ETIKA

DAS JÜNGSTE GERICHT

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30.10.1997

91JG5A

Die Ernte

Heliand 31

So wies er sie mit Worten. Viel des Volkes
Umgab das Gotteskind, hörte ihn in Gleichnissen
Über das Ende der Welt erzählen:
Einst, sagte er, säte ein Edler auf seinem Acker
Herrliches Korn mit seinen Händen;
Wollte sich wonniges Wachstum erzielen,
Köstliche Frucht. "Da kam sein
Feind
mit hämischem Herzen, säte Lolch darüber,
Das ärgste Unkraut. Aufwuchsen beide,
Das Korn und das Kraut...

Der mächtige Christ: "Des Menschen Sohn ist es,
Ich bin es selbst, der da sät, und die seligen Männer
Sind das herrliche Korn, die mir gehorchen,
Meinen Willen wirken. Diese Welt ist der Acker,
Das breite Bauland der Menschgeborenen.
Und
Satanas ist es, der hinterher sät
Seine leidige Lehre,
er hat der Leute soviel
Verderbt in der Welt, daß sie Unthat üben
,
Wirken nach seinem Willen. Doch sollen sie wachsen,
Die zum Verderben verdammten wie die guten Männer,
Bis des Weltbrandes Macht über die Menschen fährt,
Das Ende dieser Welt
. Dann sind alle Äcker
Gereift in diesen Reichen, ihren Schicksalsschluß
Erfüllen die Völker. Dann zerfährt die Erde;
Das ist die ausgedehnteste Ernte. Von oben kommt
Leuchtend der Herr mit den Engeln, und alle kommen zusammen,
Die Leute, die das Licht je sahen, um Lohn zu erlangen
Für Übles und Gutes. Dann gehen
Engel Gottes,
Heilige Himmelswächter und suchen die Seligen
Einzeln aus
für das ewigschöne
Hohe Himmelslicht,
die andern für den Höllengrund,
Werfen die Verworfenen in das wallende Feuer,

Wo sie gebunden bittere Lohe,
Marter erleiden,
die andern aber
Glänzen im Himmelreich vergleichbar dem hellen
Sonnenlichte. Solchen Lohn erlangt
der Mensch für sein Thun
. Drum wer Gewissen hat,
Gedanken im Herzen oder hören will
Mit seinen Ohren, der achte im Innern,
Sorge in seiner Seele, wie er an jenem Tage
Rechenschaft gebe dem mächtigen Gott
Für alle Worte und Werke auf Erden.
Das ist das Schrecklichste aller Dinge,
Das Fürchterlichste
, daß sie mit dem Fürsten rechnen sollen,
Die Diener mit ihrem Dienstherrn. Dann will wohl jedweder
Der Menschen los sein
von leidiger Meinthat,
Von schlimmer Schuld. Drum sorge zuvor
Der Leute jeglicher, eh´ er dies Licht verläßt,
Wie er erwerbe
ewige Ehre,
Das hohe Himmelreich und die Huld Gottes.
"

 

91JG5B

Das Urteil

Heliand 53

Denn wenn das geschieht, daß der waltende Christ,
Des Menschen Sohn mit der Macht Gottes
Kommt in seiner Kraft, der Könige mächtigster,
Zu sitzen in seiner Macht, und zusammen mit ihm
Die Engel alle, die da oben sind,
Die heiligen, im Himmel, dann sollen der Helden Kinder,
Die Völker aus der Fremde sich zusammen scharen,
Was an Leuten lebt, was je in diesem Licht
An Menschen erzeugt ward. Dann wird dieser Menge,
Allem Menschengeschlechte der mächtige Herr
Das Urteil sprechen.
Dann scheidet er die Übelthäter,
Die verworfenen Leute zur linken Hand
,
Den Seligen bestimmt er die rechte Seite,
Begrüßt dann die Guten und beginnt seine Rede:

"Kommt, ihr Erkornen, in dies köstliche Reich,
Das bereitet ist für alle Gerechte

Nach der Wende der Welt; euch hat selbst geweiht
Der Vater aller Völker. Nun genießt der Freuden,
Waltet dieses weiten Reiches, denn ihr thatet meinen Willen,
Folgtet mir gern, gabt milde Gaben,
Wenn ich bedrängt war von Hunger und Durst,
Von Frost befangen, oder in Fesseln lag,
In Kerkersketten, dann kam mir dorthin
Hilfe von eurer Hand; euer Herz war milde,
Ihr besuchtet mich freundlich." Dann sagen die Seligen:

"Mein guter Fürst, wann warst du so befangen,
So bedrängt und darbend, wie du vor diesem Volke
Auseinander setzest? Wann sah dich einer
Bedrängt oder darbend? Du hast doch Gewalt
Über alles, das die Kinder der Erde
In dieser Welt gewannen." Dann erwidert der Waltende:

"Alles, was ihr thatet in eures Herrn Namen,
Was ihr Gutes gabet zu Gottes Ehre
Den Menschen, den ärmsten in dieser Menge
Und denen, die aus Demut bedrückt sind,
Weil sie meinen Willen wirkten — was ihr denen von euerm Wohlstand
Gabt zu meiner Verherrlichung, das empfing euer Herr,
D i e Hilfe kam dem Himmelskönig; darum will der heilige Herr
Euern Glauben lohnen mit ewigem Leben."

Dann wendet der Waltende sich zur Linken,
Und sagt den Verdammten, sie sollten nun ihren Frevel,
Ihre Meinthat entgelten. "Nun müßt ihr, von mir
Verflucht, in das ewige Feuer fahren,
Das den Gegnern Gottes bereitet ward,

Dem feindlichen Volke für seine Frevel;
Ihr halfet mir nicht, wenn Hunger und Durst
Mich entsetzlich quälten, wenn ohne Kleidung
Ich betrübten Herzens in trauriger Not war;
Ihr habt mir nicht geholfen, wenn ich in Haft lag,
In Ketten und Banden, wenn auf dem Krankenbett
Mich Siechtum beschlich; ihr kümmertet euch nicht um den Kranken,
Pflegtet mich nicht. Ich war euch nicht würdig,
Daß ihr mein gedächtet
; dafür müßt ihr nun dulden
In Feuer und Finsternis!
" Dann entgegnet das Volk ihm:

"Ei, waltender Gott, wie willst du nur so
vor dieser Menge reden? Wann bedurftest du der Menschen,
Irgendeiner Wohltat? Von dir haben wir doch allen
Wohlstand in der Welt!" Dann erwidert der Waltende:

"Wenn ihr die ärmsten der Erdenkinder,
Die mindesten der Menschen in euerm Gemüte
Verachtetet, ohne ihrer zu achten,
Ihnen nicht Ehre erteiltet, das thatet ihr auch euerm Herrn,
Verweigertet ihm eure Wohlthat
. Drum will euch der Waltende,
Euer Vater, nicht empfangen,
ihr fahrt in das Feuer,
In den tiefen Tod, den Teufeln zu dienen,
Den wütenden Widersachern wegen eurer Werke!
"

Nach diesen Worten wird das Volk geschieden,
Die Frommen und die Bösen;
die Verworfenen fahren
In die heiße Hölle voll Schmerz und Scham,
Die Verdammten, Strafe zu erdulden,
Endloses Übel.
Aber aufwärts geleitet
Der hehre Himmelskönig die lautern Leute
In langwährendes Licht; da ist ewiges Leben,
Gottes Reich bereitet den Guten.
"

 

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