtet war, beruhigte er uns und versprach, sich des Menüs der Tante anzunehmen.

„Was euch betrifft“, sagte er, „so bereitet das Mittagessen zu wie immer“.

Die Tante, schön, fröhlich, voller Leben wie immer, kam am gleichen Tag. Zur üblichen Stunde gingen wir in den Speisesaal. Und was fanden wir dort? Auf dem Platz der Tante lag ein riesiges Küchenmesser und, mit einer Schnur an den Stuhl gebunden, ein lebendes Huhn. Das arme Tier zappelte und riß den Stuhl mit sich.

„Wir wissen, daß du gern lebende Wesen ißt“, sagte Papa, „so haben wir dir dieses Huhn besorgt. Aber keiner von uns wollte einen Mord begehen: dieses Mordmesser steht zu deiner Verfügung, um ihn zu vollbringen.“

„Schon wieder einer deiner Späße“, rief Tanta Tatjana und brach in Lachen aus. „Tanja! Masa! Macht sofort das arme Tier los und laßt es frei!“

Wir beeilten uns, der Tante zu gehorchen. Als das Huhn befreit war, wurde aufgetischt, was wir für die Mahlzeit zubereitet hatten: Maccheroni, Gemüse und Obst. Die Tante aß alles mit gutem Appetit.

Ich muss aber hinzufügen, daß sie die Lektion des Schwagers nicht gelernt hatte und immer eine überzeugte Fleischesserin blieb.

Quelle: Lev Nikolaevic Tolstoj: Contro la caccia ed il mangiar carne. Isonomia Editrice, Este, 1994.

Mille grazie a M. F., B. – Ein ewiges Vergelt´s Gott!

Leo Tolstoj: Grausame Vergnügungen -  Index 6