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91GU11 |
Den Bösen schonen? |
Karl May: Das versteinerte Gebet, Karl-May-Verlag Bamberg, Band 29, 1957, S. 108ff. |
108
"Verzeihung ist edler als Rache. Weißt du das nicht,
Effendi?"
"Ich
weiß es. Aber der Verzeihung muß die Reue vorangehen. Das ist Gottes
Ordnung! Auch ich habe gefehlt, viel gefehlt. Ich verzeihe gern, unendlich
gern, weil auch mir verziehen wurde. Aber ich bin nicht Gott, der seine Ordnung
ändern kann.
Die
wahre christliche Liebe weiß nichts von Charakterlosigkeit und zweckloser
109 Gefühlsduselei! Sie wirft sich nicht wie ein feiles Weib
jedem unwürdigen Leichtsinn in die Arme. Sie lacht und lächelt nicht den ganzen
Tag. Sie ist ein ernstes Himmelskind. Sie hat den Ratschluß Gottes auszuführen.
Sie weiß gar wohl das, was sie soll und will. Sie trägt das Buch der Gnade
in der einen, das Buch der Strafe in der andern Hand. Nun hat der Mensch zu
wählen: Die Reue jubelt; die Teufel zittern.
Für
Narren aber hat sie weder Lohn noch Strafe. Sie läßt sie ohne jede Antwort
schwatzen und gibt dem Sultan recht, der sie ermächtigte, in ihren ,Tausend und
ein Märchen´ vor aller Welt zu heulen und zu tanzen!"
"So,
so sieht deine Liebe aus?" fragte er. "Ich denke, Gott läßt seine
Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte!"
"Die
Sonne da oben, den Himmelskörper, ja. Er gibt sogar dem Ungerechten alles, was
er zum irdischen Leben braucht. Aber wenn er das in seiner Güte tut, so hütet
er sich in seiner Gerechtigkeit, dies auch auf das andere Leben anzuwenden. Er weiß, daß dann alle Ungerechten den Himmel füllen würden,
um die Gerechten nicht hereinzulassen! Nach dieser deiner
Liebestheorie würde der Himmel schnell zur Hölle werden, nicht aber die Hölle
zum Himmel. Ihre letzte logische Folge ist, daß alles Gute verschwinden und
Gott zum Teufel werden müßte. Unsere Bibel spricht nicht ohne Grund von dem
Wurm, der nie stirbt, von dem Feuer, das nie verlischt, und von dem Ort, an
welchem Heulen und Heulen und Zähneklappern ist. Indem du in deinem Märchen die
Hölle selig werden ließest (vergleiche die prophetische Vision der Fanny
Moissejewa , auf spanisch 0/0T2V, dort
Link zum externen englischen Text), hast du alle diese Qualen für
die armen Geschöpfe aufgehoben, die von ihr verführt worden sind.
War
das etwa der Inhalt deiner Bücher, die du schriebst?
(Pfarrer,
herhören!) Hast du jene angebliche Gottes- oder Christusliebe
gelehrt, die jedem Schuldigen die Strafe erläßt, nur damit Gott seinen
Himmel nicht leerstehen zu lassen brauche? Bist du ein Verkünder jener unüberlegten
Barmherzigkeit
110 gewesen, welche die Bösen schont, damit sie gegen die
Guten um so unbarmherziger verfahren könne? Hast du jene pseudogöttliche
Langmut gepredigt, die das Unkraut ungehindert emporschießen läßt, bis der
Weizen erstickt worden ist?
Wenn
du mir diese Fragen mit Ja beantworten mußt, so hast du die Sünde und das
Laster, die Selbstgerechtigkeit und die Heuchelei großgezogen und darfst dich
nicht darüber wundern, daß diese deine Schatten schließlich dich auch selbst
noch überwältigt haben! Du bist für die christliche Schwäche eingetreten,
aber nicht für die christliche Liebe!"
163 "Ist
Gott wirklich nur Liebe, nichts als Liebe? Ist er nicht auch gerecht?
Solange ich glaubte, nur geliebt zu werden, gab es in dem Himmel, den ich
lehrte, eben auch nichts als nur Liebe. Aber als ich mich unter der Faust des
Hasses zu krümmen hatte und der giftige Neid an mir emporgekrochen kam, da
erkannte ich, daß ich mich geirrt haben mußte. Ist der Himmel so arm, daß er
für die Liebe und für den Haß nichts als dieselbe Münze hat?
Und
soll nur Gott allein das Böse bestrafen dürfen, nicht auch der Mensch, nicht
ich? Wenn Tausende mich unter ihre Füße treten, indem sie behaupten, auf dem
alleinigen Weg zur Seligkeit zu sein, muß ich da diesen ihren Irrtum als
Wahrheit anerkennen, indem ich mich vollends von ihnen zermalmen lasse?
Diese
Fragen stiegen oftmals zornig in mir auf, ohne daß ich sie zu beantworten
wagte. ,Liebet eure Feinde!´ klang es tief in mir. Da kamst du vorhin mit
deiner ,Torenseligkeit´, und es fiel mir wie Schuppen von
164 den Augen. Ja, es ist Christi Gebot ,Liebet eure Feinde!´
und ich werde es halten, solange ich lebe und bin. Aber ich weiß nun, daß ich
die wahre Liebe zum Feind ebensowenig begriffen habe wie die Liebe überhaupt. Wenn
der Feind gegen mich auftritt, um mich zu vernichten, so habe ich ebenso streng
gegen ihn zu verfahren, doch nur, um ihn zu retten! Das ist die wahre
Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei!
Die
offene Hand für jede offene Hand, doch aber auch die Faust gegen jeden, der mir
die seine ballt! Die Feinde zu schonen, ging ich aus dem Land und wurde für sie
tot. Was habe ich für mich und was habe ich für sie dadurch erreicht? Nichts!
Darum bin ich entschlossen, zu ihnen zurückzukehren und nachzuholen, was ich
versäumte.
170 Solange
die Menschheit nicht Frieden hält, darf auch der Friedliche nicht auf die Wehr
verzichten.
174 Das Wort
hat dann nur Wert, wenn es sich zur Tat gestaltet. Laß
uns von nun an mehr in Taten als in Worten sprechen!