ETIKA

GUTE KÄMPFEN GEGEN DAS BÖSE

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19.4.2002

91GU11

Den Bösen schonen?

Karl May: Das versteinerte Gebet, Karl-May-Verlag Bamberg, Band 29, 1957, S. 108ff.

108 "Verzeihung ist edler als Rache. Weißt du das nicht, Effendi?"

"Ich weiß es. Aber der Verzeihung muß die Reue vorangehen. Das ist Gottes Ordnung! Auch ich habe gefehlt, viel gefehlt. Ich verzeihe gern, unendlich gern, weil auch mir verziehen wurde. Aber ich bin nicht Gott, der seine Ordnung ändern kann.

Die wahre christliche Liebe weiß nichts von Charakterlosigkeit und zweckloser
109 Gefühlsduselei! Sie wirft sich nicht wie ein feiles Weib jedem unwürdigen Leichtsinn in die Arme. Sie lacht und lächelt nicht den ganzen Tag. Sie ist ein ernstes Himmelskind. Sie hat den Ratschluß Gottes auszuführen. Sie weiß gar wohl das, was sie soll und will. Sie trägt das Buch der Gnade in der einen, das Buch der Strafe in der andern Hand. Nun hat der Mensch zu wählen: Die Reue jubelt; die Teufel zittern.

Für Narren aber hat sie weder Lohn noch Strafe. Sie läßt sie ohne jede Antwort schwatzen und gibt dem Sultan recht, der sie ermächtigte, in ihren ,Tausend und ein Märchen´ vor aller Welt zu heulen und zu tanzen!"

"So, so sieht deine Liebe aus?" fragte er. "Ich denke, Gott läßt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte!"

"Die Sonne da oben, den Himmelskörper, ja. Er gibt sogar dem Ungerechten alles, was er zum irdischen Leben braucht. Aber wenn er das in seiner Güte tut, so hütet er sich in seiner Gerechtigkeit, dies auch auf das andere Leben anzuwenden. Er weiß, daß dann alle Ungerechten den Himmel füllen würden, um die Gerechten nicht hereinzulassen! Nach dieser deiner Liebestheorie würde der Himmel schnell zur Hölle werden, nicht aber die Hölle zum Himmel. Ihre letzte logische Folge ist, daß alles Gute verschwinden und Gott zum Teufel werden müßte. Unsere Bibel spricht nicht ohne Grund von dem Wurm, der nie stirbt, von dem Feuer, das nie verlischt, und von dem Ort, an welchem Heulen und Heulen und Zähneklappern ist. Indem du in deinem Märchen die Hölle selig werden ließest (vergleiche die prophetische Vision der Fanny Moissejewa , auf spanisch 0/0T2V, dort Link zum externen englischen Text), hast du alle diese Qualen für die armen Geschöpfe aufgehoben, die von ihr verführt worden sind.

War das etwa der Inhalt deiner Bücher, die du schriebst?

(Pfarrer, herhören!) Hast du jene angebliche Gottes- oder Christusliebe gelehrt, die jedem Schuldigen die Strafe erläßt, nur damit Gott seinen Himmel nicht leerstehen zu lassen brauche? Bist du ein Verkünder jener unüberlegten Barmherzigkeit
110 gewesen, welche die Bösen schont, damit sie gegen die Guten um so unbarmherziger verfahren könne? Hast du jene pseudogöttliche Langmut gepredigt, die das Unkraut ungehindert emporschießen läßt, bis der Weizen erstickt worden ist?

Wenn du mir diese Fragen mit Ja beantworten mußt, so hast du die Sünde und das Laster, die Selbstgerechtigkeit und die Heuchelei großgezogen und darfst dich nicht darüber wundern, daß diese deine Schatten schließlich dich auch selbst noch überwältigt haben! Du bist für die christliche Schwäche eingetreten, aber nicht für die christliche Liebe!"


163 "Ist Gott wirklich nur Liebe, nichts als Liebe? Ist er nicht auch gerecht? Solange ich glaubte, nur geliebt zu werden, gab es in dem Himmel, den ich lehrte, eben auch nichts als nur Liebe. Aber als ich mich unter der Faust des Hasses zu krümmen hatte und der giftige Neid an mir emporgekrochen kam, da erkannte ich, daß ich mich geirrt haben mußte. Ist der Himmel so arm, daß er für die Liebe und für den Haß nichts als dieselbe Münze hat?

Und soll nur Gott allein das Böse bestrafen dürfen, nicht auch der Mensch, nicht ich? Wenn Tausende mich unter ihre Füße treten, indem sie behaupten, auf dem alleinigen Weg zur Seligkeit zu sein, muß ich da diesen ihren Irrtum als Wahrheit anerkennen, indem ich mich vollends von ihnen zermalmen lasse?

Diese Fragen stiegen oftmals zornig in mir auf, ohne daß ich sie zu beantworten wagte. ,Liebet eure Feinde!´ klang es tief in mir. Da kamst du vorhin mit deiner ,Torenseligkeit´, und es fiel mir wie Schuppen von
164 den Augen. Ja, es ist Christi Gebot ,Liebet eure Feinde!´ und ich werde es halten, solange ich lebe und bin. Aber ich weiß nun, daß ich die wahre Liebe zum Feind ebensowenig begriffen habe wie die Liebe überhaupt. Wenn der Feind gegen mich auftritt, um mich zu vernichten, so habe ich ebenso streng gegen ihn zu verfahren, doch nur, um ihn zu retten! Das ist die wahre Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei!

Die offene Hand für jede offene Hand, doch aber auch die Faust gegen jeden, der mir die seine ballt! Die Feinde zu schonen, ging ich aus dem Land und wurde für sie tot. Was habe ich für mich und was habe ich für sie dadurch erreicht? Nichts! Darum bin ich entschlossen, zu ihnen zurückzukehren und nachzuholen, was ich versäumte.


170 Solange die Menschheit nicht Frieden hält, darf auch der Friedliche nicht auf die Wehr verzichten.

174 Das Wort hat dann nur Wert, wenn es sich zur Tat gestaltet. Laß uns von nun an mehr in Taten als in Worten sprechen!

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