ETIKA

DAS BÖSE

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3.1.2005

90B7

Woher das Böse = Wozu das Leid = verborgene Gerechtigkeit

 

Die Theologie der Gerechtigkeit

Auszüge aus einem Brief an M. F. mit der Antwort auf
Paul Ricoeur: Il male.
Una sfida alla filosofia e alla teologia. Morcelliana, Brescia, 2003

 

Die Philosophen und die Einfachheit: Von Girolamo Savonarola habe ich gelernt, daß die Philosophen viele Worte machen, daß die Wahrheit aber so einfach ist wie der Schmerz, der Sie plagt... Der Schmerz ist so einfach wie die Freude. Das Einfachste in der Welt ist Gott (laut Savonarola). Gott ist die Einfachheit, das höchste Gut (= Gute), das alleinige Gut (hl. Franziskus von Assisi). Gott ist einfach = gut. Er will, daß wir uns ihm annähern, einfach und eins werden mit ihm.

Das Gegenprinzip zu dieser einfachen Ordnung ist der Teufel = griechisch Diabolos = der Durcheinanderwerfer = derjenige, der die göttliche Ordnung durcheinanderbringt

Der Mensch steht dazwischen.

Je mehr ich weltliche Wünsche habe, desto unglücklicher bin ich, weil sie mir nicht erfüllt werden (können). Je mehr ich mich auf mein einfaches Gebet konzentriere („Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner!“), desto glücklicher bin ich, denn auf diesem Wege erlange ich die Einheit mit Gott. Ich bin kein Philosoph, sondern ein Praktiker. Meine eigenen Erfahrungen, nicht die Erkenntnisse anderer,  bestimmen mein Leben.

 

Gedanken sind stärker als Gewalt, und Gebete stärker als Gedanken. Das Gebet ist das Geheimnis des menschlichen Lebens. Wie oft hat es mich aus tiefster Not gerettet, aus Seelenqual und Lebensgefahr! Dies ist mein Beweis für die Existenz Gottes. Aber er genügt natürlich nur mir. Ich kann den anderen nur raten, ebenfalls zu beten, um gerettet zu werden, zumindest den Versuch, die Probe zu machen.

Ich kann das Böse nicht anders überwinden als mit der Hilfe Gottes. Allein bin ich zu schwach, weil ich zu schlecht bin. Deshalb bete ich im Vaterunser: „und erlöse uns von dem Bösen!“

Es kommt nicht darauf an, das Böse zu definieren, sondern es zu überwinden.

Der Mensch ist Geist, und ich besitze Geisteskräfte genau wie Sie. Wenden Sie sie an! Sie können so viel bewegen mit dem Gebet, das um so inniger und wirksamer ist, je mehr Sie an etwas leiden (Körper, Seele, Angst).

 

Gottesbeweis: Wir lesen in der Zeitung vom Verbrechen und Elend. Wir glauben und wissen, daß das Böse und das Übel existieren.

Ebenso lesen wir in Büchern von der Liebe und glauben und wissen, daß sie existiert.

Ebenso hören wir manchmal von der Gerechtigkeit und glauben und wissen, daß es sie zumindest manchmal gibt.

Wenn wir an das Böse glauben, das heißt daß es existiert, was hindert uns daran, auch an das Gute zu glauben, daß es existiert?

Wer erhört meine Gebete? Es muß ein Geist sein, Gott. Der Geist, Gott, muß existieren, weil er mich erhört und oft gerettet hat.

 

Nun meine Anmerkungen zu Paul Ricoeur. Er unterscheidet zwischen Sünde, Leiden und Tod (Seite 11). Beginnen wir mit dem einfachsten Problem:

 

Der Tod

·        Er ist einerseits zu fürchten, weil er uns daran hindert, dieses Leben zu genießen und unseren Auftrag, vollkommen zu werden, zu erfüllen.

·        Andererseits ist er freudig zu erwarten als Erlösung vom Leid und von den Versuchungen, als Tor ins bessere Jenseits („frate morte“ für Franziskus).

 

Das Böse und das Leid
Ricoeurs Irrtum

Der französische Philosoph verwirft alle Theorien zur Erklärung des Bösen als unzureichend. Ihm bleibt unerklärlich, warum Gott allmächtig und seine Güte unendlich sein soll, wenn trotzdem das Böse existiert.

Den Ansatz zur richtigen Lösung streift er mit wenigen Sätzen auf S. 54 und verwirft ihn:

 

„... qualche saggio avanza solitario sul cammino che conduce ad una rinuncia completa alla doglianza stessa. Alcuni arrivano a discernere nella sofferenza un valore educativo ed espiatorio.”

 

“… einzelne Weise schreiten einsam auf dem Weg, der zu einem vollständigen Verzicht auf die Beschwerde (des Menschen gegenüber Gott, daß er dem Übel ausgeliefert ist) führt. Einige gehen so weit, daß sie dem Leiden einen erzieherischen und sühnenden Wert beilegen.“

 

Ricoeur selbst empfiehlt in Anlehnung an Gedanken Karl Barths („Gott und das Nichtige“) auf Seite 55 dem jüdisch-christlichen Westen, vom Buddhismus das Verzichten auf Wünsche zu lernen, das Verzichten auf Belohnungen für Tugenden, das Verzichten auf den Wunsch, vom Leiden und Tod verschont zu werden. Wo bleibt da die Gerechtigkeit, warum dann ein Tugendstreben, wohin mit der Sehnsucht nach dem Trost im Überirdischen?

 

Hiob (Ijob) hat der Philosoph falsch verstanden oder falsch interpretiert (S. 55):

 

„Una uguale saggezza è forse abbozzata alla fine del Libro de Giobbe, quando è detto che Giobbe è giunto ad amare Dio per nulla, facendo così perdere a Satana la sua scommessa iniziale.”

 

Unseres Erachtens hat Hiob Gott am Schluß nicht “für nichts” geliebt, sondern er hat in Demut seine eigene Kleinheit und Ungerechtigkeit und Unwürdigkeit und Gottes Größe anerkannt. Wir zitieren aus dem Buch Hiob:

32,2 Gegen Ijob entbrannte sein (Elihus) Zorn, weil er sich vor Gott für gerecht hielt.

34,11 (Elihu) : Was der Mensch tut, das vergilt er (Gott) ihm.

34,12 Nie tut Gott unrecht.

42,2 (Hiob, Ijob): Ich hab erkannt, daß du alles vermagst.

3 So habe ich denn im Unverstand geredet.

4 Du belehre mich.

5 Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.

6 Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche.

12 Der Herr aber segnete die spätere Lebenszeit Ijobs mehr als seine frühere.

 

Und damit sind wir beim nächsten Abschnitt.

 

Der Himmel

Der wichtigste Begriff im Komplex das Böse/Leid/Tod kommt bei Ricoeur nicht vor: der Himmel. Er passt nicht ins Gebäude der irdischen Philosophie. Für den Himmel ist kein Platz in den Gehirnen der Philosophen, denn ihr Horizont ist begrenzt.

Für uns ist der Himmel der zentrale Begriff. Er ist unser Ziel. Denn dort werden wir belohnt für alles Gute, das wir getan haben. Nur die Existenz des Himmels bietet die Erklärung für das Unrecht und das Leid, das hier auf Erden den Unschuldigen auferlegt wird, vor allem den Kindern.

Es gibt eine verborgene, künftige Gerechtigkeit, die aus Himmel, Hölle und Fegefeuer besteht.

Ohne den Himmel lässt sich nichts erklären, mit ihm alles. Und deshalb sind wir jetzt soweit, daß wir den Gedanken Ricoeurs, die ungeordnet im Nichts stecken bleiben, unsere Weltsicht gegenüberstellen können:

 

Gott ist das Gute.
Gott ist gut, barmherzig, gerecht, allmächtig, einfach, verzeiht bei Reue, ist Liebe.

Gut ist der Mensch, wenn er den Willen Gottes tut.

 

Das Böse ist

·        Rebellion gegen Gott und seine Ordnung: Sünde

·        die Summe der Folgen: Leid und Tod

 

Das Böse erscheint in dreifacher Form:

·        Teufel und Dämonen

·        das Böse in mir als Schwachheit (Hang zu verbotenen Dingen, Genußsucht) oder bewusste Bosheit (Todsünde, Grausamkeit): a) die Sünde im Fleisch, b) die Sünden des Geistes: Hochmut, Herrschsucht, Habsucht, Neid usw.

·        das Böse in der Welt

 

Woher das Böse / unde malum?

·        In Luzifer entstand der Wunsch, gleich zu sein wie Gott

·        die Schuld Adams und Evas: Gelüst führt zum Übertreten des Verbotes, als Erbsünde an die Nachkommen weitergegeben

·        die Folgen der Abspaltung Luzifers und seines Heeres und die Schuld der ersten Menschen haben die Unordnung auf der Welt hervorgerufen, die unendlichen Verlockungen und Versuchungen, die von Gott ablenken und keinen Menschen unberührt lassen

 

Warum das Leiden?

Das Leiden hat immer einen Zweck. Es ist ein Mittel in der Hand Gottes. Unser Lehrer Pater Petrus Pavlicek OFM unterscheidet (Handbuch des einfachen Lebens, Kapitel 34):

·        das Leiden als Strafe: Gott hat ein Recht, Genugtuung zu verlangen

·        das Leiden zur Läuterung: Gott will den Menschen von einem sündhaften zu einem heiligmäßigen Leben führen

·        das Leiden zur Bewährung: Es soll den Menschen in seiner Demut, Beharrlichkeit zum Guten und Treue zu Gott prüfen und festigen

 

Aber warum das Leiden Unschuldiger?

 

·        damit die Menschen reifen, besser und vollkommener werden (oben erwähnt als Läuterungs- und Bewährungsleiden)

·        damit die Mitmenschen Mitleid haben, helfen und sich damit retten können: Rettung von Seelen

·        damit Märtyrer (darunter Sühneseelen, die freiwillig ihre Gebete und Leiden für Sünder aufopfern) die leerstehenden Throne der gefallenen Engel im Himmel besetzen können: Belohnung im Himmel für erlittene Not und Unrecht

·        damit die Bösen sich austoben und gegen Gott entscheiden können: Entlarvung der Kinder Satans und Rechtfertigung der Hölle

 

3 Aufträge:

 

1.    die Sünde und die Wurzeln der Sünde bekämpfen
Die Sünde ist verwerflich für Christen, Hindus, Moslems, Juden, Anhänger von Naturreligionen: Sie wollen ihrem Gott gehorchen und seine Gebote nicht übertreten. Motive: Liebe zu Gott, Furcht vor dem strafenden Gott. Die Sünde ist zu bekämpfen, weil sie uns von Gott entfernt, der unser Ursprung und unser Ziel ist. Die Sünde ist das Hauptübel. Solange wir sie nicht mit der Hilfe Gottes überwinden, gibt es keinen Frieden, kein Glück, keine Seligkeit.

2.    Unnötiges Leid bekämpfen
Es hindert uns, unseren Auftrag zu erfüllen. Also sollen wir zum Beispiel durch einfaches, gesundes Leben Krankheiten vorbeugen.

3.    Unvermeidliches Leid geduldig ertragen
als Bewährung, Prüfung, gerechte Strafe. Hören wir auf den hl. Franziskus von Assisi in seinem Loblied der Geschöpfe (Sonnengesang):

 

Gelobt seist Du, mein Herr, durch jene, welche aus Liebe zu Dir Verzeihung üben, Mühsal mit Geduld und Betrübnis mit Fröhlichkeit des Geistes tragen.

Selig jene, die ausharren in Frieden, denn von Dir, o Höchster, werden sie die Krone empfangen.

 

 

Fazit

Woher das Böse = wozu das Leid = verborgene Gerechtigkeit

 

Gott ist gut und gerecht. Er ist allmächtig, belohnt das Gute, bestraft das Böse.

Doch die meisten Menschen richten sich selbst durch ihre Taten und ihren Unglauben.

 

Das erklärt alles.

Der Nihilismus erklärt nichts.

 

Die Theologie der Gerechtigkeit wird derzeit kaum an einer Hochschule gelehrt. Aber sie entfaltet sich in der Bibel, in den Schriften der Heiligen, bei Savonarola, Luis von Granada, Leopold Kist und vielen anderen, in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

 

Die Theologie der Gerechtigkeit findet ihren höchsten Ausdruck im unablässigen Gebet:

Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner!

Da der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, empfiehlt sich der ETIKA-Rosenkranz.

 

AIHS 3.1.2004

 

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