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9.8.1997

98B3
R3

Warum läßt Gott ein solches Unglück zu?

J. H. Campe: Robinson der Jüngere, Friedr. Vieweg & Sohn Braunschweig 1896, S.23 - 27

 

 Die ungeheure Welle erreichte das Boot; das Boot schlug um, und - alle versanken im wütenden Meere.

G o t t l i e b. Ist denn Robinson nun wirklich tot, lieber Vater?

V a t e r. Wir haben ihn gestern in der augenscheinlichsten Lebensgefahr verlassen. Er versank, als das Boot umschlug, mit allen seinen Gefährten im Meere. - Aber ebendieselbe gewaltige Welle, die ihn verschlungen hatte, riß ihn mit sich fort und schleuderte ihn gegen den Strand. Er wurde so heftig auf ein Felsstück geworfen, daß der Schmerz ihn aus dem Todesschlummer, worin er schon versunken war, wieder erweckte. Er schlug die Augen auf, und da er sich unvermutet auf dem Trockenen sah, so wandte er seine letzten Kräfte an, um den Strand vollends hinaufzuklimmen. 

Es gelang ihm; und nun sank er kraftlos hin und blieb eine ziemliche Zeitlang ohne Bewußtsein liegen.

Als endlich seine Augen sich wieder öffneten, richtete er sich auf und schaute umher. Gott, welch ein Anblick! Von dem Schiffe, von dem Boote, von seinen Gefährten war nichts, gar nichts mehr zu sehen, als einige losgerissene Bretter, die von den Meereswogen nach dem Strand hingetrieben wurden. Nur er, nur er allein war dem Tode entgangen.

Vor Freude und Schrecken zitternd, warf er sich auf die Knie, hob seine Hände gen Himmel und dankte mit lauter Stimme und unter einem Strome von Tränen dem Herrn des Himmels und der Erde, der ihn so wunderbar errettet hatte.

J o h a n n e s. Aber warum mochte Gott auch wohl gerade Robinson allein erretten, da er die anderen Leute alle ertrinken ließ?

V a t e r. Lieber Johannes, bist du wohl immer imstande, jedesmal die Ursache einzusehen, warum wir Erwachsenen, die wir, wie du weißt, euch herzlich lieben, dieses oder jenes mit euch vornehmen?

J o h a n n e s. Nein!

V a t e r. Zum Beispiel: neulich, als ein so schöner Tag war und wir alle gern eine Lustreise nach den Vierlanden gemacht hätten, was tat ich da?

J o h a n n e s. Ja, da mußte der arme Nikolas zu Hause bleiben, und wir anderen mußten nach Wandsbeck und nicht nach den Vierlanden gehen.

V a t e r. Und warum war ich denn so hart gegen den armen Nikolas, daß ich ihn nicht mitlassen wollte?

N i k o l a s. Ach! Ich weiß wohl noch! Da kam bald unser Bromlei und holte mich ab zu meinen Eltern, die ich lange nicht gesehen hatte.

V a t e r. Und machte dir das nicht mehr Freude, als eine Lustreise nach den Vierlanden?

N i k o l a s. O viel, viel mehr!

V a t e r. Ich wußte vorher, daß Bromlei kommen würde, und deswegen gebot ich dir, zu Hause zu bleiben. - Und du, Johannes, wen trafst du in Wandsbeck an?

J o h a n n e s. Meinen lieben Vater und meine liebe Mutter, die auch da waren.

V a t e r. Auch davon hatte ich Nachricht, und deswegen wollte ich, daß ihr damals nach Wandsbeck und nicht nach den Vierlanden wandern solltet. Meine Anordnung wollte euch allen gar nicht zu Kopfe, denn ihr wußtet meine Ursachen nicht. Aber warum sagte ich euch diese nicht?

J o h a n n e s. Um uns eine unerwartete Freude zu machen, wenn wir unsere Eltern zu sehen kriegten, ohne daß wir es vorher gewußt hatten.

V a t e r. Ganz recht! - Nun, Kinder, meint ihr nicht, daß der große liebe Gott seine Kinder, die Menschen, alle ebenso lieb hat, wie wir euch haben?

G o t t l i e b. O, wohl noch viel lieber!

V a t e r . Und wißt ihr nicht schon längst, daß Gott alle Dinge viel besser versteht, als wir armen kurzsichtigen Menschen, die wir so selten wissen, was uns eigentlich gut ist.

J o h a n n e s . Ja, das glaube ich! Gott ist ja auch allwissend und weiß alles, was künftig ist; das wissen wir ja nicht.

V a t e r. Da also Gott alle seine Menschen so väterlich liebt, und da er zugleich so weise ist, daß er allein weiß, was uns gut ist, sollte er denn wohl nicht auch immer alles aufs beste mit uns machen?

G o t t l i e b. O ja, ganz gewiß!

V a t e r. Aber können wir wohl immer die Ursachen einsehen, warum Gott dieses oder jenes so und nicht anders mit uns macht?

J o h a n n e s. Da müßten wir ja auch ebenso allwissend und so allweise sein, wie er!

V a t e r. Nun, lieber Johannes, hast du jetzt Lust, deine vorige Frage noch einmal zu tun?

J o h a n n e s. Welche?

V a t e r. Die, warum Gott Robinson allein gerettet und die anderen alle habe ertrinken lassen?

J o h a n n e s. Nein!

V a t e r. Warum nicht?

J o h a n n e s. Weil ich jetzt einsehe, daß es eine unverständige Frage war.

V a t e r. Warum eine unverständige?

J o h a n n e s. Ja, weil Gott am besten weiß, warum er etwas tut, und weil wir das nicht wissen können!

V a t e r. Der liebe Gott hatte also unstreitig seine weisen und gütigen Ursachen, warum er die ganze Schiffsgesellschaft umkommen und nur den Robinson allein am Leben ließ; aber wir können diese Ursachen nicht begreifen. V e r m u t e n können wir wohl so etwas; aber wir müssen uns nie einbilden, daß wir es vollkommen getroffen haben.

Gott konnte z. B. voraussehen,daß den Leuten,die er ertrinken ließ, ein längeres Leben mehr schädlich, als nützlich sein würde, daß sie in große Not geraten, oder gar, daß sie lasterhaft werden würden; deswegen nahm er sie von der Erde weg und führte ihre unsterblichen Seelen an einen Ort, wo sie es viel besser haben sollten als hier. Robinson ließ er vermutlich deswegen noch am Leben, damit er durch Trübsale erst gebessert würde. Denn da er ein gütiger Vater ist, so sucht er die Menschen auch durch Leiden zu bessern, wenn sie durch Güte und Nachsicht sich nicht wollen bessern lassen.

Merkt euch dies, meine guten Kinder, und denkt daran zurück, wenn in eurem künftigen Leben euch auch einmal etwas begegnen sollte, wovon ihr nicht werdet begreifen können, warum euer guter himmlischer Vater es so über euch verhängt habe! Dann denkt immer bei euch selbst: Gott weiß noch besser als ich, was mir gut ist; ich will also gern tragen, was er mir zuschickt! Gewiß schickt er mir es deswegen zu, daß ich noch besser werden soll, als ich bin; das will ich denn auch tun, so wird Gott es mir gewiß auch wieder wohlgehen lassen.

D i e t r i c h. Dachte Robinson jetzt auch so?

V a t e r. Ja; jetzt, da er aus so großer Lebensgefahr errettet war, und da er sich nun von allen Menschen verlassen sah, jetzt fühlte er im Innersten seines Herzens, wie unrecht er gehandelt hatte; jetzt bat er auf seinen Knien Gott um Vergebung seiner Sünden; jetzt nahm er sich fest vor, sich von ganzem Herzen zu bessern und nie wieder etwas zu tun, wovon er wisse, daß es nicht recht sei.

 ZUSAMMENFASSUNG (S. 47):

L o t t e: Nun ist er doch ein viel besserer Robinson, als er vorher war!

V a t e r: Das wußte der liebe Gott wohl vorher, daß er sich bessern würde, wennīs ihm unglücklich ginge, und eben deswegen schickte er ihm diese Leiden zu. So macht der gütige himmlische Vater es immer mit uns. Nicht aus Zorn, sondern aus Liebe läßt erīs uns zuweilen übel gehen, weil er weiß, daß wir sonst nicht gut werden würden.
(Joachim Heinrich Campe, Pädagoge und Jugendschriftsteller, geb. am 29.6.1746)

 

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