ETIKA

Erdbeben-Horrorstory

www.etika.com
20.2.2010

78B49

Die Rache der Verschütteten

ETIKA-Bibliothek. Nichts für Klaustrophobe!

Die Rache der Verschütteten. Ein Höllenspaziergang mit Bildern

Sie kamen durch eine Trümmerstadt. Unter eingestürzten Hausmauern vernahm man Hilfeschreie.

„Hier bin ich, zieht mich heraus!“

„Ich lebe noch! Kommt so schnell wie möglich, ein Betonblock hat meine Beine zerschmettert!“

„Mein Kopf ist eingeklemmt! Schafft die Balken weg! Ich kann es nicht mehr lange aushalten.“

Auf der Straße gingen Leute vorbei. Die flehenden Rufe ließen sie offenbar kalt, denn sie schrien hinunter in die Löcher:

„Das geschieht euch recht! Ihr habt uns auch nicht geholfen! Seid verdammt!“

5ibeben1980e.jpg

Der Führer sagte: „Alle, die vorzeitig aufgehört haben, nach Verschütteten zu suchen, und aus Bequemlichkeit erklärt haben, es habe keinen Sinn mehr, und dafür tausend Ausreden fanden, sind einmal im Höllenjahr hier eingeschlossen oder gar eingeklemmt.“

„Das ist aber eine schlimme Strafe“, sagte Irina ganz bedrückt.

„Ja, aber sie haben kein Mitleid gehabt mit denen, die um Hilfe gerufen haben, und so hat auch in der Hölle niemand Mitleid mit ihnen. Und zu ihrer Qual hinzu werden sie noch beschimpft und verhöhnt von jenen Höllenbewohnern, die bei einem Erdbeben im Stich gelassen und elendiglich gestorben sind, obwohl Hilfe möglich war.“

„Ja, sind denn das so viele, die sich da schuldig gemacht haben?“, wunderte sich Vicente über das Ausmaß der Trümmerstadt, worauf der Führer erwiderte:

„Es sind ja nicht nur die, die nicht gegraben haben, sondern auch jene, die die Anweisung gegeben haben, mit dem Suchen aufzuhören, oder die die vorzeitige Einstellung der Suche gerechtfertigt haben. Es ist sogar vorgekommen, dass Hundeführer die Suche abgebrochen haben, obwohl Eltern ihre Kinder unter den Trümmern rufen hörten. Die „Retter“ behaupteten: ,Der Schmerz der Eltern über den Verlust ihrer Kinder kann so groß sein, daß sie ihre Stimme zu hören glauben, auch wenn sie längst tot sind.“ Hier auf den Tafeln vor den Häusern und Kellern sind eine ganze Menge Zeitungsausschnitte angebracht. Da seht ihr, auf welche Weise sich die Einzelnen schuldig gemacht haben.“

Auf einer Tafel stand:

Erdbeben Port-au-Prince, Haiti, 12.1.2010, 16.53 h

„70 Menschen lebend geborgen. Dass diesen noch viele weitere folgen werden, gilt als sehr unwahrscheinlich. Verschüttete könnten unter optimalen Bedingungen bestenfalls bis zu fünf Tage überleben, sagte ein UN-Sprecher. Diese Frist ist gestern abgelaufen.“ („Dolomiten“, 19.1.2010)

„84-Jährige überlebt zehn Tage.“ („D“ 23.1.2010) „Trovate due donne vive dopo 10 giorni sotto le macerie.“ (Corriere della Sera, 23.1.2010)

„16-Jährige nach zwei Wochen geborgen“ („D“ 29.1.2010)

„L´ultimo miracolo di Haiti, Evan Muncie (28) trovato dopo 27 giorni.“ (la Repubblica, 10.2.2010)

Auf einer weiteren Tafel:

Keine Hoffnung mehr auf Überlebende. Drei Tage nach dem schweren Erdbeben mit fast 600 Toten im Norden Marokkos ist die Suche nach Überlebenden weitgehend eingestellt worden. Es gebe keine Hoffnung mehr, Menschen noch lebend aus den Trümmern zu bergen, teilten die Behörden mit.“ („D“, 28.2.2004) (Anmerkung: hier im Internet steht „D“ immer für die Bozner Tageszeitung „Dolomiten“.)

 

Plötzlich staunte Vicente. Da war doch tatsächlich zwei „Dolomiten“-Kommentare seines Freundes auf einen Pfahl geheftet:

Herzen aus Stein. Sind es wirklich Wunder, oder ist der Mensch doch zäher als man denkt? Bei Erdbeben ist das Behördenritual stets dasselbe: Drei oder vier Tage lang wird nach Überlebenden gesucht. Dann heißt es, wegen Einsturz- oder Seuchengefahr müßten die Bergungsaktionen abgebrochen werden. Die Medien plappern diesen Unsinn nach: „Keine Hoffnung mehr für Überlebende“. So auch im Fall des Kaufhauseinsturzes in Seoul. Bereits vier Tage danach hatten „Feuerwehrleute und Polizisten die letzte Hoffnung aufgegeben, doch noch Überlebende zu finden“. Plötzlich großes Erstaunen: Zwei Menschen überlebten zehn und zwölf Tage unter den Trümmern! – Manche Leute fasten aus Gesundheitsgründen wochenlang; sie brauchen nur genug zu trinken. Wie kann man da Verschüttete, die in unsäglicher Verzweiflung auf Hilfe warten, schon nach wenigen Tagen aufgeben? Da muß man wohl selbst ein Herz aus Stein haben. le. 12.7.1995)

„Erbarmungslose Bürokraten … Die beschämendste Katastrophe ist die Unverfrorenheit, mit der Verantwortliche schon wenige Tagen erklären, es gebe nur noch geringe oder gar keine Überlebenschancen für Verschüttete. Bereits nach kurzem Einsatz haben aus dem Ausland angereiste Rettungstrupps (im Iran) die Schaufeln hingeworfen und sind heimgekehrt. Dummheit, Faulheit – oder Menschenverachtung? Wie so oft kamen dann, nach einer Woche, Überlebende zum Vorschein. Wer weiß, wie viele Menschen noch immer in Schlupflöchern verzweifelt ausharren, aber aufgrund der Befehle seelenloser Bürokraten von Baggern lebendig beerdigt werden.“ (2.1.2004)

 

5ibeben1980f.jpg

Gellende Schreie aus der Tiefe störten die Gruppe beim Lesen des zweiten Kommentars. Die fünf Reisenden erkundigten sich bei ihrem Führer. Er erzählte:

„Eine schlimme Sache. Da unten werden drei türkische Satansanhänger von Dämonen auf dieselbe Weise umgebracht, wie sie in Istanbul im September 1999 eine 21-jährige Frau ermordet haben, um den ,Erdbebenteufel´ zu besänftigen. Sogar eine Frau ist unter den Ritualmördern, die dort unten ihre gerechte Strafe erhalten.“ (Anmerkung: „D“, 22.9.1999)

Sie kamen dann zu einer Art Litfaßsäule, wo viele Erdbebenmeldungen aus aller Welt kunterbunt durcheinandergemischt waren:

„Claude Sims von den französischen Suchmannschaften im Iran schätzt, dass Verschüttete unter günstigen Voraussetzungen nach zehn Tage überleben können.“ („D“, 27.6.1990)

„Das dritte Wunder von Baguio. Zwei Wochen nach Erdbeben auf den Philippinen geborgen“ („D“, 31.7.1990)

„Anno 1556 kamen bei einem Beben in der chinesischen Provinz Shaanxi (Schensi) 830 000 Menschen um.“ („D“, 23.6.1990)

„128 Stunden nach dem Erdbeben in der japanischen Stadt Kobe wurden eine 78jährige Frau und ein 66jähriger Mann lebend aus den Trümmern geborgen.“ („D“ 23.1.1995)

Als beispiellosen Rekord in der Medizingeschichte und als Wunder bezeichnen Ärzte das elftägige Überleben eines jungen Rumänen in Bukarest. („D“ 15.12.1993, hier zusammengefasst)

In Mexiko-Stadt werden noch sieben Tage lang Überlebende geborgen, unter ihnen 41 Neugeborene. Ärzte sagten zu den „Wunder-Babies“, daß ihr Stoffwechsel auf Sparflamme arbeitete. („D“ 15.12.1993)

Ein Passant hörte in Kalamata Hilferufe, worauf eine 75jährige Frau zehn Tage nach einem Beben gerettet wurde. („D“ 15.12.1993)

Weil er seinen Urin trank, überlebte ein Mann (37) in Heliopolis bei Kairo fast vier Tage lang. („D“ 15.12.1993)

104 Stunden lag ein 19 Monate altes Mädchen im indischen Killari unter seinem umgestürzten Bett, bis es geborgen wurde. („D“ 15.12.1993)

„Bebenwarnung von Hund und Katze. Verrückt spielende Haustiere. Gospodin Garibjan rettete wenigstens die Nachbarn. Von Behörden ausgelacht.“ („D“ 24.6.1991)

„Alle 30 Sekunden ein Beben. Die Erde von einer unablässigen inneren Unruhe geprägt.“ („D“ 15.3.1989)

„Los terremotos han sido causa de la muerte de unas 15.000 personas cada año por término medio en todo el mundo.” (SP, 9 marzo, 1969)

“Heute können wir zwar mit hundertprozentiger Sicherheit den Termin, die Stärke und die Intensität der unterirdischen Stöße noch nicht voraussagen. Ich bin persönlich aber sicher, daß die Wissenschaft in absehbarer Zeit das Problem der kurzfristigen Prognosen lösen kann.“ (Tofik Ismail-Sade, Direktor der Südlichen Abteilung des Unions-Forschungsinstituts für geophysikalische Erkundungsmethoden, Aserbaidschanische SSR, Sowjetunion heute, 2/1985)

„Weltstadt sank in Trümmer. Vor 75 Jahren löschten Erdbeben und Feuer San Francisco aus. Der Opernsänger Caruso: ,Ich fühlte, daß mein Bett sich plötzlich wie auf einem Schiff bewegte. Vor dem Fenster sah ich große Gebäude wie Kartenhäuser zusammenstürzen und ganze Mauern auf die Straße schmettern. Entsetzt lief ich ins Freie.“ („Dolomiten“, 18.5.1981)

5ibeben1980b.jpg

Vicente und Irina konnten sich fast nicht losreißen von den vielen Meldungen, gingen dann aber doch zur nächsten Tafel, auf der zu lesen war:

Hier büßen jene, die versäumt haben, Giuseppe Consigliere (56), Vater von drei Kindern, zu helfen. Er war mit seinen Beinen beim Erdbeben 1980 in Kampanien und in der Basilikata eingeklemmt gewesen. Ein Soldat hatte ihn herausgezogen. Nachdem er sich im Krankenhaus erholt hatte, kehrte er in seinen Heimatort Morra de Sanctis zurück. Doch der von den Zivilschutzbehörden versprochene Wohnwagen kam nicht. Es war bitter kalt, und er floh in seinen Kleinwagen, einen „Fiat 126“, um die Nacht zu überleben. Doch dort erfror er. (Il Mattino, Napoli, 10.12.1980, pag. 3, È morto per non morire di freddo)

„Da bin ich ja gewesen“, sagte Vicente, der nach dem gewaltigen Beben vom 23. November 1980 mit Kameraden nach Süditalien gefahren war, um dort Menschen und Tieren zu helfen. „Ich erinnere mich, dass damals noch viele Wochen später lebende Tiere ausgegraben wurden, Hunde und ein Schwein.“ (Anmerkung ETIKA: die Hunde „Reno“ und „Bobby“ in Avellino nach 48 und 76 Tagen, das 50 Kilogramm schwere Schwein in Calitri bei Avellino nach 80 Tagen; Quellen: „Volksbote“ vom 8.1.1981 sowie Meldungen italienischer Tageszeitungen. - In Santa Clarita bei Los Angeles hat die Katze Tiffany 41 Tage nach einem Erdbeben in einer dunklen Abstellkammer überlebt. Wer denkt da nicht an Edgar Allen Poe? – In Kobe wurde die Hündin „Happy“ 44 Tage nach dem Erdbeben abgemagert, aber lebend bei Aufräumarbeiten gefunden. „D“ 4.3.1995)

„Und da zum Beispiel“, deutete der Führer auf ein eingestürztes Haus, „schreit der Angehörige einer Hilfsorganisation, der in einem Radiointerview zwei Wochen nach dem Beben von Haiti Verständnis gezeigt hat für den Beschluss der Behörden, die Rettungsaktionen abzublasen ,angesichts der großen materiellen Not´ der Überlebenden, wie er den Zuhörern sagte. Aber er dachte nicht daran, dass eine Menschenseele mehr wert ist als alle materiellen Güter der Erde zusammen. Und deshalb wird er noch lange hier unten schreien, bis er abtransportiert wird zu einem anderen Ort der Qual wegen anderer Sünden.“

„Man muss auch bedenken, dass viele der Erdbebenopfer sich vielleicht noch zu Gott bekehrt hätten, wenn sie länger gelebt hätten. Diese Chance haben ihnen die Gleichgültigen genommen. So müssen sie eben jene in ihrer Qual unter den Trümmern ablösen“, erklärte Bruder Luis von Granada.

„Freilich haben sich viele Eingeklemmte und Eingeschlossene in ihren letzten Stunden oder Tagen bekehrt“, antwortete die hl. Franziska Romana. „Jene, die dann ins Fegefeuer oder wie kleine Kinder unverzüglich in den Himmel gekommen sind, wissen von diesem Schauspiel hier unten. Auch wenn sie ein mitleidiges Herz und den Schuldigen verziehen haben, so können sie den Gleichgültigen doch nicht helfen. Denn der Abgrund zwischen oben und unten ist zu tief, wie jeder Christ aus dem Gleichnis von dem armen Lazarus und dem durstigen Reichen weiß.

„Gehen wir weg von diesem Ort der Qual“, sagte Irina, und die anderen stimmten ihr erleichtert zu.

(Aus dem geplanten Buch „Die kommende Gerechtigkeit“, der Fortsetzung zu dem Roman „Jedem nach seinen Taten“ von Vicente F. Delmonte. Fotos: Rainer Lechner. www.etika.com )

Index 7