ETIKA

VÖLKERKUNDE - RECHT

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31.3.2001

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Strafe für Ehebrecherinnen bei den Kallawaya

Bolivien

Das Urteil des Kondors – Der Fels des Todes

Strenge Justiz der Kallawaya-Indianer mit Ehebrecherinnen

 

Bei den Indianervölkern im heutigen Bolivien, früher Hoch-Peru, steht die eheliche Treue seit ewigen Zeiten hoch im Kurs. Mit allen Mitteln wurde sie verteidigt.

 

Die Strenge mancher Bräuche überschreitet selbst die uns bekannten biblischen Strafgerichte, ja wird den einen oder anderen mit Schrecken und Entsetzen zu erfüllen. Besonders jene, die selbst große Schuld auf sich geladen haben, werden innerlich beben.

 

Nachfolgend die kurze Beschreibung einer Tradition im Volk der Kallawaya (Callawaya), die im Andenhochland des nördlichen Boliviens leben. Wir haben die Kallawaya besucht, ohne von dem Dorf Curva zu wissen, das in der Kordillere von Callizani über einem uralten Aymara-Gehöft erbaut ist. Ein Bekannter sandte uns später Material über dieses Andenvolk; ein Teil stammt von Abel Retamoso.

 

Wenn ein Kallawaya-Paar heiratet, dann begibt sich der Mann bald auf eine lange, vielleicht Jahre dauernde  Reise. Die Frau muß ihm unter allen Umständen treu bleiben und darf ihr Hemd nicht wechseln und nicht waschen. Tut sie es trotzdem, verletzt sie ein Tabu und muß sich einer Art Gottesurteil unterwerfen. Dasselbe ist der Fall, wenn sie ein Kind während der Abwesenheit des Gatten bekommt und sie sich eventuell damit rechtfertigt, sie sei Opfer von Gewalt geworden. Auch wenn der Mann krank wird, denkt man zunächst einmal daran, er sei betrogen worden.

 

Der Dorfälteste von Curva, genannt „watapurichi“,  befragt den Gott Akamani, und dieser empfiehlt ihm, den Kondor („mallcus“) zu Rate zu ziehen. Die Frau wird oben entblößt und auf einen Berg geführt, der dem Gebirge Akamani gegenüberliegt.  Sie wird dort an einen Pfahl festgebunden. Wenn sie schuldig ist, riecht sie angeblich nach Aas und lockt die Kondore herbei. Ist sie unschuldig, kommen diese Riesenvögel nicht und sie wird freigelassen. Der Dorfälteste nimmt Beschwörungen vor und schlürft  einen Opfertrank aus Kokablättern, um die Vögel zum Gehorsam zu veranlassen.

Haben der oder die Kondore die  Frau schuld gesprochen, steht ihr Urteil fest. Es lautet auf „freiwilligen Selbstmord“. Die ganze Dorfgemeinschaft hat an der Vollstreckung mitzuwirken.

 

Tag und Nacht erschallt nun eine Melodie  „Alma y lazo“ (Seele und Band, eventuell Liebesband oder Schlinge oder Schleife oder Band oder Lasso oder Falle, wir wissen nicht, wie das Wort „lazo“ am besten übersetzt werden kann). Ein melancholisches Lied, das an einem bestimmten Festtag das tragische Geschehen auslöst.

 

Alle versammeln sich an einem bestimmten Platz namens Khachuana unweit der Felsklippen Lamatta, Khopoico und Luripi. Die Erwachsenen betrinken sich mit Branntwein und alle tanzen zu den melancholischen Klängen einer Musikkapelle. Diese intoniert  immer das gleiche Lied: eine Klage der Seelen, und man kommt sich vor wie auf einer Beerdigung. In dem Lied werden die genannten Felsen erwähnt, aber auch als Alternative ein tödliches Gift „solimán“.

 

Lamattapi sonqoy alma y lazo – In Lamatta ist mein Herz, Seele und Band
solimampi sonqoy alma y lazo – In Solimán ist mein Herz, Seele und Band
Khopoqobi sonqoy alma y lazo – In Khopoico ist mein Herz, Seele und Band
Luripimi sonqoy alma y lazo – In Luripi ist mein Herz, Seele und Band
Luquicamanpi sonqoy alma y lazo – In Luquicamán ist mein Herz, Seele und Band
juchacuj warmicuna alma y lazo – Die schuldigen Frauen, Seele und Band
qaqaman phawaichis alma y lazo – müssen zur Schlucht laufen, Seele und Band

Die Töne und Worte hämmern der Frau unablässig ein: Du hast dich gegen das Gesetz deines Volkes und deiner Götter vergangen, deine Stunden sind gezählt, dein Ende naht. Worauf wartest du noch? Warum läufst du nicht in die Schlucht und tötest dich?

 

Endlos lange wird das Lied gespielt und gesungen, und dann ist es soweit.

 

Die Frau, die von allen anderen ununterbrochen an ihr todeswürdiges Vergehen des Ehebruchs erinnert wird, hält den Psychoterror nicht mehr aus, der Alkohol benebelt sie, ihr Kopf zerspringt, sie geht zur Brücke des Todes, hinter sich die Verwünschungen der Alten, welche die Ordnung aufrechterhalten wollen. Ihre Verzweiflung ist grenzenlos, sie glaubt, ihr Dasein nicht mehr ertragen zu können, spricht ein letztes Gebet:

 

Ripuchcani tatacuna,  ñami chincaicuchcani, manaña astawan ricuwanquichischu wiñaipaj wiñainimpajmi chincaicupuchcani.

 

Dann stürzt sich das arme Wesen vom Felsen, der „Pular“ oder auch „Karcha“ genannt wird, mit einem Schrei in den Abgrund, bringt nach Ansicht der Kallawaya das notwendige „Reinigungsopfer“, verliert sich im Dunkel, schlägt auf in den tosenden Wassern oder zerschellt an den Steinen.

 

Ein über alle Maßen erschütterndes Drama. Viele werden sich entrüsten. Doch sind die Millionen grausamer Schicksale, die seelischen Foltern, die jetzt in diesem Moment ungezählte von Männern gepeinigte Frauen und Kinder erleiden, etwa weniger schlimm? Und wie viele Menschen hauchen in dieser Stunde, oft unter Qualen, ein elendes Leben aus nach erlittener tiefster Armut oder Schande!

 

Uns Christen kann die geschilderte Tradition an das kommende Jüngste Gericht mahnen. Wie wird es uns ergehen? Wird es da weniger Spannung geben, wenn wir an die Reihe kommen? Mit unseren offenen und den heimlichen Sünden?

 

Bemühen wir uns alle, nach den Gesetzen Gottes zu leben, dann brauchen wir Sein Gericht nicht zu fürchten.

 

Wenn wir dies aber nicht tun, weiterhin sündigen und Gottes Liebe und Gnade so offenkundig verschmähen, wird uns Seine Gerechtigkeit den Engeln der Strafe überantworten, und uns wird es viele Tausende Male schlimmer  ergehen als jenen Frauen der Kallawaya, die zwar mit dem Sturz ihrer Körpers in die Tiefe ihr irdisches Leben ausgehaucht haben,  die aber – was wir nicht wissen können, denn wir können nicht in ihr Inneres blicken – vielleicht durch Gottes Barmherzigkeit zum ewigen Leben auferweckt wurden oder werden, in dem es keine Schuld und kein Leid mehr gibt.

 

Herr, erbarme Dich unser!

Herr, erbarme Dich der reuigen Sünder und Sünderinnen damals und heute, dort und hier!

Herr, erbarme Dich der Kallawaya und aller Indianer!

 

Wer sich ausführlich informieren will und Spanisch kann, dem seien folgende Bücher empfohlen:

„La Piedra Mágica“  (Der magische Stein)

„Cultura Callawaya“ (Callawaya-Kultur) von Dr. Enrique Oblitas Poblete.

Bezug über:

Producciones CIMA, Casilla 10066

La Paz, Bolivia.

Diese Firma gibt auch ein bunt bebildertes Informationsblatt mit der Bezeichnung Lamina Educativa H-181 heraus; Titel: Cultura Callawaya (Ley y castigo – Justicia de los Condores). Leider ist eine halbnackte Frau abgebildet.

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