ETIKA

GESCHICHTE FÜR KINDER

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7.12.1999

68LC312

Das Marienkäferlein

Eine Legende von Ludwig Baum, Cöln

Jung-Siegbert lag behaglich ausgestreckt im schwellenden Moos am Waldbächlein. Das Wässerlein sprudelte und plätscherte munter von Stein zu Stein und benetzte die weißen Blümlein am Ufer mit seinem kühlen Naß. Die Farrenkräuter wiegten sich leise und Jung-Siegbert glaubte, sie neigten sich neckisch zu ihm herüber.

Ein kleines Käferlein, mit Flügeln: glänzend rot und mit schwarzen Punkten verziert, kroch langsam über einen bemoosten Stein, dicht neben Siegbert. Aufmerksam betrachtete der Knabe das glänzende Tierlein. Da fiel auf einmal aus einem dichten Haselbuschwerk ein Blatt auf den Stein hernieder - gerade vor das Käferlein. Das macht erschrocken kehrt und wandert zur Seite .... immer weiter - aufs Geratewohl.

Da kann Siegbert nicht mehr an sich halten: Er streckt die Hand aus und hält seinen Finger dem Tierlein entgegen -ein schier unübersteigbares Hndernis. Das Käferlein wendet sich abermals und kriecht seitwärts. Und so dauert das Spiel fort. -

Da wird Jung-Siegbert nachdenklich. Wieviel Ähnlichkeit hatte doch das Tierlein mit ihm selbst! Auch von ihm sagen die Leute, er sei unentschlossen, er lebe einen Tag um den andern, ohne Ziel, ohne Plan; das geringste Hindernis sei ihm unüberwindlich. Er war also um nichts besser als das kleine Tierlein da, über das er soeben noch mitleidig gelächelt hatte! - - -

Bei dieser Erkenntnis überkommt Siegbert eine große Traurigkeit.

Er läßt den blonden Lockenkopf rückwärts ins Moos und grüne Laubwerk sinken, bedeckt sein Gesicht mit beiden Händchen und beginnt zu weinen - bitterlich zu weinen ....

Leiser murmelt das Bächlein, schwermütig und traurig summen die Bienen um die weißen Sommerblumen; nur hoch oben in den Zweigen der alten Linde singt ein Vöglein eine liebliche Weise von Trost und Freude und Glück. -

Immer leiser, immer ferner hört Siegbert das Plätschern, das Summen und das süße Flöten. Ein kühler Hauch weht um seine glühende Schläfe und mählig wird´s ihm so wohl - so unsäglich wohl, er weiß selbst nicht wie.

Und wie er sich so ganz diesem wonnigen Gefühl träumend hingibt, da kommt´s heran wie lichter Silbernebel, und vor ihm steht plötzlich eine hohe, schöne Frau. "Das ist die Mutter Gottes aus der Burgkapelle!" denkt Siegbert. Da neigt sich die gütige Frau zu ihm nieder, und mit einem Lächeln, das ihm vorkommt wie eitel Sonnenschein, sagt sie zu ihm: "Schau her!"

Wie im Traum blickte Siegbert zur Seite und sah, wie die Gottesmutter liebevoll mit dem Finger über das Käferlein hinstrich. Das lief munter weiter; und als es wieder an das Blatt kam, da - Siegbert sah es ganz deutlich - zögerte es keinen Augenblick, sondern kletterte unverzagt hinauf und jenseits wieder hinab... Das Hindernis war überwunden.

Noch staunte der Knabe über die Verwunderung, die mit dem Käferlein vorgegangen war, da hub die hohe Frau wieder zu sprechen an: "Du hast nun gesehen, mein Kind, wie aus dem furchtsamen Tierlein ein mutloses, zielbewußtes geworden ist. Gehe nun hin und werde auch du tapfer und geradeaus! Wähle dir ein Ziel: hoch und schön und deiner würdig. Strebe danach mit der ganzen Kraft deines jungen, feurigen Herzens! -es werden Schwierigkeiten kommen, groß und entmutigend; doch laß dich nicht von deinem Ziele abwenden! Überwinde alle Hindernisse und werde kämpfend ein Held, gewaltiger und stärker als all jene Helden, von denen dir das Waldbächlein und die alten Burgmauern erzählt haben."

Mit diesen Worten hüllte sich die lichte Gestalt wieder in den Silbernebel und verschwand sachte drüben im grünen Buschwerk, auf dem die Sonnenstrahlen hin und her huschten.

Und wieder murmelte das Bächlein, und die Bienen summten, und hoch oben sang das Vöglein . . .

Jung-Siegbert erwachte aus seinem Traum, schlug groß die Augen auf, blickte erstaunt zum grünen Laubdach empor und murmelte:

"Käferlein der Mutter Gottes, M a r i e n k ä f e r l e i n , ich will dir folgen, ich will ein Held werden!"

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