ETIKA

GUTE KÄMPFEN GEGEN DAS BÖSE

http://www.etika.com
25.10.1999

91GU12

Kämpf mit den Schatten!

Karl May: Das versteinerte Gebet, Karl-May-Verlag Bamberg, Band 29, 1957, S. 282ff.

Ich kam als Ustad in das Land der Dschamikun und sah die Bauten hier am Berge liegen. Ich nahm ihr Äußeres in Augenschein, und was ich dabei sah, das ließ den Wunsch in mir erwachen, auch mit dem Inneren genau bekannt zu werden. Ich fragte jemand, wo der Eingang sei. Da sah er mich mit kalten Augen an und sprach:

"Ich bin kein Dschamiki. Ich bin der Geist, der jeden Nahenden vor der Versuchung warnt, den kühnen Schritt in diesen Bau zu lenken. Wer ihn betritt, der hat für alle Ewigkeit auf sich, auf Leib und Geist und Seele zu verzichten. Wer das nicht tut, verläßt ihn niemals wieder, nicht lebend und nicht tot. Die Schatten dulden nicht, daß sie verraten werden."

"Die Schatten?" lachte ich. "Wo ist der wesenlose, impotente Sill, der eine wirkliche Persönlichkeit wohl fürchten machen könnte!"

"Frag anders! Frage so: Wo ist die mächtige Persönlichkeit, die jeden, der ihr dunkles Reich betritt, zum Schatten macht, verzaubert oder tötet? Sie wohnt und herrscht in diesem Riesenbau. Willst du hinein, so halte ich dich nicht; ich habe nur zu warnen, nicht zu zwingen. Unzählige schon hörten nicht auf mich. Die Starken sah ich niemals wiederkehren; die andern aber waren ihm, dem Zauberer, in andrer Art verfallen. Sie kamen zwar zurück, doch nur als seine Schatten, die geist- und körperlos an mir vorüberschlichen, um vampirgleich der Menschen Blut zu saugen."

"Und fand sich keiner, der ihm widerstand?"

"Nicht einer!"

"Das schreckt mich nicht. Was Zauber heißt, ist Lüge. Nur wer die Lüge glaubt, ist ihr verfallen. Ich handle so, wie alle, die nicht hörten: Ich will hinein, ja nun erst recht hinein! Gib mir den Mächtigen zu sehen, von dem du sagst, daß jedermann dem Tode oder ihm verfallen sei! Ich glaube nicht an seine Macht und auch nicht an den Tod!"

"Du glaubst nicht an den Tod?" fragte er, während er mich ganz eigen ansah. "Kannst du beten?"

"Ja."

"Richtig?"

"Ich hoffe es."

"So geh hinein! Wenn du nicht anders willst! Du bist der erste, der einzige, bei dem ich“s wage, einen Wink zu geben. Er heißt: Such dir den Rückweg selbst; laß ihn dir ja nicht zeigen!"

Nach diesen Worten winkte er unter sich. Da öffnete sich die Erde, und ich sah die Stufen einer Treppe.

"Ich danke dir! Mich siehst du nicht als Schatten wieder!" sagte ich und stieg hinab.

Da kam ich denn zunächst in jenen Urzeitbau, der auf dem festen Felsengrunde steht. Der Tag gab durch die Maueröffnungen ein fahles Dämmerlicht. Ich wanderte im Innern auf und ab, sah aber nichts; der Raum war völlig leer. Es schien, als habe man ihn vollständig ausgeraubt, wie man zum Beispiel hier und da mit gottesdienstlichen und philosophischen Systemen tat. Da werden die Gedanken fortgeschleppt wie Möbelgegenstände, die man, gehörig ausgeklopft und wieder neu poliert, in eine neue Wohnung stellt und auch als neu bezeichnet! Das Ende dieses Baues gegen Süden war zugeschüttet worden. Ich wußte wohl, warum: Das war der Ort des Sturzes in das Wasser.

Auf Binnenstufen ging“s hinauf zum zweiten Bau, der mich an Altiranisches, an Zarathustra mahnte. Auch er war leer, vollständig leer. ... Der Schluß nach Süden war vermauert worden.

Nun ging es wieder stufenauf ins doppelte Geschoß mit den zersprungenen Tafeln. ... jetzt war ich allein. Wirklich? Ganz allein? Wurde ich nicht beobachtet? Der letzte Raum nach Süden war verschüttet, doch nicht bis an die Decke. Man konnte sich da oben wohl verstecken, und in dem losen Schutt sah ich die Spuren, daß man noch kürzlich hier hinaufgestiegen war. Das war ganz ungefährlich für Vertraute, doch nicht für Fremde, die vielleicht hier einen Ausgang suchten; denn jenseits ging der Sturz jäh ins Bassin zurück.

Und als ich so von weitem stand und nach der Decke schaute, schob sich ein Kopf da oben leise vor, um mich in scharfen Augenschein zu nehmen. Das Haar war weiß wie Schnee, der Blick spitz wie die Klinge eines Dolches. Ein Mensch, der solche Augen hat, weiß, was er will, und kennt die Schonung nicht. Er hat sogar den Mut, sich dicht am Abgrund lauschend zu verbergen, wenn es nur Hoffnung gibt, daß dann ein andrer stürzt. Ich tat natürlich so, als ob er von mir ungesehen sei, und ging zur nächsten Treppe, um nach dem obersten Geschoß, dem vielgestaltigen, emporzusteigen.

Sie führte nicht direkt zu ihm empor. Sie mündete auf eine offene Tür, an welcher eine dunkle Schattenhaftigkeit sich tief vor mir verbeugte und mit gedämpfter, hohler Stimme sprach:

"Wir kennen deinen Wunsch und haben dich erwartet. Du glaubtest gleich hinauf zum Oberbau zu kommen, mußt aber erst durch die Gewölbe hier, als deren Resultat er stein- und ziegelweis entstand. Hier sind die Schätze alle aufgespeichert, die sich der Mensch seit Anbeginn erdacht. Wir trugen sie zusammen, woher, wozu, warum, das wirst du dann erst hören, wenn dich die Gnade unseres Herrn erleuchtet. Er ist bereit, mit dir zu sprechen. Er ist sogar gewillt, dich seinem Dienst zu weihen. Damit du siehst, wie reich er lohnen kann, wie übervoll er spendet, soll ich dich vorher erst durch diese Räume führen. Doch hast du mir dein Wort zu geben, nie zu verraten, was ich dir hier zeige. Von andern fordere ich den heiligsten der Schwüre, doch von dir weiß ich, daß dein Wort genügt. Willst du es geben?"

"Ja", antwortete ich, obgleich ein Etwas in mir sagte: "Gib es ihm nicht, und berühre ihn nicht, sonst bist du ihm verfallen!"

"So reiche mir die Rechte!"

Ich tat es. Seine Hand fühlte sich so gegenstandslos weich, so leichenkühl, so gallertglatt und schlangenschlüpfrig an! Es war, als ob er durch diese meine Berührung nun erst Leben und Energie bekäme.

"Komm, folge mir!" forderte er mich in plötzlich befehlendem Tone auf. "Und sprich mit niemand als mit mir allein! Denn durch die Hand, die du als Schwur mir gabst, bist du mein Eigentum in Gott, dem Herrn geworden. Du hast kein Recht, an andre dich zu wenden, als nur an mich, den für dich Sorgenden!"

Er faßte meine Hand kräftiger, und darum bemerkte ich deutlicher, daß er mir die Kraft entzog, die von mir auf ihn überging. Dann richtete sich die Gestalt, die sich soeben noch so tief vor mir verneigt hatte, so hoch auf, daß sie mich weit überragte, und fuhr in höchst bestimmter, gebieterischer Weise fort:

"Mein ist dein Geist; mein ist auch deine Seele, und nur der Leib noch bleibt einstweilen dein, bis ich bestimme, wie und wo er uns zu dienen habe. Aus meiner Hand strömt dir das höchste Glück, das es für Menschen gibt in Zeit und Ewigkeit: Du bist vollständig willenlos und folglich frei von jeder Schuld und Sühne! Tu alles, was ich sage, ob Gutes oder Böses, der Rechenschaft bist du fortan enthoben, denn ich bin es, der sie zu leisten hat. Auch ich gehorche nur, um frei zu sein. Das tut ein jeder, bis hinauf zum Höchsten! Im Auftrag meines Herrn belohne ich dir schleunigst jede Tat, durch welche du uns nützest. Und in derselben Machtvollkommenheit verzeihe ich dir alles, wodurch du andern schadest, nur nicht uns! Drum sei getrost, mag kommen, was da will! An unsrer Macht geht jeder Feind zugrunde!"

Hierauf zog sich die, wie es schien, ganz beliebig dehnbare Gestalt in ihre vorherige Bescheidenheit zusammen und begann mit mir den Gang durch die Gewölbe, meine Hand nicht einen Augenblick aus der ihrigen lassend. Es war mir, als ob ich mit ihr durch ein unsichtbares Röhrchen verbunden sei, durch das der Abfluß meiner Lebensenergie zu diesem Schatten hinüber stattfand. Es konnte nicht sehr lange Zeit dauern, so war mein Mut dahin und mit ihm auch die Kraft zum Widerstand. Ein Vampir geistiger Natur! Ein schwammiges Gespenst von unersättlicher Porosität! Durfte ich mir zumuten, ihm die Hand so lange zu lassen, bis ich gesehen hatte, was ich sehen wollte? War ich dann nicht wahrscheinlich schon so willenlos, daß ich sie ihm nicht mehr entziehen konnte? Ich wagte es, denn ich glaubte, mich genau zu kennen!

Es waren viele Räume, durch die wir kamen, weit mehr, als ich für möglich gehalten hätte. Lange, niedrige Gewölbe mit schmalen Mauernischen, in denen düsterrot die wenigen Fackeln brannten. Alles Wertvolle, was sich einst in den unteren Etagen befunden hatte, war hier aufgestapelt. Dazu die köstlichsten Schmuggelwaren aus allen Ländern, Zonen und Gedankenreichen. Ich dachte an unseren Fund im Innern des Birs Nimrud. ... Hier herrschten zwischen diesen Schätzen geschäftige Dämonen hin und her, die alle Hände voller Arbeit hatten. Unhörbar waren alle ihre Schritte, und alles, was sie taten, erzeugte nicht das mindeste Geräusch. Die Gieresblicke, die sie auf mich warfen, verrieten mir, wie heiß sie mich begehrten. Doch wenn sich einer nahte, die Hand nach mir zu strecken, so schwoll mein führer zum Giganten auf und schleuderte den Schwachen auf die Seite. Das war die Kraft, die er von mir zu sich hinüberzog. Da er mich hatte und sie aber keinen, von dessen Übermacht sie zehren konnte, war er für sie der große Held des Tages, von dem sie sich für heut beherrschen ließen.

Ich wollte wissen, was sie alle taten, und blieb zuweilen stehn, um zuzusehen. Mein Führer glaubte, mich für immer in seiner Hand zu haben, und zeigte mir ganz offen, was man trieb. Es wurde hier gefälscht, gefälscht und nur gefälscht! Das Echte hatte man der Außenwelt entzogen, das Wahre, Reine, Edle hier versteckt. Die Täuschung und den Schein, die Falschheit und Entstellung verfertigte man hier unde trug sie dann hinaus als ehrliche, rechtschaffne, gute Ware! (Wir wünschen uns, daß der Leser an dieser Stelle denselben Vergleich zieht wie wir.) Und diese Arbeit ging sehr flott vonstatten. Ich sah, es war ein glänzendes Geschäft! Ein einziger Verrat, dem es gelang, ans Tageslicht zu kommen, bedeutete für dieses Fälschertum sofortigen Ruin! Daher die einz“ge Wahl: Mitmachen oder Tod! Wozu von beidem würde ich, wenn man mich zwingen sollte, mich entschließen?

Bei diesem Gedanken entriß ich dem Schatten meine Hand mit einem so unerwarteten, kräftigen Ruck, daß er überaus schnell und klein zusammenfuhr. Er dehnte sich aber hierauf sofort zur riesenhaften Größe aus und donnerte mich an:

"Was fällt dir ein! Diese Hand gehört mir, denn du bist mein Eigentum! Gib sie augenblicklich wieder her!"

Ich wußte, daß jetzt der Kampf zwischen mir und ihm beginnen werde. Und die anwesenden Sill ahnten das wohl auch. Sie drängten sich herbei. Ich schob sie auseinander, um zur nächsten Nische zu gelangen, ergriff die dort brennende Fackel und drehte mich dann mit ihr nach ihnen um. Was geschah? Sie verschwanden. Sie versteckten sich hinter ihren aufgehäuften Waren; sie waren eben Schatten, die, bei Licht betrachtet, hinter ihre Gegenstände gehören.

Nur der eine blieb. Er allein hatte Mut, nämlich meinen Mut, von mir in seine wesenlose Schwammigkeit hinübergesaugt. Wir standen, beide hoch aufgerichtet, voreinander. Er schaute mir mit einem vernichtend sein sollenden Blick in die Augen: ich ihm ebenso! Jetzt galt es, Wahrheit gegen Lüge, Person gegen Schatten, Individualität gegen Scheinmenschlichkeit, Licht gegen Finsternis!

Ich sprach kein Wort, er auch nicht. Ich wollte nicht, und er konnte nicht. Ich sah ihn fest und unverwandt an und zuckte mit keiner Wimper. Er wollte diesem Blick standhalten, mußte aber bald die Augen senken. Ich stand still, fest, unbewegt; er begann zu wanken, zu zittern, endlich gar zu flackern wie die Flamme meiner Fackel. Dann wurde er kleiner, immer kleiner, sank nieder, bis er auf dem Boden lag, und kroch da langsam an mir vorüber, um nach hinten zu kommen. Und als er da so vor mir bebte und sich so ängstlich vor mir wand, da fühlte ich, daß die mir gestohlene Kraft und Energie zurückkehrte, bis er nicht mehr eine Spur von ihr besaß und in seiner ganzen Ohnmacht hinter mir am Boden lag. (Frage an den Leser: Hast du deinen Kampf gegen d e i n e n Feind schon begonnen? Lerne aus dieser Geschichte.)

Da drehte ich mich zu ihm um, die Fackel in der Rechten. Er floh zur linken Seite, nach der Wand, und versuchte, sich an dieser aufzurichten. Als ich hinüberschaute, wandte auch er das Gesicht. Denn ein wahrhaftiger und ehrlicher Mensch hat es noch nie erlebt, daß so ein entlarvter Lügner und Betrüger es wagte, ihn offen anzusehen. Diesen Mut besitzt er nur dann, wenn es ihm gelungen ist, sich durch den Diebstahl fremder Charakterhaftigkeit das Ansehen zu geben, daß er auch eine Art von Person und nicht bloß nur ein nichtiger, bedeutungslose Schatten sei!

Das war der Sieg, in aller Stille, ohne jeden Zorn und ohne alle Worte! Und nun auch dieser Schatten überwunden war, begann ich den Rundgang durch die Gewölbe von neuem, um besser und tiefer zu sehen, als ich vorher gesehen hatte. Ich war allein. Es getraute sich nichts mehr an mich heran. Wo ich mit meiner Leuchte erschien, verkroch sich jeder Schatten augenblicklich. Der meinige schlich zwar beständig hinter mir her, wagte aber nicht, sich wieder zu erheben.

Bei diesem meienm zweiten Rundgang bemerkte ich, wenn nicht zu meinem Schrecken, so doch zu meiner Überraschung, daß die Tür, in welche die Treppe eingemündet hatte, nicht mehr vorhanden war. Ich wußte die betreffende Stelle ganz genau. Die Gegenstände, die ich bei meinem Eintritt zuerst gesehen hatte, standen und lagen alle noch an ihrem Ort. Aber an Stelle der Tür gab es jetzt nur Mauer, starke, dicke, undurchdringliche Mauer!

Ich suchte darum mit allem Fleiß nach einem zweiten Ausgang, fand aber keinen anderen als nur den am Südende dieses Baues. Auch dieser führte zum jähen Sturz hinunter in das Bassin. Er war weder vermauert noch verschüttet, sondern bestand aus einer hölzernen, unverschlossenen und unverriegelten Tür, die durch einen leisen Druck geöffnet werden konnte. Das sah so unschuldig aus, genz genauso, als ob sie in ein weiteres Gemach oder Gewölbe führe; aber wehe dem, der diesem Betrug traute! Ich öffnete sie und leuchtete hinaus. Gleich hinter der Schwelle hörte der Fußboden auf. Der Abgrund gähnte aus dem tiefen Wasser herauf, und eine kalte, feuchte Luft roch nach Verwesungsgasen.

Ich machte wieder zu und wandte mich zurück. Wie hatte der Warnende draußen vor dem Bau gesagt? "Die Starken sah ich niemals wiederkehren!" Ja, sie hatten zwar widerstanden, waren aber nicht auf den Gedanken gekommen, nach einer Fackel zu greifen, um die Schatten von sich abzuweisen. Nach einem Ausgang suchend, waren sie von ihnen zu dieser Tür gewiesen worden und hierauf ahnungslos abgestürzt.

Ich dachte an die verkalkten Leichen auf dem Grund des Bassins, die gerade unter dieser Tür im tiefen Wasser lagen, da hörte ich Schritte, die vom anderen Ende des Gewölbes kamen, und als der Betreffende in den Scheinkreis meiner schon fast ganz herabgebrannten Fackel trat, erkannte ich ihn sofort. Er war der Lauscher mit dem weißen Haar und den Dolchaugen, der mich in der vorigen Etage von dem Schutthaufen aus beobachtet hatte. Hinter ihm eine so große und so dicht zusammengedrängte Menge von Schatten, daß sie gar nicht einzeln unterschieden werden konnten, sondern zusammen eine kompakte Finsternis bildeten. In meine Nähe gekommen, blieb er stehen und rief mich an:

"Was will der Ustad hier in meinem Reiche? Der größte Feind, den ich auf dieser Erde habe! Du suchst nach einer Tür, mir wieder zu entschlüpfen! Für dich, der mich vernichten will, gibt“s keine!"

...

"Als ich dir folgte, ließ ich sämtliche Fackeln hinter dir auslöschen und verbergen. Du hast die einzige in deiner Hand, und sie ist nur noch ein kleiner Stumpf, der kaum noch einige Minuten brennen wird. Dann kanst du meine Schatten nicht mehr scheuchen. Sie drängen sich an dich und nehmen dir den Willen und die Kraft, bis du das bist, was du nicht werden willst, mein Sill!" (Verstehst du?)

"Wer kann mich zwingen! Verlöscht das Licht, so steht die Tür hier offen!"

"Doch draußen auch der Tod!"

"Deine Scheuche! Mich aber schreckt er nicht!"

Was war denn das? Es ging jetzt wie ein frohes, verklärtes Staunen über sein Gesicht. Und doch klang es wie Angst, als er mich aufforderte:

"Du bist also entschlossen, zu sterben, Effendi! So fordere ich dich auf, dich vorzubereiten. Du stehst vor deinem letzten Augenblick und hast dich dem Gebete zuzuwenden. Falte also deine Hände und sprich nach, was ich dir vorzubeten habe!"

Er legte die seinigen zusammen und sah mich an, als ob er ganz bestimmt erwarte, daß ich diesem seinem Beispiel folgen werde. Ich aber sprach:

"Meinst du, daß ich dich brauche, dich, dich, wenn ich zu beten habe? Für mich ist das Gebet von göttlicher Natur, und darum ist das rechte, wahre Beten wenn nicht die allergrößte, so doch die schwerste und die heiligste der Künste. Hier aber sah ich nichts als Trug und Fälschung, und darum glaube ich, daß du sogar betrügst, indem du betest!"

Da ballte er die Fäuste wie zum Kampf und schrie mich an:

"So stirb in deinen Sünden und fahre hin zur Hölle!"

Er holte aus und schnellte sich mit aller Kraft auf mich, um mich hinabzustürzen, der ich in fast unmittelbarer Nähe der Tür stand. Ich aber wich blitzschnell zur Seite. Die Gewalt des Sprunges trieb ihn also, anstatt mich zu treffen, in die Türöffnung hinein. Er brüllte vor Schreck laut auf und faßte hüben und drüben an, um sich zu halten.

"Voran mit dir, damit ich Wort zu halten habe!" rief ich. "Ich laß nicht auf mich warten!"

Ein Stoß von meiner Faust, und er flog hinaus ins Bodenlose. Die Fackel in meiner anderen Hand stand im letzten Flackern. Ich schleuderte sie ihm nach. Von unten klang ein Schrei und dann ein dumpfer Schlag. Vor mir die Finsternis und hinter mir das Grausen aller Schatten! Ich trat auf die Schwelle. Ein einziges Wort, ein allereinziges, klang betend in mir auf. Dann schnellte ich mich, um nicht am Gemäuer anzuschlagen, mit weitem Sprung hinaus in das, was mir als ,Tod“ bezeichnet worden war.

Die Beine zusammenhaltend, die Arme angezogen und die Augen geschlossen, fuhr ich in eine Eiseskälte, die mich sofort erstarren machen wollte. Aber sie hatte auch noch eine zweite Wirkung: Es war mir, als ob ich in eine Flut der Kraft, des Lebens tauche, die nur im ersten Augenblick erschrecke, dann aber gerade das Gegenteil von der Erstarrung bewirke. Der Sprung war hoch gewesen, so hoch, daß ich bis auf den Boden des Wassers niederkam, zu den Verkalkten, die da unten lagen.

...

Es rauschte und es stöhnte.

...Dann aber klang eine halblaute, doch hier in diesem akustischen Raume sehr vernehmliche Stimme:

"Ist er tot? Ich höre nichts! Mein Gott und Herr, laß ihn doch leben! Erhalte ihn, den ersten, den allerersten und den einzigen, der über unsere ,Vogelscheuche“ lachte!"

Das war ja ein Gebet! ...

"Ich lebe, denn es gibt ja keinen Tod!" sagte ich in gewöhnlichem Ton, und doch dröhnte es, als ob es mit aller Kraft der Stimme hinausgerufen worden sei. Die Schallwellen fluteten unter der hängenden Mauer hinaus in das vordere Bassin, und da hörte ich es von Säule zu Säule durch die Finsternis weiter und weiter klingen: "Keinen Tod - keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - Tod - - Tod - - Tod!"

"Du bist es, Effendi, du?" fragte er.

"Ja."

"Komm, rette mich!"

...

...ein leises, leises Flüstern .. wie Gedanken, die aus dem Wasser steigen und lebendig zu werden beginnen. ...

... so wie hier konnte es, freilich im unendlich Großen, gewesen sein, als sich einst am Anfang das Licht von der Finsternis zu scheiden begann. Das Licht wurde aus seiner Gefangenschaft errettet...

...

Die Wellenlinien wurden enger und bewegter. Es kam etwas geschwommen... Da kam es - unter der Mauer hindurch - - ein Totenkopf - zwei Schlüsselbeine - zwei halb im Wasser verschwindende Schulterblätter - zwei Knochenarme, die nach beiden Seiten ausgriffen, um zu schwimmen - - - Ich kannte das: Es war das Gerippe von dem Säulenstein am zweiten Seitenkanal. Es kam bis fast an das Postament herangeschwommen, hielt da an, schaute zu uns herauf und sagte:

"Nicht bloß einer - - - sondern zwei?! Ihr armen, armen Menschen! Den Leib gerettet, wie ich einst den meinen - - - auf einen Stein, der kein Erbarmen kennt - - - ! Doch nur für kurze Zeit, bis ihr verschmachtet, verfluchend niedersinkt und zum Skelette werdet, so wie ich!"

"Wer bist du?" fragte ich ihn.

"Ich bin der erste Fluch, der hier erschallte. Und du?"

"Ich bin vielleicht, vielleicht der erste Segen."

Da tat das Gerippe mit den entfleischten Armen einen Schlag auf das Wasser, daß es bis an die Lendenwirbel emportauchte, und rief aus:

"Verstehe ich dich recht? Du willst nicht fluchen, sondern segnen, segnen?"

Seine Stimme drang in das vordere Bassin hinaus. "Segnen - - segnen - - segnen - - - segnen!" ertönte es dort von Säule zu Säule, wie ein Befehl für die Toten, zu erwachen.

...

Ebenso spannend und inhaltsreich geht das Kapitel weiter auf den Seiten 298 - 336.

Tip: Geh morgen in eine Buchhandlung und kaufe dir die Bände 28 und 29
von Karl May, natürlich aus dem Karl-May-Verlag Bamberg:
Im Reiche des silbernen Löwen
Das versteinerte Gebet

Index 9 - - - Retour ETIKA Start