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2.7.2002

94FM12

"Unterdrückung der Brüder"

Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer

Ernst und Falk - Gespräche für Freimäurer (1778 - 1780)
Erstes Gespräch

ERNST. Nicht genug, daß sich die Freimäurer einer den andern unterstützen, auf das kräftigste unterstützen: denn das wäre nur die notwendige Eigenschaft einer jeden Bande. Was tun sie nicht für das gesamte Publikum eines jeden Staates, dessen Glieder sie sind!

Viertes Gespräch

FALK. Das Geheimnis der Freimäurerei, wie ich dir schon gesagt habe, ist das, was der Freimäurer nicht über seine Lippen bringen kann, wenn es auch möglich wäre, daß er es wollte.

...

FALK. Ich bin zu langer Zeit außer aller Verbindung mit Logen, von welcher Art sie auch sein mögen - In die Loge vor itzt, auf eine Zeit, nicht können zugelassen werden, und von der Freimäurerei ausgeschlossen sein, sind doch zwei verschiedene Dinge.

ERNST. Wieso?

FALK. Weil Loge sich zur Freimäurerei verhält, wie Kirche zum Glauben. Aus dem äußeren Wohlstand der Kirche ist für den Glauben der Glieder nichts, gar nichts, zu schließen. Vielmehr gibt es einen gewissen, äußerlichen Wohlstand derselben, von dem es ein Wunder wäre, wenn er mit dem wahren Glauben bestehen könnte. Auch haben sich beide noch nie vertragen, sondern eins hat das andere, wie die Geschichte lehrt, immer zugrunde gerichtet. Und so auch, fürchte ich, fürchte ich -

ERNST. Was?

FALK. Kurz! Das Logenwesen, so wie ich höre, daß es itzt getrieben wird, will mir gar nicht zu Kopfe. Eine Kasse haben; Kapitale machen; diese Kapitale belegen; sie auf den besten Pfennig zu benutzen suchen; sich ankaufen wollen; von Königen und Fürsten sich Privilegien geben lassen; das Ansehn und die Gewalt derselben zu Unterdrückung der Brüder anwenden, die einer andern Observanz sind, als der, die man so gern zum Wesen der Sache machen möchte - Wenn das in die Länge gut geht! - Wie gern will ich falsch prophezeiet haben!

ERNST. Je nun! Was kann denn werden? Der Staat fährt itzt nicht mehr so zu. Und zudem sind ja wohl unter den Personen, die seine Gesetze machen, oder handhaben, selbst schon zu viel Freimäurer -

...

FALK. Vielleicht soll dieses eben der Weg sein, den die Vorsicht ausersehen, dem ganzen itzigen Schema der Freimäurerei ein Ende zu machen?

...

FALK. Meinst du denn, daß das, was die Freimäurerei ist, immer Freimäurerei geheißen?

Fünftes Gespräch

ERNST. Verstand ich dich, oder verstand ich dich nicht, als wir unterbrochen wurden? Widersprachst du dir, oder widersprachst du dir nicht? - Denn allerdings, als du mir einmal sagtest: Die Freimäurerei sei immer gewesen, verstand ich es also, daß nicht allein ihr Wesen, sondern auch ihre gegenwärtige Verfassung sich von undenklichen Zeiten herschreibe.

FALK. Wenn es mit beiden einerlei Bewandtnis hätte! - Ihrem Wesen nach ist die Freimäurerei ebenso alt, als die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen. - Wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprößling der Freimäurerei ist. Denn die Flamme im Brennpunkte ist auch Ausfluß der Sonne.

...

FALK. Es war immer das sicherste Kennzeichen einer gesunden, nervösen Staatsverfassung, wenn sie die Freimäurerei neben sich blühen ließ; sowie es noch itzt das ohnfehlbare Merkmal eines schwachen, furchtsamen Staats ist, wenn er das nicht öffentlich dulden will, was er in geheim doch dulden muß, er mag wollen oder nicht.

ERNST. Zu verstehen: Die Freimäurerei!

FALK. Sicherlich! - Denn die beruht im Grunde nicht auf äußerlichen Verbindungen, die so leicht in bürgerliche Anordnungen ausarten; sondern auf dem gemeinschaftlichen Gefühl sympathisierender Geister.

ERNST. Und wer unterfängt sich dem zu gebieten?

FALK. Indes hat freilich die Freimäurerei immer und aller Orten sich nach der bürgerlichen Gesellschaft schmiegen und biegen müssen, denn diese war stets die stärkere. So mancherlei die bürgerliche Gesellschaft gewesen, so mancherlei Formen hat auch die Freimäurerei anzunehmen, sich nicht entbrechen können, und hatte jede neue Form, wie natürlich, ihren neuen Namen. Wie kannst du glauben, daß der Name Freimaurer älter sein werde, als diejenige herrschende Denkungsart der Staaten, nach der sie genau abgewogen werden?

ERNST. Und welches ist diese herrschende Denkungsart?

FALK. Das bleibt deiner eigenen Nachforschung überlassen - Genug, wenn ich dir sage, daß der Name Freimäurer, ein Glied unserer geheimen Verbindung anzuzeigen, vor dem Anfange dieses laufenden Jahrhunderts nie gehört worden. Er kömmt zuverlässig vor dieser Zeit in keinem gedruckten Buche vor, und den will ich sehen, der mir ihn auch nur in einer geschriebenen älteren Urkunde zeigen will.

ERNST. Das heißt: den deutschen Namen.

FALK. Nein, nein! Auch das ursprüngliche Free-Mason, sowie alle danach gemodelte Übersetzungen, in welcher Sprache es auch sein mag.

ERNST. Nicht doch! Besinne dich - In keinem gedruckten Buche vor dem Anfang des laufenden Jahrhunderts? In keinem?

FALK. In keinem.

ERNST. Gleichwohl habe ich selbst -

FALK. So? - Ist dir auch von dem Staube etwas in die Augen geflogen, den man um sich zu werfen noch nicht aufhört?

ERNST. Aber doch die Stelle in -

FALK. In der Londinopolis? Nicht wahr? - staub!

ERNST. Und die Parlamentsakte unter Heinrich dem Sechsten?

FALK. Staub!

ERNST. Und die großen Privilegia, die Karl der Elfte, König von Schweden, der Loge von Gotenburg erteilte?

FALK. Staub!

ERNST. Und Locke?

FALK. Was für ein Locke?

ERNST. Der Philosoph - Sein Schreiben an den Grafen von Pembroke; seine Anmerkungen über ein Verhör, von Heinrich des Sechsten eigener Hand geschrieben?

...

FALK. Wie die Freimäurerei geheißen, ehe sie Freimäurerei hieß, fragst du? - Masonei -

ERNST. Nun ja freilich! Masonry auf Englisch -

FALK. Auf Englisch nicht Masonry, sondern Masony. - Nicht von Mason, der Maurer, sondern von Mase, der Tisch, die Tafel.

ERNST. Mase, der Tisch? In welcher Sprache?

FALK. In der Sprache der Angelsachsen, doch nicht in dieser allein, sondern auch in der Sprache der Goten und Franken, folglich ein ursprünglich deutsches Wort, von welchem noch itzt so mancherlei Abstammungen üblich sind, oder doch ohnlängst üblich waren, als: Maskopie, Masleidig, Masgenosse. Selbst Masonei war zu Luthers Zeiten noch häufig im Gebrauche; nur daß es seine gute Bedeutung ein wenig verschlimmert hatte.

ERNST. Ich weiß weder von seiner guten, noch von seiner verschlimmerten Bedeutung.

FALK. Aber die Sitte unsrer Vorfahren weißt du doch, auch die wichtigsten Dinge am Tische zu überlegen? - Mase also der Tisch, und Masonei eine geschlossene, vertraute Tischgesellschaft.

...

FALK. Die Masonei also war eine deutsche Sitte, welche die Sachsen nach England verpflanzten. Die Gelehrten sind uneinig, wer die Mase-Thanes unter ihnen waren. Es waren allem Ansehen nach die Edlen der Masonei, welche so tiefe Wurzeln in diesem neuen Boden schlug, daß sie unter allen nachfolgenden Staatsveränderungen beiblieb, und sich von Zeit zu Zeit in der herrlichsten Blüte zeigte. Besonders waren die Masoneien der *** im zwölften Jahrhundert und im dreizehnten in sehr großem Rufe. Und so eine *** Masonei war es, die sich, bis zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, trotz der Aufhebung des Ordens, mitten in London erhalten hatte - Und hier fängt die Zeit an, wo die Fingerzeige der niedergeschriebenen Historie freilich ermangeln; aber eine sorgfältig aufbewahrte Tradition, die so viel innere Merkmale der Wahrheit hat, ist bereit, diesen Mangel zu ersetzen.

...

FALK. Jene *** Masonei also, die noch zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts in London bestand, aber in aller Stille bestand, hatte ihr Versammlungshaus ohnfern der Sankt Pauls-Kirche, die damals neu erbauet ward. Der Baumeister dieser zweiten Kirche der ganzen Welt war -

ERNST. Christopher Wren -

FALK. Und du hast den Schöpfer dieser ganzen heutigen Freimäurerei genannt -

ERNST. Ihn?

FALK. Kurz! Wren, der Baumeister der St. Pauls-Kirche, in deren Nähe sich eine uralte Masonei, von undenklichen Jahren her, versammelte, war ein Mitglied dieser Masonei, welche er die dreißig Jahre über, die der Bau dauerte, um so öfter besuchte.

ERNST. Ich fange an, ein Mißverständnis zu wittern.

FALK. Nichts anders! Die wahre Bedeutung des Worts Masonei war bei dem englischen Volke vergessen, verloren - Eine Masony, die in der Nähe eines so wichtigen Baues lag, in der sich der Meister dieses Baues so fleißig finden ließ, was kann die anders sein, als eine Masonry, als eine Gesellschaft von Bauverständgen, mit welchen Wren die vorfallenden Schwierigkeiten überlegt? -

ERNST. Natürlich genug!

FALK. Die Fortsetzung eines solchen Baues einer solchen Kirche interessierte ganz London. Um Nachrichten davon aus der ersten Hand zu haben, bewarb sich jeder, der einige Kenntnisse von Baukunst zu haben vermeinte, um Zutritt zu der vermeinten Masonry - und bewarb sich vergebens. Endlich - du kennst Christoph Wren nicht bloß dem Namen nach, du weißt welch ein erfindsamer, tätiger Kopf er war. Er hatte ehedem den Plan zu einer Sozietät der Wissenschaften entwerfen helfen, welche spekulativische Wahrheiten gemeinnütziger und dem bürgerlichen Leben ersprießlicher machen sollte. Auf einmal fiel ihm das Gegenbild einer Gesellschaft bei, welche sich von der Praxis des bürgerlichen Lebens zur Spekulation erhöbe. "Dort", dachte er, "würde untersucht, was unter dem Wahren brauchbar; und hier, was unter dem Brauchbaren wahr wäre. Wie, wenn ich einige Grundsätze der Masonei exoterisch machte? Wie, wenn ich das, was sich nicht exoterisch machen läßt, unter die Hieroglyphen und Symbole desjenigen Handwerks versteckte, was man itzt unter dem Worte Masony so hartnäckig zu finden glaubt? Wie, wenn ich die Masony zu einer Free-Masonry erweiterte, an welcher mehrere teilnehmen könnten? - So dachte Wren, und die Freimäurerei ward - Ernst! Wie ist dir?

ERNST. Wie einem Geblendeten.

FALK. Geht dir nun einiges Licht auf?

ERNST. Einiges? Zuviel auf einmal.

FALK. Begreifst du nun -

ERNST. Ich bitte dich Freund, nichts mehr! - Aber hast du nicht bald Verrichtungen in der Stadt?

FALK. Wünschest du mich da?

ERNST. Wünsche? - nachdem du mir versprochen -

FALK. So hab ich der Verrichtungen daselbst genug - Noch einmal! ich werde mich über manches aus dem Gedächtsnisse zu schwankend, zu unbefriedigend ausgedrückt haben - Unter meinen Büchern sollst du sehen und greifen - Die Sonne geht unter, du mußt in die Stadt. Lebe wohl! -

ERNST. Eine andre ging mir auf. Lebe wohl!


PARALIPOMENA

Papiere zu Ernst und Falk gehörig
Erster Entwurf

I.

Ich weiß von den wahren oder angeblichen Geheimnissen der Freimaurer nichts; ich lasse sie an ihrem Ort gestellt sein; ich will kein Urteil über sie wagen; ich kann keine Verräterei an ihnen begehen. Nur so viel glaube ich: sie sind weder der Weg zur Hölle noch zum Himmel.

... (denn noch einmal, ich habe mit ihren Geheimnissen nichts zu schaffen) ...

II.

Hiermit fallen sonach alle nichtige Vorgeben weg, welche die Entstehung des Ordens von Errichtung irgend eines großen Gebäudes herleiten. Weder die Arche des Noah, noch der Tempel des Salomo, noch der neu zu errichtende Tempel in Jerusalem zu den Zeiten der (Kreuzzüge). ...

III.

Was im Englischen Free Masonry heißt, sollte Massony heißen, und was wir durch Maurerei übersetzt haben, hätten wir durch das alte, aber ebenso deutsche als englische Wort Massonei übersetzen müssen.

Denn Massonei war seit undenklichen Zeiten der Name des ältesten und berühmtesten Ordens, der je auf der Welt gewesen. Ein Zweig dieses Stammes sind die Freimaurer; aber ein aufgepfropfter Zweig, wenn ich so sagen darf. Ihr Orden war ursprünglich eine Massonei, aber eine freiere Massonei; und nur dadurch, daß man in spätern Zeiten die wahre Bedeutung des Wortes Massonei vergessen hatte, daß man Masonry mit Massony verwechselte, hat sich die Maurerei in den Orden eingeschlichen. Die Brüder nämlich machten sich das allgemeine Mißverständnis zunutze, und da man ihre Massony für eine Masonry hielt, so wurden sie bewogen, die ganze Hülle von den Maurern zu entlehnen, welche nachher so oft für die Loge selbst genommen worden. ...

IV.

Aber welcher ist er denn nun, der berühmte Orden, der von undenklichen Zeiten den Namen der Massonei geführte? Ich zweifle, ob wohl meine Leser darauf antworten könnten.

Es ist mit einem Worte, der Orden der runden Tafel; der erste eigentliche Ritterorden in der Welt. Wenn aber der Stifter desselben der keltische König Artur gewesen sein soll; wenn so ein König auch irgend vielleicht in der Welt gewesen; wenn wenigstens seine Taten so voller Fabeln sind, daß sie in der wahren Geschichte kaum einen Platz verdienen: so bleibt doch darum der Orden der runden Tafel, oder der Tafelrunde, außer allem Zweifel.

V.

Das Wort Massonei heißt, seinem Ursprung nach, so viel als Tischgesellschaft, und stammt von einem alten keltischen Worte ab, welches im Angelsächsischen Mase, und im Gotischen Masa heißt, und einen Tisch bedeutet.

Notizen, so sich Lessing auf Zettel geschrieben hatte

Die Freimaurerei hatte schon seit undenklichen Zeiten in Europa, und besonders in den nördlichen Teilen desselben, wo sie entstanden, unter einem andern Namen geblühet, als einige tätige Glieder derselben in England zu Anfange dieses Jahrhunderts den Entschluß faßten, näher an das Licht zu treten, um von ihren wohltätigen Geheimnissen der Welt so viel mitzuteilen, als sie zu fassen vorbereitet genug war.

Massonei

I. In der "Mörin" Hermans von Sachsenheim.

a) S. XXIX, wo der König zu dem Schreiber sagt:
"Gang hin, und bring mir Ritter drei,
Der besten aus der Massonei,
Derselben Radt wöllen wir hon."

b) S. XLI sagt der Ritter: Wenn es auch wäre,

"Daß d(ie) ganz Massonei für mich bet
So förcht ich doch, Brinhilt lig op."

*

Bruder Anderson hat auf Befehl und mit Genehmigung der großen Loge das Konstitutionsbuch herausgegeben 1738. Auch schon 1722, s. p. 194 und 195.

Auch hat sie es als das einzige Buch zum Gebrauch der Logen empfohlen.

*

Die St. Paulskirche ward von Wren 1673 angefangen und 1711 vollendet.


Gotthold Ephraim Lessing (* 1729 Kamenz, + 1781 Wolfenbüttel), Kritiker, Dichter, als erster klassischer deutscher Schriftsteller, Kämpfer für Geistesfreiheit und religiöse Duldsamkeit bezeichnet

Wenn sich nun einer fragt, was soll dieses Thema hier? So geben wir die Antwort: Hier liegt der Schlüssel zu vielen rätselhaften Geschehnissen der Gegenwart und Vergangenheit, um als Beispiel nur die jüngste Staats- und Justizkrise Italiens anzuführen.

Freimaurer: Lessing bedroht, Herder, Goethe
Lessing geht nicht mehr zu Logen-Versammlungen, nachdem er mit dem Tode bedroht worden ist.  Herder nimmt grundsätzlich nicht an „Logen-Arbeiten“ teil. Als Goethe 1781 den Gesellengrad erhält, zweifelt er bereits an der Freimaurerei. Er schreibt an Lavater: „Ich habe Spuren, um nicht zu sagen Nachrichten, von einer großen Masse Lügen, die im Finstern schleicht, von der du noch keine Ahnung zu haben scheinst. Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken miniert... „ (Später will er)  sogar „ein Collegium über das Unwesen der Geheimen Gesellschaften lesen“ lassen. (Pfarrer W. Pietrek, CM-Kurier 7/2002, www.christliche-mitte.de )

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