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Liebet
die ganze Schöpfung |
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F. M. Dostojewskij: Die Brüder Karamasoff
6. Buch III, Aus
den Gesprächen und Belehrungen des Staretz Sossima
g) Über das Gebet, über die Liebe und über die Berührung mit anderen Welten
übersetzt von E. K. Rahsin,
© 1925 by R. Piper Verlag München
Liebet die ganze Schöpfung Gottes, das ganze Weltall wie jedes
Sandkörnchen auf Erden.
Jedes Blättchen, jeden Lichtstrahl Gottes liebet.
Liebet die Tiere, liebt die Gewächse, liebet jegliches Ding.
Erst wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis
Gottes in den Dingen offenbaren.
Hat
es sich dir aber einmal offenbart, dann wirst du es bereits unablässig immer
weiter und immer mehr und Tag für Tag erkennen.
Und
zu guter Letzt wirst du die ganze Welt schon mit ungeteilter, allumfassender
Liebe lieben.
Liebet die Tiere: ihnen hat Gott den Anfang des Denkens und
harmlose Freude gegeben.
Trübet sie ihnen nicht, quält sie nicht, nehmt ihnen nicht die Lust
am Dasein, handelt nicht den Gedanken Gottes zuwider.
Du
Mensch, sei nicht überheblich den Tieren gegenüber: sie sind sündlos, du aber in all deiner Herrlichkeit, du versetzest die Erde in
Fäulnis und Eiter mit deinem Erscheinen auf ihr und läßt hinter dir die Spur
der Verwesung zurück - und leider tut das fast jeder von uns!
Besonders aber liebet die kleinen Kinder, denn auch sie sind sündlos, gleich den
Engeln, und sie leben zu unserer Rührung, zur Reinigung unserer Herzen und wie
zu einer gewissen Belehrung für uns.
Wehe dem, der ein Kindlein kränkt!
...
Vor
manch einem Gedanken bleibt man in Ratlosigkeit stehen, namentlich beim Anblick
der Sünden des Menschen, und man fragt sich: "Soll man es mit Gewalt
anfassen, oder mit demütiger Liebe?"
Entscheide
dich immer so: "Ich will es mit demütiger Liebe versuchen."
Hast
du dich ein für allemal dafür entschieden, dann wirst du auch imstande sein,
die ganze Welt zu besiegen.
Liebevolle
Demut ist eine gewaltige Macht, die stärkste von allen, und es gibt keine
andere, die ihr gleichkäme.
An
jedem Tage und zu jeder Stunde, in jeder Minute wache über dich und gib acht,
daß dein -Antlitz Gott wohlgefällig sei.
Da
bist du vielleicht an einem kleinen Kinde vorübergegangen, bist böse, mit einem
häßlichen Wort im Sinn, mit zornerfüllter Seele vorübergegangen; vielleicht
hast du das Kind überhaupt nicht bemerkt, das Kind aber, das hat dich gesehen,
und wer weiß, vielleicht ist der Anblick
deines abstoßenden und gottlosen Angesichts in seinem wehrlosen Herzchen
verblieben.
Du
weißt es nicht einmal, und hast vielleicht doch schon ein schlechtes Samenkorn
in sein Herz gesät, und der schlechte Same kann womöglich aufgehen, und das
alles nur, weil du vor einem Kindchen nicht acht hattest auf dich, da du dich
nicht zu umsichtiger, tätiger Liebe erzogen hast.
Brüder,
die Liebe ist eine große Lehrerin, aber man muß es von sich aus verstehen, um
sie zu ringen, das aber ist schwer und mühsam, denn sie ist nur teuer zu
erkaufen, mit vielen Mühen und erst nach langer Zeit.
Denn
es geht ja nicht um die Liebe eines flüchtigen Augenblicks, sondern um die
unentwegte Liebe für die ganze Spanne deines Lebens.
Zufällig
und vorübergehend kann ja jeder lieben, selbst ein Bösewicht.
Jener
Jüngling, der mein Bruder war, bat die Vöglein um Verzeihung: das mag auf den
ersten Blick sinnlos erscheinen, ist aber doch richtig, denn alles ist wie
ein Ozean, alles fließt und berührt sich, an einer Stelle rührst du es an, und
am anderen Ende der Welt wird es gespürt und hallt es wider.
Mag
es unvernünftig sein und, die Vöglein um Verzeihung zu bitten, aber auch den
Vöglein wäre es doch leichter, auch dem Kinde wie jedem Tier in deiner Nähe,
wenn du selbst schöner wärest, als du es jetzt bist, und wäre es auch nur um
ein Tröpfchen mehr.
Alles
ist wie ein Weltmeer, sage ich euch.
Dann
würdest du auch zu den Vöglein beten, gequält von allumfassender Liebe, wie in
einer Begeisterung, und würdest drum bitten, daß sie dir deine Sünde verzeihen.