|
ETIKA |
DAS BÖSE |
www.etika.com |
|
90B7 |
Woher das Böse = Wozu das Leid = verborgene Gerechtigkeit |
|
Die Theologie der Gerechtigkeit
Auszüge aus einem Brief an M. F.
mit der Antwort auf
Paul Ricoeur: Il male. Una sfida alla
filosofia e alla teologia. Morcelliana, Brescia, 2003
Die Philosophen
und die Einfachheit: Von
Girolamo Savonarola habe ich gelernt, daß die Philosophen viele Worte machen,
daß die Wahrheit aber so einfach ist wie der Schmerz, der Sie plagt... Der
Schmerz ist so einfach wie die Freude. Das Einfachste in der Welt ist Gott
(laut Savonarola). Gott ist die Einfachheit, das höchste Gut (= Gute), das
alleinige Gut (hl. Franziskus von Assisi). Gott ist einfach = gut. Er will, daß
wir uns ihm annähern, einfach und eins werden mit ihm.
Das Gegenprinzip
zu dieser einfachen Ordnung ist der Teufel = griechisch Diabolos = der
Durcheinanderwerfer = derjenige, der die göttliche Ordnung durcheinanderbringt
Der Mensch steht
dazwischen.
Je mehr ich
weltliche Wünsche habe, desto unglücklicher bin ich, weil sie mir nicht erfüllt
werden (können). Je mehr ich mich auf mein einfaches Gebet konzentriere („Herr
Jesus Christus, erbarme Dich meiner!“), desto glücklicher bin ich, denn auf
diesem Wege erlange ich die Einheit mit Gott. Ich bin kein Philosoph, sondern
ein Praktiker. Meine eigenen Erfahrungen, nicht die Erkenntnisse
anderer, bestimmen mein Leben.
Gedanken sind
stärker als Gewalt, und Gebete stärker als Gedanken. Das Gebet ist das Geheimnis des
menschlichen Lebens. Wie oft hat es mich aus tiefster Not gerettet, aus
Seelenqual und Lebensgefahr! Dies ist mein Beweis für die Existenz Gottes. Aber
er genügt natürlich nur mir. Ich kann den anderen nur raten, ebenfalls zu
beten, um gerettet zu werden, zumindest den Versuch, die Probe zu machen.
Ich kann das
Böse nicht anders überwinden als mit der Hilfe Gottes. Allein bin ich zu schwach, weil ich zu
schlecht bin. Deshalb bete ich im Vaterunser: „und erlöse uns von dem Bösen!“
Es kommt nicht
darauf an, das Böse zu definieren, sondern es zu überwinden.
Der Mensch ist
Geist, und ich besitze Geisteskräfte genau wie Sie. Wenden Sie sie an! Sie
können so viel bewegen mit dem Gebet, das um so inniger und wirksamer ist, je
mehr Sie an etwas leiden (Körper, Seele, Angst).
Gottesbeweis: Wir lesen in der Zeitung vom Verbrechen und
Elend. Wir glauben und wissen, daß das Böse und das Übel existieren.
Ebenso lesen wir
in Büchern von der Liebe und glauben und wissen, daß sie existiert.
Ebenso hören wir
manchmal von der Gerechtigkeit und glauben und wissen, daß es sie zumindest
manchmal gibt.
Wenn wir an das
Böse glauben, das heißt daß es existiert, was hindert uns daran, auch an das
Gute zu glauben, daß es existiert?
Wer erhört meine
Gebete? Es muß ein Geist sein, Gott. Der Geist, Gott, muß existieren, weil er
mich erhört und oft gerettet hat.
Nun meine
Anmerkungen zu Paul Ricoeur. Er unterscheidet zwischen Sünde, Leiden und Tod
(Seite 11). Beginnen wir mit dem einfachsten Problem:
·
Er ist
einerseits zu fürchten, weil er uns daran hindert, dieses Leben zu genießen und
unseren Auftrag, vollkommen zu werden, zu erfüllen.
·
Andererseits
ist er freudig zu erwarten als Erlösung vom Leid und von den Versuchungen, als
Tor ins bessere Jenseits („frate morte“ für Franziskus).
Der französische
Philosoph verwirft alle Theorien zur Erklärung des Bösen als unzureichend. Ihm
bleibt unerklärlich, warum Gott allmächtig und seine Güte unendlich sein soll,
wenn trotzdem das Böse existiert.
Den Ansatz zur
richtigen Lösung streift er mit wenigen Sätzen auf S. 54 und verwirft ihn:
„... qualche saggio avanza solitario sul cammino
che conduce ad una rinuncia completa alla doglianza stessa. Alcuni arrivano a
discernere nella sofferenza un valore educativo ed espiatorio.”
“…
einzelne Weise schreiten einsam auf dem Weg, der zu einem vollständigen
Verzicht auf die Beschwerde (des Menschen gegenüber Gott, daß er dem Übel
ausgeliefert ist) führt. Einige gehen so weit, daß sie dem Leiden einen
erzieherischen und sühnenden Wert beilegen.“
Ricoeur selbst
empfiehlt in Anlehnung an Gedanken Karl Barths („Gott und das Nichtige“) auf
Seite 55 dem jüdisch-christlichen Westen, vom Buddhismus das Verzichten
auf Wünsche zu lernen, das Verzichten auf Belohnungen für Tugenden, das
Verzichten auf den Wunsch, vom Leiden und Tod verschont zu werden. Wo bleibt da
die Gerechtigkeit, warum dann ein Tugendstreben, wohin mit der Sehnsucht nach
dem Trost im Überirdischen?
Hiob (Ijob) hat der Philosoph falsch verstanden
oder falsch interpretiert (S. 55):
„Una uguale saggezza è forse abbozzata alla fine del
Libro de Giobbe, quando è detto che Giobbe è giunto ad amare Dio per
nulla, facendo così perdere a Satana la sua scommessa iniziale.”
Unseres Erachtens
hat Hiob Gott am Schluß nicht “für nichts” geliebt, sondern er hat in Demut
seine eigene Kleinheit und Ungerechtigkeit und Unwürdigkeit und Gottes Größe
anerkannt. Wir zitieren aus dem Buch Hiob:
32,2 Gegen Ijob entbrannte sein (Elihus) Zorn, weil er sich vor Gott
für gerecht hielt.
34,11 (Elihu) : Was der Mensch tut, das vergilt er (Gott) ihm.
34,12 Nie tut Gott unrecht.
42,2
(Hiob, Ijob): Ich hab erkannt, daß du alles vermagst.
3 So habe ich denn im Unverstand geredet.
4 Du belehre mich.
5 Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein
Auge dich geschaut.
6 Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche.
12 Der Herr aber segnete die spätere Lebenszeit Ijobs mehr als seine
frühere.
Und damit sind wir
beim nächsten Abschnitt.
Der wichtigste
Begriff im Komplex das Böse/Leid/Tod kommt bei Ricoeur nicht vor: der Himmel.
Er passt nicht ins Gebäude der irdischen Philosophie. Für den Himmel ist kein
Platz in den Gehirnen der Philosophen, denn ihr Horizont ist begrenzt.
Für uns ist der
Himmel der zentrale Begriff. Er ist unser Ziel. Denn dort werden wir belohnt
für alles Gute, das wir getan haben. Nur die Existenz des Himmels bietet die
Erklärung für das Unrecht und das Leid, das hier auf Erden den Unschuldigen
auferlegt wird, vor allem den Kindern.
Es gibt eine
verborgene, künftige Gerechtigkeit, die aus Himmel, Hölle und Fegefeuer
besteht.
Ohne den Himmel
lässt sich nichts erklären, mit ihm alles. Und deshalb sind wir jetzt soweit,
daß wir den Gedanken Ricoeurs, die ungeordnet im Nichts stecken bleiben, unsere
Weltsicht gegenüberstellen können:
Gut ist der Mensch, wenn er den Willen Gottes tut.
·
Rebellion
gegen Gott und seine Ordnung: Sünde
·
die Summe der
Folgen: Leid und Tod
Das Böse
erscheint in dreifacher Form:
·
Teufel und
Dämonen
·
das Böse in mir
als Schwachheit (Hang zu verbotenen Dingen, Genußsucht) oder bewusste Bosheit
(Todsünde, Grausamkeit): a) die Sünde im Fleisch, b) die Sünden des Geistes:
Hochmut, Herrschsucht, Habsucht, Neid usw.
·
das Böse in
der Welt
·
In Luzifer
entstand der Wunsch, gleich zu sein wie Gott
·
die Schuld
Adams und Evas: Gelüst führt zum Übertreten des Verbotes, als Erbsünde an die
Nachkommen weitergegeben
·
die Folgen
der Abspaltung Luzifers und seines Heeres und die Schuld der ersten Menschen haben
die Unordnung auf der Welt hervorgerufen, die unendlichen Verlockungen und
Versuchungen, die von Gott ablenken und keinen Menschen unberührt lassen
Das Leiden hat
immer einen Zweck. Es ist ein Mittel in der Hand Gottes. Unser Lehrer Pater
Petrus Pavlicek OFM unterscheidet (Handbuch des einfachen Lebens, Kapitel 34):
·
das Leiden
als Strafe: Gott hat ein Recht, Genugtuung zu verlangen
·
das Leiden
zur Läuterung: Gott will den Menschen von einem sündhaften zu einem
heiligmäßigen Leben führen
·
das Leiden
zur Bewährung: Es soll den Menschen in seiner Demut, Beharrlichkeit zum Guten
und Treue zu Gott prüfen und festigen
·
damit die
Menschen reifen, besser und vollkommener werden (oben erwähnt als Läuterungs-
und Bewährungsleiden)
·
damit die
Mitmenschen Mitleid haben, helfen und sich damit retten können: Rettung von
Seelen
·
damit
Märtyrer (darunter Sühneseelen, die freiwillig ihre Gebete und Leiden für
Sünder aufopfern) die leerstehenden Throne der gefallenen Engel im Himmel
besetzen können: Belohnung im Himmel für erlittene Not und Unrecht
·
damit die
Bösen sich austoben und gegen Gott entscheiden können: Entlarvung der Kinder
Satans und Rechtfertigung der Hölle
2. Unnötiges Leid bekämpfen
Es hindert uns, unseren
Auftrag zu erfüllen. Also sollen wir zum Beispiel durch einfaches, gesundes
Leben Krankheiten vorbeugen.
3. Unvermeidliches Leid geduldig ertragen
als Bewährung, Prüfung, gerechte Strafe. Hören wir auf den hl. Franziskus von
Assisi in seinem Loblied der Geschöpfe (Sonnengesang):
Gelobt seist Du, mein Herr, durch jene, welche aus Liebe zu Dir
Verzeihung üben, Mühsal mit Geduld und Betrübnis mit Fröhlichkeit des Geistes
tragen.
Selig jene, die ausharren in Frieden, denn von Dir, o Höchster, werden
sie die Krone empfangen.
Woher das Böse =
wozu das Leid = verborgene Gerechtigkeit
Gott ist gut und
gerecht. Er ist allmächtig, belohnt das Gute, bestraft das Böse.
Doch die meisten
Menschen richten sich selbst durch ihre Taten und ihren Unglauben.
Das erklärt alles.
Der Nihilismus
erklärt nichts.
Die Theologie der
Gerechtigkeit wird derzeit kaum an einer Hochschule gelehrt. Aber sie entfaltet
sich in der Bibel, in den Schriften der Heiligen, bei Savonarola, Luis von
Granada, Leopold Kist und vielen anderen, in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.
Die Theologie der
Gerechtigkeit findet ihren höchsten Ausdruck im unablässigen Gebet:
Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner!
Da der Mensch ein
Gemeinschaftswesen ist, empfiehlt sich der ETIKA-Rosenkranz.
AIHS 3.1.2004