ETIKA

KAMPF GEGEN DAS BÖSE

http://www.etika.com
10.8.1998

91N3

Notwehr nur in einem einzigen Fall

J. H. Campe: Robinson der Jüngere, II, Vieweg Braunschweig 1913, S. 38, 15. Abend

L o t t e. Aber, Vater, nun war ja Robinson ein Mörder geworden.

F r i t z c h e n. I, das waren ja nur Wilde, die er umgebracht hatte, das tut nichts!

L o t t e. Ja, es waren aber doch Menschen!

V a t e r. Allerdings waren sie das, Fritzchen, und wild oder gesittet tut hier nichts zur Sache. Die Frage aber ist nur, ob er ein Recht hatte, diese Unglücklichen umzubringen? Was meinst du, Johannes?

J o h a n n e s. Ich glaube, daß er ein Recht dazu hatte.

V a t e r. Und warum?

J o h a n n e s. Weil sie solche Unmenschen waren, und weil sie sonst den anderen armen Wilden würden tot gemacht haben, der ihnen doch wohl nichts zuleide getan hatte.

V a t e r. Aber wie konnte Robinson das wissen? Vielleicht hatte dieser den Tod verdient. Vielleicht waren diejenigen, die ihn verfolgten, Diener der Gerechtigkeit, die von ihrem Oberhaupte dazu befehligt waren. Und wer hatte denn Robinson zum Richter über sie bestellt?

N i k o l a s. Ja, aber wenn er sie nicht getötet hätte, so würden sie seine Burg gesehen haben, und dann hätten sie es den anderen wieder erzählt

G o t t l i e b. Und dann wären sie alle gekommen und hätten den armen Robinson selbst umgebracht

F r i t z c h e n. Und aufgefressen dazu! 

 V a t e r. Jetzt seid ihr auf dem rechten Flecke: zu seiner eigenen Sicherheit mußte er es tun; ganz recht! Aber ist man denn berechtigt, einen anderen umzubringen, um sein eigenes Leben zu retten?

A l l e. O ja!

V a t e r. Warum?

J o h a n n e s. Weil Gott will, daß wir unser Leben erhalten sollen, so lange wir nur können. Wenn also einer u n s umbringen will, so muß es ja wohl recht sein, i h n erst umzubringen, damit er es müsse bleiben lassen.

V a t e r. Allerdings, liebe Kinder, ist eine solche N o t w e h r nach menschlichen und göttlichen Gesetzen recht; aber wohl gemerkt, nur in dem einzigen Fall, wenn ganz und gar kein anderes Mittel zu unserer eigenen Rettung übrig ist. Haben wir hingegen Gelegenheit, entweder zu entfliehen oder von anderen beschützt zu werden oder unseren Verfolger außerstand zu setzen, uns zu schaden, so ist ein Angriff auf sein Leben ein Totschlag und wird auch von der Obrigkeit als solcher bestraft.

Vergeßt nicht, liebe Kinder, Gott zu danken, daß wir in einem Lande leben, in welchem die Obrigkeit so gute Veranstaltungen zu unserer Sicherheit getroffen hat, daß unter hunderttausend Menschen höchst selten auch nur ein einziger in die traurige Notwendigkeit geraten kann, von dem Rechte der Notwehr Gebrauch zu machen.

Anmerkung: Die erste Ausgabe dieser klassischen Jugendschrift von Joachim Heinrich Campe erschien 1780. Im Jahre 1847 gab es die 40. Auflage mit Zeichnungen von Prof. Ludwig Richter, Dresden, 1896 die 118. in festlichem Gewand anläßlich des 150. Geburtstages des edlen Pädagogen und Jugendschriftstellers.

Vgl. folgende Nachricht vom 4.9.1997: Der Oberstaatsanwalt von Neapel, Agostino Cordova, sagte: "Der Staat hat seinen Kampf gegen das organisierte Verbrechen in Neapel verloren. Der Staat ist nicht mehr in der Lage, die Bürger vor der Gewaltspirale zu schützen." (Dolomiten, Bozen)

 

Index 9 - - - - Retour ETIKA Start