ETIKA

GEDICHTE

http://www.etika.com
2.1.1999

98LP501

Die feurige Hand

Südtiroler Sage

 

Im Wirtshaus zu Söll bei Tramin
Bedient jetzt die schöne Kathrin.
Ein Mädel, blitzsauber und keck
Mit dem Herzen am richtigen Fleck.

Drum gehn auch die Burschen gern hin
Ins Wirtshaus zu Söll bei Tramin,
Sie tanzen dort jegliche Nacht,
Daß der wacklige Fußboden kracht.

Auf einmal erkrankt die Kathrin,
Und der Sensenmann rafft sie dahin.
Auf den Friedhof trägt man sie hinaus,
Dort ruht sie vom Tanzen jetzt aus.

Im Fasching hernach auf ein Jahr,
Es torkelt der Burschen ein Paar
Betrunken nach Söll bei Tramin
Und schreit: Wo ist die Kathrin?

Auf dem Friedhof? Das dulden wir nicht!
Zu tanzen ist heut ihre Pflicht!
Sie laufen zum Friedhof hinaus
Und reißen ihr Grabkreuz heraus.

Da ist sie, da ist sie, da drin!
Im Grabkreuz sitzt die Kathrin!
Sie springen herum wie verrückt,
Vom Tanzen Kathrinens entzückt.

So geht´s eine Weile wie toll,
Des Weines und der Brünstigkeit voll.
Die Hölle ist schauernd gediehn,
Im Wirtshaus zu Söll bei Tramin.

Auf einmal, durchs Fenster gesandt,
Erscheint eine feurige Hand.
Sie beutelt die zwei, daß sie schrein,
Und rafft sie in Flammen dahin.

Zwei Häuflein von Asche noch stehn,
Zum Himmel um Gnade sie flehn.
Kein Tänzer je wieder erschien
Im Wirtshaus zu Söll bei Tramin.

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