ETIKA
68B2

DAS ÄNGSTLICHE HARREN DER KREATUR

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17.5.2001

Jordi Mota

Traurige Weihnacht

La triste Navidad
Kurzgeschichte

Wenn jemand behauptet hätte, es könnte auf der Welt einen glücklicheren Ort geben als jenen, wäre er auf den entschiedenen Widerspruch von Muk, Puk und Zuk gestoßen.

Für sie waren das Leben und das Glück ein und dasselbe. Von einer dunklen und traurigen Welt hatten sie keine Vorstellung, sie wußten nichts vom Schmerz oder dem Nichtvorhandensein von Glück, und deshalb schien es ihnen, als ob alle in ihrer Umgebung gleichermaßen glücklich wären.

Gewiß, sie waren erst vor kurzem geboren. Sie hatten auch keine Lebenserfahrung und unterschieden sich kaum von den anderen Hunderten, die auf demselben Bauernhof wohnten, aber sie hatten etwas, das sie von den anderen unterschied. Sie hatten einen Freund. Ihr Freund hieß Xaver, und er war nichts weniger als der Sohn der Besitzer des Hofs. Und deshalb genossen sie absolute Freiheit, während die anderen Kaninchen in ihren Käfigen bleiben mußten. Jeden Morgen spielte sich dieselbe Szene ab: "Muk, Puk, Zuk, auf! Es ist Zeit zu spielen."

Diese Worte übten eine fast magische Wirkung aus. Das Leben, das wirkliche Leben begann in diesem Augenblick. Und d i e s e r Tag wurde nicht anders als die übrigen. Im Gegenteil! Aus unbekannten Gründen war das Glück an diesem Tag überbordend. Kinder sangen Lieder, andere fuhren Schlitten, und ein paar bauten eifrig Schneemänner. Muk, Puk und Zuk waren verblüfft ob des geschäftigen Treibens, und sie lauschten dem Singen der Kinder. Alle hatten nahezu dasselbe Thema. Sie sprachen von Jesus, von Maria, von Josef, von Bethlehem, von Nazareth, vom Himmel, von der Liebe . . . Allmählich verstanden sie den Grund von soviel Fröhlichkeit, und deshalb überraschte es sie noch mehr, als sie das Gesicht ihrer Mutter sahen.

"Was hast du, Mama? Warum bist du traurig? Freue dich, Mama! Heute ist die ganze Welt glücklich, alle Kinder spielen, alle laufen, alle singen . . . aber Mama, was ist mit dir?"

"Es ist nichts", sagte die Mutter. "Es geht mir gut. Es freut mich, daß ihr zufrieden seid und daß Xaver so gut mit uns ist."

Indessen, und trotz dieser tröstenden worte, konnte die Mutter von Muk, Puk und Zuk kaum ihre Tränen zurückhalten. Schon in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit, konnte sie ihr Weinen nicht mehr zurückhalten, wobei sie sich vergewisserte, daß es niemand sah.

"Mein Gott, der Du unendlich gut bist, gewähre mir einen bescheidenen Wunsch. Laß nicht zu, daß sie mir heute eines meiner Kinder nehmen. Vater und ich haben lange genug gelebt, aber sie sind zu glücklich und zu jung; laß sie noch einige Zeit leben, damit sie die schöne Welt kennenlernen, die Du geschaffen hast."

Während die Kaninchenmutter in den tiefsten Schmerz versunken war, bekam Xaver Gelegenheit, sich an einem wundersamen Schauspiel zu ergötzen, das er nie zuvor gesehen hatte. Seine ganze Familie war in die Stadt gefahren, um an der Mitternachtsmesse teilzunehmen. Als er die Kathedrale betrat, war der Eindruck überwältigend. Die Beleuchtung, das gotische, mit brennenden Kerzen übersäte Kirchenschiff, die Orgelmusik, der Chor, der Geruch des Weihrauchs und dort in der Mitte, höchst majestätisch anzusehen, der Bischof, der ehrwürdige Bischof, dessen Worte alle mit heiliger Andacht zuhörten.

"Heute gedenken wir der Geburt unseres Herrn Jesus Christus. Heute soll ein Tag der Liebe, des Verzeihens, der Freundschaft sein. Gott schickte seinen Sohn in den Tod, um uns das Leben zu geben, und wir haben, um seinem Beispiel zu folgen, das Leben für jene zu geben, die um uns sind. Wir müssen Zorn und Haß vergessen und mit Güte das Böse bezahlen, das uns angetan worden sein könnte. Heute darf es keine Feinde geben, sondern nur Liebe."

Die Eltern von Xaver waren tief beeindruckt von der Feier.

"Schöne Worte heute nacht", sagte der Vater. "Er ist ein würdiger Bischof, denn er versteht es, uns den reinsten Geist Christi zu vermitteln."

Nach einer schweigsamen Fahrt gelangten sie zu Hause an.

"So, Liebe. Fang an, das Essen zuzubereiten, denn es kommen Gäste. Denk daran, daß heute Weihnachten ist und daß du besser kochen mußt als sonst."

Die Mutter von Xaver nickte, öffnete die Tür zum Hof und ging mitten in die Nacht hinaus.

"Papa, Papa", fing die Kaninchenmama an zu schreien. "Sie kommen, es ist soweit. Stellen wir uns neben die Tür."

"Was ist, Mama?", fragten die Kinder.

"Nichts. Wir werden euch schützen. Geht nach hinten."

Eine Hand langte in den Käfig, suchte und suchte und ergriff am Ende die Kaninchenmutter an den Hinterfüßen und zog sie heraus. Sie drehte ihren Kopf und gab mit den Vorderpfoten noch ein Zeichen des Abschieds.

"Mama, Mama!", schrieen ihre Kinder. "Sie nehmen Mama mit! Mama, geh nicht fort!"

Diese letzten Worte waren kaum mehr als ein Schluchzen.

"Papa, was geschieht da? Warum tragen sie Mama weg?"

Auch der Kaninchenvater konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten, und ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als seinen Kindern die Situation zu erklären.

"Mama und ich wollten es euch verheimlichen, aber ich habe keine Kraft mehr, euch etwas vorzuschwindeln. Sie haben Mama geholt, um sie zu töten. Die Menschen feiern ihre Feste, indem sie uns töten, damit wir ihnen als Nahrung dienen.

Die drei hatten völlig verstört diese Worte aufgenommen. Muk war der einzige, der sich zu sprechen traute.

"Wir werden Mama nie mehr sehen?"

"Nein, wir werden sie nie mehr sehen."

Puk und Zuk begannen bei diesen Worten, hemmungslos zu weinen. Muk hatte noch die Kraft, um zu fragen:

"Und du, Papa, werden wir auch dich verlieren."

"Ja, mein Sohn."

Und bei diesen Worten umarmte er seine drei Kinder, und alle schluchzten.

Muk wollte indessen das Geheimnis dieses menschlichen Rituals ergründen.

"Wie können die Menschen so schlecht sein? Wir töten niemand."

"Sie sind nicht schlecht, Muk. Sie denken nicht an das, was sie uns antun. Sie sind so erzogen und handeln aus Gewohnheit so. Die besten Menschen der Welt hören deswegen nicht auf, uns zu töten, um ihre Feste zu feiern. Aber wenn Gott, unser Herr, es so angeordnet hat, ist es wohl sein Wunsch, und wir müssen es annehmen."

Am nächsten Morgen, als Xaver wie jeden Tag zum Käfig kam, war er bestürzt.

"Aber was ist mit euch? Wo ist eure Mutter . . . ? Wollt ihr nicht spielen?"

"Geht hinaus zum Spielen", sagte der Kaninchenvater. "Xaver hat keinerlei Schuld."

Aber er konnte sie nicht überzeugen.

"Morgen werde ich wiederkommen", sagte Xaver. "Ich hoffe, daß ihr dann besser aufgelegt seid."

Aber als Xaver gegangen war, sprach der Kaninchenvater sehr ernst zu ihnen:

"Heute ist der Tag unseres größten Unglücks. Tausende von uns Tieren sind tot, um verspeist zu werden. Man weiß nie, was geschehen kann, und es ist besser, es gelassen hinzunehmen. Beten wir für unsere Mutter und für uns selbst, damit wir ohne Leiden sterben und Verzeihung erlangen."

Kaum hatten sie angefangen zu beten, erblickten sie in der Ferne einen Schatten, der sich näherte. Die Tür wurde geöffnet, und einer nach dem anderen wurde herausgeholt. Nur Muk blieb im Käfig. Mit allen Mitteln versuchte er mitzukommen, er rief, stampfte auf den Boden, schrie, aber die Tür wurde zugeschlagen.

"Muk, sei ein tapferer Sohn. Denk an uns."

Als Xaver die Küche betrat, nahm er ein schreckliches Schauspiel wahr. Die Tische waren befleckt mit Blut, und überall lagen Messer herum, auch sie blutbeschmiert. Die Köpfe seiner guten Freunde lagen im Abfalleimer. Xaver konnte seinen Augen nicht glauben.

"Mama, was hast du getan?"

"Xaver, mach dir keine Sorgen. Einige müssen sterben, damit andere leben können . . ."

Xaver ließ seine Mutter stehen und lief rasch zum Stall.

"Muk, Muk, verzeih mir. Ich habe von nichts gewußt, ich hätte es nie getan. Verzeih mir, Muk. Ich hasse meine Eltern aus ganzem Herzen."

Muk hatte Mitleid mit dem armen Jungen und wollte ihn trösten:

"Weine nicht, Xaver. Du hast keine Schuld, es ist wahr, aber auch deine Eltern nicht. Sie denken nicht daran, daß sie uns Leid zufügen. Mein Papa sagte, daß die Menschen, die das angerichtet haben, nicht schlecht waren, und daß sie einfach nicht daran dachten, was sie taten. Xaver, verzeih ihnen. Unser Heiland verzieh seinen Feinden, indem er sagte, daß sie nicht wußten, was sie taten, also verzeih auch du ihnen, denn auch sie wissen nicht, was sie tun."

Muk hatte Xaver getröstet, aber er selbst war bis ins Innerste getroffen. Er fühlte sich schrecklich allein, verlassen. Er hatte keinen anderen Wunsch, als das Schicksal seiner Brüder zu teilen. Mitten in der Nacht erblickte er auf einmal in der Ferne eine Gestalt. Wie sie näher kam, sah er, daß es sich um einen alten, hageren Mann handelte, der einen langen, weißen Bart hatte und ein braunes Gewand trug, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte.

"Grüß´ dich, Muk", sagte der Unbekannte.

"Bin jetzt ich an der Reihe?", fragte Muk.

"Ja, Muk. Deine Stunde ist gekommen. Frei sollst du sein, sollst auf den Feldern herumspringen und die Welt durchwandern."

"Sie werden mich nicht töten?"

"Nein, Muk. Ich bin Franziskus und dein Freund. Gott, unser Herr, rief mich gestern und sagte mir, ich sollte auf die Erde, um dir die Freiheit zu geben. Unser Herr hat gehört, was du zu Xaver gesagt hast. Du hast es verstanden, das Unrecht mit Liebe zu vergelten, deinen Feinden zu verzeihen und keinen Haß zu empfinden. Du hast es mehr als sonst jemand verstanden, diese Weihnacht zu feiern, denn du hast mit deinen Worten das getan, was Jesus Christus mit seinem Beispiel getan hat. Unser Herr will, daß du sehr glücklich seiest."

"Aber ich werde nie glücklich sein können ohne meinen Papa, meine Mama, ohne Puk und Zuk."

"Ah, richtig, ich hatte es vergessen. Sie haben mir gesagt, ich solle dir Grüße ausrichten."

"Mir? Hast du sie gesehen?"

"Aber ja. Wir leben dort oben alle zusammen."

"Wo?"

"Dort", sagte er und zeigte zum Firmament. "Siehst du jenen so leuchtenden Stern? Ein bißchen rechts davon ist ein aus kleinen Sternen gebildeter Weg, der zu meinem Haus führt."

"Und geht es ihnen dort gut? Wie sieht es da aus?"

"Aber sicher geht es ihnen gut. Es ist dort . . . wie soll ich es dir sagen? Es ist eine riesige Wiese, bedeckt mit den schönsten Blumen, aber weil diese Wiese immer grün und frisch ist, welken die Blumen nie. Ständig hörst du den herrlichen Gesang der Vögel, und alle Tiere springen herum, und da dort niemand stirbt, braucht keiner zu töten, um zu leben. Die Sonne scheint immer, aber wenn es nötig ist, kommt Regen, um uns zu erfrischen. An Weihnachten schneit es natürlich ein bißchen, und so können wir schlittenfahren und Schneemänner bauen. Wir helfen dem Nikolaus, seine Pakete zu machen, und er ist immer großmütig mit uns. Wir sind alle sehr sehr glücklich dort, so glücklich, daß deine Eltern wünschten, ich würde dich holen, aber unser Herr hat gewollt, daß du vorher diese Welt kennenlernen kannst, wo du lebst."

Nach diesen Worten öffnete Franziskus die Tür und bedeutete Muk, er solle herausgehen.

"Werde ich frei sein? Darf ich im Hof herumspringen?"

"Im Hof und überall auf der Erde. Lauf, spring, spiel, und zuletzt komm zu uns."

"Danke, Franziskus, danke. Grüße an Papa und Mama, Puk und Zuk."

Muk konnte in Freiheit leben, und obgleich Xaver am Morgen untröstlich war, weil er nicht mehr da war, dachte er, es wäre das beste. Er hatte keinen Zorn auf seine Eltern wegen des Geschehenen, aber jedes Jahr an Weihnachten tat er etwas Besonderes, um die Geburt Christi zu feiern:

Statt zu töten schenkte er das Leben, und so kaufte er an diesen Tagen Kaninchen, Fische, Vögel . . . und entließ sie in die Freiheit. Wenn er sie schnell davoneilen sah, war er wie verzückt. So fühlte er sich zufrieden und war überzeugt, daß sein Handeln dem Herrn mehr gefiele als das Töten und Essen.

 

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