ETIKA

Peter Rosegger

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68B6

Sieben Jahre vor dem Höllentor

30.1.2008

Im Mürztale, etwa drei Büchsenschußlängen hinter dem Bade Steinerhof, gegen Aflenz hin, steht der Steindrullerhof. Der Besitzer desselben, der Steindruller-Josel, ist heute vierundneunzig Jahre alt. Alle zwanzig Jahre einmal, wenn ein neues Geschlecht von Enkeln oder Urenkeln aus seinem Stamme wächst, versammelt er sie unter der Linde, die auf dem Hausanger steht, und erzählt ihnen eine Geschichte. Das, was der Josel weiß, weiß keiner im ganzen Mürztal, und es gibt doch Leute dort, die sehr viel wissen. Ich glaub´s, der Josel ist in seiner Jugend einmal sieben Jahre lang in der Unterwelt vor dem Höllentor gestanden. Er hat heute noch davon die fuchsroten Haare, angesengt vom höllischen Feuer, und sie wollen nicht weiß werden.

Ein Urenkel des Josel - er ist heute Kohlfrachter in einem Eisenwerke bei Mürzzuschlag - hat die Geschichte aufgeschrieben und meint, wenn auf der Welt schon soviel Lug und Fabel gedruckt würde, so solle doch auch einmal die gründliche Wahrheit aufs Papier. Demnach muß das in dieses alte Buch.

Mein Urgroßvater, das muß einer gewest sein! Mit zehn oder zwölf Jahren ein Wildling, daß kein Mensch mit ihm was ausgerichtet hat. Der ist recht zum Vieh, hat sein Vater gesagt und hat ihn auf die Almen des Hochschwab hineingegeben zum Rindvieh, dort mag er treiben, was er will. Zwei Sommer lang ist der Josel auf der Pfarreralm gewesen, hinter dem grünen See, wo man übers Gebirg ins Eisenerz hinübergeht.

Und wie hat er’s getrieben! Auf den Ochsen ist er geritten und hat ihnen die Hörnerspitzen abgeschnitten; das tut aber nicht weh’, und desweg ist’s auf die Länge nicht lustig. Die Kühe scheucht er mit Peitschenhieben vom Brunnen, wenn sie gerade im besten Trinken sind, dann klammert er sich einer an und läßt sich eine Strecke mitzerren über das glatte Bürstlingsgras.

Der Kalbe bindet er das graue Kätzlein der Schwaigerin an den Schweif; das eine Tier zappelt, kratzt und miaut zum Erbarmen, das andere weiß sich vor Entsetzen nicht zu helfen und saust in das Dickicht hinein, um sich das fürchterliche Wesen vom Leib zu streifen.

Wo er ein Vogelnest findet, da treibt er´s noch ärger; einer Schwalbe hat er einmal die Beine zusammengebunden, selbige mit Werg umwickelt und mit Fichtenharz bepicht, daß sie wie ein Klumpen sind gewesen. Dann hat er den Vogel fliegen lassen, und der muß immer fliegen, denn stehen kann er nicht, und wo er aufhockt, da bleibt er kleben. Mit Käfern und Ameisen treibt der Junge auch Ergötzlichkeiten.

Einmal - am Pfingstsonntag ist’s - geht über die grüne Alm her ein schwarzer Widder; der hat seidenweiche Wolle. Der Josel fangt ihn an und reitet auf. Dieses Rößlein will aber nicht traben. Jetzt nimmt der Junge einen glosenden Zündschwamm und steckt ihn dem Widder ins Ohr. Das tut’s; jetzt hebt das Tier an, mit dem Kopfe hin und her zu schlagen, mit den Zähnen zu scharren, zu pfauchen und zu pfustern, und endlich raset es mit dem Josel, der auf seinem Rücken sitzt, davon. Der Josel muß sich fest an die Hörner halten, das saust dahin wie ein Sturmwind. In den finsteren Struppwald geht´s hinein, daß dem Josel Gesicht und Beine zerkratzt werden. Über Schutthalden fährt´s hinüber, daß dem Josel heißer Sand mit Funken in die Augen springt. Über das Gewände des Halmsteins braust´s hinan und oben über die Höhen, über Gestein und Eis dahin gegen die grausen Abgründe des Hochschwab. Dem Josel wird angst und bang, aber er kann nichts denken als: festhalten, festhalten, sonst bist hin! Wie es an den wilden Hängen quer niederwärts geht, ist’s, als berühre der Widder mit seinen Füßen keinen Boden mehr, als fliege er in den Lüften. In die Felsenschlucht der Dullwitz saust er nieder und hinein in einen gähnenden Schlund des Gebirges. Der Josel hat sich fest an das Tier geschmiegt, aber die weiche Wolle ist zu stechenden Borsten geworden und die Augen des Widders funkeln in grünem Schein.

Viele Tage lang, meint der Urgroßvater, wäre er in der Nacht des Gebirges vom Widder dahingetragen worden; wenn er die Schrecken erzählen will, die er auf diesem Wege gesehen und erfahren hat, da kann er nicht weiter, es versagt ihm der Atem, die Hände faltet er über der Brust und sagt: "Kinder! fleißig beten, daß Euch der lieb’ Herrgott nit verlaßt!"

Endlich stehen sie vor einem hohen, rotglühenden Tor, da verschwindet dem Josel unter den Beinen der Widder wie Nebel und er lehnt starr vor Schreck wie ein Eiszapfen im dampfenden Gestein. Aber der Eiszapfen zergeht nicht und trotz der verzehrenden Glut ist ein Frostschauer in dem Josel, daß ihm die Zähne klappern. Den finsteren Weg heran, den er gekommen, schleichen Wanderer, da öffnet sich das Tor, und der Josel sieht mit einem Blick, was drinnen ist - die Hölle. Er bleibt stehen vor dem Tor, weil er - wie die Stimme eines Unsichtbaren ihm zuruft - auf Erden noch nicht bei voller Vernunft wäre gewesen.

Und so ist er jetzt vor dem Höllentor stehengeblieben, und immer stehen und hat die Wanderer angestarrt, die zu Fuß und zu Wagen und zu Roß und zu Esel herangezogen und in den Pfuhl der Hölle gefahren sind. Ein Weib kommt sogar auf den Knien dahergerutscht, wie Betschwestern rutschen, und als der Josel diesem Weibe näher in das Gesicht schaut, erkennt er die fromme Tonanerbäuerin von Kathrein an der Laming.

Wohl mit Staunen fragt er sie, wieso das käme, daß sie in die Hölle fahre, sie habe ja immer so fleißig gebetet und sei oft ganze Tage lang in der Kirche gekniet.

"O freilich wohl, mein Kind, bin ich oft ganze Tage lang in der Kirche gekniet", antwortet die Tonanerbäuerin, "und hab’ dieweilen daheim im Stall meine Geißen und Schweine hungern lassen. Desweg habe ich herab müssen."

Bald nach diesem Weibe kommt ein anderer Bekannter des Josel. Der Absteckberger von Paßlug ist´s. Der Knabe, schier froh über die guten Bekannten, die er an diesem unheimlichen Orte trifft, spricht auch diesen an: "Es ist gewiß nicht Ernst, daß Ihr in die Höll’ müßt."

"Oh, schreckbarer Ernst", sagt der Absteckberger, "der Richter ist bitter zornig gewesen, wie mein Schutzengel mich bei ihm vorgeführt hat."

"Aber Ihr seid doch ein Ehrenmann gewesen", ruft der Josel, "hab’ es selber gehört, daß Ihr der armen Bachreiterin ihr steiniges Feld umgeackert habt mit Eueren zwei Ochsen."

"Ist so, ist so, und dabei die armen Vieher mit dem Haustiel gedroschen, daß die Schwarten haben gekracht. Desweg geht´s ja her, desweg, daß ich da bin."

Und so ist im Laufe der Zeit einer und der andere gekommen aus der Heimatgegend. Eines Tages der Fleischermeister von Bruck. Daß auch dieser da ist, darüber kann sich der Josel - mein Urgroßvater - nicht genug verwundern. Der Fleischhauer ist der gutmütigste Mensch gewesen, und niemals hat man einen Kunden klagen gehört über zu schlechte Wage oder zu viele Knochen. Solch ein Fleischer, wenn doch einmal einer existiert, sollte heilig gesprochen werden. Aber der von Bruck ist auf dem Weg in die Hölle.

"Ja, warum denn das?" fragt der Josel.

"Warum das?" sagt der Fleischhauer, denn das ist ja auch eine Pein in der Hölle, daß jeder seine Schande gestehen muß, er mag wollen oder nicht. "Warum das, fragst? Hast du nie einen meiner Kälberwägen gesehen? Wie die lebendigen Kälber gebunden übereinandergeworfen sind und die Köpfe hängen über den Wagenrand hinaus mit verglasten Augen... Ich muß in eine der untersten Höllen hinab."

Nicht lange nach dem Fleischhauer kommt der lustige Fischer Veit von Sankt Ilgen, den sein Lebtag niemand traurig oder verzagt oder zornig gesehen hat, auch in Not und Elend nicht; ist ihm aber zeitweilig gar nicht gut ergangen mit seinem bösen Weib und seiner Stuben voll Kinder. Doch immer heiter und wohlgelaunt. Das macht das gute Gewissen, haben die Leute gesagt und er selber hat´s auch gesagt. Jetzt aber, vor dem Höllentor, ist er gar nicht lustig, und als der Josel fragt, was denn ihn herführe, antwortete er:

"Weil es jetzt mir so geschehen muß, wie ich es den Fischen gemacht habe. Lebendig in der Schmalzpfanne gebraten, hat es geheißen, wären die Forellen am besten."

Nun geht meinem Urgroßvater ein Licht auf. Lauter Tierquäler! Und sie haben es nicht einmal aus böser Absicht getan. Die eine hat Ziegen und Schweine hungern lassen, weil sie beten muß. Der andere hat die Zugochsen geschlagen, weil sie nicht ziehen wollten. Der dritte hat die Kälber auf die Wagen geworfen, weil sie sonst schwer weiter zu bringen gewesen wären. Der vierte hat Forellen im lebendigen Zustande gebacken, weil sie dann besser schmecken.

Ein anderer wieder muß in die Hölle, weil er im Winter den Kettenhund hat frieren lassen; aber wer denkt daran, daß auch Hunde frieren können? Ein weiterer muß in die Hölle, weil er sein altes Pferd, das ihm zwölf Jahre lang treu gedient, nur mehr kümmerlich mit schlechtem Stroh füttert, bis sich endlich der Abdecker erbarmt; aber mein Gott, wem könnte einfallen, daß man auch den Tieren Dankbarkeit schuldig ist! Nun, wenn es diesen absichtslosen Quälern schon so schlimm ergeht, was hat ein Mensch verdient, der die Tiere aus Mutwillen und Bosheit peinigt? - Der Josel schlägt an seine Brust und hebt zu stöhnen an aus Reue.

Und wie die Träne fällt, da schmilzt das Eis in seinem Herzen und die heißen Steine, auf welchen der arme Knab’ so lang hat stehen müssen, werden gedämpft. Sein Schutzengel tritt nun zu ihm und sagt: "Jetzt komm’, ich will dich wieder hinausführen auf die sonnige Erde und auf deine grüne Alm."

Unterwegs - o freudenreicher Weg! - hat der Josel seinen Schutzengel gefragt, ob denn alle Welt nur wegen Tierquälerei in die Hölle käme? Er sei so lange an der Höllenpforte gestanden und habe keinen anderen Sünder hineingehen sehen.

"Das glaube ich wohl", sagte der Schutzengel, "du bist eben an dem Tore gestanden, das nur für Tierquäler bestimmt ist. Das Tor für Menschenquäler ist anderswo, es ist weit größer und die dort eintreten - es ist ein ununterbrochener Zug seit Erschaffung der Welt - kannst du in Ewigkeit nicht zählen."

Als der Josel dahingeht über die grünen Almen, begegnen ihm fremde Leute, und als er bei der Schwaighütte der Pfarreralm zur Tür hineintreten will, stoßt sein Kopf an die obere Pfoste.

Und wie er die alte Schwagerin Kathrin sucht, findet er statt ihrer die junge Hannerl, mit der er ehevor draußen im Tal oft Possen hat getrieben.

Sie ist aber gar groß und sauber geworden, und wie sie sich jetzt vergleichen, stellt es sich heraus, daß der Josel sieben Jahre lang vor dem Höllentor ist gestanden.

Er hat kein Tier mehr gequält, nicht absichtlich und nicht unabsichtlich; aber das hat er sich beizeiten angelegen sein lassen, daß er der Vater meines Großvaters geworden ist. Die Hannerl hat ihm geholfen ein zufriedenes Leben führen. Die Schrecken vor dem Höllentor hat er glücklich überwunden; jetzt geht’s - wie er sagt - schon bald an das Himmelstor.

Und wenn er vor demselben etwa auch ein Weilchen sollt’ stehenbleiben müssen, so verhofft er, mich und dich, lieber Leser, und alle Mürztaler in das Himmelreich eingehen zu sehen.

Aus: Der Höllbart und andere Geschichten aus der Vorzeit. Von Peter Rosegger. Verlag von L. Staackmann in Leipzig. 1915. S. 314 – 321.

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