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"Unterdrückung der Brüder" |
Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer |
Ernst und Falk - Gespräche für
Freimäurer (1778 - 1780)
Erstes Gespräch
ERNST. Nicht genug, daß sich die
Freimäurer einer den andern unterstützen, auf das kräftigste unterstützen: denn
das wäre nur die notwendige Eigenschaft einer jeden Bande. Was tun sie nicht
für das gesamte Publikum eines jeden Staates, dessen Glieder sie sind!
Viertes Gespräch
FALK. Das Geheimnis der Freimäurerei, wie ich dir schon gesagt
habe, ist das, was der Freimäurer nicht über seine Lippen bringen kann,
wenn es auch möglich wäre, daß er es wollte.
...
FALK. Ich bin zu langer Zeit außer aller Verbindung mit Logen, von
welcher Art sie auch sein mögen - In die Loge vor itzt, auf eine Zeit,
nicht können zugelassen werden, und von der Freimäurerei ausgeschlossen sein,
sind doch zwei verschiedene Dinge.
ERNST. Wieso?
FALK. Weil Loge sich zur Freimäurerei verhält, wie Kirche zum
Glauben. Aus dem äußeren Wohlstand der Kirche ist für den Glauben der Glieder
nichts, gar nichts, zu schließen. Vielmehr gibt es einen gewissen, äußerlichen
Wohlstand derselben, von dem es ein Wunder wäre, wenn er mit dem wahren Glauben
bestehen könnte. Auch haben sich beide noch nie vertragen, sondern eins hat das
andere, wie die Geschichte lehrt, immer zugrunde gerichtet. Und so auch,
fürchte ich, fürchte ich -
ERNST. Was?
FALK. Kurz! Das Logenwesen, so wie ich höre, daß es itzt
getrieben wird, will mir gar nicht zu Kopfe. Eine Kasse haben; Kapitale
machen; diese Kapitale belegen; sie auf den besten Pfennig zu benutzen suchen;
sich ankaufen wollen; von Königen und Fürsten sich Privilegien geben lassen;
das Ansehn und die Gewalt derselben zu Unterdrückung der Brüder anwenden, die
einer andern Observanz sind, als der, die man so gern zum Wesen der Sache
machen möchte - Wenn das in die Länge gut geht! - Wie gern will ich falsch
prophezeiet haben!
ERNST. Je nun! Was kann denn werden? Der
Staat fährt itzt nicht mehr so zu. Und zudem sind ja wohl unter den Personen,
die seine Gesetze machen, oder handhaben, selbst schon zu viel Freimäurer -
...
FALK. Vielleicht soll dieses eben der Weg sein, den die Vorsicht
ausersehen, dem ganzen itzigen Schema der Freimäurerei ein Ende zu machen?
...
FALK. Meinst du denn, daß das, was die Freimäurerei ist, immer
Freimäurerei geheißen?
Fünftes Gespräch
ERNST. Verstand ich dich, oder verstand
ich dich nicht, als wir unterbrochen wurden? Widersprachst du dir, oder
widersprachst du dir nicht? - Denn allerdings, als du mir einmal sagtest: Die
Freimäurerei sei immer gewesen, verstand ich es also, daß nicht allein ihr
Wesen, sondern auch ihre gegenwärtige Verfassung sich von undenklichen Zeiten
herschreibe.
FALK. Wenn es mit beiden einerlei Bewandtnis hätte! - Ihrem Wesen
nach ist die Freimäurerei ebenso alt, als die bürgerliche Gesellschaft. Beide
konnten nicht anders als miteinander entstehen. - Wenn nicht gar die
bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprößling der Freimäurerei ist. Denn die
Flamme im Brennpunkte ist auch Ausfluß der Sonne.
...
FALK. Es war immer das sicherste Kennzeichen einer gesunden,
nervösen Staatsverfassung, wenn sie die Freimäurerei neben sich blühen ließ;
sowie es noch itzt das ohnfehlbare Merkmal eines schwachen, furchtsamen Staats
ist, wenn er das nicht öffentlich dulden will, was er in geheim doch dulden
muß, er mag wollen oder nicht.
ERNST. Zu verstehen: Die Freimäurerei!
FALK. Sicherlich! - Denn die beruht im Grunde nicht auf äußerlichen
Verbindungen, die so leicht in bürgerliche Anordnungen ausarten;
sondern auf dem gemeinschaftlichen Gefühl sympathisierender Geister.
ERNST. Und wer unterfängt sich dem zu
gebieten?
FALK. Indes hat freilich die Freimäurerei immer und aller Orten
sich nach der bürgerlichen Gesellschaft schmiegen und biegen müssen, denn diese
war stets die stärkere. So mancherlei die bürgerliche Gesellschaft gewesen, so
mancherlei Formen hat auch die Freimäurerei anzunehmen, sich nicht entbrechen
können, und hatte jede neue Form, wie natürlich, ihren neuen Namen. Wie kannst
du glauben, daß der Name Freimaurer älter sein werde, als diejenige herrschende
Denkungsart der Staaten, nach der sie genau abgewogen werden?
ERNST. Und welches ist diese herrschende
Denkungsart?
FALK. Das bleibt deiner eigenen Nachforschung überlassen - Genug,
wenn ich dir sage, daß der Name Freimäurer, ein Glied unserer geheimen
Verbindung anzuzeigen, vor dem Anfange dieses laufenden Jahrhunderts nie gehört
worden. Er kömmt zuverlässig vor dieser Zeit in keinem gedruckten Buche vor,
und den will ich sehen, der mir ihn auch nur in einer geschriebenen älteren
Urkunde zeigen will.
ERNST. Das heißt: den deutschen Namen.
FALK. Nein, nein! Auch das ursprüngliche Free-Mason, sowie
alle danach gemodelte Übersetzungen, in welcher Sprache es auch sein mag.
ERNST. Nicht doch! Besinne dich - In
keinem gedruckten Buche vor dem Anfang des laufenden Jahrhunderts? In keinem?
FALK. In keinem.
ERNST. Gleichwohl habe ich selbst -
FALK. So? - Ist dir auch von dem Staube etwas in die Augen
geflogen, den man um sich zu werfen noch nicht aufhört?
ERNST. Aber doch die Stelle in -
FALK. In der Londinopolis? Nicht wahr? - staub!
ERNST. Und die Parlamentsakte unter
Heinrich dem Sechsten?
FALK. Staub!
ERNST. Und die großen Privilegia, die
Karl der Elfte, König von Schweden, der Loge von Gotenburg erteilte?
FALK. Staub!
ERNST. Und Locke?
FALK. Was für ein Locke?
ERNST. Der Philosoph - Sein Schreiben an
den Grafen von Pembroke; seine Anmerkungen über ein Verhör, von Heinrich des
Sechsten eigener Hand geschrieben?
...
FALK. Wie die Freimäurerei geheißen, ehe sie Freimäurerei hieß,
fragst du? - Masonei -
ERNST. Nun ja freilich! Masonry auf
Englisch -
FALK. Auf Englisch nicht Masonry, sondern Masony. - Nicht von
Mason, der Maurer, sondern von Mase, der Tisch, die Tafel.
ERNST. Mase, der Tisch? In welcher
Sprache?
FALK. In der Sprache der Angelsachsen, doch nicht in dieser
allein, sondern auch in der Sprache der Goten und Franken, folglich ein
ursprünglich deutsches Wort, von welchem noch itzt so mancherlei Abstammungen
üblich sind, oder doch ohnlängst üblich waren, als: Maskopie, Masleidig, Masgenosse.
Selbst Masonei war zu Luthers Zeiten noch häufig im Gebrauche; nur daß es seine
gute Bedeutung ein wenig verschlimmert hatte.
ERNST. Ich weiß weder von seiner guten,
noch von seiner verschlimmerten Bedeutung.
FALK. Aber die Sitte unsrer Vorfahren weißt du doch, auch die
wichtigsten Dinge am Tische zu überlegen? - Mase also der Tisch, und Masonei
eine geschlossene, vertraute Tischgesellschaft.
...
FALK. Die Masonei also war eine deutsche Sitte, welche die Sachsen
nach England verpflanzten. Die Gelehrten sind uneinig, wer die Mase-Thanes
unter ihnen waren. Es waren allem Ansehen nach die Edlen der Masonei, welche so
tiefe Wurzeln in diesem neuen Boden schlug, daß sie unter allen nachfolgenden
Staatsveränderungen beiblieb, und sich von Zeit zu Zeit in der herrlichsten
Blüte zeigte. Besonders waren die Masoneien der *** im zwölften Jahrhundert und
im dreizehnten in sehr großem Rufe. Und so eine *** Masonei war es, die sich,
bis zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, trotz der Aufhebung des Ordens,
mitten in London erhalten hatte - Und hier fängt die Zeit an, wo die
Fingerzeige der niedergeschriebenen Historie freilich ermangeln; aber eine
sorgfältig aufbewahrte Tradition, die so viel innere Merkmale der Wahrheit hat,
ist bereit, diesen Mangel zu ersetzen.
...
FALK. Jene *** Masonei also, die noch zu Ausgang des vorigen
Jahrhunderts in London bestand, aber in aller Stille bestand, hatte ihr
Versammlungshaus ohnfern der Sankt Pauls-Kirche, die damals neu erbauet ward.
Der Baumeister dieser zweiten Kirche der ganzen Welt war -
ERNST. Christopher Wren -
FALK. Und du hast den Schöpfer dieser ganzen heutigen Freimäurerei
genannt -
ERNST. Ihn?
FALK. Kurz! Wren, der Baumeister der St. Pauls-Kirche, in deren
Nähe sich eine uralte Masonei, von undenklichen Jahren her, versammelte, war
ein Mitglied dieser Masonei, welche er die dreißig Jahre über, die der Bau
dauerte, um so öfter besuchte.
ERNST. Ich fange an, ein Mißverständnis
zu wittern.
FALK. Nichts anders! Die wahre Bedeutung des Worts Masonei war bei
dem englischen Volke vergessen, verloren - Eine Masony, die in der Nähe
eines so wichtigen Baues lag, in der sich der Meister dieses Baues so fleißig
finden ließ, was kann die anders sein, als eine Masonry, als eine
Gesellschaft von Bauverständgen, mit welchen Wren die vorfallenden
Schwierigkeiten überlegt? -
ERNST. Natürlich genug!
FALK. Die Fortsetzung eines solchen Baues einer solchen Kirche
interessierte ganz London. Um Nachrichten davon aus der ersten Hand zu haben,
bewarb sich jeder, der einige Kenntnisse von Baukunst zu haben vermeinte, um
Zutritt zu der vermeinten Masonry - und bewarb sich vergebens. Endlich - du
kennst Christoph Wren nicht bloß dem Namen nach, du weißt welch ein
erfindsamer, tätiger Kopf er war. Er hatte ehedem den Plan zu einer Sozietät
der Wissenschaften entwerfen helfen, welche spekulativische Wahrheiten gemeinnütziger
und dem bürgerlichen Leben ersprießlicher machen sollte. Auf einmal fiel
ihm das Gegenbild einer Gesellschaft bei, welche sich von der Praxis des
bürgerlichen Lebens zur Spekulation erhöbe. "Dort", dachte er,
"würde untersucht, was unter dem Wahren brauchbar; und hier, was unter dem
Brauchbaren wahr wäre. Wie, wenn ich einige Grundsätze der Masonei exoterisch
machte? Wie, wenn ich das, was sich nicht exoterisch machen läßt, unter die
Hieroglyphen und Symbole desjenigen Handwerks versteckte, was man itzt unter
dem Worte Masony so hartnäckig zu finden glaubt? Wie, wenn ich die Masony zu
einer Free-Masonry erweiterte, an welcher mehrere teilnehmen könnten? - So
dachte Wren, und die Freimäurerei ward - Ernst! Wie ist dir?
ERNST. Wie einem Geblendeten.
FALK. Geht dir nun einiges Licht auf?
ERNST. Einiges? Zuviel auf einmal.
FALK. Begreifst du nun -
ERNST. Ich bitte dich Freund, nichts
mehr! - Aber hast du nicht bald Verrichtungen in der Stadt?
FALK. Wünschest du mich da?
ERNST. Wünsche? - nachdem du mir
versprochen -
FALK. So hab ich der Verrichtungen daselbst genug - Noch einmal!
ich werde mich über manches aus dem Gedächtsnisse zu schwankend, zu
unbefriedigend ausgedrückt haben - Unter meinen Büchern sollst du sehen und
greifen - Die Sonne geht unter, du mußt in die Stadt. Lebe wohl! -
ERNST. Eine andre ging mir auf. Lebe
wohl!
PARALIPOMENA
Papiere zu Ernst und
Falk gehörig
Erster Entwurf
I.
Ich weiß von den wahren oder angeblichen Geheimnissen der
Freimaurer nichts; ich lasse sie an ihrem Ort gestellt sein; ich will kein
Urteil über sie wagen; ich kann keine Verräterei an ihnen begehen. Nur so viel
glaube ich: sie sind weder der Weg zur Hölle noch zum Himmel.
... (denn noch einmal, ich habe mit ihren Geheimnissen nichts zu
schaffen) ...
II.
Hiermit fallen sonach alle nichtige Vorgeben weg, welche die
Entstehung des Ordens von Errichtung irgend eines großen Gebäudes herleiten.
Weder die Arche des Noah, noch der Tempel des Salomo, noch der neu zu
errichtende Tempel in Jerusalem zu den Zeiten der (Kreuzzüge). ...
III.
Was im Englischen Free Masonry heißt, sollte Massony
heißen, und was wir durch Maurerei übersetzt haben, hätten wir durch das alte,
aber ebenso deutsche als englische Wort Massonei übersetzen müssen.
Denn Massonei war seit undenklichen Zeiten der Name des
ältesten und berühmtesten Ordens, der je auf der Welt gewesen. Ein Zweig dieses
Stammes sind die Freimaurer; aber ein aufgepfropfter Zweig, wenn ich so sagen
darf. Ihr Orden war ursprünglich eine Massonei, aber eine freiere Massonei; und
nur dadurch, daß man in spätern Zeiten die wahre Bedeutung des Wortes Massonei
vergessen hatte, daß man Masonry mit Massony verwechselte, hat
sich die Maurerei in den Orden eingeschlichen. Die Brüder nämlich machten sich
das allgemeine Mißverständnis zunutze, und da man ihre Massony für eine Masonry
hielt, so wurden sie bewogen, die ganze Hülle von den Maurern zu entlehnen,
welche nachher so oft für die Loge selbst genommen worden. ...
IV.
Aber welcher ist er denn nun, der berühmte Orden, der von
undenklichen Zeiten den Namen der Massonei geführte? Ich zweifle, ob wohl meine
Leser darauf antworten könnten.
Es ist mit einem Worte, der Orden der runden Tafel; der
erste eigentliche Ritterorden in der Welt. Wenn aber der Stifter desselben der
keltische König Artur gewesen sein soll; wenn so ein König auch irgend
vielleicht in der Welt gewesen; wenn wenigstens seine Taten so voller Fabeln
sind, daß sie in der wahren Geschichte kaum einen Platz verdienen: so bleibt
doch darum der Orden der runden Tafel, oder der Tafelrunde, außer allem
Zweifel.
V.
Das Wort Massonei heißt, seinem Ursprung nach, so viel als
Tischgesellschaft, und stammt von einem alten keltischen Worte ab, welches im
Angelsächsischen Mase, und im Gotischen Masa heißt, und einen Tisch
bedeutet.
Notizen, so sich Lessing auf Zettel
geschrieben hatte
Die Freimaurerei hatte schon seit undenklichen Zeiten in Europa,
und besonders in den nördlichen Teilen desselben, wo sie entstanden, unter
einem andern Namen geblühet, als einige tätige Glieder derselben in England zu
Anfange dieses Jahrhunderts den Entschluß faßten, näher an das Licht zu treten,
um von ihren wohltätigen Geheimnissen der Welt so viel mitzuteilen, als sie zu
fassen vorbereitet genug war.
Massonei
I. In der "Mörin" Hermans von Sachsenheim.
a) S. XXIX, wo der König zu dem Schreiber sagt:
"Gang hin, und bring mir Ritter drei,
Der besten aus der Massonei,
Derselben Radt wöllen wir hon."
b) S. XLI sagt der Ritter: Wenn es auch wäre,
"Daß d(ie) ganz Massonei für mich bet
So förcht ich doch, Brinhilt lig op."
*
Bruder Anderson hat auf Befehl und mit Genehmigung der großen Loge
das Konstitutionsbuch herausgegeben 1738. Auch schon 1722, s. p. 194 und 195.
Auch hat sie es als das einzige Buch zum Gebrauch der Logen
empfohlen.
*
Die St. Paulskirche ward von Wren 1673 angefangen und 1711
vollendet.
Gotthold Ephraim Lessing (* 1729 Kamenz, + 1781 Wolfenbüttel),
Kritiker, Dichter, als erster klassischer deutscher Schriftsteller, Kämpfer für
Geistesfreiheit und religiöse Duldsamkeit bezeichnet
Wenn sich nun einer fragt, was soll dieses Thema hier? So geben
wir die Antwort: Hier liegt der Schlüssel zu vielen rätselhaften Geschehnissen
der Gegenwart und Vergangenheit, um als Beispiel nur die jüngste Staats- und
Justizkrise Italiens anzuführen.
Freimaurer:
Lessing bedroht, Herder, Goethe
Lessing geht nicht mehr zu Logen-Versammlungen, nachdem er mit dem Tode
bedroht worden ist. Herder nimmt
grundsätzlich nicht an „Logen-Arbeiten“ teil. Als Goethe 1781 den Gesellengrad
erhält, zweifelt er bereits an der Freimaurerei. Er schreibt an Lavater: „Ich
habe Spuren, um nicht zu sagen Nachrichten, von einer großen Masse Lügen, die
im Finstern schleicht, von der du noch keine Ahnung zu haben scheinst. Glaube
mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen,
Kellern und Kloaken miniert... „ (Später will er) sogar „ein Collegium über das Unwesen der Geheimen Gesellschaften
lesen“ lassen. (Pfarrer W. Pietrek, CM-Kurier 7/2002, www.christliche-mitte.de )