ETIKA

KURZBOTSCHAFTEN

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1.3.2008

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Liebet die ganze Schöpfung

 

F. M. Dostojewskij: Die Brüder Karamasoff
6. Buch III, Aus den Gesprächen und Belehrungen des Staretz Sossima
g) Über das Gebet, über die Liebe und über die Berührung mit anderen Welten
übersetzt von E. K. Rahsin, © 1925 by R. Piper Verlag München

Liebet die ganze Schöpfung Gottes, das ganze Weltall wie jedes Sandkörnchen auf Erden.

Jedes Blättchen, jeden Lichtstrahl Gottes liebet.

Liebet die Tiere, liebt die Gewächse, liebet jegliches Ding.

Erst wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren.

Hat es sich dir aber einmal offenbart, dann wirst du es bereits unablässig immer weiter und immer mehr und Tag für Tag erkennen.

Und zu guter Letzt wirst du die ganze Welt schon mit ungeteilter, allumfassender Liebe lieben.

Liebet die Tiere: ihnen hat Gott den Anfang des Denkens und harmlose Freude gegeben.

Trübet sie ihnen nicht, quält sie nicht, nehmt ihnen nicht die Lust am Dasein, handelt nicht den Gedanken Gottes zuwider.

Du Mensch, sei nicht überheblich den Tieren gegenüber: sie sind sündlos, du aber in all deiner Herrlichkeit, du versetzest die Erde in Fäulnis und Eiter mit deinem Erscheinen auf ihr und läßt hinter dir die Spur der Verwesung zurück - und leider tut das fast jeder von uns!

Besonders aber liebet die kleinen Kinder, denn auch sie sind sündlos, gleich den Engeln, und sie leben zu unserer Rührung, zur Reinigung unserer Herzen und wie zu einer gewissen Belehrung für uns.

Wehe dem, der ein Kindlein kränkt!

...

Vor manch einem Gedanken bleibt man in Ratlosigkeit stehen, namentlich beim Anblick der Sünden des Menschen, und man fragt sich: "Soll man es mit Gewalt anfassen, oder mit demütiger Liebe?"

Entscheide dich immer so: "Ich will es mit demütiger Liebe versuchen."

Hast du dich ein für allemal dafür entschieden, dann wirst du auch imstande sein, die ganze Welt zu besiegen.

Liebevolle Demut ist eine gewaltige Macht, die stärkste von allen, und es gibt keine andere, die ihr gleichkäme.

An jedem Tage und zu jeder Stunde, in jeder Minute wache über dich und gib acht, daß dein -Antlitz Gott wohlgefällig sei.

Da bist du vielleicht an einem kleinen Kinde vorübergegangen, bist böse, mit einem häßlichen Wort im Sinn, mit zornerfüllter Seele vorübergegangen; vielleicht hast du das Kind überhaupt nicht bemerkt, das Kind aber, das hat dich gesehen, und wer weiß, vielleicht ist der Anblick deines abstoßenden und gottlosen Angesichts in seinem wehrlosen Herzchen verblieben.

Du weißt es nicht einmal, und hast vielleicht doch schon ein schlechtes Samenkorn in sein Herz gesät, und der schlechte Same kann womöglich aufgehen, und das alles nur, weil du vor einem Kindchen nicht acht hattest auf dich, da du dich nicht zu umsichtiger, tätiger Liebe erzogen hast.

Brüder, die Liebe ist eine große Lehrerin, aber man muß es von sich aus verstehen, um sie zu ringen, das aber ist schwer und mühsam, denn sie ist nur teuer zu erkaufen, mit vielen Mühen und erst nach langer Zeit.

Denn es geht ja nicht um die Liebe eines flüchtigen Augenblicks, sondern um die unentwegte Liebe für die ganze Spanne deines Lebens.

Zufällig und vorübergehend kann ja jeder lieben, selbst ein Bösewicht.

Jener Jüngling, der mein Bruder war, bat die Vöglein um Verzeihung: das mag auf den ersten Blick sinnlos erscheinen, ist aber doch richtig, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich, an einer Stelle rührst du es an, und am anderen Ende der Welt wird es gespürt und hallt es wider.

Mag es unvernünftig sein und, die Vöglein um Verzeihung zu bitten, aber auch den Vöglein wäre es doch leichter, auch dem Kinde wie jedem Tier in deiner Nähe, wenn du selbst schöner wärest, als du es jetzt bist, und wäre es auch nur um ein Tröpfchen mehr.

Alles ist wie ein Weltmeer, sage ich euch.

Dann würdest du auch zu den Vöglein beten, gequält von allumfassender Liebe, wie in einer Begeisterung, und würdest drum bitten, daß sie dir deine Sünde verzeihen.

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